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Pop-Anthologie

The Beatles: „A Day in the Life“

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Aus dem Bett in den Tag gestolpert: „A Day in the Life“ von den Beatles ist ein Lied mit Langzeitwirkung, das immer wieder aus dem Archiv herausspringt und nachdieselt. Und wie war das jetzt mit John Lennons Hundepfeife?

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© Apple Ltd./Universal Music DeutschlandThe Beatles

„A Day in the Life“

I read the news today, oh boy
About a lucky man who made the grade
And though the news was rather sad
Well I just had to laugh
I saw the photograph.

He blew his mind out in a car
He didn’t notice that the lights had changed
A crowd of people stood and stared
They’d seen his face before
Nobody was really sure
If he was from the House of Lords.

I saw a film today, oh boy
The English army had just won the war
A crowd of people turned away
But I just had to look
Having read the book
I’d love to turn you on.

Woke up, fell out of bed,
Dragged a comb across my head
Found my way downstairs and drank a cup,
And looking up I noticed I was late.

Found my coat and grabbed my hat
Made the bus in seconds flat
Found my way upstairs and had a smoke,
Somebody spoke and I went into a dream.

I read the news today oh boy
Four thousand holes in Blackburn, Lancashire
And though the holes were rather small
They had to count them all
Now they know how many holes it takes to fill the Albert Hall.
I’d love to turn you on.

***

Als das Lied vor einem halben Jahrhundert herauskam, im Mai 1967, als erste Zugabe zum  Sgt.Peppers-Konzeptalbum, wurde es sofort von der BBC auf den Index gesetzt, mit der Begründung: Die zweimal interpolierte, mit einer elektronisch ziemlich betrunken verzerrten Tremolo-Verszeile „I’d love to turn you on“ sei als direkte Aufforderung zum Drogenkonsum zu verstehen.  McCartney, der nur den harmlosen Mittelteil getextet und gesungen hatte, fand das witzig. Lennon, für den surrealen Rest und auch  für die beanstandete Verszeile von „A Day in The Life“ verantwortlich, wehrte sich mit dem Hinweis darauf, dass jede Auslegung von Worten im Auge des Betrachters liege. Das Verb „to turn (someone)  on“ könne  ebenso gut verstanden werden als Aufforderung zu sexueller Aktivität. Oder: Die BBC hätte ebenso gut alle ihre Elektroanlagen auf den Index setzen können.

Nur wenige Monate später wurde der Song „A Day in the Life“ wegen seiner komplexen Form und der raffiniert aufgepimpten Klangräume für einen Grammy in der Kategorie „Best Instrumental Arrangement Acompanying Vocalists“ nominiert.  Seither ist er zigfach zitiert, kopiert, plagiiert und gecovert worden, der jüngste, wenn auch sicher nicht bizarrste Ableger ist eine Tanzperformance des Choreographen Trey McIntyre, sie hatte  Anfang April 2017 am Theater in Kiel Premiere.  Natürlich erging es so oder ähnlich in der langen Rezeptionsgeschichte der Beatles beinahe all ihren Liedern.  Dennoch ist „A Day in the Life“, trotz seiner Patina, seiner Unzeitgemäßheit und Privatheit, etwas Besonderes: ein Lied mit Langzeitwirkung, das immer mal wieder aus dem Archiv herausspringt und nachdieselt.  2004 listete es der „Rolling Stone“ als Nr.28 unter den „500 Greatest Songs of All Time“.  2010 wählte dieselbe Zeitschrift „A Day in the Life“ zur Nr.1 unter den 100 besten Beatles-Songs. Das Wort „antörnen“ ist inzwischen in den deutschen Sprachschatz übergegangen, man kann es im Duden nachschlagen.

Das daraus ein spezielles Stück werden könnte,  zukunftsweisend in der Machart, wussten die Band und ihre Crew offenbar selbst recht gut, schon während der Produktion.  Am vierten und letzten Tag der Aufnahme, dem 10. Februar 1967, sollten endlich die für die Gelenkstücke des dreiteiligen Songs nötigen  Orchesterpartien eingespielt werden. Zusätzlich zu dem etwa vierzigköpfigen Orchester luden sich die Beatles weitere vierzig Freunde ins Studio ein, quasi als Zeugen des historischen Augenblicks.  Das Video zeigt einen virtuosen Zusammenschnitt von Hobbyaufnahmen dieses Happenings. In den vollgestopften Abbey Road Studios haben sich etliche illustre Gäste eingefunden,  Donovan, Mick Jagger, Keith Richards, Graham Nash, Brian Jones und Marianne Faithfull und noch viele andere. Keiner von ihnen sieht wirklich gut aus dabei. Unfassbar, dass George Martin und die Musiker, mit Clownsbrillen und Gumminasen bewaffnet, überhaupt irgendetwas Brauchbares gespielt haben sollen auf dieser Party. Doch reißt der imperfekte, freudlose Trash dieser Bilder einen ungeheuren Kontrast auf zu dem makellos perfekt zusammengebauten Soundtrack.

Das Lied beginnt und es endet in E-Dur. Am Anfang tönt es wie eine private Ballade. Dabei wächst das Geklimper der Akustikgitarre direkt aus dem lärmigen Finale von „Sgt. Peppers“ heraus, so, als sei da nach dem Fest noch einer aus der Band sitzengeblieben. Und noch einer: der Pianist.  Und ein dritter kommt dazu, der Bassgitarrist, und ein vierter, der die Rumba-Rassel bedient, und so fort.

Das Ende des Liedes kommt, im Gegenteil, enorm laut und öffentlich daher. So, wie die großen Symphonien nach Beethoven zu enden pflegten: mit mindestens einem fetten Fortissimo-Schlag. Fünf Pianisten haben diesen E-Dur-Akkord angeschlagen im Studio, an drei Klavieren und einem Harmonium. Was dann gedubbt und verdoppelt, verzerrt und moduliert wurde und eine Ewigkeit nachzuhallen scheint, bis nur noch das Rauschen der Klimaanlage des Studios zu hören ist – oder man sich einbildet, es zu hören. Außerdem soll da noch, jedenfalls hat Lennon das behauptet, die für Menschenohren unhörbar hohe Frequenz einer Hundepfeife mit im Spiel sein, „damit auch Hunde etwas davon haben.“  Vielleicht ist das aber nur erfunden, eine Beatles-Legende, eine der unzähligen. Unser Hund, Jockel, sehr musikalisch, hat da jedenfalls nie etwas gehört. Aber auch Hunde können sich etwas einbilden.

Dieser Schlussakkord aus „A Day in The Life“ ist der bis dato längste und komplexeste Schlussakkord der Popgeschichte: ein Rekord. Hat aber nicht halb so viel Eindruck gemacht, wie das Orchester-Crescendo, das die von Lennon gesungene Ballade zweimal in Stücke schneidet. Das beginnt jeweils mit einem  Tremolo (direkt anknüpfend an das Tremolo der Verszeile „I’d love to turn you on“) und steigert sich zu zwei elektronisch aufgebrezelten Götterdämmerungskatastrophen von schier  Stockhausischem Ausmaß: solche Gröfaz-Stellen sind es, die die Anwesenheit von Karlheinz Stockhausen als Teil der Sgt.Pepper-Band auf dem Cover legitimieren.

Was Melodien und Texte von „The Day in the Life“ anbelangt, so erklären sie sich von selbst. Es ist ja nicht ungewöhnlich für wirklich gute, reife Meisterwerke, dass sie von jedem auf Anhieb verstanden werden. Lennon singt, in volksliedhaft schlichten Dreiklangsballadentonfall,  von Verschlüsseltem aus seinem eignen Leben: ein Bekenntnis. McCartney schildert, in seiner Episode, im rhythmisiertem Sprechgesang, wie ein Jedermann aus dem Bett in den Tag hineinstolpert: ein Rezitativ. Er singt uns das kurz mal direkt ins Ohr, er steht quasi neben uns. Lennon dagegen begibt sich für seine Balladenstrophen in einen anderen Raum.

Sein Mikro scheint außerhalb des Studios aufgestellt zu sein, diese traurige Bardenstimme kommt von sehr weit her.  Und wie der blaue Samtanzug, den er am 10. Februar vor fünfzig Jahren trug, ziemlich old-fashioned und aus der Zeit gefallen wirkt, so sind es auch hier die klassischen, langsamen, alten Medien, die ihm das Stichwort zu den Strophen geben. Er kauft die Zeitung, er sieht einen Film, er liest ein Buch.   Nur, dass Lennon in diesem Kriegsfilm selbst mitgespielt hatte. Nur, dass die Nachricht vom Autounfall des reichen, jungen Mannes, von dem er in der Daily Mail liest, zum Epitaph wird auf den Tod seines einundzwanzigjährigen Freundes Tara Browne.  „He blew his mind out in a car“:  Auch hier  liegt die Auslegung der Worte ganz im Auge des Betrachters.

In korrektem Englisch  heißt diese Redewendung eigentlich: „to blow (one’s)  brain“. Doch wer ein Hirn besitzt, der hat nicht unbedingt auch Seele und Verstand, nur Dichter können solch feine Unterschiede deutlich machen, Lennon tut das in seiner eignen Schreibe.  Der handschriftliche Text Lennons zu „A Day in the Life“, bloß ein Blatt Papier, ist heute etwa 1,2 Millionen Dollar wert (so der Erlös auf der letzten Aktion).  Die zweite Zugabe des Sgt.Pepper-Albums, die auf den E-Dur-Schlussakkord aus „A Day in the Life“ antwortet, ist als hidden track in den letzten Rillen der LP versteckt. Eine geheime Botschaft, zu der es allerhand Theorien gibt. Sie wurde bis heute nicht wirklich entschlüsselt.

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12 Lesermeinungen

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  2. Und keiner sieht wirklich gut aus dabei
    Die Ton-Bild-Schere wird bei den Beatles um so auffälliger, je musikalischer sie werden.
    Ob es wirklich freudloser Trash ist, was wir hier zu sehen kriegen, weiß ich zwar nicht. Es ist halt ein Partyfilm.
    Aber die Hilflosigkeit, mit der die Bandmitglieder immer wieder versuchten, ihrer Musik irgendwie darstellerisch zu entsprechen oder sie zu konterkarieren, lässt mich vermuten, dass in ihr etwas schlummert, das sich nicht visuell nachahmen ließ, trotz Tamtam und Alberei.

  3. Schöne Würdigung!
    Aber dass es zum Lennon-Lob immer noch dazu gehört, dem „harmlosen“ McCartney eins überbraten zu müssen, ist schade. Diese Truppe war ein Team, das die individuellen Stärken und Schwächen seiner Mitglieder auf eine besondere Art und Weise verarbeitete und uns den Popkunsthimmel auf Erden bescherte. Angesichts eines solchen Phänomens sind wohlfeile Pauschalurteile (der ist cool – der andere naiv …), die oft genug nur der Selbstdarstellung des Urteilenden dienen, fehl am Platz. Kritisch kann man ja gerne sein, aber dann doch bitte Argumente zum Werk, nicht zur Person.

    Es ist übrigens nicht Lennon, der den blauen Anzug trägt, sondern McCartney.

    • Blauer Blazer
      Bitte erst nachdenken, bevor man kritisiert. Lennon trug am 10. Februar sehr wohl einen blauen Blazer. Das war der Tag, an dem die Orchestrierung in den Studios stattfand. Das Cover – und darauf zielen Sie ab – entstand am 30. März in Chelsea.

  4. Titel eingeben
    Der Song beginnt in G-Dur nicht in E-Dur.

  5. Ich kenne zwar auch Platten mit mehr Rillen, aber die Beatlesscheiben hatten auf jeder Seite
    bloß eine…

  6. Ein toller Song, der mir schon damals Gänsehaut über den Rücken jagte
    Und zusammen mit With a little help for my friend, einer meiner Lieblingssongs von den Beatles!

  7. Die Beatles bleiben die Größten, nirgendwo vergleichbares...
    Die Beatles brachen alle Rekorde mit Ihren Platten.
    Als Sie nicht mehr live auftraten haben Sie mit Ihren Studio-Alben Geschichte gemacht.
    Sie bleiben die Band meines Lebens.

  8. Noch immer läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter ...
    … wenn ich „A Day in the Life“ höre! Ich erinnere mich auch heute noch daran, wie seinerzeit das Sgt. Pepper-Album in der Sendung „Wir um 20“ des SFB vorgestellt wurde. Das musste ich haben! Und ich habe es immer noch – immer wieder mal dreht sich diese von mir gut gepflegte Vinyl-Scheibe auf dem heimischen Plattenteller.

  9. Partystimmung ...
    eine muntere Runde, die Rauchschwaden lassen Spielraum für Interpretationen zu ^^ passend zu Graham Nash erkenne ich auch Joni Mitchell, wer könnte der Mann bei 2:34 im hellen Hemd sein, spontan fällt mir da Michael Nesmith ein, aber gab es Kontakte zwischen den Beatles und den Monkeys? Thor Heyerdahl können wir dazu nicht mehr fragen …

  10. Titel eingeben
    „In korrektem Englisch heißt diese Redewendung eigentlich: „to blow (one’s) brain“. “
    Eigentlich sagt man (englischsprachige Menschen) doch eher „brains“ als „brain“, womit dann doch der Verstand gemeint ist und nicht das ‚anatomische‘ Gehirn. Nichtsdestotrotz ist „he blew his mind out“ eine von vielen genialen Textzeilen John Lennons…
    Danke ansonsten für einen wunderbaren fundierten Artikel!

    • Blowin' your mind
      Korrekt. Wobei „to blow your mind“ auch ein bekanntes Idiom ist: etwas verschlägt einem den Verstand. „Blowin‘ Your Mind“ hieß 1967 auch das erste Album von Van Morrison. lennon hat hier also zwei bekannte Redewendungen zusammengefügt.

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