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Wenn Menschen unter Wolken singen

30.03.2009, 10:20 Uhr  ·  Darf man Bud Spencer um eine Gesangsdarbietung bitten? Muss jeder Musiker auch ein Blogger sein? Und warum sind Maximo Park fast genau so langweilig wie Silbermond? Eric Pfeil stellt sich im Pop-Blog den drängenden Fragen des musikalischen Alltags.

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Vor ein paar Wochen hatte ich das Vergnügen, den beliebten Körperkünstler und bekennenden Nichtschauspieler Bud Spencer zu treffen. Ein feiner Mann und ein menschliches Massiv. Fast regungslos saß er da und ließ zur Unterstreichung seiner lakonischen Ausführungen nur seine kleinen Äuglein lustig umherkullern. Auf meine Frage, ob er, der in Neapel geboren wurde, aber in Rom lebt, sich mehr als Neapolitaner oder als Römer fühle, antwortete er, noch bevor ich meine Frage beenden konnte nur: „Ich bin Neapolitaner, von Kopf bis Fuß”. Woran man das denn am besten feststellen könne, fragte ich weiter. Darauf Spencer: „Sie sollten mich mal singen hören”. Das hätte ich gerne getan, aber Herrn Spencer zu einer Gesangsdarbietung aufzufordern, habe ich mich nicht getraut, da er mir ob solcher Respektlosigkeit vermutlich eher zu einer Audienz beim Backpfeifenorchester verholfen hätte. Auch die vor rund fünf Jahren eingesungene einzige CD des Mannes konnte ich bislang nirgendwo auftreiben.

Von schier nicht zu umfahrender Daueranwesenheit ist dagegen immer die Musik, die man eben nicht hören möchte. Die des musikalischen Sparkontoquintetts Silbermond zum Beispiel. Doch halt! Das Herumtrampeln auf Silbermond gehört gleich nach dem Herumtrampeln auf den Toten Hosen und dem Herumtrampeln auf U2 zu den billigsten Standard-Disziplinen des Musikjournalismus, da kann sich von mir aus die Wut-Kolumne des Leverkusener Hassanzeigers drum kümmern.
Mir ist vielmehr der mild kulturpessimistische Punkt wichtig, daß es in Zeiten absoluter Allesverfügbarkeit auch mal ganz schön ist, wenn irgendetwas nicht erhältlich ist. Es gibt zum Beispiel bis heute Momente, in denen ich mich ein bisschen freue, daß es mir bis heute nicht gelungen ist, den Soundtrack zu John Woos Film „The Killer” aufzutreiben, der ein herzzerknetendes Liebeslied in kantonesischer Sprache enthält. Sollte ich je in einem gut sitzenden Anzug in einer Straßenpfütze aufgefunden werden, in der sich sonst, wenn ich nicht darin herumliege, Achtziger-Jahre-Neon-Schriftzeichen zu spiegeln pflegen, dann bitte zu diesem Lied. Das Stück zu kaufen brauche ich aber nicht, es ist mir tief ins Hirn einmassiert.

Die paar Musiken, die mir die rare Chance eröffnen, sie nie besitzen zu können, behalten vor allem eins: etwas Geheimnisvolles. Und „das Geheimnisvolle” war es auch, das mich am Anfang meiner Musikhörerkarriere überhaupt dem Pop in die Hände getrieben hat. Wichtige Jahre meines Lebens habe ich freudig an Musiken verschwendet, über deren Schöpfer – vor allem von ihnen selbst – fast nichts herauszubekommen war (mitunter war das ganz gut). Heute aber ist jeder Musiker auch Blogger, hat eine Myspace-Seite mit 3452 Freunden, veröffentlicht unentwegt mit wackeliger Handkamera gefilmte Studio-Tagebücher und bringt Alben heraus, denen ungefragt als Dreingabe Filmchen hinzugefügt wurden, darin sich Produzenten, Freunde, Cover-Gestalter und andere Langweiler zur aktuellen Produktion des Musikers äußern. Ich will das alles nicht sehen. Lassen Sie es mich so sagen: Morrissey doesn’t blog.

Vor zwei Wochen traf ich die Band Maximo Park anlässlich ihres im Mai erscheinenden neuen Albums zum Interview. Im Vorfeld überlegte ich lange, warum ich mit den meisten dieser jungen Bands im Grunde meines Herzens nichts anfangen kann. Dabei haben sie alle exakt die richtigen Einflüsse, reden vernünftiges Zeugs, und man sollte sicher dringend mal mit ihnen zusammen ins Kino gehen. Aber ihre Musik gibt mir wenig. Ich entdeckte dann auf der Maximo Park-Platte ein Stück namens „Under A Cloud Of Mystery”, worin der Ich-Erzähler sein Gegenüber fragt, warum in Dreiteufelsnamen man sich nicht immer unter einer Wolke des Geheimnisvollen begegnen könne. Warum das nicht geht – und auch nicht wünschenswert ist – scheint mir offenkundig, aber mir wurde schlagartig klar, was mich an all diesen jungen Bands irritiert: Es weht nicht der Hauch eines Geheimnisses um sie. Ich habe das Gefühl, alles über sie zu wissen.

Als ich Paul Smith, den freundlichen Sänger der Band, angesichts dieses Songs darauf anspreche, ob er mein Problem nachvollziehen könne und ob auch er der Meinung sei, daß man heute doch ein wenig überinformiert sei, was seine Lieblingsbands angeht, antwortet dieser: „Ich verstehe, was du meinst. Aber ich glaube, jede Band hat die Wahl, soviel oder so wenig über sich zu verraten, wie sie will. Ich finde, bei Musik geht es um das Kommunizieren von Gefühlen und darum, etwas mit dem Publikum zu teilen. Deswegen weiß noch lange nicht jeder, was ich in meiner Freizeit mache. Darüber hinaus gab es früher eine viel zu große Barriere zwischen Publikum und Band, die für einen völlig unverhältnismäßigen Götzenkult gesorgt hat. Rock’n'Roll-Verhalten ist in meinen Augen etwas Peinliches und Stereotypes, und ich ziehe es vor, keine Wolke der Mythologie über mir hängen zu haben”.
Da hat er auch wieder recht. Ein vernünftiger junger Mann, dieser Paul Smith. Aber eben auch: ein bisschen langweilig.

Vielleicht höre ich ja deswegen in letzter Zeit wieder so gerne meine mühevoll angehäuften Adriano Celentano-Platten. Mein Italienisch ist durchaus brauchbar, aber von den Texten verstehe ich relativ wenig. Es bleibt somit zwangsläufig ein letztes Geheimnis, zumal der Mann seine durchaus widersprüchlichen Standpunkte seit Jahren nicht mehr öffentlich kommentiert. Auch sei an dieser Stelle gestanden, daß ich zuletzt – sehr zur Freude meines angestammten Schallplattenverkäufers – mit dem Aufkaufen alter Italopop-Sampler begonnen habe. Man kann in diesen Zeiten mit nichts so sehr mein Herz erfreuen wie mit Alan Sorrentis makellosem Popsong „Tu sei l’unica donna per me”. Wahrscheinlich war ich in meinem früheren Leben Italiener, ich wusste doch, daß ich nicht immer Musikkritiker gewesen sein kann!
Ach, ich hätte Bud Spencer doch um ein Liedchen bitten sollen. Ich glaube nicht, daß er mir, um es mit seiner deutschen Synchronstimme zu sagen, eins auf die Knüsen gegeben hätte. Denn wie sang schon vor rund dreißig Jahren der vergessene Italo-Rockstar Toto Cutugno: „Lasciate mi cantare/con la chitarra in mano/Lasciate mi cantare…/sono un italiano!”
Und jetzt alle, auch bitte die Damen oben in den Logen…

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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