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Sprayen gegen Jennifer Rostock

13.07.2009, 10:34 Uhr  ·  Diesmal: Eine verwirrende Konfrontation mit der Graffiti-Kultur. Sprayen als letztes Ausdrucksmittel gegen Deutschrock, musikindustriellen Unfug und Atomkraft. Außerdem: Popkultureller Notdienst am Wochenende.

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Jetzt ist es endgültig soweit. Ich werde alt und gram.
Der Grund für diese Erkenntnis: Erstmals in meinem Leben rege ich mich über ein Graffiti auf.
Es prangt seit letzter Nacht direkt unter dem Fenster meines Arbeitszimmers. Auf etwa zwei Meter Länge steht da in roter, gruselblutartig nach unten abtropfender Schrift das Wort

GWZCMSZWWW.

Ich weiß gar nicht, was mich am meisten daran nervt: Dass es ein offensichtlich schlecht ausgeführtes Graffiti ist? Ich glaube, das gruselblutartige John Sinclair-eske Verlaufen nach unten hin war vom Sprayer nicht intendiert, er oder sie hat schlichtweg schlechte Farbe benutzt. Oder nervt mich am meisten, dass es aussieht, als hätten mir übelmeinende Placebo-Fans mit dem blutroten Code einhämmern wollen, dass ich es in Zukunft besser unterlassen soll, ihre Lieblingsband zu schmähen – oder liegt meine Ablehnung darin begründet, dass ich das Graffiti schlicht und ergreifend nicht lesen kann?

Ich versuche es erneut. Ich probiere es aus der Nähe und von der anderen Straßenseite aus, ich lege sogar den Kopf schräg.
GWZCMSZWWW.
Vielleicht handelt es sich dabei ja um den Szene-Namen des Sprayers? Vielleicht ist GWZCMSZWWW ja in sprühenden Kreisen eine ganz große Nummer? Einer, der den Kahn der Dosenkunst ganz weit auf den Ozean hinausgeschoben hat und dessen Name nur mit vor Demut flatternder Stimme ausgesprochen werden darf?
Nein, ich glaube nicht. Ich habe schlichtweg das dilettantischste Graffiti der Stadt unter meinem Arbeitsfenster prangen. So sieht’s aus!
Ich könnte aber auch mal meinen popkulturell verwirrten, in der HipHop-Szene aktiven Neffen anrufen, vielleicht kann er ja mal vorbeikommen, meine Wand besichtigen und ein Gutachten erstellen.

Mir ist es ein wenig unangenehm, mich über das Geschmiere aufzuregen, das ich selbst jetzt, während ich dies hier schreibe ständig vor Augen habe, da es sich im gegenüberliegenden Hausfenster spiegelt. Ich wollte so nie sein.
Wenn Leute sich mit Schaum vorm Mund ereiferten und keiften „Bah, guck mal dahinten, das Graffiti, das verschandelt die ganze schöne graue Wand, so eine Sauerei, und wer macht’s weg? Der kleine Mann – von UNSEREN STEUERGELDERN!!”, dann wusste ich stets mit der gebotenen Ruhe zu entgegnen: „Ach, das schöne graue Haus; vorher war es doch NOCH hässlicher”.
Und jetzt?

Vielleicht sollte ich mir jetzt, da es mich erstmals selbst betrifft und die Grenzen meiner ästhetischen Toleranz auslotet, mehr mit dem Thema Graffiti beschäftigen. Ein Thema, das mir bislang in etwa so egal war wie das Sammeln von Schneegestöber-Gläsern, nordic walking oder Bildhauerei.
Vielleicht sollte ich einen Kurs besuchen „Graffiti für Menschen um die Vierzig”. Ich bin ein recht offener Mensch. Rasch würde ich die grundsätzlichen Handgriffe lernen und schon bald könnte ich die ganze Stadt mit meinen Tags  und Pieces überziehen. Ich werde darüber meditieren.

Das Klingeln des Telefons reißt mich aus meiner Versenkung. Ich hatte vergessen, dass ich an diesem Wochenende popkulturellen Notdienst habe.
Ich hebe ab. Am anderen Ende meldet sich eine männliche Stimme, vermutlich ist der Anrufer in seinen frühen bis mittleren Dreißigern.

„Guten Tag. Ich möchte in abendlichen Gesprächen die Band Jennifer Rostock schmähen und als totalen Schrott beschimpfen – und zwar ohne je einen Song von ihnen gehört zu haben. Geht das?”
„Ja, das geht. Sie können die Band Jennifer Schrotttopf jederzeit gerne als Müll bezeichnen, ohne je einen Song von ihr gehört zu haben. Das ist ja das Schöne an der Popmusik: Man muss nicht zwangsläufig erst etwas hören, um zu wissen, dass es Unfug ist.”
„Nein?”
„Nein. Sehen reicht oft. Manches kurze Sehen erspart langes Hören”.
„Danke”.
„Halt, warten Sie.”
„Ja.”
„Sagt Ihnen GWZCMSZWWW etwas – vor allem im Zusammenhang mit Graffiti?”
„Nein. Leider gar nicht mein Thema”
„Danke trotzdem”.

Ich lege auf.
Wahrscheinlich kann ich schon froh sein, dass ich nicht vor etwa dreißig Jahren unter einer Besprühungsattacke meiner Kölner Hauswand zu leiden hatte, als die alternativ bewegte Deutschpopperin und Wahlkölnerin Ina Deter – sang: „Ich sprüh’s auf jede Wand – neue Männer braucht das Land”. So etwas will doch niemand unter seinem Arbeitsfenster stehen haben. Aber dieser Sorte Parolensprüherei hat der HipHop mit seiner elaborierten Sprühkultur ja ein Ende bereitet, was ich hier mal als schönsten Kollateralschaden of Rap bezeichnen möchte.

Ich glaube, ich werde die Sache selbst in Ordnung bringen und das dilettantische Machwerk heute Nacht höchstselbst übersprühen. Mit einer kunstvoll ausgezirkelten Schmähung der Band Jennifer Rostock. Vielleicht sprühe ich bei der Gelegenheit auch gleich im ganzen Viertel alte Deutschrockphrasen im Ina Deter-Stil an die Wände: „Tausendmal berührt – tausendmal ist nichts passiert” zum Beispiel. Oder – quasi aus tagesaktuellem Anlass – den Refrain von Wolf Maahns Anti-AKW-Hit „Tschernobyl” aus dem Jahr 1986. Der geht so:

O-o-o-o Tschernobyl
Das letzte Signal vor dem Overkill
He, he
Stoppt die AKW!

Falls man hier nichts mehr von mir hören sollte, bin ich wohl wegen dieser Sprühaktion dingfest gemacht worden. Entweder von der Polizei oder von Wolf Maahn.

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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