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Haarkiller und Killerhaare: Frisuren of Pop

20.07.2009, 13:20 Uhr  ·  Frisuren sind alles im Pop. Erstaunlich, daß so selten über sie gesungen wird. Eine kurze Reise durch die popmusikalische Welt der Haare.

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Vor wenigen Tagen wurde ich auf der Straße Zeuge eines erregten Disputs zwischen zwei Männern mediterraner Herkunft. Das Gespräch hatte im Wesentlichen die Frage zum Gegenstand, wer der beiden wohl der Tollere sei. Irgendwann brüllte der eine: „Du hast ja noch nicht mal Haare!”. Das stimmte wohl, der andere hatte eine Glatze. „Na und?”, gab der zur Antwort und verwies im Gegenzug allen Ernstes darauf, daß sein Auto die besseren Einspritzdüsen vorweisen könne. „Is’ mir egal”, blaffte der erste zurück, „ein echter Mann muss Haare haben!”.

Es soll daher – inspiriert durch diesen Diskurs – heute von einem Thema die Rede sein, das für die Popmusik wichtiger war und ist als die Erfindung der CD, der Beatles, des Starschnitts und der dreihalsigen Bassgitarre zusammen: Haare. Haare sind im Grunde alles in der Popmusik. Fragen Sie hierzu mal Brian Molko von Placebo! Der spaziert derzeit, nachdem er lange Anzeichen fortschreitenden Kahlens aufwies, wieder mit sattem Bewuchs durch die Gegend. Arbeitet er mit der Elton John-Methode und trägt ein Pferd auf dem Kopf? Oder orientiert er sich an Beau Bridges, der als Bar-Pianist in „The Fabulous Baker Boys” seine Tonsur mit schwarzem Schuhspray verschwinden lässt? Beide Varianten sind so lustig wie legitim.

Haare sind natürlich vor allem deshalb wichtig im Popbetrieb, weil ihre Umgestaltung die simpelste Art und Weise darstellt, sich „neu zu erfinden”, wie es gebetsmühlenartig heißt, sobald jemand anders aussieht als drei Wochen zuvor. Bei Musikern wiederum, die irgendwann auf einer Stammfrisur einrasten, ist oft diese Haartracht das entscheidende Markenzeichen. Ich möchte in diesem Zusammenhang die allenfalls mittelsteile These wagen, daß so unterschiedliche Menschen wie La Roux, Morrissey, Robert Plant, Leo Sayer, Paul Weller und Right Said Fred ohne ihre Signaturfrisuren nicht halb so erfolgreich geworden wären, wie es der Fall ist.
Echte Pannen kommen übrigens erstaunlich selten vor. Die schlimmsten Frisurenausfälle leisteten sich meines Erachtens die beiden Ex-Rausch-Kumpane Lou Reed und David Bowie in den Neunzigern, wobei die jeweiligen Frisuren auf diametrale Art misslungen waren: Reed sah aus wie sein eigener Gitarrenroadie aus den Achtzigern, und Bowie erweckte den Eindruck, mit einer 17jährigen Frisörin mit Vorliebe für Cyberwelten liiert zu sein. In einer ganz eigenen Liga spielt natürlich Phil Spector, der – neben Sinatra und Bobby Darin – große Toupetträger der Popmusik.

Kürzlich habe ich anlässlich eines Interviews einem Musiker gegenübergesessen, der in einem musikalischen Genre tätig ist, daß in den Achtziger Jahren das H-Wort schon im Namen führte: Die Rede ist von Vince Neil, dem Sänger von Mötley Crüe, der wohl bedeutendsten aller Hair Metal-Bands (sofern es bedeutende Hair Metal-Bands gibt, eine Frage, die jeder Leser mit seinem Frisör diskutieren kann). Das Gespräch war im Grunde eine große Enttäuschung, denn Vince Neil entpuppte sich als eher langweiliger Gesprächspartner, der die meisten Fragen mit einem hochdruckkalifornischen „Man, what can I say?” beantwortete. Auch seine Haare waren nicht so dolle, wie man es von einer der Schlüsselfiguren des Hair Metal-Genres erwarten darf. Im Grunde trug der Mann einen blondierten Surflehrer-Haarlappen auf dem Kopf.

Interessanterweise hat der berühmte Radiomoderator Bob Dylan in seiner Theme Time Radio Hour bislang noch keine Sendung an das Thema „Haare” verschwendet. Diese Feststellung eines Bekannten, ließ mich kürzlich darüber meditieren, welche Haarlieder mir so alles einfallen. Es waren nicht viele. Erstaunlich bei diesem für die Popmusik doch so wichtigen Thema!
Nach dem Titelstück des „Hair”-Musicals kam mir zuerst „Golden Hair” von Syd Barrett in den Sinn – die Vertonung eines James Joyce-Gedichts als so luftiges wie geheimnisvolles Folk-Gezupfe. Vermutlich mein Lieblingslied zum Thema Haare. Dann fielen mir die Ärzte mit „Mein Baby war beim Frisör” und ihr Themenalbum „Le Frisur” ein. Tom Liwa – in jeder Hinsicht das Gegenteil von Die Ärzte – schrieb in den Achtzigern mal ein hippiesk gestimmtes Lied mit dem tollen Titel „Busy Letting My Hair Grow”, und mein Lieblingsmusiker Robyn Hitchcock kann mit „August Hair” und „Star Of Hairs” sogar zwei Einträge verbuchen.

Jetzt verlässt mich ein wenig das Interesse am Thema, aber wo wir schon bei Körperumgestaltungen sind: Ich habe neulich festgestellt, daß ich so gut wie keine Platten von tätowierten Musikern besitze, sich aber sehr viele tätowierte Menschen in meinem Bekanntenkreis tummeln. Was heißt das? Dass all meine Bekannten Korn, alten Punkrock und Metal hören, ich aber nur deutsche Liedermacher, italienische Schlagersänger und Katie Melua? Oder ist Katie Melua am Ende gar auch tätowiert, macht aber kein großes Tamtam darum?? Immer diese Fragen…
Noch eine Frage, die unbeantwortet blieb, mich aber noch einmal kurz zum Thema Haare zurückbringt, musste ich vorgestern stellen. Da habe ich nämlich entdeckt, daß auf der nahegelegenen Einkaufsstraße ein junger Frisörbetrieb mit dem Namen „Hairkiller” aufgemacht hat. Ich bin erst mal hineingegangen und habe gefragt, ob man denn wohl auch Frisurensprengungen vornähme, das sei doch in L.A. gerade sehr beliebt: sich einfach die existierende Frisur in die Luft jagen lassen und danach mit einer rauchenden Ruine auf dem Kopf weiter durch die Gegend laufen. Man gab mir keine Antwort.

Wo wir schon von Haarkillern sprechen: Bands sind in Frisuren-Angelegenheiten normalerweise recht homogene Truppen. Die in Fragen des Haares unhomogenste zeitgenössische Band sind wohl The Killers. Noch etwas, was mich an dieser Gurkengruppe fasziniert.

Zum Schluss noch ein paar unverlangte Meinungen für den Nachhauseweg:
Die Musik von The Gossip gehört – vom Thema Haare völlig losgelöst – zum Langweiligsten, was in diesem Jahr veröffentlicht wurde. Ist das gerade weil oder obwohl Beth Ditto so kurzweilig ist?
Die bislang beste Songwriter-Platte des Jahres, Turner Codys „Gangbusters”, ist aus unerfindlichen Gründen immer noch nicht erschienen.
Und wer noch einen Buchtipp für den nächsten Frisörbesuch braucht, dem empfehle ich das gestern von mir auf dem Flohmarkt erworbene Max Schautzer-Buch „Rock’n’Roll im Kopf, Walzer in den Beinen – Antworten auf den Jugendwahn”.

Ps: Erste Kommentare erreichen mich zum Thema. Wie konnte ich Pavements “Cut Your Hair” vergessen. Oder – noch schlimmer – “Caroline, No” von den Beach Boys: “Where did your long hair go/Where is the girl I used to know?”

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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