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Pop-Anthologie

Bright Eyes: „Landlocked Blues“

| 8 Lesermeinungen

Liebe und Krieg auf dem Wohnzimmerfußboden: Im „Landlocked Blues“ der Band Bright Eyes führt Conor Oberst Außen- und Innenwelt einer amerikanischen Gegenwart unter George W. Bush in der Folktradition zusammen.

***

Conor Oberst
 Bright Eyes: „Landlocked Blues“
If you walk away I walk away
First tell me which road you will take

I don’t want to risk our paths crossing someday

So you walk that way I’ll walk this way
 
And the future hangs over our heads
And it moves with each current event

Until it falls all around like a cold steady rain

Just stay in when it’s lookin‘ this way
 
And the moon’s laying low in the sky
Forcing everything metal to shine

And the sidewalk holds diamonds like a jewelry store case

They argue „Walk this way“, „No, walk this way“
 
And Laura’s asleep in my bed
As I’m leaving she wakes up and says

„I dreamed you were carried away on the crest of a wave

Baby, don’t go away, come here“
 
And there’s kids playing guns in the street
And one’s pointing his tree branch at me

So I put my hands up I say

„Enough is enough, if you walk away I walk away“

(And he shot me dead)
 
I found a liquid cure
For my landlocked blues

It will pass away like a slow parade

It’s leaving but I don’t know how soon
 
And the world’s got me dizzy again
You’d think after twenty-two years I’d be used to the spin

And it only feels worse when I stay in one place

So I’m always pacing around or walking away
 
I keep drinking the ink from my pen
And I’m balancing history books up on my head

But it all boils down to one quotable phrase

If you love something give it away
 
A good woman will pick you apart
A box full of suggestions for your possible heart

But you may be offended and you may be afraid

But don’t walk away, don’t walk away
 
We made love on the living room floor
With the noise in the background from a televised war

And in the deafening pleasure I thought I heard someone say

If we walk away, they’ll walk away
 
But greed is a bottomless pit
And our freedom’s a joke we’re just taking a piss

And the whole world must watch the sad comic display

If you’re still free start runnin‘ away
‚Cause we’re comin‘ for ya
 
I’ve grown tired of holding this pose
I feel more like a stranger each time I come home

So I’m making a deal with the devils of fame

Sayin‘ let me walk away, please
 
You’ll be free child once you have died
From the shackles of language and measurable time

And then we can trade places, play musical graves

Till then walk away, walk away, walk away, walk away
 
So I’m up at dawn, putting on my shoes
I just want to make a clean escape

I’m leaving but I don’t know where to

I know I’m leaving but I don’t know where to
***
Seit Donald Trump mit traumwandlerischer Sicherheit den Thron des unbeliebtesten amerikanischen Präsidenten aller Zeiten erklommen und es sich darauf bequem gemacht hat, ist ein früherer Anwärter auf den unliebsamen Posten in den Hintergrund gerückt: George W. Bush, ebenfalls republikanischer Präsident der Vereinigten Staaten, machte sich mit der militärischen Kriegsinvasion im Irak alles andere als beliebt. Künstler auf der ganzen Welt verurteilten den Krieg, schämten sich für ihr Land – und viele schrieben Songs dagegen.
“I thought I would never sing political songs, but now it seems like the only thing worth singing about,“ erklärte Conor Oberst dem New York Times Magazine im Jahr 2005. Seit zwei Jahren tobte der Krieg im Irak, der Oberst so unruhig machte, dass er nicht mehr nur über Liebe, Kummer, Depression und Alkohol singen wollte. Nicht, dass er das nicht großartig gemacht hätte. Für viele Kritiker gilt Oberst, Frontmann der Indie-Band „Bright Eyes“, noch heute als einzig würdiger Nachfolger Bob Dylans. Spätestens mit der Veröffentlichung des Erfolgsalbums „I’m Wide Awake It’s Morning“ (2005) ist Oberst, damals zarte 22 Jahre alt, dann also erwachsen geworden. Und damit geht wohl auch eine gewisse Politisierung seiner Musik einher. So hat er mit „Landlocked Blues“ eine Anti-Kriegshymne mit direktem Bezug auf den Irak-Krieg geschaffen: „Landlocked Country“, das ist die englische Bezeichnung für einen Binnenstaat und bezieht sich auf den Beinahe-Binnenstaat Irak. Im Song bedient Oberst sich in bester Singer-Songwriter-Manier eines für ihn typischen Stilmittels: Alternierender Perspektiven, ein steter Wechsel zwischen Mikro- und Makrokosmos, die doch letztlich  miteinander verwoben sind.
Oberst beginnt mit dem wiederkehrenden Antikriegsmantra „If you walk away, I’ll walk away“, das gleichsam die Haltung eines konfliktscheuen lyrischen Ichs widerspiegelt. Waffenstillstand kann schließlich auch im Kleinen funktionieren. „Wenn du fortgehst, dann gehe ich auch fort. Aber sag‘ mir erst, welchen Weg du nehmen wirst, weil ich es nicht riskieren will, dass sich unser beider Wege eines Tages kreuzen.“ Der eingeläutete Waffenstillstand erscheint – zugegeben – nicht besonders diplomatisch. Der Klügere gibt hier nicht nach, sondern geht auf und davon. Darauf folgen Bilder, die zum einen die musikalische Tradition des Amerikana-Folk („cold, steady rain“; „the moon’s laying low in the sky“) aufzeigen, zum anderen als Kriegsmetaphern fungieren. Wenn es heißt „the moon’s laying low in the sky/forcing everyting metal to shine“ und “the sidewalk holds diamonds like a jewelry store case”, erinnern die Zeilen vielleicht auch an glänzende Soldatenhelme, die in Gräben am Straßenrand ruhen.
Musikalisch gesehen schwimmt Oberst im sicheren Fahrwasser des klassischen Folksongs. Besonderer Clou ist die Begleitstimme, die Emmylou Harris ins Mikrofon haucht. Ihr altehrwürdiger Countrysound gibt dem simpel gestrickten Song eine existentiell anmutende Tiefe. Zweiter musikalischer Höhepunkt ist das Trompetensolo, das in der zweiten Hälfte des Stücks aufglimmt: Es ist eine folkloristisch beschleunigte Version des Signals „Taps“, einem Trompetenstück, das seit dem 19. Jahrhundert zu offiziellen militärischen Traueranlässen und Beerdigungszeremonien gespielt wird.
Ein weiterer Handlungsstrang sind die Erzählungen des lyrischen Ichs, das sich ebenfalls „landlocked“, eingesperrt fühlt. Die unmittelbare Kriegsbedrohung, die, wie Oberst zu Beginn singt, über den Köpfen der Menschen schwelt –„the future hangs over our heads/and it moves with each current event“ – ist hingegen wiederkehrendes Leitmotiv des Stücks. Die beiden Metaebenen nähern sich immer weiter an, bis der Krieg auch das Liebesleben des lyrischen Ichs berührt: „We made love on the living room floor/with the noise in the background of a televised war“.
Zentraler Ausdruck der inneren Zerrissenheit des lyrischen Ichs sind dann die Verse: „And the world’s got me dizzy again/you’d think after 22 years I’d be used to the spin/and it only feels worse, if I stay in one place/so I’m always pacing around or walking away“. Dem Erzähler ist schwindlig von der Erdumdrehung geworden und er, wie Oberst 22 Jahre alt, wundert sich, dass er sich daran noch nicht gewöhnen konnte.  Zugleich bedient sich Oberst hier zusätzlich des Folk-Musik-Topos vom fahrenden, rastlosen Ich, das von Stadt zu Stadt zieht, sich nicht binden kann oder will und auf der Suche nach etwas Höherem ist, vielleicht Inspiration, vielleicht Liebe – eine visionäre Beschreibung der späteren Generation Y?
Am Ende sehnt sich das lyrische Ich nach Freiheit von allen irdischen Zwängen und Konflikten: „You’ll be free, child, once you have died / From the shackles of language and measurable time”. Erst der Tod befreit wohl von den Fesseln der Sprache un der messbaren Zeit. Für das Diesseits bleibt da nur der Aufbruch ins Ungewisse: „So I’m up at dawn/ putting on my shoes/ I just want to make a clean escape/ I know I’m leaving, but I don’t know where to.” 

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8 Lesermeinungen

  1. Anregung für zukünftigen Artikel
    ich könnte mir vorstellen, Wonderwall von Oasis würde Stoff für einen lohnenswerten Artikel hergeben …

  2. Afghanistan
    Frau Dürrholz,
    vielen Dank für die Interpretation dieses wunderschönen Songs. Ich kann die Stimmung von damals noch sehr gut nachvollziehen.
    Im Moment würde ich allerdings einige Punkte Ihrer Interpretation anzweifeln. Oberst war im Jahr 2005 bei Erscheinen des Albums bereits fast 25 Jahre alt und nicht 22. Den Song hat er lange vorher vermutlich 2002 mit 22 geschrieben. Aus der Zeit stammt ja auch der von Ihnen zitierte Nytimes Artikel. Die erste Live-Aufnahme bei Youtube stammt vom Februar 2002, also deutlich bevor konkrete Planungen und Diskussionen um die Operation Iraqi Freedom begannen. Könnte es sich bei dem Landlocked Country vielleicht um das damals bereits besetzte landlocked Afghanistan handeln?

  3. Titel eingeben
    Ich bin erst durch ihren Artikel auf diesen Song darauf aufmerksam geworden und habe dann nachgehört. Nach der Lektüre ihres Artikels habe ich den Song mit großem Vergnügen und Gewinn hören können.

    zu
    Bright Eyes: „Landlocked Blues“

  4. Vielen Dank
    Ein ganz toller Artikel mit musikalischer wie historischer Kontextualisierung die beim Lesen Freude bereitet. Gerne mehr davon…

  5. @ Fau Dürrholz - Connor Oberst spielt eine erhebliche Rolle in Franzens Roman "Freiheit",
    …“die Freiheit (u.a. …(HiR)) , aufzubrechen, wohin ich will“ – – falls das überhaupt etwelche Erinnerungen auslösen sollte, heutzutage.

    Sie sagen praktisch gar nichts zu Phrasierung, Stimme, Ironie/ Selbstironie, also zur Gefühls- und Songseite des Stücks. Das ist merkwürdig, weil es sich ja nicht um ein Gedicht handelt, eigentlich.

  6. ....I’d be used to the spin
    ’spin‘ verweist hier wohl auch auf den politischen ’spin‘, der im politschen Geschäft benutzt wird, um sich einen Vorteil zu erhaschen und dabei die Wirklichkeit verdreht, wenn nicht gar ignoriert.

  7. Titel eingeben
    Danke, obwohl schon 40 Jahre Bob-Dylan- und Emmylou-Harris-Hörer, war Band, Sänger, und Song ganz an mir vorbeigegangen. Ein übersehener Schatz, noch mal danke, auch für die luziden Erläuterungen.

  8. Danke!
    wieder einmal für einen extrem guten Beitrag in dieser Reihe!

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