Pop-Anthologie

Pixies: „Catfish Kate“

Die Pixies sind mit ihrem Publikum gealtert. Das hat auf dem neuen Album Spuren hinterlassen. In dem Song „Catfish Cate“ tauchen sie in jene amerikanischen Mythen ein, in denen sie sich am liebsten spiegeln.

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Die Pixies, 2019

„Pop ist alt geworden“, schreibt der Germanist Jochen Venus in einem Aufsatz über die Ästhetik desselben. Wenn man durch die Facebook-Fan-Seite der Pixies scrollt, dann kann man das nur bestätigen. Dutzende Selfies grauhaariger, Brillen tragender Männer und Frauen, die in einem Pixies-T-Shirt posieren – Versicherungskaufleute, Lehrer, Handwerker. Und wenn man sich ein aktuelles Bandfoto der Pixies anschaut, dann findet sich bestätigt, dass Pop alt geworden ist.

Der Bandchef, Sänger und Gitarrist Charles Thompson ist ein glatzköpfiger, ziemlich dicker Mittfünfziger. Der Gitarrist Joey Santiago ist ein eher drahtiger, grauhaariger Mann, ebenso der Schlagzeuger David Lovering. Die Bassistin Paz Lenchantin sticht ein wenig heraus, sie ist fast zehn Jahre jünger als der Rest der Band. Wenn man auf die Bandgeschichte der Pixies zurückblickt, dann hat die Band wahrscheinlich einen ähnlichen Weg hinter sich, wie viele ihrer Fans. Von jugendlicher Euphorie zur Etablierung, dann eine Scheidung, eine Singlephase und schließlich eine Vernunftehe.

Thompson und Santiago gründeten die Band 1986 noch als Studenten. Später stießen sie auf die coole Bassistin Kim Deal und den Schlagzeuger David Lovering. Zwischen 1988 und 1991 nahm die Gruppe vier Alben auf, die vor allem in Großbritannien Erfolg hatten. Von der dritten Platte an stritten die Pixies miteinander. Thompson, der unter dem Künstlernamen Black Francis oder auch Frank Black firmierte, dominierte die Band künstlerisch, Kim Deal fühlte sich eingeengt und forderte mehr Beteiligung. Nachdem die Pixies 1991 als Vorband von U2 aufgetreten waren, versandete ihre Karriere. Kim Deal hatte bereits ihre eigene Band The Breeders gegründet. Thompson begann, eine schier unüberschaubare Anzahl an mal guten, mal weniger guten Soloplatten einzuspielen, Joey Santiago produzierte Musik für Kino und Fernsehen. Und David Lovering wurde, man glaubt es kaum, Zauberkünstler.

Vermutlich wären die Pixies damit historisch geworden, wenn nicht zwei Dinge geschehen wären. Erstens behauptete Kurt Cobain in einem Interview, er habe beim Schreiben seines Überhits „Smells like Teen Spirit“ einfach versucht, einen Pixies-Song zu schreiben. Und obwohl die Pixies stets ein Nischenprodukt im Plattenregal gewesen waren, wurden sie jetzt mit einem Schlag zu einer der stilistisch einflussreichsten Bands der Neunziger. Sogar David Bowie coverte sie. Das Zweite, was geschah, war dass der Regisseur David Fincher 1999 in seinem erfolgreichen Film „Fight Club“ den Pixies-Song „Where Is My Mind?“ einsetzte. Was dazu führte, dass das auf dem Debutalbum erschienene Lied mit mehr als einem Jahrzehnt Abstand zum größten Hit der Pixies wurde. Und so konnten sie im Jahr 2003 gar nicht anders – sie taten sich wieder zusammen. Sie waren zu einer Marke mit großer Reichweite geworden.

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Ende der Achtziger waren die Pixies eine Erlösung gewesen. Sie machten harte Rockmusik, brauchten dafür aber keine toupierten langen Haare, keine engen Tigermusterhosen, keine Schminke und kein Solisten-Gitarren-Helden-Pathos. Sie sahen aus wie vier Informatikstudenten in Karohemden. Ihre Musik war sehr melodisch, aber durchsetzt von Synkopen, Dissonanzen und ungewohnten Tonartwechseln. Die Arrangements der Songs waren filigran ausgetüftelt. Als charakteristisch galt das Laut-Leise-Laut-Schema, das von den Grundge-Bands der Neunziger übernommen wurde. In den Texten ging es um ins Weltall geschossene Affen, die Area 51, Meerjungfrauen vor der Küste Kaliforniens und Wahnsinn ganz im Allgemeinen. Es ging um „das alte, unheimliche Amerika“, wie Greil Marcus es in Bezug auf Bob Dylans „Basement Tapes“ einmal beschrieben hat. Oder, wie Leslie A. Fiedler es in seinem Essay „Cross the Boarder – Close the Gap“ formulierte: „… wir sind immer, sofern wir überhaupt Amerikaner sind, eher die Bewohner des Mythos denn der Geschichte gewesen.“ In diesem Sinne sind die Pixies eine sehr amerikanische Band.

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Im Sommer 2018 spielten die Pixies in Missoula zwischen den Felsen der Rocky Mountains unter dem blauen Himmel Montanas. Nirgendwo sind ihre Songs mehr zu Hause. Die grauhaarigen Mittfünfziger waren alle da und nippten vorsichtig am Bier. Manche hatten ihre Kinder dabei. Einige hatten sogar noch die Tourshirts von 1989 an. Zwei junge Mädchen, die vorne an der Bühne standen und kifften, stachen extrem heraus. Ohne Ansage begannen die Pixies einen Drei-Minuten-Kracher nach dem anderen rauszuhauen. Durch das grelle Bühnenlicht waren sie oft nur als Schatten erkennbar. Die Fans sangen bei jedem Song mit, die Band ist mit ihnen erwachsen geworden. Sie sind gemeinsam alt, grau und dick geworden. „Wir leben in einer überalterten Gesellschaft“, meint der Historiker Bodo Mrozek in einem Interview mit dem Spex, „folglich werden auch Ältere bevorzugt von der Kulturindustrie als Konsument_innen adressiert.“

Weder die Fans, noch die Pixies scheinen ihrer Jugend nachzutrauern. Beide sind in der Gegenwart angekommen. Joey Santiago zum Beispiel sieht den Tourbetrieb sehr nüchtern. „Die Pixies – die beste Coverband der Pixies!“, erzählt er lachend im Pixies-Podcast. Der eigentliche kreative Prozess finde immer im Studio statt. Für die Tour müsse sich die Band dann in eine Coverband der eigenen Songs verwandeln. Und auch Charles Thompson hat einen pragmatischen Zugang zu seinem Beruf gefunden: „Wir sind einfach Leute, die als Musiker arbeiten“, sagt er in einem Interview mit der Plattform Songfacts.

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Die im September 2019 erschienene Pixies-Platte „Beneath the Eyrie“ ist in mehrfacher Weise Musik für Erwachsene. Sie erzählt sehr poetisch von toten Surfern, Friedhöfen und dem Pionier Daniel Boone. Sie erzählt vom Mythos der Vereinigten Staaten. Der britische Produzent Tom Dalgety hat den Sound der Band weiterentwickelt, ohne sie ihrer Seele zu berauben. Thompson bleibt als Songwriter unangefochtener Boss, aber die ausgebildete Multi-Instrumentalistin Paz Lenchantin bereichert den Bandsound durch ihr komplexes Basspiel, ihren Harmoniegesang, ihre organisch einfließende Tastenarbeit und ihr Songwriting. Kim Deal fehlt nicht mehr.

Der Meistersong der Platte ist Thompsons Song „Catfish Kate“. Er vereinigt die neuen musikalischen Stärken mit dem düster-poetischen Talent Thompsons für das Erzählen typisch amerikanischer Mythen.

Die kleine Geschichte ist schnell erzählt. Eine Frau namens Kate lebt an dem Fluss, den „wir alle kennen“. Sie geht fischen und wird von einem „Catfish“ angegriffen. Er packt sie am Kopf und zerrt sie in den Fluss. Einen ganzen Tag lang kämpfen die beiden miteinander. Schließlich siegt Kate. Aber der Kampf hat sie verändert. Sie trägt jetzt die Haut des Katzenfisches.

Berichtet wird die Geschichte von einem Erzähler, der sich Black Jack Hooligan nennt. Eine Figur, die Thompsons Vater erfunden hat. „Als ich ein Kind war, hat mein Vater mir und meinem Bruder immer Geschichten erzählt“, sagt Thompson im Songfact-Interview, „manche hat er selber erfunden, manche hat er wohl irgendwo gehört, aber alle drehten sich um Black Jack Hooligan.“ Hooligan sei Schotte gewesen, der im 19. Jahrhundert die ganze Welt bereist, in die Vereinigten Staaten gekommen sei und dann in den Bergen Süd Dakotas gelebt habe. „Er hatte eine Freundin, ihr Name war Catfish Kate.“ In einer der Geschichten seines Vaters sei es darum gegangen, wie Catfish Kate zu ihrem Namen kam. „Ich habe die Geschichte einfach nacherzählt“, sagt Thompson. Im Refrain wird Kate als „Blackfoot Blossom“ bezeichnet. Tatsächlich hatten die Blackfoot in Süd Dakota ihr Stammesgebiet.

Der Text erzählt eine märchenhafte Initiationsgeschichte. Die Heldin zieht los, gerät in Gefahr und geht aus dieser gestärkt und verändert hervor. Interessant ist, dass sie ihren Gegner zu einem Teil ihrer selbst macht. Das, was sie umbringen wollte, stärkt und schützt sie jetzt. Es ist eine Geschichte vom Erwachsenwerden, eine Geschichte, die man intuitiv versteht.

Wahrscheinlich hat keiner der Pixies-Fans als Jugendlicher davon geträumt Lehrer, Versicherungsvertreter oder Handwerker zu werden. Und jetzt tragen sie ihren Anzug, ihre Normcore-Lehrer-Klamotten oder ihren Blaumann wie Catfish Kate ihre Fischhaut. Sie sind erwachsen geworden. Und ganz bestimmt hat sich Charles Thompson nicht vorgestellt, mit Mitte Fünfzig noch immer bei den Pixies zu spielen.

„Catfish Kate“

Call me devil, call me friend, but call me Black Jack Hooligan
I came all the way from Aberdeen
To live among the go-betweens
Let me tell you tell you about Catfish Kate
In the time before when she’s just Kate
Here in the mountains all alone
Before the time we called this home

Where is my angel fallen
Down at the river bottom
And will she get away?
Where is my Blackfoot blossom
Is she just playing possum
Who lives another day?

Here in the valley that we all know
A river bend that’s deep and slow
Where every creature drinks their fill
And other creatures take their kill
Now Kate had went to catch a fish
To put inside her favorite dish
A catfish grabbed her by the head
And took her to his house instead

Where is my angel fallen

Well, they wrestled all the day and night
The morning showed the bloody sight
Kate all dressed in catfish clothes
His whiskers for her catfish robe
Whiskers for her robe

Where is my angel fallen

Now she’s known as Catfish Kate

Musikalisch ist der Song ein schlichtes Strophe-Refrain-Strophe-Lied. Aber es ist ja auch eine schlichte Geschichte. Joey Santiago lässt seine Gitarre sirenenartig und bedrohlich heulen, unterlegt von Paz Lenchantins sprudelndem Bass und Thompsons Akustik-Gitarre. Im Refrain wird Thompsons Gesang mit mehrstimmigem Harmoniegesang von Lenchantin angereichert.

Dass die Geschichte extra einen Erzähler einführt, macht dabei Sinn. Denn das, was wir unsere Lebensgeschichte nennen, das ist die Geschichte, die wir uns über uns selbst erzählen, unser biographischer Mythos, der uns sagen soll, wer wir sind. „Ich bin ein bündelndes rückkoppelndes Als-ob, das sich eine fragwürdige Erinnerungsgeschichte schafft, um dann aus ihr zu bestehen“, hat Silvia Bovenschen einmal geschrieben. Und Popmusik ist für viele Menschen ein Teil dieser Erinnerungsgeschichte.

Das Video zeigt die Geschichte in archaischen Bildern, die wie Höhlenmalereien wirken.

Die Katzenfischhaut der Pixies besteht darin, dass Sie verstanden haben, wer ihre Kunden sind und wie sie bedient werden wollen. Pop, erklärt Moritz Baßler in seinem Buch „Western Promises. Popmusik und Markennamen“, entsteht aus einem ästhetischen Rückkopplungsprozess, einer semiotischen Koproduktion zwischen Publikum und Künstler. Er ist zugeschnitten auf die Bedürfnisse seiner Konsumenten. „Zugespitzt lässt sich sogar sagen, dass die auktoriale Instanz im Pop auf der Rezipientenseite zu suchen ist.“ Dazu passend berichtet Thompson davon, dass ihn positive Publikumsreaktionen beeinflussen. Aber mehr noch als er betont der Produzent Tom Dalgety die zielgruppenorientierte Weiterentwicklung des Bandsounds. Im Podcast hört man ihn immer wieder sagen: „This is very Pixies!“

Heute warten viele Popmusikhörer nicht mehr auf neue Musik, sie warten auf die gewartete Musik ihrer alten Stars. Das zeigt der Erfolg der neu abgemischten und digital restaurierten Beatles-Alben. Re-Releases sind das große Ding – und plötzlich erscheinen die Beatles wieder auf allen medialen Kanälen, als sei es 1969.

Das Erscheinen des neuen Albums der Pixies wurde von der Podcast-Reihe „It’s a Pixies Podcast“ begleitet, die detailgenau von der Entstehung der neuen Platte berichtet. Damit spricht die Band genau das Publikum an, das zur Platte auch den Entstehungsmythos braucht. Und die Band liefert: Aufgenommen wurde die Platte in den Dreamland Studios, einer alten Holzkirche am Fuß der Catskill Mountains, umgeben von Wald und wilden Tieren. Und in der Nähe von Woodstock, wo Bob Dylan in den Sechzigern die Basement Tapes einspielte. Ein magischer Ort. Ein Ort, der für die Phantasie der Fans wie geschaffen ist. „Beneath the Eyrie“ heißt die Platte auch wegen der Landschaft, in der sie entstanden ist. Die alte Band liefert den Mythos zur neuen Platte gleich mit.

Der Historiker Erich Keller plädiert in seinem Buch „Pop, der Soundtrack der Zeitgeschichte“ für einen nüchternen Pop-Begriff, stehend für ein „Ensemble von Produktions-, Distributions- und Rezeptionsdispositiven (…), innerhalb deren Musik entsteht, zirkuliert, mit Bedeutung aufgeladen und angeeignet wird.“ Diesen unsentimentalen Zugang zur eigenen Musik scheinen die Pixies gefunden zu haben. Er ermöglicht es ihnen, Musik von Erwachsenen für Erwachsene zu machen. Und in keinem Song kommt das besser zum Ausdruck als in „Catfish Kate“.

Es war sicher nicht Charles Thompsons Absicht, all das auszudrücken, als er „Catfish Kate“ geschrieben hat. Im Podcast erzählt er, dass immer wieder Menschen zu ihm kämen und ihn fragten, was er mit diesem oder jenem Text denn gemeint habe. Er antworte dann immer: Keine Ahnung! Aber im Pop liegt ja die auktoriale Instanz beim Hörer.