Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Warum wir Stadttauben nicht lieben können

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Ein zartes Gurren ertönt von draußen. Ekel und Wut kochen in meiner Freundin hoch. Auf dem Sims vor dem kleinen Hinterhof-Fenster im vierten Stock ruckelt eine Stadttaube ihr Hinterteil auf einem frisch gelegten Ei zurecht. Meine Freundin verliert die Nerven.

Das noch unfertige Täubchen wird leider nie das Licht der Welt erblicken. Nächtliches Gurren plagt meine Freundin seit Kurzem bis zur Schlaflosigkeit. Die Gewissheit, dass sich vor der dünnen Glasscheibe eine kleine Taube im Ei entwickelt, treibt ihr kalten Schweiß auf die Haut. Sie schreitet zur Tat. Mit „spitzen Fingern“ greift sie sich einen Besenstiel. Energisch dreht sie den Fenstergriff nach links und öffnet behutsam das Tor zur Taubenhöhle. Geschickt bahnt sie sich mit dem Stiel den Weg in Richtung Taubenei und stupst es aus dem Nest. Mutter Taube bekommt davon nichts mit, sie verdingt sich kurzweilig andernorts. Ihr Vogelgeschrei wird später groß sein. Meine Freundin hingegen hat ihr Ziel erreicht. Das rohe Spiegelei glänzt glitschig auf dem Asphalt.

Die gemeine Stadttaube hat es richtig schwer, von uns Menschen geliebt zu werden. Während ich das Netz durchschweife, finde ich allerhand Gehässigkeiten:

„So’n Leben als Stadttaube vermittelt einem irgendwie den falschen Eindruck, dass man ohne Job und Geld immer etwas zu essen finden könnte.“

„Eine einsame Stadttaube hat versehentlich einen Schwarm eiliger Brieftauben gekreuzt. Nun fühlt sie sich nutzlos und unorganisiert.“

„Wenn man die jetzt füttert, nerven sie nicht, weil sie dann nicht zwischen den Menschen rumrennen müssen.“

Nicht einmal das Füttern scheint ein Akt der Nächstenliebe zu sein. Sonderlich aufregend ist es sicherlich nicht. Als ausgewildertes Haustier sind  Tauben, ohne dass wir einen Finger krumm machen müssten, sogleich zur Stelle. Gierig und bedürftig lassen sie, anders als im Tierpark oder gar in der freien Wildbahn, keinen Spannungsbogen zu. Dass wir unsere Essensreste loswerden würden, war absehbar. Füttern macht also keinen Spaß.

© H. SchirmacherÄtzend läuft der Kot nach unten. Hoch oben thronen die Täter.

Erst recht nicht, wenn wir die Folgen sehen. Kürzlich ist ein Review Artikel australischer Wissenschaftler in der Fachzeitschrift „European Journal of Ecology“ erschienen, der jegliche Forschung zu Taubenkot zusammenfasst. Dies ist tatsächlich nicht nebensächlich, schließlich schädigt der Taubenkot Fassaden und Denkmäler. Außerdem tummeln sich in der feuchten Masse haufenweise Bakterien und Pilze. Es lauern verschiedene Erreger wie Chlamydien, darunter Chlamydia psittaci, auch Ornithose genannt. Sie verursacht eine grippeartige Erkrankung bei Menschen. Außerdem das Bakterium Chlamydia abortus. Es löst einen Abort des Fötus bei Säugetieren, inklusive des Menschen, aus. Auch der Fungus Cryptococcus neoformans, der die Lungen von Menschen befällt und bei immunschwachen Patienten sogar eine Meningitis oder Encephalitis auslösen kann, steckt im Kot. Und obendrein gibt es natürlich noch Salmonellen.

Die Zusammenfassung der Wissenschaftler zeigt folgendes: Es verhält sich leider so, dass die Größe der Vogelscheiße und deren chemische Zusammensetzung stark von der Vogeldiät abhängt. Ernährt sich die Taube schlecht, ist ihr Kot besonders ätzend. Je saurer der Kot, sprich je niedriger der pH-Wert, desto stärker der Schaden. Der pH-Wert kann um zwei Einheiten fallen, wenn die Stadttaube nur noch Brot und Kuchen futtert. Hinzu kommt, dass sich Cryptococcus neoformans, der leidliche Lungenpilz, im sauren Milieu wohler fühlt.

Während die wilde Felsentaube ein reiner Samenfresser ist, ist die domestizierte und anschließend ausgewilderte Stadttaube ein Allesfresser. Im Klartext heißt das: Je mehr labbriges Burgerbrot der Mensch konsumiert, desto miserabler ernährt sich die Taube. Somit sind wir Menschen mit unserer allzu bequemen Sorglosigkeit selbst daran schuld, dass der Kot immer saurer und damit schädigender wird.

© H. SchirmacherRiskanter Aufenthaltsort: Irgendwann trifft es jeden.
© H. SchirmacherFrisch geklekst: Der nächste feuchte Haufen lässt sicherlich nicht lange auf sich warten.

Laut dem Schweizer Biologen Daniel Haag-Wackernagel, der an der Universität Basel lehrt, geben Tauben alle halbe Stunde einen Kothaufen ab, unabhängig davon, wo sie sind. Wie wunderlich, dass es mich noch nie getroffen hat. Trotz der bisherigen Glückssträhne halte ich die Luft an, wenn die Ampel unter der Bahnbrücke der S-Bahnstation Galluswarte in Frankfurt rot aufleuchtet. Ein paar Meter über meinem Kopf hocken Tauben.

© H. SchirmacherAugen zu und durch!

Der Asphalt unter meinen Schuhen ist deswegen der verschissenste Untergrund, den ich je gesehen hab. Erst auf der anderen Straßenseite angekommen, fühle ich mich sicher.

Obwohl der Vogel mittlerweile derartig selbstsicher im Umgang mit Menschen, Autos und Fahrrädern ist – den meisten Exemplaren ist die Furcht komplett abhanden gekommen -, passt die Taube nicht ins Stadtbild. Liegt es daran, dass ihr Dasein für die Stadt nicht ästhetisch genug ist? Der New Yorker Forscher Colin Jerolmack beschreibt im Artikel „How pigeons became rats: The cultural-spatial logic of problem animals “, wie der Mensch Räume und deren Lebewesen wahrnimmt. Losgelöst von seiner Umgebung, ist der Vogel mit blaugrauem Federkleid und grünlich-lilafarben schimmerndem grazilem Hals nämlich ein hübsches Tier. Die rötlichen Augen blicken exotisch drein.

Tiere nimmt der Mensch solange als etwas Wunderbares wahr, wenn diese harmonisch im Einklang mit der Natur leben. Sobald das Tier allerdings Räume erobert, die für den Menschen gebaut wurden, erscheint das Tier „out of place“. Jerolmack geht gar so weit zu sagen, dass die Taube die Antithese zur idealen Metropole verkörpert. Das eigentliche Vergehen des Vogels sei nicht die Gesundheitsproblematik, die es auslöst, sondern dass er die Umgebung verschmutzt, die für den Menschen vorgesehen ist.

Im Umkehrschluss bedeutet dies: Wenn wir die Taube wieder lieben wollen, müssen wir ihr einen eigenen Raum schenken. Wie könnte dieser aussehen? Ich habe mich in die tropische Gartenstadt „Gardens by the Bay“ in Singapur verliebt. Landschaftsarchitekten haben an den Ufern einer künstlichen Bucht, mitten im Zentrum der Stadt, unter Bankentürmen und Hotels, eine Parklandschaft geschaffen, die wie die Welt der Avatar anmutet. Leuchtende Supertrees erinnern an die biolumineszierende Weide im bildgewaltigen Kinofilm von James Cameron. Warum gönnen wir der Stadttaube nicht einige künstliche Felsformationen an stadtnahen Baggerseen mit Johannisbeerbüschen? Im Baggersee könnte auch ein neuer Fressfeind der Taube lauern. In der BBC-Dokumentation „Planet Earth II“ zeigt David Attenborough nämlich, wie Welse in der südfranzösischen Stadt Albi badende Stadttauben verschlingen. Hoffentlich brauchen die Tiere sehr lange, bis sie gelernt haben, den Fisch auszutricksen.

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17 Lesermeinungen

  1. Wir?
    Welch ein sinnfreier und komplett überflüssiger Artikel gegen eine Tierart, die unter Menschen wie der oben genannten Freundin schon genug zu leiden hat. Schade, dass sich dieser Beitrag in die sonst so seriöse FAZ verirrt hat. „Wir“ können Tauben also nicht lieben? Ich verbitte mir, in dieses „Wir“ miteinbezogen zu werden.

  2. Taubenpaar
    Nur um es mal gesagt zu haben: ich freue mich, dass unter meinem Dach zwei Taube ihre drei Jungen großziehen. Die Jungen saßen im Frühjahr auf dem Sims vom Küchenfenster und ich konnte mitverfolgen, wie sie wuchsen, wie sie nach und nach ihr Erstgefieder verloren (da sehen Vögel ziemlich zerrupft aus)…

    Ich finde das knuffig und natürlich gehört die Stadt (wie die ganze Gegend) genauso den Tauben und anderen Tieren, wie den Menschen.

    Und: Tauben sind sehr treue und untereinander sehr anhängliche Tiere. Paare bleiben meist ein Leben lang zusammen, sie sind den ganzen Tag über immer wieder zusammen und sehen so aus, als ob sie sich wirklich umeinander kümmern.

    Ich finde das nett und in der sonst so sterilen, leblosen Stadt freut mich deren Gurren und Turteln.

  3. @W.Hennig
    Quidquid agis, prudenter ages et respice finem….
    Σκοπέειν δὲ χρὴ παντὸς χρήματος τὴν τελευτήν, κῇ ἀποβήσεται….
    oder
    Βουλεύου δὲ πρὸ ἔργου, ὅπως μὴ μῶρα πέληται…….
    (Wie auch immer du handelst, handele klug und bedenke die Folgen!)

    Solon – Aesop – gesta romanorum – Sirach –

  4. Kot und Tiere in unseren Städten:
    Also, beim Thema Kot und Tiere in unseren Städten dürfte wohl doch immer noch der Hund weit vorne auf dem unrühmlichen Platz 1 liegen. An der Isar in München sind Schilder aufgestellt, die einen Hund abbilden und darunter steht: „Seit ich Dich kenne, geht’s mir echt beschissen.“ Das sagt doch alles.

  5. @Leo Siebeck
    Vielen Dank…für das „Löchle stopfen in meinem Wissennetz“:=)

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