Der Platz für Tiere

Der Platz für Tiere

Denn wir haben sie zum Fressen gern. Henrike Schirmacher schreibt über possierliche Tierchen und die Welt ringsherum.

22. Nov. 2016
von Henrike Schirmacher
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Über ein einst garstiges Wesen…

An einem verregneten Samstag finden sich rund 30 Amphibienfreunde aus dem hessischen Umland im Frankfurter Stadtwald ein. Gemeinsam mit den Exkursionsleitern Michael Morsch und Michael Homeier von der Arbeitsgemeinschaft Amphibien- und Reptilienschutz in Hessen (Agar) gehen wir auf die Suche nach dem wohl bekanntesten aller Schwanzlurche, dem Feuersalamander. Morsch, stellvertretender Vorsitzender des Vereins und erfahrener Terrarienkundler, erklärt: „Das gelbe Farbmuster ist einzigartig wie der menschliche Fingerabdruck.“ Erfahrene Halter erkennen ihre Tiere. Anhand dieses Erkennungsmerkmals lässt sich beobachten, dass Salamander besonders standorttreu sind – über Jahre hinweg halten sie sich an Ort und Stelle auf. In Deutschland sind lediglich zwei Unterarten heimisch, die gelb gefleckten Salamandra salamandra und die gelb gebänderten Salamandra terrestris. Es dauert gar nicht lange, da entdecken wir ein prächtiges Exemplar unter vermoostem Totholz. Die nackte Amphibienhaut glänzt lackschwarz und gelborange. Das robust wirkende Geschöpf ruht auf feuchtem erdigen Grund, alle Blicke sind auf den 15 Zentimeter langen adulten Schwanzlurch gerichtet. Fotoapparate werden ausgepackt, ein Makro-Objektiv scharf gestellt. Philipp Gerhardt, ein ambitionierter Kenner und langjähriger Halter von Salamandra sucht stets Motive für seine bereits vielfältige Fotosammlung.

Der König des Waldes sitzt reglos Modell.© Philip GerhardtDer König des Waldes sitzt reglos Modell.

In der Antike hatte der Feuersalamander noch einen miesen Ruf. Damals schrieb Plinius der Ältere (23-79 n. Chr.) in seiner umfangreichen 37-bändigen Naturalis Historia: „Das gräßlichste von allen Thieren ist der Salamander.“ Vernichtend seine Begründung: „…der Salamander aber kann ganze Völker morden, ohne dass man merkt, woher das Unheil kommt.“ Lange Zeit glaubten die Menschen, das Tier könne im Feuer leben und dies sogar löschen. Plinius allerdings zweifelte zumindest an der Gabe der Tiere, Feuersbrünste stoppen zu können. Denn sonst müsste man’s im brennenden Rom unter Nero auch bemerkt haben, schlussfolgerte er. In einer von Plinius‘ Beschreibungen ist „milchartiger Schleim, der aus dem Munde fließt“ die Wurzel allen Übels: „Bei Berührung jeglichen Theiles des menschlichen Körpers gehen alle Haare aus, die berührte Stelle selbst verändert die Farbe und hinterlässt ein Maal.“ Selbst der berühmte schwedische Naturforscher Carl von Linné schrieb noch im Jahre 1758 in seiner Systema Naturae von „ganz üblen und garstigen Tieren“ mit „hässlichem Aussehen“, „schmutzigem Aufenthaltsort“ und „fürchterlichem Gift“.

Auf unserer Exkursion im Stadtwald erzählt uns Michael Morsch, dass der auffällig gefärbte Schwanzlurch in der Tat ein milchig giftiges Sekret aus Körperdrüsen absondert, sobald er in Gefahr gerät. Ein arg gestresstes Tier schießt kleine weiße Gifttropfen gegen seinen Angreifer. Ob ich wohl so ein Stressor bin? Michael Morsch sagt „nein“, eher seien es suhlende Wildschweine, die den Lurch rabiat hin- und herschubsen und sogar auf ihm herumkauen. Mit diesem Wissen hebe ich das Tier behutsam empor. Gelangt trotz aller Vorsicht Gift auf Schleimhäute oder in kleine Wunden, fängt die Haut schmerzhaft an zu brennen, ähnlich der Wirkung einer Brennnessel.

"Gerne anfassen, aber danach die Hände waschen", empfiehlt Exkursionsleiter Michael Morsch. © Philip Gerhardt„Gerne anfassen, aber danach die Hände waschen“, empfiehlt Exkursionsleiter Michael Morsch.

Mit dem Aufschwung der Terrarienkunde gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Salamander eingehender studiert. So kam es zu folgender Beobachtung: Ein Salamanderweibchen lebte in trauter Zweisamkeit mit einer Kröte im Terrarium. Obwohl es weit und breit kein Männchen gab, setzte das Weibchen nach zwei Jahren viele Larven in die Welt. Salamander sind lebendgebärend, sie setzen kiementragende Larven in Gewässern ab. Spätestens nach 4 Monaten ist die Metamorphose zum landlebenden Salamander abgeschlossen. Die Zoologen beobachteten damals eine eindrucksvolle Fähigkeit der Salamander. Die Weibchen sind in der Lage, befruchtungsfähige Spermien bis zu zwei Jahre lang in einer Samentasche zu speichern. Bevor es zu einer Befruchtung kommt, paaren sich die Weibchen meist mit verschiedenen Männchen. Je mehr kleine Spermien miteinander wetteifern, desto wahrscheinlicher ist eine Befruchtung und desto höher die genetische Diversität der Nachkommen. In einer Veröffentlichung im Fachmagazin Nature argumentieren die Autoren, dass diese Fortpflanzungsstrategie die Wahrscheinlichkeit einer Inzucht senkt.

seidel-deutsch_small_rgbIn zahlreichen Bildern zeigen die Autoren die Farbenpracht der Tiere.

Den Paarungsakt in freier Wildbahn beschreibt der Terrarianer Philip Gerhardt gemeinsam mit Mitautor Uwe Seidel eindrucksvoll in seinem kürzlich erschienenen Buch „Die Gattung Salamandra“. Die Amphibienliebhaber bringen viel Geduld auf, um die faszinierenden Tierchen besser kennenzulernen. Nächtelang legte sich Philip Gerhardt mit seiner Kamera auf die Lauer. Dann kommt es zu folgender Szene: Mit nach oben gerecktem Kopf erspäht ein Männchen ein paarungswilliges Weibchen. Minutenlang reibt es mit der eigenen Kehle ihre Kopfoberseite. Anschließend schiebt es sich unter das Weibchen, ihre Kehle wird gerieben. Es folgen ausholdende Pendelbewegungen mit dem Schwanz, die ihre Kloake stimulieren. Das Weibchen erwidert diese Bewegung. Für das Männchen wird es Zeit, sein Samenpaket am Boden abzusetzen. Über diesen etwa 5mm hohen Gallertkegel stülpt das Weibchen nun sein Hinterteil.

Je weiter wir in den Stadtwald vordringen, desto zahlreicher die Fundorte. Ich bin überrascht, wie viele Salamander hier leben. Ohne den einen oder anderen Baumstumpf umzudrehen, würden wir sie kaum entdecken, denn die Tiere sind nachtaktiv und harren tagsüber im Versteck aus. In der Nähe eines Tümpels sitzen besonders viele Jungtiere. Neugierige Kinderhände lesen die kleinen Salamander auf. Für einen kurzen Augenblick bange ich, dass der Menschenpulk den plötzlich munteren kleinen Lurchen, die unruhig auf den Händen umherklettern, zum Verhängnis wird. Ein fester Wanderschuh könnte ein herunterpurzelndes Tier plattwalzen. Endlich dürfen die kleinen Feuersalamader wieder wohlbehalten in ihr Tagesversteck zurück. Zu häufig aufgestöbert, würden sie sich schon bald ein neues Versteck suchen, berichten die beiden Exkursionsleiter.

Trotzdem ermuntern die Naturschützer, selbständig auf Entdeckungstour zu gehen. Im Meldenetz des hessischen Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie kann jeder Fundorte dokumentieren. Denn das Wissen um die Verbreitung der Tiere weist immer noch Lücken auf. Die Aussage Carl von Linnés, „Amphibiologen gibt’s nur wenige und die taugen nicht viel“, kann mit den Worten des Amphibienforschers Sebastian Steinfartz im Vorwort zu „Die Gattung Salamander“ aktualisiert werden: „Die komplexen Beschreibungen der Halter von Feuersalamandern könnten für den Artenschutz sehr wichtig werden. Nämlich dann, wenn ein Aussterben durch Gefangenschaftshaltungen verhindert werden kann.“ Damit war mein Ausflug in den Stadtwald weit mehr als nur ein Abstecher ins Grüne.

 

 

 

22. Nov. 2016
von Henrike Schirmacher
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31. Okt. 2016
von Henrike Schirmacher
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Tiere erleben, dann funktioniert auch der Tierschutz

Tante Friedel besaß einen wunderhübschen ausgestopften Papagei. Eines Abends sprach der kleine Bernhard ein Vaterunser für die Tante. Auf ihre Frage,  warum er denn so besonders an sie denke, kam  die bedächtige Antwort: „Damit du bald sterbst und ich den Papagei bekomme…“

Auf diese ungenierte Direktheit des kleinen Jungen folgte später eine Weltkarriere als Freund und Beschützer der Tierwelt. Bernhard Grzimek wurde Direktor des Frankfurter Zoos, Tierfilmer und Naturschützer.

Wer die Dreißig schon großzügig überrundet hat, wird Grzimek jetzt vor seinem geistigen Auge sehen. Oder sich an den großartigen Geschichtenerzähler im Oscar prämierten Dokumentarfilm „Serengeti darf nicht sterben“ erinnern. Mir selbst fällt sofort die 13-bändige Enzyklopädie „Grzimeks Tierleben“ ein. Ein Schatz im Hause meiner Eltern, in dem ich als kleines Kind versank, um die eigenartige Dauerlarve Axolotl und bunte Frösche zu bestaunen.

xxx© dpaDer Professor ist ganz in seinem Element. Wer kann diesem kleinen Orang-Utan schon widerstehen?

Mit einer eigenen TV-Sendung „Ein Platz für Tiere“ brachte Professor Grzimek die Wildnis für die ganze Familie ins Wohnzimmer. Selbst kleine Kinder wie damals meine Mutter durften länger wach bleiben, um Löwen, Geparden und Nashörner zu bestaunen und erinnern sich an Grzimeks freundliches „guten N’Abend, meine lieben Freunde“, ein Begrüßungsritual, das sich tief in die Herzen seiner Anhängerschaft eingebrannt hat. Die Nähe zum Tier erzeugte Grzimek, indem er sich stets von damals noch exotisch erscheinenden Tieren ins Studio begleiten ließ, die auf seinem Schoss, seiner Schulter oder auf seinem Schreibtisch lagen. „Heute habe ich Ihnen den Gepardenmann Cheetah mitgebracht, er ist ungemein umgänglich“, sprach er und betonte, der  wilde Kater könne Schnurren wie ein Hauskätzchen. De facto vertilgte Cheetah, den keinerlei Maulkorb bremste, aber vor laufender Kamera einen rohen Fleischbrocken. Grzimek blieb völlig unbekümmert. Hinter der Kamera rann der Schweiß umso mehr.

Wer den Tierliebhaber einmal so sah, konnte nicht mehr von ihm lassen. Erfolgreich war Grzimek vor allem, weil er glaubwürdig mit Tieren umging. „Gräueligkeiten“ zeigte er seinen Zuschauern nur wohl dosiert. Bevor diese Zeuge von abgeschlachteten Robbenbabys wurden, entschuldigte er sich: „Seien Sie bitte nicht böse, wenn ich Ihnen hier diesen Film zeige…“. Emotionen waren geweckt und Spendengelder für seine Herzensprojekte gesichert.

Zeitlebens blieb Grzimek ein beharrlicher Mahner und Vordenker für den Natur- und Tierschutz. Seinetwegen laben wir uns nicht mehr an zarten Froschschenkelchen und schmackhafter Schildkrötensuppe. Ganz Visionär, erkannte er schon damals, dass Menschen „die ohne Fühlung mit Tieren und Pflanzen in den Betonschluchten der Städte leben“ für Artenschutz begeistert werden müssen. Recht abenteuerlich ging der Tierliebhaber dabei zuweilen vor. Für seine Verhaltensstudien in der Savanne schnallte er sich ein Plastiknashorn vor den Bauch, um damit einen Nashornbullen zu provozieren. Der Mann liebte Tiere. Ein Leben der Tiere in menschlicher Gefangenschaft stellte Grzimek dabei nie in Frage. Eine Seele gab er ihnen trotzdem.

Abgesehen davon, dass wir Tiere gegenwärtig gerne verspeisen oder das Gehirn von Laborratten für medizinische Studien in Scheiben schneiden, kommt es nicht von ungefähr, dass wir Tiere zuweilen als empfindsame Wesen beobachten. Dies wissenschaftlich zu beweisen, ist keine leichte Aufgabe, denn Empfindungen sind bekanntlich subjektiv. Tierschutzforscher an der Universität Bern suchen deshalb nach Indikatoren, mit denen das Leid und Wohlempfinden von Tieren gemessen werden kann. Kürzlich versuchte das Schweizer Forscherteam sogar, die „Sorgenfalte“ von Pferden als solche zu belegen. Diese Hautfalte oberhalb des Augapfels ist bei Pferden wie bei uns Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt, oft auch kaum sichtbar. Vorübergehend entsteht sie bei uns Menschen, wenn wir ängstlich oder traurig sind, denn dann zieht sich der Stirnmuskel für einen kurzen Augenblick zusammen. Ähnlich geschieht es beim Pferd wie die Forscher in einer Veröffentlichung im Fachmagazin „Plos One“ berichten: Wenn diese vor den Augen ihrer Versuchspferde das Pferd in der Nachbarbox fütterten, zuckte der Muskel zusammen und die Falte prägte sich stärker aus. Umgekehrt wurde sie schwächer, wenn es Streicheleinheiten gab. Diese Pferdegrimasse hielten die Forscher sogar in einer objektiven Messung fest.

xxx© dpaDie stark ausgeprägte „Sorgenfalte“ (links) wirkt im Auge des Betrachters. Deswegen ist sie aber noch lange kein Indikator für kontinuierliches Leid.

Pferdeliebhaber sollten sich allerdings nicht vorschnell ins Bockshorn jagen lassen. Wenn ihr Ein und Alles mal sorgenvoller dreinschaut als das Pferd des Nachbarn, heißt das nicht per se, dass es mehr gelitten hat. Es kann auch von Natur aus eine tiefere Augenfalte besitzen. Die von den Forschern gemessene Reaktion zeigt lediglich, dass der Pferdemuskel auf einen positiven oder negativen Stimulus ähnlich wie beim Menschen reagiert.

Menschen ähnliches Minenspiel ist im Übrigen sogar bei niederen Säugern bekannt. Vor einigen Jahren beobachteten kanadische Wissenschaftler der McGill Universität vor Schmerz verzerrte Gesichtsausdrücke bei Labormäusen. Je mehr die Mäuse ihre Augen zusammenkniffen, desto wütender tobte eine schmerzhafte Entzündungsreaktion im Mäusekörper. Daraus leiteten die Forscher eine Skala zur Erkennung von Schmerzen bei Mäusen allein anhand ihrer Mimik ab. Die Studie wurde im Fachmagazin „Nature Methods“ veröffentlicht. Selbstverständlich hatten die Forscher diese Schmerzen zu verschulden, langfristig soll es den Mäusen aber das Laborleben erleichtern, indem man ihnen künftig unnötige Schmerzen ersparen will.

Dies wäre sicherlich in Grzimeks Sinne. Bleiben wir wachsam wie Grzimek und offen für das Wohl der vielfältigen Tierwelt.

31. Okt. 2016
von Henrike Schirmacher
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