Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

Was ist wahre Tierliebe?

| 6 Lesermeinungen

© Twitter/PetaSelfie von Schopfaffe Naruto: Ob Mensch oder Tier, selten kommt man gut weg.

Sicherlich wäre der kleine Schopfaffe Naruto ganz reumütig, würde er verstehen, welches Schicksal den englischen Tierfotografen David Slater nach ihrer beider Begegnung ereilte. Als Naruto mitten im sulawesischen Regenwald einfach mal so ein Selfie mit Slaters Kamera schoss, entbrannte sogleich ein erbitterter Rechtsstreit zwischen amerikanischen Tierschützern von Peta und dem Fotografen. Peta zog nämlich im Namen des Affen vor Gericht, um Naruto die Bildrechte zusprechen zu lassen. Doch die Tierschützer scheiterten. Ein Gericht in den Vereinigten Staaten entschied: Tiere können keine Klage einreichen. Schon gar nicht wegen Urheberrechtsverletzung.

Obwohl das Affenbild auf der ganzen Welt eifrig geklickt wurde, hat die Geschichte leider keinen Deut dazu beigetragen, den Fokus auf die vom Aussterben bedrohte Makakenart zu lenken. Peta und deren Gefolgschaft setzen ganz bewusst auf Polarisierung und Angriff. Sie wollen zunächst gängige gesellschaftliche Wertvorstellungen vernichten, um anschließend eine „tiergerechtere“ Welt aufzubauen. Doch wer den Bogen so überspannt, erntet Abneigung. Im Grunde ist das Geschehen um Naruto mit der Wirkung einer reißerischen Boulevardschlagzeile zu vergleichen. Man guckt ganz gerne mal hin, um im Nachhinein eine enorme Distanz zum doch recht skrupellosen Vorgehen des Urhebers zu entwickeln.

Nun liegt die Vermutung also nahe, dass es hier nicht vorrangig um den Einsatz für Tierrechte ging, sondern um Aufmerksamkeit. Je  mehr davon, desto bereitwilliger zahlen Sympathisanten in die Spendenkasse. Aber führt Aufmerksamkeit um jeden Preis zu Sympathie? Nein (!), würde jeder Vernünftige doch lautstark ausrufen. Ich frage mich: Welcher Typus Mensch ist eigentlich motiviert, in die Spendenkasse zu zahlen? Als Kind wollte ich selbst Umweltschützerin werden, fasziniert von Greenpeace-Aktionen zum Schutz der Ozeane. Besonders ihr Kampf für die Wale ist mir positiv in Erinnerung geblieben. Der Wal als Stellvertreter für eine friedliche, dennoch bedrohte Natur. Der Autor Frank Zelko beschreibt es in seinem Buch „Greenpeace. Von der Hippiebewegung zum Ökokonzern“ wunderbar. Durch Greenpeace wurde Umweltschutz aufregend. Noch heute hat die Bewegung den Ruf, die coole unter den Umweltschutzorganisationen zu sein. „Die Aktivisten sprangen in Schlauchboote mit Außenbordern, preschten über das offene Meer und drängten sich zwischen die Harpunen der Walfänger und fliehende Pottwal-Schulen“, beschreibt Zelko eine Situation, die viele seiner Leser sicherlich mit großer Genugtuung wahrgenommen haben.

Über das Theater um Naruto kann jeder Tierfreund allerdings nur den Kopf schütteln. Das Traurige daran ist, die Meerkatzenverwandten Macaca nigra können derweil wirklich Unterstützung gebrauchen. Die Weltnaturschutzunion IUCN hat die Schopfaffen auf die Rote Liste gefährdeter Arten gesetzt. Ihr delikates Fleisch und die Tatsache, dass sie Felder der Menschen plündern, werden ihnen neben dem Verlust ihres Lebensraums durch Regenwaldrodung in ihrer Heimat in Indonesien zum Verhängnis.

Mitleid empfinde ich nach dieser gerichtlichen Auseinandersetzung weder für Naruto, noch für die Tierschützer. Am Ende berührt mich nur das Schicksal des Wildtierfotografen, der seit dem Trubel um das Selbstportrait ziemlich erschöpft sein muss. Dem Vernehmen nach arbeitet er mittlerweile ausgebrannt als Tennislehrer. Die Gründerin von Peta, Ingrid Newkirk, sagte zwar einmal: „Wir verlangen von niemandem, dass er unsere Vorgehensweise gutheißt. Es stört uns nicht, wenn wir verdammt werden – solange jemand freundlich ist zu Tieren. Es geht nie um Peta, es geht nur um die Tiere. […]“ Aber das Gericht urteilte im Fall von Naruto offenbar anders: Peta habe nicht nachweisen können, dass die Organisation eine „signifikante Beziehung“ zu Naruto pflege. Es liege zudem nahe, dass Peta die eigenen Interessen vor die Narutos gestellt und den Affen als „ahnungslose Marionette“ benutzt habe. Darüber hinaus entschied das Gericht, dass Peta die Anwaltskosten des Tierfotografen zahlen muss.

Wertschätzung für Tiere wächst und gedeiht mit der Hilfe feinfühliger Vorbilder, bockige Rechthaberei richtet naturgemäß weniger aus. Bernhard Grzimek, der als Direktor des Frankfurter Zoos, Tierfilmer und Naturschützer weltbekannt wurde, vermochte sogar die ganze Bevölkerung eines Landes, nämlich Tansania, dahingehend umzustimmen, dass für die Menschen dort bedrohliche und vor allem mit ihnen im Wettbewerb um Nahrung stehende Tiere in der Serengeti dennoch schützenswert sind. Um das zu erreichen, hat  er stets mit den Menschen gearbeitet,  nicht gegen sie. Selbst dem Wohl einer haarigen Spinne in den eigenen vier Wänden kann man zugetan sein, es bedarf lediglich eines Vorbilds, einer Bezugsperson, die einem in jungen Jahren zeigt, wie man das zarte Wesen behutsam mit Glas und Zeitungspapier einfängt, um es dann vor das Fenster zu setzen. Unterm Strich erscheint es somit deutlich effektiver, Mensch und Tier zusammen zu bringen, anstatt sie voneinander zu entfremden. In Grzimeks Worten: Menschen „die ohne Fühlung mit Tieren und Pflanzen in den Betonschluchten der Städte leben“ muss man für Artenschutz begeistern. Ein guter Lehrer und Erzieher weiß, Begeisterung kommt immer dann zustande, wenn nicht verprellt, sondern das Innerste berührt wird.

Drum bin ich am Ende versucht, eine verborgene Begründung für dieses affige Verhalten zu finden. Peta-Aktivistin Newkirk selbst erklärte es einmal, allerdings im Kontext artgerechter Haltung: Wenn ein Mensch etwas propagiert, sich aber nicht daran hält, liegen diesem fehlgeleiteten Verhalten Aggressionen und Geldgier zugrunde. Immerhin, der Fotograf Slater zog eine zynische Lehre aus dem Trubel: „Ich wünschte, ich hätte die verdammten Fotos nie gemacht.“


6 Lesermeinungen

  1. Was ist wahre Tierliebe?
    So geht es oft mit einer Unterhaltung: Nach einer Weile vergeblicher Auseinandersetzung merkt man, dass man gar nicht von derselben Sache gesprochen hat.
    André Gide

    Wa(h)re Tier-„Lie““be“…“Lüge““sein“…(h)=age (engl.)?
    Wa(age)r(atio)e(nergies)?
    Kein Geistgleichgewicht = keine Liebe?
    Liebe = Gleichgewicht = Vernunft = Ratio…GeneRATIOnen-Weg?
    (h)=y…Wa(y)-r(atio)e(nergies)?
    (h)=age=y?
    Way Balance Ratio Energies…Liebe=“LOVE“=“EVOL“ution…TIER-Weg?
    TIER…TIRE = REIFEN…über das Tier (Affen?) zum „selbstbegreifenden“
    Menschen REIFEN?
    Selfie…Selfgrip…Bildkrieg…Bildungskrieg…Affe-Mensch…“W-Affen“
    „Selbstbeg(egnungs)reifung“….(Nat)Ur-Ahn und Ahn…Ahnungen?

    Es gib Wort und „Ant“wort…Liebe und Gegenliebe…
    („Nat“)urheberrechte?

    ???

    Die selben Naturkräfte, die uns ermöglichen, zu den Sternen zu fliegen, versetzen uns auch in die Lage, unseren Stern zu vernichten.
    Wernher von Braun

    „Nat“urkraft Vernunftbildungsweg…Evolution…NAT…/AN

  2. Peta, die Organisation, die jährlich tausende Hunde tötet ...
    … und das auch noch einen Akt der Gnade nennt. Ausgerechnet diese Organisation schreibt sich Tierschutz auf die Fahnen?

  3. Danke für diesen Artikel!
    Hab weder die ursprüngliche Diskussion noch das Ergebnis danach mitbekommen, finde es aber klasse wie Sie diesen Sachverhalt zusammengefasst und mit weiteren interessanten Informationen ausgeschmückt haben.
    Zu Ihrer Frage welcher Typus spendet: Bei mir war es nie eine frage der finanziellen Situation, habe ich doch auch schon als Schüler/Student gespendet, als viel mehr eine persönliche Identifikation mit der Sache. Bei Umweltorganisationen fehlt mir meist das Feedback, ob und wie das Geld ankommt. Auch sorgen aggressive Organisationen wie Peta bei mir eher für eine ablehnende Haltung der eigentlich guten Sache wegen. Für mich ist das System von „Share the Meal“ ideal, sehe ich dort den ungefähren Bedarf, weiß was von meinem Geld ankommt, und sehe sofort wie weit die Unterstützung bereits ist. Werbung, Aufforderungen oder ein Appell an meine Gefühle sorgen ebenfalls eher für Unmut. Denn spenden will ich von mir aus, nicht zum profilieren oder für’s Gewissen…

  4. Geldgier
    Danke für den Text, der den ganzen Diskurs noch einmal auf den Punkt bringt: „Wenn ein Mensch etwas propagiert, sich aber nicht daran hält, liegen diesem fehlgeleiteten Verhalten Aggressionen und Geldgier zugrunde.“
    Das Wort Mensch lässt sich hier trefflich durch „Geschäftsmodell“ ersetzen. Das Geschäftsmodell von Peta ist mir besonders zuwider. Es spielt mit einer aggressiven Emotionalisierung, die vor allem der Währung des 21. Jahrhundert dient: Aufmerksamkeit. Frank Schirrmacher hat dies in dieser Zeitung mehr als einmal beschrieben. So ist die sogenannte Tierliebe von Peta zum Selbstzweck verkommen. Es geht in erster Linie um Geld. Und das sprudelt durch Skandalisierung. Dem Fotografen ist das leider auch vorzuwerfen. Ich gestehe ihm aber hier eine gewisse Naivität zu.
    Generell rate ich bei einem zu schrillen Auftreten von Hilfsorganisationen wachsam zu sein. Die Professionalisierung des Fundraisings hat leider viel kaputt gemacht. Die Guten sind meist die Stillen.

  5. So gehen die wirklichen Themen in Nebenkriegsschauplätzen unter
    Ja, zugegeben: die Methoden der NGOs sind nicht immer und für jeden nachvollziehbar und in jedermanns Sinne. Ziel aller NGOs ist ein i.d.R. eher nobles Ziel zu verfolgen, denn Korruption, Egoismus, Raffgier, Rücksichtslosigkeit oder einfach Dummheit sind ja in der Wirtschaft und der Politik reichlich vertreten. Für dieses Ziel müssen sich NGOs tlw. auch etwas offensiver verhalten, sonst gehen diese Themen in der marktschreierischen Welt des Konsums unter. Ich meine, da muss man auch etwas andere Maßstäbe anlegen. Ohne gleiche alles völlig kritiklos hinzunehmen, natürlich. Aber solche Artikel wie der von Frau Schirmacher schaden letztlich genau so der Sache, wie sie es bzgl. Peta ankreidet. Ich verfolge die Artikelserie von Frau Schirmacher und frage mich schon länger, wieso eigentlich eine Person die Möglichkeit bekommt, Ihre Weltsicht so prominent hinauszuposaunen. Tiere und Natur brauchen Anwälte, die für sie einstehen, weil ihre Position immer schwächer wird.

  6. Dem ist kaum etwas hinzuzufügen
    Wenn der angebliche Anwalt der Tiere eher eine Gelddruckmaschine ist, die sich parasitär am (vermeintlichen) Leid der Kreatur bereichert, dann hat das nichts mit dem Aufdecken von Missständen zu tun.
    Es gilt auch z.B. Kein Recht im Unrecht, sonst führen wir den Rechtsstaat ad absurdum. Ja, manchmal muss man pushen, aber was ist die Alternative? Jeder nimmt sein vermeintliches Recht selbst in die Hand, weil er denkt er sei im Recht? Solche Organisationen haben kein Interesse Tierliebe zu verbessern, da sie sich dann ihr Geschäftsstelle zerstören.
    Wo hat z.B. PETA jemals etwas verbessert, ne Kröte über die Straße getragen, ein Biotop angelegt oder sonstige Tiere gerettet? Im Gegenteil, in USA euthanasieren sie Tiere, die sie im Tierheim nicht umgehend zu Geld machen können.

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