Pop-Anthologie

Beck: „Loser“

Aufschrei einer Generation oder Spaßsong eines prekär Beschäftigten, der geduldig auf den Durchbruch wartet? In Becks Versager-Hymne passt eigentlich nichts zusammen, doch er trifft genau den richtigen Ton.

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Ein Slacker? Beck

Wer an dieser Stelle manchmal in Zweifel darüber gerät, ob denn der Text in der Popmusik überhaupt so eine große Rolle spielt oder ob nicht doch ohne die zugehörige Musik alles nichts wäre, der findet mit dem nun folgenden Lied ein hervorragendes Beispiel für die Kraft des gesungenen Wortes. Denn vom erstmals 1993 veröffentlichten Song „Loser“ des amerikanischen Musikers Beck Hansen hat sich nahezu ausschließlich die dreizehneinhalb Worte umspannende, musikalisch bestenfalls durch Understatement beeindruckende Refrainzeile ins kollektive Gedächtnis gebrannt.

Es scheppert die holprige Slide-Gitarre, ein Drum-Sample und eine funky Bass-Line steigen mit ein – mehr braucht das Grundgerüst des Songs nicht. In der Strophe gesellen sich dann ein Sitar-Riff oder auch mal eine Tremolo-Gitarre dazu, doch dass da eigentlich ein paar ganze Absätze gerappter Textpassagen abgearbeitet werden, geht ob der folgenden, ikonisch genuschelten Sätze beinahe völlig unter.  „Soy un perdedor“ schwillt Beck Hansens Gesang langsam an, und mündet in: „ I’m a loser, baby, so why don’t you kill me“. Zwei Sprachen, eine global verständliche Botschaft: Ich bin ein Versager, Baby, also, warum bringst du mich nicht um. Kein Fragezeichen. Und dann plötzlich ein Welthit, der auf MTV hoch und runter gespielt wurde.

Ende der achtziger Jahre lebte Bek David Campbell Hansen noch mittellos in New York, trieb sich an der Lower East Side und im East Village herum und kam mit der ersten Welle der sogenannten Anti-Folker in Berührung. Hatte Beck zuvor noch die Delta-Blues-Musiker wie Mississippi John Hurt gecovert, versuchte er sich nun an eigenen, surrealistisch-assoziativen Songs über Pizza, MTV oder den eigenen Job bei McDonalds, während er erfolglos eine Wohnung suchte und seine Nächte bei Freunden auf der Couch verbrachte. Abgeschreckt von der Aussicht, als musizierender Obdachloser zu enden, ging es dann 1991 gen Heimat, zurück nach Los Angeles. Auch dort jobbte Beck vorerst wieder im Niedriglohnsektor und trat nebenher weiterhin in Coffeeshops und Clubs auf. Mit spontanen, albernen Songs und Hip-Hop-Einlagen versuchte er das nicht selten desinteressierte Publikum bei Laune zu halten. Bei einem solchem Auftritt wird Tom Rothrock, Mitbegründer des Kleinstlabels Bong Load, auf den Musiker aufmerksam geworden sein und brachte ihn schließlich mit dem Hip-Hop-Produzenten Carl Stephenson zusammen.   

 „Loser“ wurde dann bereits beim ersten Treffen von Beck und Stephenson in gut sechs Stunden aufgenommen und fertig produziert. Schon in den Achtzigern, so erzählte der Musiker es zumindest später, war ihm die Verwandtschaft von Hip-Hop und Delta-Blues offenkundig: „I had always heard that Delta-blues rhythm in hip-hop. I remember early on playing slide guitar, and thinking that slide guitar on a hip-hop beat would always sound real good.” Stephenson loopte Becks Slide-Gitarrenriff, fügte ein Drum-Sample hinzu, spielte die Sitar und die Bass-Linie ein, derweil Beck sich an den Text setzte. Als Beck schließlich die Aufnahmen hörte, in denen er eigenen Aussagen zufolge versuchte hatte, den Rap-Style von Public Enemy’s Chuck D zu imitieren, kam ihm nur ein Gedanke: „Man, I’m the worst rapper in the world, I’m just a loser.“ Heureka: Die catchy Refrainzeile war geboren.

Und: Niemand hatte diese Geste jemals mit einer solchen Mischung aus Lässig- und Dringlichkeit vorgetragen, wie es nun Beck mit „Loser“ tat. Die zu dieser Zeit ähnlich lautenden Songzeilen von Bands wie Radiohead („Creep“) oder etwas später den Smashing Pumpkins („Zero“) waren genuine Selbstgeißelungen. Anders bei Beck: Der versprach sich vermutlich wenig von der Nachmittagssession, und vielleicht gerade deshalb atmete dieses Lied, das zuerst als Single erschien und erst später dann auf einem Album beim Majorlabel, Selbstironie und kecke Albernheit aus jeder Pore. Das dazugehörige Musikvideo verströmt dann auch genau diese charmant ahnungslose wie unbeeindruckte Aura: ein schelmisch dreinblickender Beck, ein paar tanzende Schulmädchen, ein Sarg auf Spazierfahrt, während die 16mm-Aufnahmen ein wenig im Geiste von Experimentalfilmern wie Stan Brakhage nachbearbeitet werden. Der Musiksender MTV, der offenbar einen Narren am Musiker und seinem Debüt gefressen hatte, wurde nicht müde, die Ikonisierung voranzutreiben. Und so wurde Beck 1994, was er nie sein wollte, zum Aushängeschild des sogenannten Slackers.

Becks Reaktionen hierauf sind vielerorts verbrieft: „Oh shit. That sucks“ kommentierte er lakonisch in einem Interview dieses Missverständnis. Und „Slacker my Ass!“ heißt es anderer Stelle, musste der nun so Betitelte doch ursprünglich seinen Lebensunterhalt mit vier Dollar Stundenlohn bestreiten und konnte nicht die Privilegien jener Mittelstands-Kids genießen, die nun den ganzen Tag in ihrer von Langeweile geprägten Suburbia-Freizeit „I’m a loser, baby“ grölten.

Gänzlich unkalkuliert

Hinkt auch die Performance, so gibt es an den Rap-Passagen textlich wenig zu rütteln und doch noch einiges mehr zu entdecken, als der omnipräsente Refrain nahelegt. Eine großartige Nonsense-Erzählung, jegliche Kausalität durchkreuzend, die in ihrer Kombination aus Profanem und Poetischem stellenweise durchaus das Zeug zu einer Form von zeitgenössischer Fluxus-Lyrik hat (Becks Großvater Al Hansen war ein Mitglied dieser Künstlergruppe, seine Tochter Bibbi war Warhol-Muse): Von bösen Mächten, die alle Musik mit einer Schein-Gaskammer verbannen, ist dort zum Beispiel die Rede (The forces of evil in a bozo nightmare /Ban all the music with a phony gas chamber). Und wenn Beck vor dem vielfach gejaulten Loser-Gesang dann noch die letzte reguläre Zeile im Lied anstimmt, dann könnte diese so auch von einem Beatnik-Dichter verfasst worden sein: Und meine Zeit, heißt es dort, ist ein Stück Wachs, das auf eine Termite fällt, die gerade an den Splittern erstickt (And my time is a piece of wax fallin‘ on a termite / That’s chokin‘ on the splinters).

Dass Songtexte von ihren Verfassern oft sehr viel konkreter und somit meist auch banaler gemeint sind, als sie später rezipiert werden, von dieser Regel bildet Becks Debütsingle keine Ausnahme. Die scheinbare Selbstgeißelung in „Loser“, sah sich der Musiker immer wieder gezwungen klarzustellen, sei denn auch keineswegs als generalistische Aussage zu verstehen. Ärgerlich fand es Beck, dass dieser kurzweilige Spaß-Song, entstanden an einem Nachmittag bei jeder Menge Doritos und Pizza, nun zu einem „ängstlichen, transzendentalen Ausschrei einer Generation“ gemacht werde.

Die Geschichte des Pop ist bekanntlich eine, die sich immer wieder gern auch ganz selbstironisch fortschreibt. Kritik an ihren Verheißungen werden ebenso wie Anti-Haltungen zuverlässig absorbiert und in den Kanon aufgenommen. Und trotzdem: Wenn jene Popgeschichte einen Verfasser hätte, oder zumindest so etwas wie einen Showrunner, dann würde der sich vielleicht insgeheim doch hin und wieder noch selbst auf die Schulter klopfen für so viel kecken Treppenwitz, der durchaus auch den Stoff für einen durchschnittlichen Hollywoodfilm liefern könnte: Wie der Loser, der da so hemdsärmelig ein paar Zeilen ins Studiomikro nuschelt, bevor er bald schon wieder den lausig bezahlten Tagesjob anzutreten hat, mit seinem frechen Taugenichts-Geständnis dann tatsächlich und, wir schenken ihm da Glauben, gänzlich unkalkuliert den Grundstein für eine mehr als respektable Musikerkarriere legte.

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Beck: „Loser“

In the time of chimpanzees I was a monkey
Butane in my veins so I’m out to cut the junkie
With the plastic eyeballs, spray paint the vegetables
Dog food stalls with the beefcake pantyhose
Kill the headlights and put it in neutral
Stock car flamin’ with a loser and the cruise control
Baby’s in Reno with the vitamin D
Got a couple of couches sleep on the love seat

Someone keeps sayin’ I’m insane to complain
About a shotgun wedding and a stain on my shirt
Don’t believe everything that you read
You get a parking violation and a maggot on your sleeve
So shave your face with some mace in the dark
Savin’ all your food stamps and burnin’ down the trailer park
Yo, cut it

Soy un perdedor
I’m a loser baby so why don’t you kill me? (double barrel buckshot)

Soy un perdedor
I’m a loser baby, so why don’t you kill me?

The forces of evil in a bozo nightmare
Ban all the music with a phony gas chamber
’Cause one’s got a weasel and the other’s got a flag
One’s got on the pole shove the other in a bag
With the rerun shows and the cocaine nose job
The daytime crap with the folksinger slop
He hung himself with a guitar string
A slab of turkey neck and it’s hangin’ from a pigeon wing
You can’t get it right if you can’t relate
Trade the cash for the beef for the body for the hate
And my time is a piece of wax fallin’ on a termite
That’s chokin’ on the splinters

Soy un perdedor
I’m a loser baby so why don’t you kill me?
(Get crazy with the Cheeze Whiz)

Soy un perdedor
I’m a loser baby so why don’t you kill me?
(Drive-by body pierce)

Soy
Soy un perdedor
I’m a loser baby so why don’t you kill me?
(I can’t believe you)

oy un perdedor
I’m a loser baby so why don’t you kill me?

Soy un perdedor
I’m a loser baby so why don’t you kill me?
(Sprechen Sie Deutsche, baby) Soy un perdedor

I’m a loser baby so why don’t you kill me?
(Know what I’m sayin‘?)