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Musik zum Autofahren unter Wasser oder Das Wir-Gefühl hinter der Mauer

27.04.2011, 11:17 Uhr  ·  Thema diesmal: Josh T. Pearson. Die Sterne. Frieda Gold. Kurt Vile. J. Mascis. The Kills. Und Monochrome Set.

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Gestern träumte ich, mir wäre ein Latin Grammy verliehen worden.
Das Ganze war natürlich enorm unangenehm, denn meine Verdienste um die Latin Musik sind doch eher bescheiden. Ich nahm den Preis aber dennoch an, denn ich finde es albern, Preise abzulehnen. Verliehen wurde mir der Preis von einem Wesen, das gleichzeitig Shakira und Julio Iglesias war, aber das kann wohl passieren, wenn man im Traum einen Latin Grammy entgegennimmt. Ich habe die Gelegenheit dann genutzt, um aus meinem neuen Buch „Das Beste aus meinem Nachlass” vorzulesen, woraufhin alle gingen. Aber auch der Rest des Monats war aufreibend.

06.04.2011
Josh T. Pearson ist ein Mann von nicht unbeträchtlicher Imposanz.
Ganz in schwarz gekleidet und mit einem Bart ausgestattet, der alles, was sich zuvor bereits in den Gesichtern von Devendra Banhart oder Sam Beam an Haarigkeit abspielte, in den Schatten stellt, hat der Texaner die Unnahbarkeit eines Spaghetti Western-Outlaws mit angeschlossener Sargtischlerei. Das Publikum im Kölner Studio 672 wahrt daher auch wohlweißlich Distanz und steht etliche Meter von der Bühne entfernt herum.
In der englischsprachigen Musikpresse wird Pearson, der vor zehn Jahren mal ein Album mit seiner Band Lift To Experience veröffentlichte und danach verstummte, als Heilsbringer des Songwriter-Gewerbes gehandelt. Dabei sind seine Stücke mit „Songs” nur unzureichend beschrieben. Es sind eher Song-Zerberstungen und schwere Belastungsproben für Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit. In Stücken von bis zu dreizehn Minuten Länge reiht Pearson eine grimmig getextete Strophe an die nächste: Die Hoffnung macht Pause in diesen Liedern, der Frohsinn hat Stubenarrest. Also: Wer nach Musik sucht, die noch jede muntere ITunes-Playlist ruiniert, sollte hier zugreifen. Eine wunderbar niederschmetternde und herrlich zermürbende Angelegenheit.
Vorher spielt als Vorgruppe Pearsons Busfahrer ein paar Stücke und er nutzt seine zwanzig Minuten des Ruhms zu  einem interessanten Seelenstriptease: „This one is about being in love with a dominatrix” kündigt er eins seiner Stücke an. Hm. Die thematische Palette für Singer/Songwriter bietet noch etliche ungeahnte Möglichkeiten.

07.04.2011
Da ich zu den sieben oder acht Leuten auf dieser Welt gehöre, die nicht sonderlich viel mit Kristof  Schreufs letzter Platte anfangen können, beschließe ich, nicht zu seinem Konzert zu gehen und lieber daheim durch einen Stapel liegengebliebener CDs zu hören. Folgendes wird mir dabei bewusst:
Erstens: The Kills öden massiv und stehlen Zeit.
Zweitens: Die vertrödelte Musik des Mid-Fi-Songschreibers Kurt Vile hat einen seltsam aus der Zeit gefallenen Spät-Achtziger/Früh-Neunziger-Appeal. Ich muss an Nikki Sudden denken, jenen Musiker, den ich wohl öfter im Konzert gesehen habe als jeden anderen. („I play guitar for more than twenty years now, but I still can’t tune it” murmelte Sudden mal auf einem jener Konzerte vor sich hin. „And you still can’t play it!” ließ sich daraufhin ein besonders respektloser Konzertzwischenrufer vernehmen. Sudden hat das nicht abgehalten. Der Mann wird für mich immer eine Ikone des Siegs von gutem Stil über technisches Unvermögen bleiben). Aber zurück zu Kurt Vile: Ist der am Ende gar das Neunziger-Revival? Nicht auszuschließen. Manchmal klingt er auch, als spielte Ariel Pink in seinem Sound-Aquarium Autofahrrock, was ja auch nicht eben eine schlechte Idee ist. Sein Album heißt „Smoke Ring For My Halo”. Guter Albumtitel, sehr gute Platte.
Darauf höre ich die neue J. Mascis. Man kann ja gar nicht genug J. Mascis hören. Oder um einen Satz zu paraphrasieren, der in den Achtzigern von der Frisör-Branche genutzt wurde um das heimische Raubschneiden und Schwarzkämmen durch nichtausgebildete Haarstutzer in den Griff zu kriegen: Was J. Mascis kann, kann nur J. Mascis. Ich studiere das Cover: Aha, Kurt Vile spielt mit. Sag ich doch: Neunziger-Revival.
Danach schaue ich endlich die Doku „Let’s Get Lost” über Chet Baker, die mir in missionarischer Absicht ein lieber Freund hat zukommen lassen. Ein wunderschöner Film: Palmen in Schwarzweiß und Chet Bakers Falten, die so tief scheinen, als könnte darin die Wahrheit vergraben sein. Dabei geht es darum doch am allerwenigsten. Zumindest bei Chet Baker.

09.04.2011
Mein liebster Kölner Schallplattenladen „Parallel” feiert im Kölner Gloria sein zehnjähriges Bestehen und auch ich möchte mich auf den schäumenden Wogen der Begeisterung mittragen lassen. Als ich eintreffe spielt gerade die Band Von Spar und ist Tangerine Dream. Ich gehe Bier trinken und mit netten Menschen plaudern. Danach treten Die Sterne auf. Immer, wenn irgendwo Die Sterne spielen, denke ich mir zunächst nur: „Ach ja, Die Sterne”. Aber was diese stets etwas wackelig aufspielende ewige Studentenband anzurichten vermag, begeistert mich immer wieder aufs Neue. Die Sterne haben zwar nie das Charisma oder die technische Fähigkeit manch ihrer Hamburger Kollegen erreicht. Dafür zeigt sich an ihnen, dass das Aufrechterhalten von Augenhöhe mit dem Publikum und stetige Selbsterneuerung im Rahmen limitierter Möglichkeiten sehr wohl popmusikalische Tugenden sein können. Und während hier Indie-Jungs, Elektro-Mädchen, Popmusikauskenner und Zaungäste gemeinsam herumhüpfen, kommt mir ein Wort in den Sinn, das ich eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Das Wort lautet: „Wir-Gefühl”. Die Sterne können tatsächlich ein Wir-Gefühl erzeugen, ohne dass es doof wird. Ich muss nicht immer zugegen sein, wenn dieses Gefühl erzeugt wird, aber ich stoße immer wieder gerne dazu. Und so schreibe ich ausnahmsweise mal pluralisierend: Gut, dass wir diese Band haben.

15.04.2011
Ich habe mir eine Neuerung für diesen Blog überlegt.
Um reizüberflutender rüberzukommen, werde ich meine Texte ab sofort mit Chillwave-Musik unterlegen. Während Sie diese Zeilen lesen, sollte es schon zu hören sein. Sollte während der Lektüre keine Chillwave-Musik ertönen, ist Ihr Computer kaputt. Wahrscheinlich können Sie ihn wegschmeißen. Das tut mir leid, ist aber nicht meine Schuld. Und erwarten Sie jetzt bitte nicht, dass ich Ihnen erkläre, was für ein Quatsch denn bitte Chillwave ist! Kaufen Sie sich lieber einen neuen Computer.

18.04.2011
Ich fahre fast vor den Baum. „Endlich wieder Rockmusik” steht auf einem Plakat, das am Wegesrand die jüngsten Veröffentlichungen der Schreckensbands Guano Apes und Within Temptation ankündigt. Nur langsam erhole ich mich von dem Schreck und nun fällt es auch mir auf: Nachdem jahrelang nirgendwo mehr Rockmusik gemacht wurde, mehr noch: nachdem das Herstellen von Rockmusik im vergangenen Jahrzehnt mit drakonischen Strafen belegt wurde und die Jugend von bösen Machthabern auschließlich mit Synthie-Pop, belgischen Chansons, Reggae mit Mundart-Texten und alten Rondo Veneziano-Platten zugedudelt wurde, bringen uns diese beiden tapferen Gruppen endlich wieder die ehrbare Tätowierladen-Musik zurück. Dann ist ja gut.

19.04.2011
Noch mehr feige deutsche Musik:
Frida Gold heißt die Band, die den para-kritischen Wohlfühlpop deutscher Prägung für diese Saison am erfolgversprechendsten aufgießt. Sie reimen „Kulissen” auf „beschissen” und stochern ärgerlich lautstark im Nebel der Ratlosigkeit herum. Gut, dass MTV jetzt verschlüsselt ist, sonst müsste man ständig ihr Video sehen.

20.04.2011
Korrektur: Die Kills sind gar nicht so öde.
Eben läuft der Song „Satellite”, und wie sie da über einen sleazigen Rhythmus aus Rumpel-Schlagzeug und verzerrtem Bass einen Chor legen, der klingt wie eine Mischung aus Morricone und der Melodie von „Fisherman” von The Congos, das ist immerhin toller postmoderner Mumpitz.

23.04.2011
The Monochrome Set sind womöglich die wichtigste Band meines Lebens. Nicht nur, weil sie schönen, subtil kunststudentischen Dandy-Pop mit absurden Texten spielen, der sich immer ein wenig anhört, als hätte Jean-Luc Godard in den Nachwehen des Punk eine Sixties-verknallte Gitarrenschrammelband mit Hang zum perfekten Popsong gegründet. Nicht nur darum, nein, sondern auch, weil sie mich gerettet haben.
Und so umarme ich einigermaßen aufdringlich Bid, den Sänger der Band Monochrome Set im Kölner King Georg, und lalle ihm die herzlich gemeinten, aber womöglich sinnfreien Worte „Thank you for doing what you’re doing” ins Ohr. Er schaut mich an, nickt und gibt sich Mühe, einigermaßen dankbar zu gucken. Das ist sehr freundlich von ihm, denn er hat eben einen umjubelten Auftritt gespielt und trägt gerade seine Gitarre in den Bus, weil auch in Düsseldorf für heute abend noch ein Konzert geplant ist. Danach quatsche ich völlig überadrenalisiert den halben Laden voll. Tenor meiner Ausführungen: „Monochrome Set haben mir das Leben gerettet.”
Es war irgendwann im Jahr 1985, als ich mir von meinem karg bemessenen Geld zwei Schallplatten kaufte. Die eine war „Dein ist mein ganzes Herz” von Heinz Rudolf Kunze, jenes Album, mit dem der oftmals als Oberlehrer gescholtene Musiker seine Karriere als wortwütender Schlaukommer der links-alternativen Rockmusik beendete und stattdessen eine Karriere als wortwütender Schlagerrocker begann. Die andere Platte war „Lost Weekend” von Monochrome Set. Es war diese Platte, die mir klar machte, welche Musik ich künftig hören wollte. Sie machte mir auch klar, welche Musik ich nicht mehr hören wollte. Auf das Monochrome Set-Album folgten Platten von Jazz Butcher, Lloyd Cole, Aztec Camera, aber auch amerikanisches Zeug wie Camper van Beethoven. Es waren diese Platten, die mir zeigten, wie verrückt, frei und gleichzeitig stilvoll Popmusik sein konnte. Ohne Monochrome Set wäre ich womöglich auf ewig dem Deutschrock verfallen. All das würde ich Bid am liebsten sagen, aber er muss natürlich weiter um andere Leben zu retten. „Danke” sagt er nur. Und fügt hinzu: „Dass Du den Latin Grammy angenommen hast, war absolut richtig so”.

PLAYLIST

The Monochrome Set – die ersten vier Alben (Wenn Sie gerade nicht anderes zu tun haben, schauen Sie sich doch mal auf youtube „Jet Set Junta” an)
Kurt Vile – Smoke Ring For My Halo (s.o.)
The Louvin Brothers – Tragic Songs Of Life / Satan Is Real (Trostlose Trostmusik und göttlicher Gesang gegen die Anfechtungen des Gehörnten; man kann gar nicht genug Louvin Brothers-Musik im Schrank haben)
Rocko Schamoni – „Mauern” (Wenn’s mit dem Wir-Gefühl mal wieder zuviel wird, die beste Abgrenzungshymne der deutschen Popmusik)
James Vincent McMorrow – „Early In The Morning” (Noch ein Liedermacher, aber was kann der Mann schön singen!)
The Jazz Butcher – A Scandal in Bohemia (Ein anderes Lieblingsalbum der mittleren Achtziger: melodieselig, dreist, surreal, umwerfend)
The Vaccines – „If You Wanna” (Single. Hätte nie gedacht, dass mir noch mal eine junge britische Gitarrenband, bei der es in Punkto Erfolg arg schnell geht, gefallen könnte)
Bob Dylan – Bringing It All Back Home (Der 70. Geburtstag des Meisters rückt näher und ich höre mich mal wieder durch sein Gesamtwerk. Meine derzeitige Lieblingsplatte ist dieses Album. Wahrscheinlich gibt es dichtere Werke, aber hier sind einige seiner besten Songs drauf)

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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