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Pop-Anthologie

The Style Council: „Walls Come Tumbling Down“

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Wenige Jahre nach seiner Veröffentlichung wirkte dieser Songtext plötzlich prophetisch. Eine Mauer stürzte 1989 tatsächlich ein. Jetzt hat der Brexit dem Britpop-Klassiker einen Strich durch die Rechnung gemacht.

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© AllstarMick Talbot und Paul Weller von The Style Council machen sich in den Achtzigern an einer Häuserwand zu schaffen.

Walls Come Tumbling Down

You don’t have to take this this crap
You don’t have to sit back and relax
You can actually try changing it
I know we’ve always been taught to rely

Upon those in authority
But you never know until you try
How things just might be
If we came together so strongly

Are you gonna try to make this work
Or spend your days down in the dirt
You see things can change
Yes and walls come tumbling down

Governments crack and systems fall
’Cause unity is powerful
Lights go out – walls come tumbling down!

The competition is a colour T.V.
We’re on still pause in the video machine
They keep you slaves on the H.P.

Until the unity is threatened by
Those who have and who have not
Those who are with and those who are without
And dangle jobs like the donkey’s carrot
Until you don’t know where you are

Are you gonna get to realize
The class war’s real and not mythologized
And like Jericho – yes walls can come tumbling down

Governments crack and systems fall
’Cause unity is powerful
Lights go out – walls come tumbling

Down – we’re too weak to fight it
Down – not if we’re united
Down – when you’re united

Are you gonna be threatened by
The public enemy No. 10
Those who play the power game
They take the profits – you take the blame
When they tell you there’s no rise in pay

Are you gonna try to make this work
Or spend your days down in the dirt
You see things can change
Walls can come tumbling down!

Governments crack and systems fall
’Cause unity is powerful
Lights go out – walls come tumbling down!

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In einer Woche, in der der britische Kündigungsbrief der EU-Mitgliedschaft abgesandt worden ist, lohnt der Blick auf einen alten englischen Liedtext, der im Nachhinein deshalb als prophetisch gedeutet worden ist, weil er vier Jahre vor dem Fall der Mauer einen dazu passenden Refrain angestimmt hatte: „Government’s crack and systems fall / ‘cause unity is powerful – / lights go out – walls come tumbling down“ (Regierungen zerbrechen und Systeme fallen / denn Einigkeit macht stark – / Lichter gehen aus – Mauern stürzen ein). Damit schien eine länderübergreifende Solidarität beschworen, die nationale Grenzen überwinden würde. Und der Kollaps des Ostblocks sowie die Erweiterung der Europäischen Union von damals noch zehn bis auf achtundzwanzig Mitgliedsstaaten schien das in den Folgejahren zu bestätigen. Heute aber erweist sich der Song „Walls Come Tumbling Down“ als trügerisch.

Das ist das generelle Risiko von revolutionärer Poesie, als die sich dieser Liedtext dezidiert versteht. Geschrieben wurde er 1985 von Paul Weller für seine damalige Band The Style Council. Weller, heute als der Pate des Britpops verherrlicht (zu Recht!), war damals sechsundzwanzig Jahre jung und umstürzlerisch gestimmt, zugleich aber schon ein alter Hase im Musikgeschäft und geschäftstüchtig, denn seine erste Band, The Jam, die er 1972 im Alter von vierzehn gegründet hatte, dominierte Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre die britische Hitparade. Nahezu alle Lieder der Gruppe stammten aus der Feder von Weller, und sie waren von Beginn an kämpferisch gestimmt, grundiert durch eigene Erfahrungen des Songschreibers als Arbeiterkind aus der Kleinstadt Woking bei London. Als Margaret Thatcher von den konservativen Tories 1979 britische Premierministerin wurde und sofort den Kampf gegen die Gewerkschaften aufnahm, engagierte sich Weller mit The Jam auf der Seite der Linken. Und diese Parteinahme des Musikers verstärkte sich von 1983 an noch, als er The Jam aufgelöst und gemeinsam mit Mick Talbot die neue Band The Style Council gegründet hatte. Gleich deren erste öffentliche Auftritte erfolgten im Rahmen von Benefizkonzerten für Arbeitslose.

Dabei verhieß der Name der Gruppe auf den ersten Blick nicht gerade nonkormistisches Verhalten, doch das war Teil des Spiels. So hochmodisch sich Weller und Talbott kleideten und inszenierten, so melancholisch die meisten ihrer frühen Melodien waren, eine so klare Sprache wählten sie, die mit „Council“ das politische Ideal der Räteregierung anklingen ließen, um ihre Position gegen die konservativen Regierungen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten klarzumachen. Auf ihrem Debütalbum von 1983 trug ein Jazz-Instrumentalstück den Titel „Dropping Bombs on the White House“, und der Text zu „Strength of Your Nature“ bestand über einem aggressiven Rhythmus nur aus den Zeilen „When you gonna find the strength of your nature, when you gonna let yourself take control, then make your own up!“ Das war zwar kein elaboriertes, aber entschiedenes Songwriting, und auf dieses Rezept setzte Weller zwei Jahre später auch bei „Walls Come Tumbling Down“.

Der Feind lebt in Number 10

Nach einem anschwellenden Hammondorgelakkord setzt der von Bläsern getriebene Protestappell ein: „You don’t have to take this crap / You don’t have to sit back and relax / You can actually try changing it /I know we’ve always been taught to rely / Upon these in authority / But you never know until you try / How things just might be / If we come together so strongly // Are you gonna try and make this work / Or spend your days down in the dirt / You see things can change / Yes, and walls can come combling down.” (Du musst dir diesen Mist nicht weiter anhören /Du musst nicht da rumsitzen und dich entspannen / Du kannst versuchen, tatsächlich etwas zu verändern / Ich weiß, man hat uns beigebracht zu vertrauen / Denen, die an der Macht sind / Aber man weiß nie, bevor man es versucht / Wie Dinge ausgehen können / Wenn wir fest zusammenstehen // Wirst du es versuchen und dich an die Arbeit machen / Oder deine Tage im Dreck verbringen / Weißt du, Dinge können sich ändern / Ja, und Mauern können einstürzen.) Das klingt nicht nur wie ein Kampfaufruf, es war einer, denn als Weller an dem Lied schrieb, organisierte er eine Unterschriftenkampagne gegen die Gewerkschaftspolitik der Regierung, und The Style Council spielten mitten im Februar 1985 ein Gratiskonzert  für Protestierende am Themseufer gegenüber dem Parlamentsgebäude von Westminster.

© Screenshot vevo„Unity“ zwischen Keyboarder Mick Talbot und einem jungen Warschauer im Video zum Song

Revolutionslyrik ist notwendig schlicht; sie will mitgebrüllt werden. Und ein Begriff durchzieht nicht nur mit dem Refrain das ganze Lied: „unity“ – Einheit. Die englische Bezeichnung für Gewerkschaften lautet „trade union“, und „Vereinigung“ ist seit dem Kommunistischen Manifest von Marx und Engels der zentrale Kampfbegriff der Linken. Weller nutzt ihn deshalb im Text vielfach, auch in einem Dreizeiler, der die simple Strophen-und-Refrain-Struktur des Lieds nach zwei Dritteln unterbricht. „Down“ – nieder – säuselt da dreimal ein verführerischer Chor in verführerischem Ton, und Weller scheint dem beim ersten Mal nachzugeben, wenn er singt „We’re to weak to fight it“ (wir sind zu schwach, uns zu wehren), doch die Antwort aufs zweite „down“ lautet „not if we’re united“ (nicht, wenn wir uns verbünden), und beim dritten Mal wird der Widerstand noch einmal individualisiert: „when you’re united“ (wenn du dich verbündest).

Gegen wen, das wird direkt danach in der letzten Strophe durch eine Metonymie klargemacht, die jeder in England versteht: „Are you gonna be threatened by / The public enemy No. 10“ (Wirst du dich bedrohen lassen / durch den Staatsfeind Nummer 10). Das ist die Hausnummer des Amtssitzes der englischen Premierminister in Downing Street, und die witzige Variation der stehenden Redewendung vom „public enemy No. 1“ ist ein polemisch-rhetorisches Meisterstück, das bei den heutigen Brexit-Gegnern auf fruchtbaren Boden fallen dürfte, wenn sie sich des Lieds noch erinnern würden. Aber dessen spätere Ausdeutung als Vorwegnahme des Falls des Eisernen Vorhangs hat die Bedeutungsebene von Wellers Text verschoben. Das war naheliegend, denn wie „die Mauer“ im Deutschen war „wall“ der umgangsprachliche englische Begriff für die Abgrenzung von Ost und West. Weller aber hatte natürlich primär eine Anspielung auf die Bibel im Sinn, auf die einstürzenden Mauern von Jericho („like Jericho“ flicht er denn auch in einen Refrain ein), die ebenfalls durch Musik zerstört wurden. Aber es hilft nichts: Das kämpferischste Widerstandslied einer populären englischen Band ist von der Geschichte umgedeutet worden.

© Screenshot vevoPaul Weller inmitten einer Menschenmenge in Warschau – Ausschnitt aus dem Video zu „Walls Come Tumbling Down“

Ironischerweise haben The Style Council selbst dazu beigetragen, denn das Video zu „Walls Come Tumbling Down“ drehte die Band im Winter 1985, gleich nach ihrem Auftritt am Themseufer, in Warschau. Die Band steht da in einem Kulturclub vor ein paar Dutzend Zuhörern auf der Bühne, die Musik ist Vollplayback, und immer wieder werden Straßenszenen aus der februargrauen sozialistischen Stadt zwischengeschnitten. Weller ließ den Liedvortrag also wie einen Samisdat-Auftritt inszenieren; er spielte mit dem Doppelsinn der international gültigen Widerstandsfloskel von einstürzenden Mauern nach biblischem Vorbild und „Wall“ als Inbegriff eines pervertierten eingemauerten Kommunismus. So wurde die eigene Rolle auch gleich doppelt heroisch: Daheim und in der ganzen Welt wird gegen Unterdrückung opponiert. Das entsprach durchaus dem Selbstverständnis einer Band, die in einem anderen Song, den Weller und Talbot im Winter 1985 gemeinsam schrieben, forderte: „Rise up now and declare yourself an internationalist!“ (Erhebe dich jetzt und erkläre dich zum Internationalisten!) Das war unmissverständlicher, aber auch weniger plakativ. Deshalb ist „Walls Come Tumbling Down“ und nicht „Internationalists“ der Schlusssong auf der Langspielplatte „Our Favourite Shop“.

Kompromisslos nahm Paul Weller weiterhin am politischen Kampf gegen Thatcher teil: auf Protestkonzerten, Gewerkschaftskundgebungen, Demonstrationszügen bis hin zur von ihm initiierten Gründung von Red Wedge, einer Künstlerinitiative von 1987, mit der die Wiederwahl Thatchers verhindert werden sollte – bekanntermaßen erfolglos. Aber auf den Platten war der Widerstand gegen das Establishment zumindest kommerziell erfolgreich. Heute warten wir auf die neue Platte des seit einem Vierteljahrhundert solo und eher unpolitisch agierenden Weller. Sie ist angesichts seiner Produktivität überfällig, und an ihr wird man überprüfen können, wie ernst es ihm heute noch mit dem musikalischen Widerstand gegen die Macht ist. Anlass hätte er: In Downing Street 10 sitzt wieder eine Frau, deren Politik ihm nicht gefallen dürfte.

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4 Lesermeinungen

  1. bravo
    wie immer extrem lesenswert!

  2. Tiefgründige Unterhaltungsmusik
    Dank an Herrn Platthaus für diese hübsche Liedbesprechung und Einordnung in zeitgenössische sowie aktuelle Geschehnisse! Wer hat sich damals in der Disco oder beim Knutschen schon bemüht, in Wellers Popstücken politische Messages zu entdecken? Da reichten einfach das Schulenglisch und die noch unterentwickelte Sensibilität für politsiche Dinge nicht aus. Musik war schließlich zum Wohlfühlen da. Und diesen Anspruch hat Style Council extremst gut erfüllt.

  3. Junger Warschauer
    Der junge Warschauer, von dem unter Bild 1 die Rede ist, das ist Steve White.

  4. Unity is powerful!
    Während bei uns in Westdeutschland Mitte der 80er solche Barden wie Knöddelmeyer, BAP, Campino & Co als politische engagierte Künster ihre Fans mit gutgemeinten Liedermacher-/ Krautrock Geschrammel quälten, trieben The Style Council ihre Fans mit swingendem, treibenden Britpop auf die Tanzflächen in den Clubs. Okay, die wenigsten (u.a. ich) haben bei diesen Ohrwürmern auf den Text geachtet, aber wer hören wollte, der war bei Paul Weller schon immer gut aufgehoben, wenn es um Klassenbewußtsein ging. Ach ja, bei dem „jungen Warschauer“ auf dem Screenshot mit Mick Talbot handelt es sich wohl um Steve White, der lange Jahre bei TSC das Schlagzeug spielte.

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