Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Hund und Herrchen sind wie Mutter und Kind

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„Wir alle müssen mit schrecklichen Geschichten fertig werden“, sagt Carol Connelly alias Helen Hunt in der Filmkömodie „Besser geht’s nicht“. „Das stimmt nicht, manche haben hübsche Geschichten, tolle Geschichten. Sie handeln von Seen, Booten und Freunden und Nudelsalat. Nur leider keiner von uns“, erwidert Melvin Udall und holt Carol unliebsam auf den Boden der Tatsachen zurück.  Der Zwangsneurotiker, grandios gespielt von Jack Nicholson, ist eine sehr unverträgliche Person, wohlwollende Worte findet er selten. Doch besonders in unangenehmen Situationen hilft es umso mehr, wenn einem ein Freund gut zuspricht. Ein wohlwollender Freund kann das Blatt in Konfliktphasen wenden, während ein garstiger Gesprächspartner alles noch verschlimmert. Anschließend ist man entweder enger vertraut oder distanzierter denn je.

© picture-allianceZugegeben, diesen kleinen Kerlen traut niemand etwas Schlimmes zu.

Aber was ist, wenn ein solch wohlwollender Freund grundsätzlich fehlt? Manchmal ist dann der beste Freund ein Hund. Wie die WDR-Dokumentation „Wenn der Hund stirbt – Wie Menschen um Tiere trauern“ zeigt: Als der treue Dackel Muck stirbt, bricht für sein Herrchen eine Welt zusammen. Der Wohnraum ist voller Erinnerungsstücke an den Dackel. Muck nimmt im Wohnzimmer mehr Raum ein, als die Enkel des Großvaters. „Die Hunde sind die besseren Menschen. Weil sie offen sind, weil sie ehrlich sind. Weil sie Freud und Leid mit den Menschen teilen, das tut nicht jeder Mensch so.“

Die starke Bande zwischen manchem Hund und seinem Herrchen ist durchaus berechtigt: Denn Hunde imitieren unsere Persönlichkeit, so lautet das Ergebnis einer Forschungsarbeit, die österreichische Wissenschaftler kürzlich veröffentlichten. Bedenkt man, dass Hunde seit mehr als 30.000 Jahren mit uns Menschen leben, ist es verständlich, dass sie auf kleinste Verhaltensänderungen ihrer Bezugsperson reagieren. Dies zeigte sich in ähnlichem Verhalten, während bedrohlicher Situationen, ähnlichem Puls sowie Cortisollevel als Indikator für Stress. Ein ängstliches und niedergeschlagenes Herrchen überträgt seine negativen Gefühle demnach auf den Hund. Auf einmal macht es Sinn, dass ein vom Leben enttäuschter, emotional labiler Hundehalter sein Hündchen zum treusten Freund aus erkürt. Es leidet vermutlich als einziger ununterbrochen mit ihm. Wenn ein depressives Herrchen spricht: „Wir waren gestern so traurig.“ So hat das Herrchen nun wissenschaftlichen Rückhalt, um im Plural zu sprechen. Obwohl ich nicht dazu raten würde, es wirkt wirklich eigentümlich. Nur weil sich der Hund mit seinem Herrchen identifiziert, muss dies nicht automatisch vice versa geschehen. Dieses „wir“ ist bereits komisch, wenn es Pärchen, Mütter oder Väter anwenden. „Wir haben gestern unsere Hausaufgaben gemacht.“ Wenn die Worte fallen, bröckelt ein Stückchen der eigenen Identität. So etwas sollte niemand leichtfertig aufs Spiel setzen. Da ist mir der Hundehalter „Typus Jäger“ am liebsten. Er sieht sich eher als Erzieher und feste Bezugsperson, setzt Grenzen, innerhalb derer, der Hund Hund sein darf, inklusive hündischem Verhalten.

© picture-allianceHappy dog! Die Rechnung geht auf, wenn man selbst nicht ganz freudlos durch’s Leben zieht.

Übrigens wer die Persönlichkeit für den „Jäger“ mitbringt, gewissenhaft, gesellig und verträglich, hat gute Chancen von seinem Hund in Stresssituationen aufgefangen zu werden. Denn der souveräne Jäger hält sich eher entspannte und freundliche Hunde, die im Gegenzug, ihrem vom Alltagsstress gepeinigtem Herrchen helfen, schnell wieder zur Ruhe zu kommen. Wie sagte einmal ein Freund und Hundebesitzer zu mir: „Wenn ich spät abends nach Hause komme, ist es das Schönste, wenn mein Hund schwanzwedelnd und freudig auf mich zuläuft. Er stellt nichts in Frage, er beschwert sich nicht, er schenkt mir bedingungslose Liebe.“ Wenn jemand den ganzen Tag auf Dich wartet ohne dabei seine gute Laune zu verlieren, ist das wahrlich die entspannteste Partnerschaft, die ich mir vorstellen kann. Diese Beziehung, in der der Hund auf das Zurückkehren des Herrchens vertraut, nennen Psychologen eine sichere und stabile Bindung. Ähnlich der Mutter-Kind-Bindung ist die Persönlichkeit des erzieherischen Parts entscheidend, damit solch eine starke, vertrauensvolle Bindung entsteht. Viele Studien zeigen, dass kindlicher Stress sowohl durch Unterstützung als auch durch Konflikte einer engen Bezugsperson reguliert wird. Unterstützung kann nicht jedes Herrchen liefern. Je nach Persönlichkeit besitzen diese gewisse oder fehlende Fähigkeiten ihrem Zögling Geborgenheit zu schenken, folglich kann das Tier mehr oder weniger gut mit Stress umgehen. Wer vom Typ her gewissenhaft, verträglich und extrovertiert ist, schafft es besser als diejenigen, die in diesen Eigenschaften weniger punkten. Wer eher neurotisch veranlagt ist, hat ohnehin wenig Vertrauen unterstützt zu werden und agiert eher ängstlich. Das überträgt sich anscheinend auf Hund, wie Kind. Hatte mein Opa recht damit zu sagen, dass immer der Halter schuld ist am hündischen Fehlverhalten?

Mir bestätigen die Ergebnisse, was ich schon immer dachte: „Traue keinem Hund über den Weg, denn du weißt nicht, wie sein Herrchen tickt.“ So sehr ich manch einsamem Zeitgenossen den treuen Begleiter gönne, so sehr geht mir diese unberechenbare Beziehungskiste gegen den Strich. Wenn der Halter gewisse Verhaltensauffälligkeiten mitbringt, nehme ich künftig erst recht Reißaus. Das dürfte dann zwanghaft aggressive, in höchstem Maße unverträgliche Zeitgenossen betreffen, die sich gerne Verstärkung holen, um ihre Labilität zu überspielen. In Freiburg dürfte ich zu meiner Studienzeit mehrfach ein wandelndes Klischee beobachten.

© picture-allianceLieb oder böse? Eine Analyse vom Herrchen oder Frauchen könnte helfen.

Während ich im Café meinen Kaffee schlürfte, bahnte sich ein kompaktes Herrchen-Hunde-Gespann seinen gewohnten Weg mitten durch die Sitzgelegenheiten, um möglichst vielen entspannten Gesichtern ein kurzes, vielleicht sogar ängstliches Zucken zu entlocken. Das unter Strom stehende, aufgepumpte, finster dreinschauende, menschliche Muskelpaket wirkte mit seiner massig gedrungenen Kampfmaschinen-Bulldogge doppelt und dreifach lächerlich furchteinflößend. Seine Unausgeglichenheit übertrug sich auf das Tier, welches im Pirschgang so stark an der Leine zog, dass diese stets unter Hochspannung stand. Nichts war locker an den beiden, die Dogge zog, der Prolet hielt gegen.

Die Beziehung des Herrchens zur Außenwelt findet sich folglich in der Beziehung zwischen Hund und Herrchen wieder. Die eigenen Gefühle lassen sich demnach sehr wohl auf das Tier projizieren. Wer Stress schlecht bewältigt aufgrund seiner Persönlichkeit, hat simpel gesagt, einen gestressten Köter. Und einem chronisch gestressten Tier möchte ich nicht über den Weg laufen. Mal abgesehen davon, dass Herrchen und Frauchen nicht einmal in jedem Bundesland einen Hundeführerschein bestehen müssen, wenn sie ein Tier halten wollen, stellt sich die Frage, ob dieser überhaupt das gewünschte Ziel verfolgt. Schließlich sollte nicht der Gehorsam des Hundes, sondern die Persönlichkeit des Halters im Vordergrund stehen, weil sie die Schwachstelle darstellt. Bis dato bestätigt der Hundeführerschein lediglich, dass der Halter grundlegendes Wissen über Hunde und ihre Haltung hat. Außerdem wird im Rahmen einer Prüfung getestet, ob das Tier gehorsam ist und sozial verträglich. Immerhin bestehen unkontrollierbar aggressive sowie wenig frustrations- und stresstolerante Hunde diesen praktischen Teil nicht. Es wäre also ein kleiner Schritt in die richtige Richtung, einen Hundeführerschein bundesweit einzuführen, inklusive Persönlichkeitstest für Herrchen oder Frauchen.

Künftig, wenn ich durch den Wald jogge, achte ich vielleicht mehr auf die Körpersprache des Herrchens als auf die des Hundes und schlage, wenn nötig, eine andere Richtung ein. Denn im Gegensatz zur zwischenmenschlichen Beziehung scheint der Hund der Persönlichkeit seines Herrchens restlos ausgeliefert.

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4 Lesermeinungen

  1. Reife Gedanken in Ihrem Beitrag.
    Im Blog bei Herrn Braunberger dagegen noch die Reifestufe…
    Wolf (Jäger) reißt Schafe (Kinder)…Mensch-Geld…oder Prolet…
    na ja, Sie wissen schon:=)
    Und ganz oben dann der Blog mit der „ewigen Chance“, oder…
    wann endlich mache ich…Jäger, Wolf, Hund, Schaf, Mutter, Kind…
    mich auf den Weg die Chance der Selbsterkenntnis und Einsicht zu nutzen…zum Zweck der Selbstbegreifung? Denn es sind und bleiben
    immer die gleichen Energiearten für alles…Intelligenzen, Emotionen…
    und natürlich die möglichen Synthesen….Reife, Vernunft….Bildung
    derselben…aus dieser Sichtweise beklagen und begeistern…
    schmerzen und heilen…therapieren wir uns auf allen Ebenen…
    auch Blog…mit dem selben Energiethema…Thematik…
    wie geht humanes Maß…und oft hat der Nachbar(blog/Wissenschaft) die Lösung
    für mein Problem…meine Chance…
    manchmal…oft…meistens…braucht der Mensch…ich…nur den Kopf zu drehen…um meine
    (Sein-)Lösung zu sehen…:=)

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  4. Wie der Herr so's Gscherr...
    …da ist was Wahres dran. Die Schwachstelle ist immer der Halter des Tieres..bravo.

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