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Pop-Anthologie

Antoine: „Elucubrations“

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Der Franzose Antoine war 1966 eine langhaarige Ikone. Sein Lied „Les Elucubrations“ (Die Hirngespinste) schockierte nicht nur die Erwachsenen, sondern auch andere Sänger.

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Der Sänger Antoine, aufgenommen etwa 1966.       (Bild: Jean Marie Périer)

Oh, Yeah !
Ma mère m’a dit: „Antoine, fais-toi couper les cheveux“
Je lui ai dit: „ma mère, dans vingt ans si tu veux
Je ne les garde pas pour me faire remarquer
Ni parce que je trouve ça beau
Mais parce que ça me plaît“.

Oh, Yeah !
L’autre jour, j’écoute la radio en me réveillant
C’était Yvette Horner qui jouait de l’accordéon
Ton accordéon me fatigue Yvette
Si tu jouais plutôt de la clarinette

Oh, Yeah !
Mon meilleur ami, si vous le connaissiez
Vous ne pourriez plus vous en séparer
L’autre jour il n’était pas très malin
Il a pris un laxatif au lieu de prendre le train

Oh, Yeah !
Avec mon petit cousin qui a dix ans
On regardait gros nounours à la télévision,
A nounours il a dit „Bonne nuit mon bonhomme“
Il est parti danser le jerk au Palladium

Oh, Yeah !
Le juge a dit à Jules: „Vous avez tué“
„Oui j’ai tué ma femme, pourtant je l’aimais“
Le juge a dit à Jules: „Vous aurez vingt ans“
Jules a dit : „Quand on aime, on a toujours vingt ans“.

Oh, Yeah !
Tout devrait changer tout le temps
Le monde serait bien plus amusant
On verrait des avions dans les couloirs du métro
Et Johnny Hallyday en cage à Médrano

Oh, Yeah !
Si je porte des chemises à fleurs
C’est que je suis en avance de deux ou trois longueurs
Ce n’est qu’une question de saison
Les vôtres n’ont encore que des boutons

Oh, Yeah !
J’ai reçu une lettre de la Présidence
Me demandant: „Antoine, vous avez du bon sens
Comment faire pour enrichir le pays ?“
„Mettez la pilule en vente dans les Monoprix“

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Als in den sechziger Jahren Sänger mit seidigem Haar – wie die Beatles – schon in den Straßen Londons flanierten, war es in Paris seltsam, solch extravagante Menschen zu sehen. 1966 aber erschien Pierre Antoine Muraccioli – Antoine ist sein Künstlername -, der mit seinem Blumenhemd und seinen langen Haaren das „Flower Power“ zwei Jahre vor der Zeit (zumindest, was Frankreich betrifft)ankündigte. Sein Lied „Les élucubrations“ (Die Hirngespinste) spielte eine besondere Rolle im neuen Generationskonflikt: Wie Antoine (der heute 74 ist) fingen Jugendliche an, über die soziale und politische Lage in Frankreich zu sprechen. Antoines „Hirngespinste“ erwähnten tatsächlich Themen wie die Pille und geißelten eine eigeengte und abgekapselte Gesellschaft.

In seinem Lied behauptete Antoine seinen Geschmack und sprach mit Ironie über seine Zeitgenossen. Zu seinen Einflüssen zählten der schottische Musiker Donovan sowie Bob Dylan und die Folk-Musik, die er während seine Reise durch die Vereinigten Staaten von Amerika entdeckte. Mit ihm spielten auch die Band „Les Problèmes“ (Die Probleme), die sich danach auf die Nachahmung berühmter Pop-Musik spezialisierten. Humor und Ironie gegenüber den sogenannten „yé-yé“ ist im vorliegenden Lied durch die Anapher „Oh, Yeah !“ spürbar. Der Name „yé-yé“, den Antoine kritisierte, leitete sich vom englischen Ausruf Yeah ab, der in der englischen Beatmusik besonders oft verwendet wird – in dem Beatles-Lied „She Loves You“ ist das Wort tatsächlich 29 Mal zu hören. Dem „yé-yé“ werden Popsänger verschiedener Stile zugeordnet, darunter Jacques Dutronc und Richard Anthony, daneben auch Rocker wie Johnny Hallyday. Mit seinem ironischen Lied brach Antoine mit dieser „yé-yé“ Bewegung und griff Sänger wie Johnny Hallyday – der ein Teenageridol war – oder die Musikerin Yvette Horner an.

In der sechsten Strophe erklärt Antoine, dass die Welt sich zu langsam entwickele und dass es „lustiger“ wäre, wenn „alles sich immer verändert“ (Tout devrait changer tout le temps). Dann wäre Johnny Hallyday in einem Käfig im Zirkus „Médrano“ zu sehen (On verrait […] Johnny Hallyday en cage à Médrano) – soll heißen, Hallyday gehöre der Vergangenheit an und gelte als Zirkustier, das in dem Käfig der „yé-yé“ Bewegung eingeschlossen war. Der Rocker antwortete mit dem Lied Cheveux longs idées courtes (Lange Haare, kurze Ideen) in dem er erklärte, dass es nicht ausreiche nur lange Haare zu haben, um die Welt zu verändern.

Johnny Hallyday ist nicht der einzige, der in diesem Lied kritisiert wird. In der zweiten Strophe schlägt Antoine der Akkordeonspielerin Yvette Horner vor, lieber Klarinette zu spielen, da „Ton accordéon me fatigue Yvette“ („Dein Akkordeon ermüdet mich, Yvette“). Yvette Horner war eine wichtige Figur in den vierziger und fünfziger Jahren und jeder kannte ihre Musik. Antoine fand diese Musik altmodisch.

In seinem Lied kritisiert er elterliche Gewalt, die politischen Organe sowie die geistliche Obrigkeit. Schon in der ersten Strophe festigt sich Antoine gegen seine Mutter, die ihn bittet, seine Haare zu schneiden. Er antwortet: „Ma mère dans vingt ans si tu veux / Je ne les garde pas pour me faire remarquer / Ni parce que je trouve ça beau / Mais parce que ça me plaît“ (Mutter, in zwanzig Jahren, wenn du willst / Ich habe lange Haare, nicht nur weil ich von Leuten beachtet werden will / Auch nicht, weil ich das schön finde / Sondern weil es mir gefällt). Mit seinen – für die Epoche – sehr langen Haaren versuchte Antoine einen ganz eigenen Stil zu haben. Mit seinem Blumenhemd zeigte er, dass er mit der älteren Kleidervorschrift brach. Er erklärt in der siebten Strophe, dass seine Blumenhemden bewiesen, er sei „en avance de deux ou trois longueurs“  (seiner Zeit um Längen voraus). Dies alles sind keine Kleinigkeiten: Die Sechziger erlaubten den Jugendlichen, einen neuen Status zu erhalten. Die Existenzbedingungen veränderten sich schnell, vor allem dank wirtschaftlichem Wohlstands. 1968 und der Schrei „Lauf schnell, Kamerad: Die Welt der Alten ist hinter dir her!“ sind Anzeichen für diese Veränderungen.

Das alles verarbeitet Antoine aber mit Humor und in einem leichten Erzählton. Dank der Wortspiele und Ironie sind die „Elucubrations“ die erste „Gag-Musik“, kein typisches französisches Chanson. Ein Gag-Lied, das auch von dem Übergang von der Kindheit zum Erwachsensein sprach: Antoine schaute mit seinem Cousin „Gros Nounours“ im Fernsehen, als sie jünger waren. In dem Lied erzählt Antoine, dass sein Cousin jetzt „Jerk im Palladium tanzt“ (vierte Strophe). Es gibt hier zwei sehr französische Zeichen: „Gros Nounours“ – mit Nicolas, Pimprenelle und dem Sandmännchen – ist eine zentrale Figur der französischen von Claude Laydu begründeten Kinder-Fernsehserie „Bonne nuit les petits“, die am 10. Dezember 1962 in Frankreich begann. Jedes Kind konnte eine fünf Minuten lange Folge am Abend schauen.

Aber Antoines Cousin geht, statt „Bonne nuit les petits“ zu schauen, tanzen im Palladium – einem damals berühmten Pariser  Nachtklub, der 1965 von James Arch gegründet wurde. Eines Tages stellte James Arch fest, dass es für Jugendliche aus Pariser Vororten schwierig war, in den Pariser Nachtklub zu fahren, da es nachts einfach keine Verkehrsmittel gab. Er entschied sich, Busse zu mieten und hat damit die Partys demokratisiert.

Antoines „Elucubrations“ sind wirklich ein Spiegelbild der Gesellschaft: Die Franzosen fingen an, ein hedonistisches Leben zu führen und lehnten damalige wichtige Einrichtungen (politische, militärische und religiöse) ab. Dass Antoine seine Haare nicht schneiden lassen wollte, ist auch eine Art zu sagen, dass er den Militärdienst nicht machen wollte. Am meisten schockierte er aber mit der letzten Strophe, in er verlangt, dass Charles de Gaulle die Pille in den Monoprix zum Verkauf anbietet. 1966 war die Empfängnisverhütung in Frankreich nicht erlaubt (während in der Bundesrepublik Deutschland die Antibabypille 1961 auf den Markt kam). Seit dem Gesetz vom 31. Juli 1920 waren die Empfängnisverhütung und die Pille ein Tabu in Frankreich, und bis 1967 war es Frauen nicht erlaubt, die Pille zu nehmen.

Die konservative französische Gesellschaft der Sechziger hat Antoines Lied kaum wahrgenommen und manche dachten, dass er mit seinem langen Haar und seiner Nonchalance nur provozieren wollte. Viele Erwachsenen – und auch andere Sänger – hatten aber den Eindruck, dass Antoine ihre Legitimität in Frage stellte. Der Belgier Jacques Brel kritisierte in der 1967 Neufassung der „Bonbons“  junge Unruhestifter wie Antoine, als er sang: „Jʼécoute pousser mes cheveux […] Je crie Paix au Vietnam […] Parce que enfin jʼai des opinions“ (Ich höre meinen Haaren beim Wachsen zu / Ich schreie Frieden in Vietman / Weil ich eine Meinung habe“).

Sehr ironisch erklärte Jacques Brel, dass es in den sechziger Jahren tatsächlich einen „Generationskonflikt“ gab. Aber Antoine scheint diesen Generationskonflikt dank seiner Leichtfertigkeit gewonnen zu haben.

 

 

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6 Lesermeinungen

  1. Antoine
    … war damals gut! Heute ein „Knödeln“.

    „Like a Rolling Stone“ war damals gut und heute immer noch! Hier werden schon Unterschiede klar.

  2. Et moi et moi et moi
    Protestsong von Jaques Dutronc aus 1967. Total cooler Song von total coolem Typen. Lebte dann mit Francoise Hardy zusammen, ebenfalls richtig gut und zeitgeistprägend!

  3. Sommer 1966
    Schön, dass ich nach über 50 Jahren wieder von Antoine höre. Im Sommer 1966 war ich an der Ardèche in Süd-Frankreich. Sein Lied ‚Les Elucubrations“ hat uns die ganzen Sommerferien begleitet. Es gehörte einfach mit dazu.

  4. 51 Jahre danach aber doch entdeckt die FAZ die heißeste Musik östlich vom Ärmelkanal:
    Sehr herzlichen Dank der Redakteurin! Und bitte mehr davon.

  5. Super Artikel!
    Vielen Dank für den schönen Artikel. Viele französische Songs -das ist jedenfalls meine Meinung- leben von Wortspielen (Gainsbourg!) und kleinen Seitenhieben auf Zeitgeist, Politik und Boulevard.

    Top.

  6. Cheveux longs et idées courtes
    Johnny Hallyday hat Antoine mit der Single „Cheveux longs et idées courtes“ gekontert. „Tatatatatataaa…“ (Refrain). Wenig später trägt er dann selber lange Haare – und besingt „les hippies de San Francisco“, „les gens que j’aime bien“.

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