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Regenbogen-Johnny ist nicht dancer!

03.08.2009, 11:25 Uhr  ·  Diesmal: Gescheiterte Musikkäufe, Ödnis in der Burlesque-Szene und ein Kino-Besuch, der neue berufliche Möglichkeiten aufzeigt. Mitwirkende u.a.: The Killers, Herbert Grönemeyer und Gianna Nannini.

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Mit dem für meine Verhältnisse ungewöhnlich präzisen Ansinnen, mir einen ganz bestimmten Tonträger zu kaufen, betrat ich am Samstag gegen 18 Uhr die Kölner Filiale eines großen Musikfachhandels. Bei dem begehrten Objekt handelte es sich um den letztjährigen Killers-Hit „Human”, den ich als Vinylsingle zu erwerben trachtete. Ich bin zugegebenermaßen recht spät auf das Stück gekommen, aber lange schon hat mich kein Popsong mehr so fasziniert. Das liegt wohl an der tollen Verbindung von Pet Shop Boys-beatmeter Pop-Elektronik und U2-esker Kitschmelodie, die zudem noch von dieser wunderbar beknackten Refrainzeile „Are we human or are we dancer?” gekrönt wird. Wahrscheinlich haben schon allerhand kluge Menschen in allerhand klugen Medien allerhand kluge Sachen über diesen Satz geschrieben (ich gehe von mehrseitigen gemeinsam verfassten Essays von Roger Willemsen, Dietmar Dath und Henryk M. Broder mit Kohlezeichnungen von Günther Grass aus). Aus diesem Grund werde ich die Zeile mit dem faszinierenden grammatikalischen Stolperstein hier nicht weiter interpretieren, bin aber stets bereit, dies an den Theken der Welt mündlich nachzuholen.

Es sei hier eingeschoben, daß ich – wie regelmäßige Leser dieses Blogs wissen könnten – nicht eben der weltgrößte Fan der Killers bin. Die Band wirkt auf mich immer ein bisschen wie vier scientologische Tiefkühlbeauftragte aus der Zukunft, und die Musik erscheint mir – von zwei, drei wirklich famosen Songs abgesehen – spekulativer als drei Michael Jackson-Musicals gleichzeitig. Zudem hatte ich vor Jahren mal das ausgesprochene Nicht-Vergnügen, Brandon Flowers, den Sänger, zu interviewen. Es war in jener Phase, als Flowers einen zünftigen Oberlippenbart trug. Während des gesamten Gesprächs hielt er seinen Schnäuzer fest, als sei er nur angeklebt; gleichzeitig guckte er mich nach jeder Frage an, als hätte ich ihm eine tückische versetzungsrelevante mathematische Aufgabe gestellt. Trotzdem: Auch wenn ich mich in diesem Leben wohl kaum mehr für rare B-Seiten der Killers interessieren werde, so ist „Human” doch eine Granate von einem Popsong. Sollte ich je zu musikjournalistischen Aufklärungszwecken ins Weltall geschossen werden, dann bitte zu diesem Stück.

Diese Single jedenfalls galt es zu kaufen. Doch oh Schreck: Sie war nicht da. Früher wäre das kein Problem gewesen. Ich hätte stattdessen einfach irgendetwas anderes gekauft: eine Laibach-Box, eine „Die wunderbare Welt der Panflöte”-Compilation, alles von Moon Martin und Ian Hunter oder eine mir noch fehlende Barclay James Harvest-Platte. Doch es ging mir um GENAU DIESEN SONG! Und um nichts anderes. Ich wollte die Posen des Killers-Sängers zu hause vor dem Spiegel nachahmen, immer und immer wieder die Nadel aufsetzen und zunehmend wässrigen Auges aufs Cover starren. Doch es sollte nicht sein. Mit einem Gefühl der Leere schlich ich noch einige Zeit durch den Laden, beobachtete neidisch Migrantensprößlinge mit Kajagoogoo-Frisuren beim Kauf von Lady Gaga-CDs und Schlimmerem und kroch danach betrübt nach hause. Die Folge dieses desaströs verlaufenen Einkaufversuchs war mein erster Download-Kauf überhaupt. Die Freude hielt sich in Grenzen, aber immerhin dudelt nun, während ich dies hier schreibe, der Killers-Song. Die Single muss dennoch bald her. Es könnte ja sein, daß ich mal auf einer Hochzeit auflegen soll und sich jemand dieses Stück wünscht.

Um mich von der Download-Initiationserfahrung zu erholen, ging ich abends auf eine Burlesque-Veranstaltung. Zwei Freunde waren so nett, mich mitzunehmen, nachdem ich ja zuletzt an dieser Stelle meine schmalen Erfahrungen auf dem burlesquenen Sektor kundgetan hatte. Und das, obwohl doch derzeit alles und jeder – von Lady Gaga über Klaus Wowereit bis hin zu meiner Oma – mit vor Erregung bebenden Lippen von der Retro-Anrüchigkeit des Burlesken faselt.
Um es kurz zu machen: Burlesque-Abende sind noch beknackter und überflüssiger als Michael Jackson-Musicals und rare B-Seiten der Killers auf Rollschuhen unter Wasser. Zumindest, wenn die Veranstaltung, auf der ich zu weilen das Pech hatte, halbwegs repräsentativ ist. Burlesque-Abende muss man sich in etwa vorstellen wie „Klimbim” – nur ohne Peer Augustinski: Frauen, die walhlweise als Betty Page-Lookalike, als Indianerin oder als Badenixe verkleidet sind, springen augenrollend und grimassierend durch pointenlose Sketch-Szenarios wie „Rodeo”, „Strand” oder „Wilder Westen” und ziehen sich nach und nach immer mehr aus, wobei sie am Schluss an den prekären Stellen kecke Troddeln oder anderes Baumelzeugs präsentieren. Dazu läuft meist Fünfziger-Jahre-Exotica, im von mir besichtigten Fall umdudelten aber auch einige äußerst nahe liegende Surf-Instrumentals, wie Lieschen Müller sie vom „Pulp Fiction”-Soundtrack kennt, und andere altertümliche Musikstile das Treiben auf der Bühne. Doch es half alles nichts: Rasch machte sich Langeweile breit; die Kölner Burlesque-Szene, so scheint es, hat dringend noch Beratungsbedarf.

Der nächste Tag verlief gewinnbringender. Endlich nämlich kam ich dazu, mir den vorzüglichen Film „Alle anderen” mit der von mir sehr verehrten Birgit Minichmayr anzuschauen, der in etwa denselben Effekt hat wie eine beklemmende Beziehung. Übrigens mal wieder ein Film ohne Filmmusik im engeren Sinne. Allerdings hören die Protagonisten in etlichen Szenen Musik, so daß doch ganze sieben Lieder im Film erklingen, darunter Stücke von Cat Stevens und Gianna Nannini. Einmal wird sogar im Film gesungen – und zwar Heinos famoses Lied „Komm in meinen Wigwam”, dessen Refrain lautet:

Komm in meinen Wigwam, Wigwam, ruh dich bei mir aus!
Komm in meinen Wigwam, Wigwam, hier bist du zuhaus!
Komm in meinen Wigwam, Wigwam, ist er auch noch so klein,
Regenbogen-Johnny, Regenbogen-Johnny, komm und lass uns glücklich sein!
Regenbogen-Johnny, Regenbogen-Johnny, lass mich nie mehr allein!

Die beste Szene hat der Film, ja er friert geradezu sein Thema ein, als die Schauspieler in einer Szene mehr oder weniger zufällig einen besonders ekligen Grönemeyer-Song („Ich hab dich lieb” in der Live-Version!) hören. Es ist unglaublich, wie dieses bollerig-deutsche Stück, während es von zwei Nebendarstellern verspottet wird, die beiden Hauptpersonen packt, an einen schmerzhaften Ort trägt und alles bloßlegt, wie es nur die falsche Musik im falschen Moment vermag. Wie es überhaupt nur Musik vermag.

Ich war trotzdem recht erstaunt, als ich im Abspann einen „Musikberater” aufgeführt sah. Für sieben Songs. Den Job würde ich auch gerne machen! Sollten Sie in nächster Zeit einen Film drehen wollen und noch einen Musikberater benötigen – ich werde da sicherlich ein Zeitfenster finden, in das Sie sich hemmungslos hineinlehnen dürfen! Auch der Burlesque-Szene würde ich mich als Musikberater zur Verfügung stellen. Wenn Sie mich nicht als Musikberater buchen wollen, dann vielleicht ja als Hochzeits-DJ. Sie müssen mir nur vorab versprechen, daß ich weder „It’s Raining Men”, noch „Lady Marmalade”, noch „I Will Survive” auflegen muss. Vermutlich spiele ich aber sowieso den ganzen Abend nur „Human” von den Killers. So lange, bis alle dancer sind.

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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