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Kanadische Rockmusikerweisheiten aus dem letzten Jahrzehnt: Jeder Mensch braucht ein Maskottchen

26.05.2010, 16:42 Uhr  ·  Thema diesmal: Handwerker und ihre Klingeltöne; die Pavement-Reunion; Broken Social Scene und Richard Hawley; Musiktipps von Popstars und sympathische One-Hit-Millionäre.

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Die Musik läuft weiter…

19.05.2010

Ich interviewe Kylie Minogue für eine Monatszeitschrift.

Zwar bin ich nicht eben in wilder Bewunderung für sie entflammt, aber Frau Minogue ist tatsächlich so freundlich, wie sich das mancher vielleicht nach einem ihrer TV-Auftritte vorstellen mag. Auch die Leute um sie herum verbreiten eine angenehm unhysterische Atmosphäre.

Ich schreibe das hier aber weniger, um aus dem Nähkästchen zu plaudern, als vielmehr, weil ich nunmehr behaupten kann, von Kylie Minogue auf eine neue Lieblingsmusikerin aufmerksam gemacht worden zu sein. Völlig enthusiastisch erzählt sie von ihrer Heldin, der Jazzsängerin Blossom Dearie, die im Jahr 2009 verstarb, und die Kylie Minogue noch zu treffen das Vergnügen hatte.

Seither höre ich fast nichts anderes als Blossom Dearies feinsinnige und von leichthändigem Klavierspiel durchklimperte Lieder. Ina Müller sollte sich das mal anhören. Oder vielleicht besser gerade nicht.

20.05.2010

Die Reunion-Tour von Pavement führt die Band in diesen Tagen nach Deutschland. Warum ausgerechnet ich als großer Fan denn nicht zu einem der Konzerte fahre, fragen mich Freunde.

Ich weiß, es ist kein sonderlich origineller Standpunkt, aber ich möchte einfach nicht meine Lieblingsbands zu Oldies-Acts degradieren. Ich habe Pavement in den Neunzigern unzählige Male gesehen, und habe an einige dieser Konzerte Erinnerungen, die in demselben gülden ummäntelten Kästlein liegen wie jene an manch liebe Ex-Freundin. Ich will nicht in einer ausverkauften Riesenhalle stehen und mit 3000 Menschen „Summer Babe” mitsingen. Das haben wir ja damals auch nicht so gemacht.

Das Schöne an Pavement war ja nicht zuletzt immer ihr Nicht-, oder besser: ihr Andersfunktionieren. Ich kann mir doch nicht ernsthaft die Band angucken, deren Zeilen „I was dressed for success / but success it never comes” mir mal so viel bedeutet haben; deren Auftritte früher nie Best-Of-Shows waren, sondern vielmehr von einer mitunter bedenklichen Wackeligkeit und Inkohärenz lebten; deren Sänger auf der letzten Tour vor gut zehn Jahren mit an den Mikrofonständer geketteten Handschellen sein Gefangenheitsgefühl im engen Band-Korsett zu symbolisieren trachtete. Ich kann mir doch nicht eine Band, die mir gezeigt hat, dass man auch ohne die blöden alten Mucker-Kategorien wie „tightness” Herzen öffnen kann, beim gutsituierten Abspulen einer Greatest Hits-Revue anschauen.

Ich war auch auf keinem Pixies-Reunion-Konzert. Die Pixies habe ich zwei Mal gesehen – einmal davon circa 1989  im Amsterdamer Paradiso, und ich werde mich mein Leben lang an die blauen Flecken erinnern, die ich mir dort zugezogen habe.

Ich war allerdings bei Reunion-Konzerten von Velvet Underground und den Soft Boys. Einfach weil ich diese beiden ewigen Lieblingsbands zum Zeitpunkt ihrer kreativen Glanzzeit nie erleben konnte. Wenn also heute junge orientierungslose Facebook-Opfer und Menschen in H&M-Windjacken zu Pavement gehen, unterstütze ich dies mit Nachdruck. Ich selbst bleibe aber lieber zuhause mit meinen guten Freunden, den Erinnerungen.

21.05.2010

Richard Hawley lullt das Gloria ein.

Der Mann im maßgeschneiderten Dreiteiler spielt ausschließlich seine schwerblütigsten Tanztee-Balladen, die sich stellenweise anhören, als nähme man sie durch den Schleier schwerster Betrunkenheit wahr. Über all den verhallten Gretsch-Gitarren und singenden Sägen thront seine schöne, so majestätische wie nonchalante Crooner-Stimme.

„Zugabe, Zugabe”, johlen am Schluss die mit Easyjet angereisten Briten, denn mit Easyjet angereiste Briten lieben bekanntlich lustig nach Kasernenhof klingende deutsche Wörter.

Vor dem letzten Stück stellt Hawley dann seine vorzügliche fünfköpfige Band vor. Und sagt dann, nachdem jeder Musiker seinen Applaus bekommen hat:

„Oh, and my Name is Susan, and I’m a crossdresser from Munich”.

22.05.2010

Eine Ode an einen Unbesungenen.

Kennen Sie Kimberley Rew?

Wahrscheinlich nicht. Dabei kennt doch jeder einen Kimberley Rew-Song. Also: alle kennen denselben Kimberley Rew-Song. Dabei sollte man ihn lieber für andere Dinge kennen.

Kimberley Rew war in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern der Gitarrist der völlig aus der Zeit gefallenen Hippie-Punk-Pop-Band The Soft Boys. Wenn Big Star, wie es die beiden zerstrittenen Schwestern Realität und Legende wollen, zur falschen Zeit am falschen Ort waren, dann waren die Soft Boys während ihrer gesamten Karriere in einer Zeitmaschine mit klemmender Tür gefangen. Die Soft Boys  (Meisteralbum: „Underwater Moonlight”) spielten ihren psychotischen, dabei aber hochmelodischen Power-Pop vor nahezu leeren Sälen und dockten nirgends so recht an. Erst später wurden sie von Post-Punk- und Achtziger-Indie-Bands als wichtiger Einfluss genannt.

Nach Ende der Soft Boys brachte Kimberley Rew ein Solo-Album heraus, „The Bible Of Bop”, das ebenfalls unbeachtet blieb. Die Platte, die demnächst wiederveröffentlicht wird, ist grandios: gerade mal acht Songs (und knapp über zwanzig Minuten) kurz –  und jedes Stück ein Powerpop-Hit edelster Kanüle. Es passierte abermals das, was so häufig passiert: nichts.

Und dann kam er doch noch, der alte Onkel Erfolg, dieser komische Verführer mit den vielen schlechten Eigenschaften. Kimberley Rew allerdings konnte er nicht viel anhaben.

Ich mache es kurz: Kimberley Rew stieg bei einer Band ein, die als beispielhaftes „One Hit Wonder” gelten kann. Die Band, mit der Rew diesen Hit hatte, hieß Katrina & The Waves, und der von Rew geschriebene Welthit, ein Stück, das man guten Gewissens mehr hassen darf als das Gesamtwerk von Sting, ist „Walking On Sunshine”.

In diesen Tagen feiert der Song 25jähriges Jubiläum, und auch das dazugehörige Katrina & The Waves-Album wird wiederveröffentlicht. Im Zuge dieser Wiederveröffentlichung hat das nicht genug zu preisende britische Magazin The Word Kimberley Rew aufgesucht, um mit ihm darüber zu sprechen, wie es ist, ein völlig unbekannter Komponist eines Welthits zu sein (Artikelüberschrift: „The Song that wouldn’t lie down”). Und es scheint, als lebe es sich als unbekannter Komponist eines Welthits recht gut – zumal, wenn der Welthit bis heute fröhliche Einsätze in TV-Serien (zuletzt im US-Serien-Hit „Glee”) erfährt. Kimberley Rew, inzwischen Ende 50, brachte zum Gespräch mit The Word gar eine elektrische Zahnbürste mit, die, sobald man sie anstellt, „Walking On Sunshine” dudelt.

Er habe sich für das erste Geld, das der Song einspielte ein Haus gekauft. Darüberhinaus, so der Musiker, könne er jeden Abend im Pub seine Freunde aushalten. Im selben Pub spielt er bis heute entspannt und befreit von allen Widrigkeiten des Showgeschäfts, immer wieder mit seiner Band.

Kein schlechtes Leben. Es sei Kimberley Rew gegönnt. Hören Sie die Soft Boys, hören Sie auch sein Solo-Album „The Bible Of Bop”. Und ganz ehrlich: „Walking On Sunshine” ist ein ziemlich guter Song!

24.05.2010

Die Indie-Hippie-Truppe Broken Social Scene hat ein neues Album veröffentlicht und tourt gerade durch’s Land. Ich war nie ein besonders großer Fan der beliebten Freiflug-Pop-Band, kann mich aber dafür nur zu gut an meine Begegnung mit Kevin Drew, einem der beiden Vorsteher der Gruppe erinnern.

Ich sprach mit Drew anlässlich der Veröffentlichung seines ersten Solo-Albums, das mit der Überschrift „Broken Social Scene presents…” nur ein weiteres Mal den kollektiven WG-und-Atelier-Spirit des vielköpfigen Musikerzusammenschlusses zu unterstreichen bemüht war.

Bemerkenswert waren zwei Dinge. Erstens: Kevin Drew wirkte während des Gesprächs so bekifft, dass Devendra Banhart im Vergleich wie ein engagierter Streetworker mit Doppelhaushälfte anmutet.

„Take it easy on me, man, I just woke up”, begrüßte Kevin Drew mich und wirkte dabei so freundlich wie haltlos. Als ich seine Platte zu Anfang des Interviews etwas ungelenk als „Psychedelic pop stream” bezeichne, kriegt er sich für den Rest des Gesprächs gar nicht mehr ein: „Man, that’s brillant, das muss ich auf T-Shirts drucken lassen!”. Immer wieder will er die Formulierung hören und freut sich jedes Mal wie ein kleines Kind. Artig wiederhole ich jedes Mal: „I said, to me it sounds like a psychedelic pop stream”. Darauf er: „Now I love you man. Now I love you. What’s your name again?”.

Die andere Sache, die auffiel, war, dass Drew die Platte selbst für ziemlichen Mist hielt. Es kommt nicht alle Tage vor, dass man einem Musiker gegenübersitzt, der – statt davon zu berichten, wie großartig doch sein neues Werk gelungen sei und welch schwindelnde kreative Höhen er damit erklömme – unsicher, nagelkauend, selbstmitleidig – und öffentlich! – sein Album zerfleischt: „Es hat einfach keinen Fluss. Meine Freunde finden es auch nicht gut. Sie sagen, es sei schlecht abgemischt und klänge zu brutal auf ihren Anlagen. Es ist zum Verzweifeln.”

Ich bin immer noch nicht der größte Broken Social Scene-Fan, aber seit meinem Gespräch mit Kevin Drew habe ich zumindest eine weiche Stelle für die Band entwickelt. Am Schluss des Gesprächs gab mir Drew dann sogar noch eine Schüppe Weisheit mit auf den Weg. Ich habe das Interview-Band (ich benutze immer noch ein uraltes Tape-Gerät) eben noch einmal abgehört:

Kevin Drew: „Als wir vor 5 Jahren Broken Social Scene anfingen, ertappte ich mich dabei, daß ich plötzlich sehr viel über mich sprach. Da muss man sicher gehen, daß man ein Messer in der Hintertasche hat – aber das Herz im Wind.”

Ich: „Verstehe”.

Kevin Drew: „Jeder braucht ein Maskottchen.”

Ich: „The wisdom of Kevin Drew.”

Kevin Drew: „Kennst du das Wort: mascot?”

Ich: „Ja.”

Kevin Drew: (fast jubilierend) „Everybody needs a mascot, Eric!”

25.05.2010

Das gestrige Konzert im Blue Shell hat die vage Ahnung mehr als bestätigt:

Dr. Dog sind die beste amerikanische Band ihrer Generation.

Der soeben in meiner Wohnung eingetroffene Handwerker wiederum bestätigt einen anderen Verdacht: In meiner Wohnung liegt jene gefürchtete westzivilisatorische Unerfreulichkeit namens Rohrbruch vor. Lautstarke Möbeldemontagen und Wandaufstemmungen sind die Folge. Werde viel Zeit im Auto vor meiner Wohnung sitzend und Dr. Dog hörend verbringen.

Der Handyklingelton des derweil in meiner Wohnung agierenden Handwerkers ist Peter Fox’ „Haus am Meer”.

 

PLAYLIST:

Blossom Dearie – Blossom Dearie (eines ihrer ersten Bandleader-Alben von 1956)

Pavement – Wowee Zowee (Hier findet sich zuhauf das, woran es dem heutigen Resterampen-Indierock am meisten gebricht: Beknacktheit)

Dr. Dog – Shame, Shame (Die hier allerdings sind wunderbar beknackt; bislang das glatteste Werk der ehedem rumpelnden Harmonie-Rockpopper)

Kylie Minogue – „All The Lovers” (die neue Single; ein schöner schlichter Popsong, kriegt sonst kaum jemand so hin)

Roky Erickson with Okkervil River – „Goodbye Sweet Dreams” (Was hat der Mann nicht alles überlebt! So gut wie hier hat er seit den Sechzigern nicht mehr geklungen. Kommt klar in die Songs des Jahres-Liste)

Stornoway – „Zorbing” (Eröffnungssong des Debütalbums dieser britischen Folk-Pop-Band; auf Albumlänge vielleicht etwas zu Belle & Sebastian-esk.)

Super Furry Animals – „Phantom Power” (Ich vergesse immer wieder, dass dieses walisische Bekloppten-Quintett eine der besten aktiven Bands ist)

 

 

 

 

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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