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DMD SID PIDA oder Die Manifestation der Salatsprosse im deutschen Popsong ist die Abwesenheit

09.06.2011, 15:50 Uhr  ·  Diesmal: Ja, Panik, Locas In Love, Grillen revisited und ein paar schöne Platten.

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29.05.2011
Vor zwanzig Jahren, so entnehme ich einer Musikzeitschrift, stand im Juni „Wind Of Change” von den Scorpions auf Platz 1 der deutschen Charts.
Eben dieser „Wind Of Change” weht nun auch durch meinen Garten. Die Nachbarn grillen nämlich, mehr noch: Sie grillfeiern, und als Soundtrack zu diesem Schreckensfest haben sie allem Anschein nach eine Dreifach-CD-Box auserkoren, die nur den Titel „Die wirklich schlimmsten Lieder aller Zeiten” tragen kann. Denn „Wind Of Change” wird in erbarmungsloser Unausweichlichkeit gefolgt von „Money For Nothing” (Dire Straits) und „What’s Up” (Four Non Blondes). Ich denke mir diesen Grusel wirklich nicht aus, aber hier einfach mal vier Songs, die von den Nachbarn ohne alle Anzeichen von Scham in dieser Reihenfolge in den sonnigen Tag geplärrt werden: „Kaleigh”, „Hier kommt Alex”, „We Don’t Need Another Hero” (wird in der Liste der grauenhaftesten Songs aller Zeiten oft vergessen) und „Sonderzug nach Pankow”.
Ich schiebe den Vorhang beiseite um einen Blick auf die Meute zu erhaschen. Erstaunt muss ich feststellen, dass keiner der Anwesenden über Vierzig zu sein scheint, was zwar keine Rechtfertigung, aber zumindest doch eine Erklärung für die Musikauswahl wäre, von wegen: Da feiern eben ein paar Ü-40-Jährige, die es im Leben nicht leicht gehabt haben und denen von ihren Eltern verboten wurde, schöne Musik zu hören. Mich stört auch gar nicht, dass hier jemand lautstark vermeintlich schlechte Musik (was auch immer das sein soll) hört: Ich habe selbst keinen besonders großartigen Musikgeschmack, neige bisweilen zum Derben und Doofen und das Beurteilen von Menschen aufgrund seltsamer musikalischer Vorlieben langweilt mich. Würden die Menschen drunten im Garten etwa wahlweise nur munterer Mundartmusik lauschen, zu Minimal Techno tanzen oder das Gesamtwerk der Schnurrbartband Opus („Life Is Life”) abfeiern und mit Opus-Gedenkschnurrbärten über den Rasen tollen, könnten sie sich meines Respekts für ihre Konsequenz sicher sein. Aber diese Ballung des Naheliegenden, Unausgewählten, Egalen, dieser Trieb zur banalen, zufälligen Schrecklichkeit verstört mich zutiefst.
Oft wird die sogenannte „schweigende Mehrheit” ja als Quell allen Übels bezeichnet (die falsche Regierung, das falsche Fernsehen, die falschen Idole etc.). Unfug: Wenn sie doch nur mehr schwiege, diese Mehrheit! Stattdessen brüllt sie, stampft und hat ein albernes Hütchen auf. Noch nie habe ich mir eine schweigende Mehrheit so sehr ersehnt wie heute.

30.05.2011
„Das war die Messe” sagt Ja, Panik-Sänger Andreas Spechtl. Die Band hat soeben im Kölner Gebäude 9 das aktuelle Album „DMD KIU LIDT” von vorne bis hinten durchgespielt.
Zuvor schwebten Fragen im Raum: Darf man eigentlich noch „Diskurspop” sagen, ohne mit Diplomarbeiten über die Hamburger Schule erschlagen zu werden? Geht Systemkritik nur noch in Verbindung mit Schnöseltum? Und: Was ist subversiver – eine junge Indieband aus Österreich  hören oder obskuren Folk aus den Appalachen? All diese Fragen spielen Ja, Panik mit nur einem Song aus dem Saal.
Und was gab es nicht alles zu sehen und zu hören: Anmut und Lallen, Ekstase und Kontrolle; die deutschen Pavement 2.0 mit einem wortdrechselnden Anti-Falco am Mikro; Dröhnen und Fiepen, Violinisieren und Säuseln, bröckelige Coolness,  schüchterne Wildheiten und „die Zukunft des österreichisch-englischsprachigen Rappelpop” (Paderborner Kurier). Wenn ich nicht schon so alt wäre, ich würde dieser Band am liebsten täglich die Bühne aufbauen.
Indes (ich wollte einfach mal „indes” schreiben): Das Letzte, was diese Band, die so toll Bob Dylans „Ballad Of A Thin Man” paraphrasiert, braucht, ist Musikkritiker-Applaus. Aber genau den bekommen sie natürlich – auch hier. Aber, herrje, Musikkritiker: Das ist ja auch nur so ein Begriff, den sich irgendwelche Begriffausdenker bei schlechtem Wetter ausgedacht haben. Wenn es morgen heißt „Auf alle Musikkritiker möge es sofort Felsbrocken herniederregnen”, werde ich danach in Ruhe meine Schorle austrinken und mir erstmal eine neue Herrenhandtasche kaufen.

02.06.2011
„Ruhe jetzt!”
Jennifer Rohkost, Moderatorin des Mädchen-Pop-Magazins „Jenny” wendet sich in ihrer typischen, von Kritikern als „hinreißend vorwurfsvoll” und „bewundernswert abgefeimt” gepriesenen Art an ihr Studiopublikum.
„Wenn Ihr nicht alle jetzt die Klappe haltet, tritt zur Strafe noch ein Live-Act auf” droht sie und liest danach die komplette Witzseite der ZEIT vor.
Rohkost, im Osten Deutschlands geboren und Absolventin der Gender Academy Freiburg, hat sich im Fernsehen beispiellose Freiheiten erschwommen. Und so ist es auch nur ihr möglich, ein vierzigsekündiges Interview mit dem Schockelektroniker Ehedem Papanderous zu führen, der sein neues Album „Wenn Du mal so richtig schlecht drauf kommen willst, empfehle ich mich” vorstellen soll. Papandreous, eben erst mit dem Echo und dem Freio ausgezeichnet, ist, obwohl kommerziell zutiefst erfolgreich und hochdekoriert, keine unumstrittene Persönlichkeit. Aus seiner Ehec-Abhängigkeit hat der „Laptop-Karajan” (FAZ) nie einen Hehl gemacht und auch heute, im Gespräch mit Rohkost, ist er ein Erreger auf Stelzen. Nach zwanzig Sekunden bricht er das Interview lallend ab. Rohkost zeigt stattdessen eine lustige Außenreportage, die ihren Sidekick Bernd Stuckdecke-Barenboim beim angezogenen Veralbern von nackten Menschen in einem Wellness-Paradies zeigt

04.06.2011
Welt, wappne Dich!
Demnächst erscheint mein diesjähriges deutschsprachiges Lieblingsalbum. Ja, das kann man so ruhig mal schreiben. Auch und gerade, weil ich sonst nicht der größte Fan von Jetzt-schon-das-beste-Album-des-Jahres-Verlautbarungen bin. Aber die Tatsache, dass ich mich im vorliegenden Fall doch einmal hinreißen lasse, sagt viel über meine Liebe zu diesem Album aus. Ich bin gar so begeistert, dass ich das gleich das erste Plattenfirmen-Info meines Lebens für die Band verfasst habe. Bin ich damit befangen? Blödsinn, hier geht es um Popmusik, nicht um Wertpapierhandel.
Locas In Love aus Köln veröffentlichen demnächst das Album „Lemming” und es übertrifft tatsächlich alles, was ich mir von dieser Band nach ihrem letzten regulären Werk „Saurus” erwartet habe. Locas In Love – die, wie es der Zufall so will, ihr Studio gleich hier ums Eck haben – sind die Band, der ich (und ich betone an dieser Stelle, dass wir uns bis heute noch nie persönlich getroffen haben!) jederzeit meine Lieblings-Jackets und meine gesamte Sammlung italienischer Filme anvertrauen würde. Deshalb, weil diese Band für mich eine musikalische wie textliche Glaubwürdigkeit verkörpert, die man innerhalb der Konstruktion „Pop” als befremdlich empfinden müsste, wenn sie nicht so cool und dabei doch beseelt daherkäme.
Alles hier wirkt abgerungen, erkämpft, in Schlachten erobert und danach mehrfach auf jeden Zweifel hin abgeprüft – und trotzdem klingt es so wunderbar leicht und selbstverständlich, dass ich mich frage, wann im deutschen Pop (außer bei Erdmöbel) es zuletzt soviel Leben und Liebe zu hören gab. Nein, ich bin nicht pathetisch, Sie sollten mich mal erleben, wenn ich meine pathetischen fünf Minuten habe!
„Über Nacht ist ein ganzer Wald gewachsen (Das Licht am Ende des Tunnels ist ein Zug)” heißt der Auftaktsong- und wie Björn Sonnenberg und Stefanie Schrank diesen zweiten titelspendenden Satz singen – ganz so, als habe man die froheste Botschaft der Welt zu verkünden -, das muss man gehört haben. In den folgenden zehn Songs fallen Sätze wie „Es ist alles wirklich so schlimm wie es scheint” oder „Ich weiß nie, welchen Draht ich durchschneiden soll: den roten oder den blauen…”. Und trotzdem haben diese Stücke eine trostspendende Kraft, die ihresgleichen sucht. Auch in der Musik knallt das Zerknirschte immer wieder auf das Euphorische, Donnernde: Velvet Underground spielen hier eins ums andere Mal mit den Flaming Lips zur großen Jetzt-gilt-es-Sause auf. Wirklich: Besser wird es 2011 nicht mehr im deutschsprachigen Pop. Sorry, Ja, Panik.

05.06.2011
Ein paar weitere schöne neue Platten im Schnelldurchlauf:
Ich gehöre ja zu den dreieinhalb Menschen, die nie so recht mit Conor Oberst und/oder Bright Eyes warm geworden sind. Die Gründe sind recht uneinfallsreich: Ich mag die Stimme nicht, ich finde nicht, dass der Mann wahnsinnig gute Songs schreibt, und dieser seltsame heilige Ernst, der bei ihm – wie bei vielen ehedem Haltlosen – die jugendliche Übergeschnapptheit ersetzt hat, ist mir mehr als suspekt. Trotzdem: Das ein oder andere Stück ist nicht schlecht. Wenn Bright Eyes demnächst durch Deutschland touren, empfehle ich dringend auf den Herrn im Vorprogramm zu achten: NIK FREITAS – der auch schon musikalisch für Oberst wirkte – ist ein feiner Autor und Sänger mit Neigung zum Poprock-Klassizismus. Den von mir hochgeschätzten Jason Collett und Josh Rouse nicht unähnlich sind seine Stücke stark im Adultpop der späten Siebziger und frühen Achtziger verhaftet. Soll heißen: Weiche Produktion, leichte Hanschwaden-im-Schlafzimmer-Stimmung und Songs, die erst beim dritten, vierten Hören ihre Raffinesse erkennen lassen. Titel seines jüngsten Werks: SATURDAY NIGHT UNDERWATER. One to play when the sun is out.

Noch nicht erschienen, aber hier schon seit Wochen im Dauereinsatz: ANDREAS DORAUs neues Album TODESMELODIEN. Wer seinen Albumnamen dem deutschen Titel zu Sergio Leones schwächstem (aber dennoch tollem) Film entlehnt, hat bei mir ohnehin schon gewonnen. Dorau ist ja so einer, dessen Großartigkeit man in den langen Pausen zwischen seinen Veröffentlichungen gerne mal vergisst. Aber diese Mischung aus Naivität und Cleverness hat hierzulande einfach nur er drauf. Mit dem dünnsten Stimmchen der Welt singt er zu gewohnt prägnantem Pop-House und schönen Sixties-Schlagermelodien mit Hände-in-die-Luft-Appeal diesmal über aufgeblasene Großschwätzer, seltsame Erscheinungen bei Nacht, Krankheit, Leben im Altenheim oder die Freuden der Wiedergeburt. Besonders grandios gelingt ihm ein Lied über ein Gefühl mit ausgesprochen üblem Leumund – „Neid”. Textprobe: „Neid, das weiß jeder, ist keine Zier / Doch ich geb’ es zu: Er wohnt auch in mir / Es hat keinen Zweck, drum gib es ruhig zu / Jeder ist neidisch, genauso wie Du / Hier kommt der Neid – bist Du für ihn bereit / Lern ihn zu verstehn, es wird Dir besser gehen”. Ein weiser Mann mit Rhythmus.

Ich kann musizierende Hippies ja nur dann aushalten, wenn sie der Zwölfminütigkeit entsagen und ihre Wasserpfeifengelage in Richtung knapper Popsongs kanalisieren. Insofern: Kevin Ayers, Syd Barrett – ja! Grateful Dead und Pink Floyd ohne Barrett – eher nein. Insofern sollte es wenig verwundern, dass die schellenkranzschüttelnde Freak-Familie Edward Sharpe & The Magnetic Zeros und ihr heiterer Haschisch-Pop leichtes Spiel mit mir hatten. Nun erscheint ein Solo-Album des Band-Vortänzers ALEX EBERT, das sich erfreulicherweise stark nach der Mutterband anhört und mich an die frühen Solowerke von Kevin Ayers erinnert (abzüglich der Jazz-Reste und des Prog). Egal, welchem Genre sich der Mann auf ALEXANDER widmet – stets tut er es mit dem Gestus des verspulten Langschläfers. Besonders gelungen: die Spaghetti Western-Hommage „Truth”. Für alle, denen Devendra Banhart zu ambitioniert ist.

Zuletzt zwei Wiederveröffentlichungen: Im Rahmen einer großangelegten PAUL MCCARTNEY-Reissue-Reihe, die mit dem Wings-Überflieger „Band On The Run” gestartet wurde, erscheinen dieser Tage zwei Solo-Alben des Vaudeville-Beatle, beide natürlich in üppiger Prunkausstattung mit Bonustracks und DVD: MCARTNEY aus dem Jahr 1970 und MCCARTNEY II von 1980. Gerühmt wird gemeinhin ja vor allem das Solo-Debüt, das bekanntlich noch zu Beatles-Zeiten entstand und – da McCartney hier in „White Album”-Manier alle Instrumente alleine einspielte – als Pionierwerk naiver Lo-Fi-Kunst gehandelt werden darf. Vieles hier ist tatsächlich herrlich naiver, hanfbetriebener Quatsch und hat wenig mit dem Broadway-Perfektionismus zu tun, für den der Mann ja üblicherweise bekannt ist. Die Stücke schwanken zwischen arg Skizzen-haftem Material („Valentine Day”) und wirklich tollen Songs („Every Night”).

Mir gefällt derzeit McCARTNEY II noch weitaus besser. Es ist – mehr noch als MCCARTNEY – Paules Exzentriker-Album: Die Stücke sind hörbar beatmet von den Wavereien jener Tage, was zu bald ulkigen, bald anmutigen Ergebnissen führt. Phasenweise klingt die Platte, als habe jemand im Badezimmer mit alberner Stimme McCartney-Parodien aufgenommen, dann wieder tönt es wie auf einem frühen Synthesizer produzierte Telekolleg-Musik.  Einige Songs sind grandios, manche schlicht bizarr. Als Bonustrack ist unter anderem das ebenfalls zu jener Zeit entstandene „Wonderful Christmastime” enthalten, was zur Folge hat, dass ich nun schon seit Tagen auf sämtlichen Grillfesten ein Weihnachtslied von Paul McCartney vor mich hinsumme. Davon abgesehen ist dies ein weiteres Album für die Sonne. Es kann nicht genug geben. Sonst weht bald wieder der „Wind Of Change”.

 

 

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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