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106 Jahre Neil Young und ich – ein Missverständnis feiert Geburtstag

11.11.2010, 09:07 Uhr  ·  Thema diesmal: Mein erstes Konzert und meine erste Band. Carl Barât und John Hiatt. Sowie: Rache für Badly Drawn Boy.

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29.10.2010
Am 12. November werden Neil Young und ich 106. Zuerst wollten wir ja gemeinsam feiern, aber wir konnten uns nicht einigen, wo die Festivitäten stattfinden sollten. Neil war für Kanada, aber wie sollte ich all meine Freunde nach Kanada bekommen? Er schlug dann vor, man könnte sich auch in der Mitte treffen. Wo das denn bitte sei, fragte ich zurück. Vielleicht Portugal, meinte Neil. Das mache für meine Freunde aber keinen großen Unterschied, antwortete ich, immer noch zu teuer. Ich sei eben kein tantiemensatter Songschreiber, der mal eben dreißig Leute in ein Flugzeug nach Portugal oder Kanada packt, schrieb ich noch (wir regelten die Angelegenheit via Mail, nachdem Neil beim Skypen zu oft eingeschlafen war). Nach der letzten Mail hörte ich dann nichts mehr von ihm und seitdem gehe ich nun davon aus, dass ich meinen einundvierzigsten Geburtstag in Köln feiern werde und er seinen fünfundsechszigstes Wiegenfest in Kanada begehen wird.
Als ich kürzlich las, dass Neil Young ebenso wie ich am 12. November geboren wurde, dachte ich mir: „Das erklärt einiges. Kein Wunder, dass ich die Welt als großes Woodstock der Sonderbarkeiten empfinde – Neil Young ist ja auch sonderbar.” Ich bin nicht eben sein allergrößter Fan (auch wenn ich mir die Welt nicht ohne einige seiner Songs vorstellen kann), schließe aber nicht aus, dass ich ihn womöglich noch im großen Stil entdecken werde.  Als Type aber mochte ich den Mann immer: tolle Wendemanöver in vergleichsweise engem ästhetischen Rahmen, grandios misslungene Achtziger-Platten, mitunter herrlicher Krach, erratische Meinungsäußerungen, komische Stimme, Widersprüchlichkeit, dass es brennt.  Je länger ich drüber nachdenke: Ich glaube, ich läute schon heute Abend eine Neil Young-Phase ein und fange mit einem seiner komischen Achtziger-Alben an. Vielleicht ist das ja ohnehin der beste Weg, sich alten Recken anzunähern – indem man zwecks Denkmalzerdepperung ihre misslungenen Platten aus jener Zeit hört, als man selbst fröhlich vor sich hinpubertierte und auch arg misslungen fühlte. Apropos …

30.10.2010
Ich stolpere im Rolling Stone über ein Inserat für das neue Lve-Album der Kostüm-Progrocker Grobschnitt. Das dazugehörige Foto der Musiker kündet von unverbesserlichem Verkleidungswahn und nicht zu leugnendem Hippietum. Schlagartig fällt mir ein: Das erste echte Konzert, das ich je in meinem Leben besuchte, war ein Konzert eben dieser Band (und kein AC/DC-Konzert, wie ich so oft behauptet habe, dass ich längst selbst angefangen habe, es zu glauben). Das Grobschnitt-Konzert fand im Bürgerhaus Bergischer Löwe in meiner Heimatstadt Bergisch Gladbach statt – und zwar an meinem zwölften Geburtstag, dem 12. November 1982. Ich habe das eben im Internet noch einmal recherchiert und dank der Seite „Vater Schmid sein Grobschnitt Forum” (tja, so heißen Grobschnitt-Fanseiten) konnte die Behauptung verifiziert werden.
Meine Eltern hatten mir die Konzertkarten geschenkt, das war nett gemeint. Sie dachten wohl: Der Junge mag doch Rockmusik. Und nachdem sie beim achtzehnjährigen Nachbarssohn, einem bestens beleumundeten und karohemdtragenden Gruppenleiter der katholischen Jugend Voiswinkel, nachgehorcht hatten, war wohl der Eindruck entstanden, dass es bei dem Konzert wohl nicht allzu wild werden würde. Wurde es auch nicht, gleichwohl dürften meinen Eltern die drogenverherrlichenden Tendenzen im Schaffen der Band entgangen sein.
An viel erinnere ich mich nicht mehr, nur noch daran, dass einer der Musiker irgendwann ein Polizeiblaulicht auf dem Kopf trug, was wohl nonkonformistisch und antiautoritär gemeint war. Fakt ist, dass ich an meinem zwölften Geburtstag auf eben diesem Konzert mit zwei Freunden meine erste Band gründete. Sie hieß Overheated, war noch zwölf Mal schlechter als der Name vermuten lässt und extrem erfolglos. Wir waren präbubertär und unsere Songs trugen Titel wie „Schulalltagsrock” und „Wetterdienst”. In letzterem Stück geißelten wir knallhart die Diktatur der Meteorologie (Textprobe: „Ob es regnet, ob es hagelt / Der Wetterdienst wird stets getadelt / Das Wetter heute, das ist schlecht / Der Wetterdienst hat niemals recht”). Man sollte wissen, dass unsere Musik der beißenden Lyrik deutlich unterlegen war.
Wir hatten auch ziemlich viele ausnehmend schlechte Auftritte, etwa beim Pfarrgemeinderatsfest Odenthal. Bei unserem Gig beim Rockfestival von Schildgen waren wir so miserabel, dass wir nach dem Auftritt von den Veranstaltern nicht mehr in den Backstage-Bereich gelassen wurden, und nach unserer Show im Jugendzentrum Voiswinkel machte ich Claudia, 13, aus unserer Jugendgruppe einen feurigen Antrag, den sie klugerweise ablehnte. Und das, obwohl ich noch eine halbe Stunde zuvor auf der Bühne des katholischen Jugendzentrums ein halber Rockgott in roter Röhrenhose war! Ich fuhr dann nachhause und fiel vom Fahrrad, dabei zerriss ich mir die Hose und schlug mir beide Knie auf. Kurz darauf stieg auch noch unser Sänger aus. Er begründete seine Entscheidung damit, dass das Rücklicht an seinem Fahrrad kaputt sei und er somit nicht mehr im Dunklen zur Probe radeln zu können. Nein, wir waren wirklich keine besonders erfolgreiche Band. Aber es war eine tolle Zeit!
Als ich mich vor einiger Zeit mit meinen ehemaligen Bandkollegen mal wieder unterhielt, drohten mir diese für den Fall, dass ich je auf die Idee käme, im „Pop-Tagebuch” über unsere gemeinsame Band zu schreiben, mit einer Klage,  (vor allem unser ehemaliger Sänger, der mit dem Rücklicht). Das wäre natürlich famos. Ich könnte dann für mich beanspruchen, ebenso wie der einstige Smiths-Sänger Morrissey von meiner Ex-Band verklagt worden zu sein.
All das fällt mir jetzt ein, wo ich an Grobschnitt und mein erstes Konzert am 12. November 1982, meinem zwölften Geburtstag, denken muss. Das Inserat kündet eine neue Platte – nebst Tour – an. Veröffentlichungsdatum der neuen Platte: der 12. November 2010.

31.10.2010
Als Carl Barât die Bühne des Kölner Gebäude 9 betritt, muss ich laut lachen, aber ich bin der Einzige. Die anderen rufen alle „Carl!” oder johlen. Der Grund meines Amüsements: Carl Barât trägt eine kurze Lederjacke. Ich glaube, ich habe diesen Menschen noch nie ohne kurze Lederjacke irgendwo aufkreuzen sehen. Es ist so dermaßen klar, dass Carl Barât eine kurze Lederjacke trägt, dass es einfach zum Lachen ist, wenn er dann tatsächlich in einer ebensolchen auf die Bühne spaziert kommt. Ok, irgendwann zieht er sie aus und präsentiert ein sehr knappes schwarzes Unterhemd. Und auch wenn den meisten Frauen um mich herum sündiges Begehren in den Blick tritt,  muss ich schon wieder lachen, denn noch nie habe ich Carl Barât seine kurze Lederjacke ausziehen sehen, ohne dass darunter nicht ein sehr knappes schwarzes Unterhemd zum Vorschein gekommen wäre. Aber das mit der Lederjacke ist schon von Schimanskijacken-hafter Markigkeit. Carl Barât ohne kurze Lederjacke, das wäre wie Stefan Raab ohne Mundumkreisungsbart. Barâts Album allerdings ist großartig: Der frühe Scott Walker auf Bier.

02.11.2010
Eine Anzeige für das neue Badly Drawn Boy-Album: „Der liebenswert-skurrile Kerl mit der Wollmütze ist zurück (…). Brillanter Indierock zwischen Beck und den Beatles”.
Selten habe ich eine so entwürdigende Anpreisung eines Künstlers durch seine eigene Plattenfirma gelesen. Alleine für die Formulierung „liebenswert-skurril” sollte jemand mal ganz liebenswert-skurril zum zweitägigen Wollmützenstricken verdonnert werden. Davon abgesehen findet die fieseste Musik der Welt exakt „zwischen Beck und den Beatles” statt und hat selten weder etwas mit dem Wesen der Beck’schen, noch der Beatle’schen Musik zu tun. Und was die „Wollmütze” angeht – da könnte man auch über Carl Barât schreiben: Der Schönling mit dem Lederjäckchen meldet sich zurück. Oder über Neil Young: „Opa Seltsam lässt’s noch mal krachen.”

03.11.2010
John Hiatt ist in der Stadt. Ich gehe alleine zum Konzert – nicht wie sonst mit meinem besten Freund. Ich glaube nämlich, dass John Hiatt meinem Freund nicht vermittelbar wäre, was weder an Hiatt, noch an meinem besten Freund, sondern vielmehr an meinen Vermittlerfähigkeiten in dieser Sache liegt.
Ich mag diese knittergesichtige Altmännermusik, und John Hiatt ist neben Graham Parker der Großmeister dieses Genres. Vor dem Konzert stelle ich fest, dass deutlich mehr Frauen da sind als vorher von mir angenommen und dass die Hälfte des anwesenden männlichen John-Hiatt-Publikums aussieht wie: John Hiatt. Die andere Hälfte sieht aus wie Graham Parker. Ich gehöre wohl eher zu den Hiatts, wobei er mehr Haare hat als ich. Neben mir unterhalten sich zwei Herren des Gitarre-vekaufenden Gewerbes über das optimale Zusammenwirken einer bestimmten Stratocaster und eines bestimmten Verstärkers (Musiker und Gitarrenhändler sagen ja „Amps”). John Hiatt eröffnet sehr passend mit „Perfectly Good Guitar”, dem schönen Lied über die Sinnlosigkeit des Gitarrenzerschmetterns. Die Gitarrenhändler sind außer sich vor Begeisterung.

Zurück zu Hause muss ich meine Neil Young-Phase leider schlagartig beenden, da eine John Hiatt-Phase einsetzt. Trotzdem: Herzlichen Glückwunsch, Neil Young.

PLAYLIST
Smith Westerns – „Be My Girl” (Es gibt bekanntlich alles. Also auch orchestralen Lo-Fi-Pop. Das in etwa ist es, was Smith Westerns hier machen. Gute junge Ami-Band, demnächst auf Tour)
John Hiatt – The Open Road (Das neue Album, Einsteigern sei jedoch eine Best Of empfohlen)
Carl Barât – Carl Barât (s.o.)
Sharon van Etten – Epic (wurde an dieser Stelle schon gepriesen, die Dame)
Bobbie Gentry – Touch ‘Em With Love (vor allem wegen des wunderbaren „Greyhound Goin’ Somewhere”)
Angelo Michaljov / The Karel Vlach Orchestra & Petra Petra Cernocká – Saxana (Soundtrack des tschechischen Films „Das Mädchen mit dem Besenstiel”)
Funny Van Dannen – Meine vielleicht besten Lieder (Doppel-CD mit s. Titel; macht wach, froh und warm im Herzen)

 

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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