Pop-Anthologie

The Undertones: „Teenage Kicks“

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Kein Liebeslied lässt so gekonnte Lücken wie dieses. Sein Entdecker, der BBC-Moderator John Peel, zitierte den Undertones-Song sogar auf seinem Grabstein. Was rührte ihn wohl zu Tränen?

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© picture-allianceThe Undertones

Als John Peel, der bis heute wohl berühmteste Musikradio-DJ der Welt, am 25. September 1978 in seiner BBC-Sendung auf Radio 1 zum ersten Mal die Single der damals noch kaum bekannten Undertones spielte, war er so ergriffen, dass er das Stück gleich noch ein weiteres Mal einlegen musste. „A teenage dream‘s so hard to beat”, beginnt Feargal Sharkey mit seiner immer etwas zittrig klingenden Stimme nach einigen Akkorden. Und dieser Teenager-Traums ist so simpel wie sehnsuchtsvoll: „Everytime she walks down the street / Another girl in the neighbourhood“. Ist es das, wovon Teenager träumen, jenem anderen Mädchen aus der Nachbarschaft?

Dieses „another“ ist vielleicht schon das geheimnisvollste am ganzen Text: Anders als wer oder was? Wieder ein anderes Mädchen als gestern, vorgestern, letzte Woche? Vielleicht steht das „other“ aber auch für die simpelste Form der Selbstverortung: Ich hier, Du das Andere. Unverschnörkelt geht es weiter: „Wish she was mine, she looks so good“ – weil sie nun mal gut ausschaut, soll sie bitte mir gehören. Teenagerliebe, sie lodert heiß und innig, und sie kennt nur Kompromisslosigkeit: Genau jetzt muss es diese eine Person sein und niemand sonst auf der Welt. Austauschbar nennt das nur, wer eine zu ausufernd zeitliche Perspektive einnimmt.

Gitarrist und Songwriter John O’Neill war zur Veröffentlichung von „Teenage Kicks“ bereits 21 Jahre alt, aber in der Punkbank aus dem nordirischen Derry fühlte man sich noch immer wie ein später Teenager. Eskapismus spielte eine Rolle: „Wir waren Straßenjungs aus dem kriegszerrütteten Derry, die sich durch Wolken an Tränengas kämpften, um Punkrock zu spielen“, schreibt Undertones-Bassist Michael Bradley in seiner 2016 erschienenen Autobiografie. John Peel wiederum, der beim ersten Einlegen der EP bereits in seinen späten Dreißigern war, sollte kein Lied mehr derartig vollkommen erscheinen: Nach einem Arbeitstag voll schlechter Lieder, berichtete Peels Ehefrau Sheila Ravenscroft in der Biografie „Margrave of the Marshes“, war es immer wieder dieses für ihn so perfekte Lied, das ihn umgehend wieder tröstete. In seinen Grabstein steht diese eine Zeile gemeißelt: „Teenage dreams so hard to beat“.

Der zweizeilige Refrain ist dann so simpel wie der gesamte Song, aber versuchen Sie einmal, „Teenage Kicks“ vernünftig zu übersetzen: „I wanna hold her, wanna hold her tight / Get teenage kicks right through the night.“ Vielleicht gerade weil „Teenage Kicks“ ein Teenager-Lebensgefühlsong über Teenager-Liebe ist für Menschen, die für eigentliche Liebeslieder zu cool sind, weil er die Wehmut der Liebe nur in Gedanken mit schnoddrigem Punk-Pragmatismus (es geht jedenfalls nicht um eine romantische, sondern um eine aufregende Liebe) und einem guten Level Aggression ob der frustrierten Enttäuschung zu verknüpfen weiß, aus denen sich jeder das jeweils individuell passende Maß herausnehmen kann, schlug er ein wie eine Bombe: Hit-Single, UK-Charts, Auftritte bei „Top of the Pops“ vor kreischenden Teenagern.

In der zweiten Strophe vermengen sich Wunschvorstellung und Tatsachenbehauptung genau so, wie jeder wahre Jugendtraum mit einer guten Dosis Omnipotenz um sich greift: „I’m gonna call her on the telephone / Have her over ‚cause I’m all alone“, wird hier gesungen – ein Anruf genügt, klar, um das Nachbarsmädchen rüberzuholen. Und weiter: „I need excitement, oh, I need it bad / And it’s the best I’ve ever had” – auch hier wieder: Simpel, kurz und cool bis auf die Knochen. Die Aufregung, eben noch dringend ersehnt, ist in der nächsten Zeile schon erfüllt, natürlich im Superlativ. Die beste Aufregung! Gerade diese Überhöhung, eingebettet in den Dur-Moll-Wechsel eines Punk-Songs, weckt Zweifel am gesamten Unterfangen: Entweder, es geschieht alles genau so, oder es wird niemals irgendetwas passieren.

Und damit wäre die sehr kurze Text-Exegese auch schon beendet, nach zwei Strophen sowie einem Refrain werden beide jeweils noch ein- bzw. bis zu insgesamt vier Mal wiederholt. Was offen bleiben muss: Alles. Jeder gute Popsong muss Substitut sein. „Teenage Kicks“ aber ist der König unter den Song-Substituten: So spezifisch in seiner Allgemeinhaftigkeit, so offenherzig und unverblümt zur Anfüllung mit Liebes- und Lebensgefühlen durch seine Hörerinnen und Hörer bereit, dass es nicht nur John Peel Tränen in die Augen treibt.

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Teenage Kicks

A teenage dream’s so hard to beat
Everytime she walks down the street
Another girl in the neighbourhood
Wish she was mine, she looks so good

I wanna hold her, wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night

I’m gonna call her on the telephone
Have her over ’cause I’m all alone
I need excitement, oh, I need it bad
And it’s the best I’ve ever had

I wanna hold her, wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night, all right

A teenage dream’s so hard to beat
Everytime she walks down the street
Another girl in the neighbourhood
Wish she was mine, she looks so good

I wanna hold her, wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night, all right

I’m gonna call her on the telephone
Have her over ’cause I’m all alone
I need excitement, oh, I need it bad
And it’s the best I’ve ever had

I wanna hold her, wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night, all right

I wanna hold her, wanna hold her tight
Get teenage kicks right through the night, all right


6 Lesermeinungen

  1. Bestes Gitarrenbrett aller Zeiten
    Geiler Song, guter Artikel. Aber: Es gibt keine Dur-Moll-Wechsel. Es sind Powerchords. Deshalb klingt das auch so schön roh.

    • Powerchords? Nicht nötig...
      Vielen Dank für Ihren Beitrag – allerdings möchte ich widersprechen: Im Text wird ja zunächst nur der Dur-Moll-Wechsel im Lied beschrieben, und den vollzieht schon Feargal Sharkeys Gesangslinie („everytime she walks down the street“ endet auf der Terz von B-Moll und gibt somit auch das Geschlecht des Akkordes preis). Darüber hinaus spielen The Undertones aber auch keine Powerchords, sondern D-Dur, später B-Moll (zumindest haben sie dies z.B. auf dem Isle of Wight-Festival getan), wie auch in den meisten Akkordtabellen so aufgezeichnet… Der Anschlag ist allerdings schön punkig. Dies trägt neben allem anderen vermutlich zum rohen Eindruck bei. Schöne Grüße!

  2. sound make music
    den text habe ich mir nie wirklich angehört, da er einfach erschliessbar war. Der Sound der Gitarre, trocken und wie durch ein alte voluminöses Transistorradio gespielt hat mich ebenso fasziniert wie das nervöse Timbre und des zweihunderter Feinkorn-Schmirgelpapiers von Feargals Stimme. Und beim Wiederhören gerade eben eben wieder. Rrrummms.

  3. Another girl
    Bedeutet einfach „ein weiteres Mädchen“, nicht ein „anderes“. Man sollte es nicht geheimnisvoller machen als es ist.

  4. Good Vibrations
    Dem geneigten Leser sei auch der Film „Good Vibrations“ von 2012 sehr ans Herz gelegt, der die auf wahren Begebenheiten beruhende Geschichte von Terri Hooley erzählt, der als erster Punk-Platten-Label-Betreiber in Belfast die Untertones unter Vertrag nimmt und ins Studio schickt. Sehr schön erzählt – mit dem „Colorit“ der späten 70er Jahre …

  5. Hurrah, endich werden mal "the untertones" gewürdigt
    Eine prima Band, die zunächst mit Coverversions-Auftritten lokale Berühmtheit in Derry erreichte. Sie verstanden also durchaus ihr musikalisches Handwerk. Durch den aus England überschwappenden Erfolg des Punk traute man sich dann, eigene Texte zu verfassen und war eben auch keine 14 oder 16 Jahre mehr jung, was den äußerst sprachwitzigen Texten klar zu gute kam, wie auch bereits im Blog schön erläutert. Wenn man so will, sind dies die neuen Lieder der Jugendlichen gewesen, die sehr eingängig und eben auch lustig waren, was sicher zu ihrem Erfolg beitrug. Ich empfehle auch dringend „My perfect cousin“ und „True confessions“ von den Undertones zu hören.
    Die Begeisterung des unvergessenen John Peel und seiner herrlichen Radiosendungen hat nicht unerheblich zum verdienten Erfolg dieser Außenseiterband beigetragen.

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