Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (3)
 

Die breitesten Schnauzbärte der Achtziger gegen die Musikindustrie

22.12.2011, 10:56 Uhr  ·  Thema diesmal: Post von Plattenfirmen, die Rockstar-Krankheit „Stimmbandentzündung“ und eine Tatort-Folge für die Festtage

Von

Wenn drogensüchtige Rocksänger und bipolare Pop-Prinzessinen keine Lust haben auf Tournee zu gehen, haut sie ihr Management in der Regel mit der Ausrede „Stimmbandentzündung” raus. Ich habe nun am eigenen Leib erfahren müssen, dass man tatsächlich eine Stimmbandentzündung bekommen kann und ich bin weder Rockstar noch Pop-Prinzessin. Erst dachte ich ja, es sei eine banale Erkältung, aber heute morgen fand ich mich mit schmerzendem Hals beim Hals-Nasen-Ohrenarzt wieder. Der schob mir allerhand erstaunliche Gerätschaften in den Rachen, ließ mich komische Laute von mir geben, faltete dann die Hände und sprach: „Tja, Stimmbandentzündung”. Er sagte noch mehr: „Eigentlich sehen Stimmbänder aus wie plattgelatschte Strohhalme, Ihre aber sehen aus wie Mettwürste”. Ich war kurz ein wenig beleidigt, entschloss mich aber, sachlich zu bleiben. Man könne sehr wenig dagegen unternehmen, informierte der Arzt weiter, nur das Folgende: Ebenso warme wie feuchte Halswickel, Milch mit Honig, kein Wein, kein Schnaps, stattdessen Eierlikör. In erster Linie aber: nicht sprechen.
Vor allem das mit dem Eierlikör habe ich mir gemerkt. Und dass man nicht sprechen soll. Ich schreibe das alles nur, weil ich denke, dass Sie, liebe Leserin, wissen sollten, dass dieser Text mit einem Wickel um den Hals und unter dem Einfluss von Eierlikör, viel Eierlikör, entstanden ist.

Neun Tage vor Heiligabend: Coldplay spielen in der ausverkauften Lanxess Arena zu Köln und ich stehe in berichterstatterischer Absicht unter lauter Menschen mit bunt leuchtenden Armbändern im Konfetti- und Luftballonregen. Die Band sucht erwartungsgemäß zwei Stunden lang die Hymne wie Podolski den Abschluss. Allerdings liegt mir Podolski etwas mehr. Auf dem Nachhauseweg krame ich den Infozettel aus der Tasche, der allen Journalisten vom Veranstalter in die Hand gedrückt wurde. Darauf werden die Coldplay-Stadion-Konzerte angekündigt, die für den kommenden Sommer geplant sind. Es heißt dort: „Stadion-Tour von Coldplay im September. (…). Die extrem harte Sanftheit der Rockmusik.” Toll, denke ich bei mir, der Abend hat sich also doch gelohnt.
Überhaupt: Wie trist wäre mein irdisches Umherstreunen, würde mich die Musikindustrie nicht regelmäßig – ob nun digital oder per Post – mit Infozetteln beglücken. Immer dann, wenn ich dem Ennui anheimzufallen drohe, pflege ich ein paar dieser Mails zu lesen, die mir von den großen Plattenfirmen zugesandt wurden. Hier findet sich viel Erbauliches und Informationen, die gerade in diesen tosenden Tagen Sicherheit zu geben wissen. Schon oft haben mir diese Informationsschriften lange nachwirkende Seelenkatheter verpasst, ohne die mich wohl die totale Tristesse überschwappt hätte.
Vor ein paar Wochen erst las ich dies: „Mit “Called Out In The Dark” präsentieren Snow Patrol den offiziellen ARD-Wintersportsong für die Saison 2011/2012!”. Da darf man also beruhigt ins Möbel zurücksacken: Der ARD-Wintersportsong für die Saison 2011/2012 ist gefunden. Das war knapp! Nicht auszudenken, was aus dem ARD-Wintersport geworden wäre, wenn nicht die Pisten-Komponisten von Snow Patrol rechtzeitig aus den Moonboots gekommen wären. Nun aber muss keine zeitlupenlastige Highlight-des-Tages-Bildaneinanderreihung mehr ohne ihr wohlfeiles Pathos-Gepumpe auskommen.
Über den deutschen Sänger Maxim durfte ich wiederum in seinem Begleitschreiben die folgenden Sätze lesen: „Maxim Richarz alias „Maxim”, 29-jähriger Songschreiber aus Köln, ist Teil einer Generation, nach deren Definition per Schlagwort noch immer gesucht wird. Getrieben von Zukunftsängsten im Wohlstandsland, völlig ungeklärter Rollenverteilung und der ständigen Zerrissenheit zwischen „Großstadt Hipster” und „Hochzeit in Weiß” wandeln daher auch die Songs auf Maxims 3. Album „Asphalt””. Ja, immer diese blöde Zerrissenheit zwischen „Großstadt Hipster” und „Hochzeit im Asphalt” – wer kennt sie nicht?

Plattenfirmen schicken aber nicht nur Musik und die dazugehörigen Begleitschreiben. Früher, als die musikverarbeitende Industrie noch irre viel Geld hatte, wurden Journalisten und sogenannte Medienpartner (Morgen schreibe ich den Song „Ich bin nicht Euer Medienpartner!”) mit allerhand ulkiger Promo-Ware beliefert: T-Shirts, Tassen, Figürchen, Pappaufsteller usw. Nun ist zwar nicht mehr ganz soviel Geld da, in die ein oder andere farbige Aufklapp-Broschüre wird aber hin und wieder schon noch investiert. Die Künstler, denen man derlei Broschüren verpasst, sind in der Regel von jener Art, wie sie Jürgen von der Lippe früher gerne im TV anmoderierte. In letzter Zeit scheint sich nun der seltsame Trend durchzusetzen, in werbender Absicht Lebensmittel zu verschicken. So erreichte mich beispielsweise vor einiger Zeit das neue Album der – so scheint es mir – in Textilangelegenheiten stets etwas unterversorgten Sängerin Aura Dione. Dem Album beigefügt war ein sogenannter Liebesapfel (!). Da ich keine Lebensmittel wegwerfe, dem Verzehr von Liebesäpfeln aber äußerst unaufgeschlossen gegenüberstehe, kam das klebrige Obst in den Kühlschrank, wo es schon bald fröhlich vor sich hinzuschimmeln begann. Aura Dione stehe ich seither nicht eben positiver gegenüber.
Kurz darauf erreichte mich ein recht schweres Paket, das eine Holzkiste zum Inhalt hatte. In der Holzkiste befand sich neben dem neuen Album der durch und durch ärgerlichen Blödelband Boss Hoss irgendein hochprozentiger Alkohol, sowie etwas, das wohl im Kontext von Barbecue-Veranstaltungen verzehrt wird. Das Problem (als ob eine Boss Hoss-CD nicht schon Problem genug wäre): Die Kiste und ihr Inhalt hatten Schaden genommen, so dass sich ein sämig-brauner, nach Tex Mex-Soße riechender Brei über die Boss Hoss-CD gelegt hatte.
Zunächst wollte ich nach diesem Präsent von weiterer Lebensmittel-Promotion Abstand nehmen. Gerade aber denke ich: Wenn Plattenfirmen in Zukunft zu ihren zu bewerbenden Produkten etwas Käse (Benjamin Biolay), Rotwein (Charles Aznavour) oder Blutwurst (Klaus Lage) beifügten, würde das zumindest in diesem Haushalt nicht auf Ablehnung stoßen. Es sei hier übrigens kurz eingeflochten, dass die meisten Plattenfirmen ihre Künstler ohne derlei Mumpitz zu bewerben wissen, auch verschicken nicht alle seltsame Infozettel.

Apropos Klaus Lage („Faust auf Faust”): Kennen Sie den 88er Schimanski-Tatort „Moltke”? Falls dem nicht so ist, sollten sie das rasch nachholen. Die zur Weihnachtszeit spielende Folge enthält nicht nur die breitesten Schnauzbärte der gesamten Achtziger Jahre, sie ist auch sonst grandios: Schimanski versucht eines soeben aus dem Zuchthaus entlassenen Polen (Moltke eben) habhaft zu werden, der nach seiner Entlassung diejenigen zur Strecke zu bringen gedenkt, die einst dafür sorgten, dass er in den Knast ging und sich selbst in der Zwischenzeit ein bürgerliches Leben aufgebaut haben. Es gibt viel zu sehen: Schimanski kämpft mit Raubtieren, säuft flaschenweise Vodka, foltert einen gefesselten Bösewicht mit selbstgemixten Cocktails und liefert sich die schönsten Scharmützel mit seinem Kollegen Thanner. Manchmal erinnert der spannende Film gar an das, was Jahre später in den filmischen Umsetzungen der Brenner-Krimis vonstatten ging – nur das hier nicht Österreich, sondern der graue, triste Ruhrpott Austragungsort der Handlung ist.
Der Grund, warum „Moltke” Erwähnung im „Pop-Tagebuch” findet, ist jedoch ein anderer: Wer den Achtzigern, die ja sonst gerne als großes Aerobic-Video gezeigt werden, mal so richtig in die hässliche deutsche Visage gucken möchte, hat hier dazu ausgiebig Gelegenheit. Ganz massiven Anteil daran hat ein Mann, der unter dem Namen Dieter Bohlen einer breiten Öffentlichkeit hinreichend bekannt sein sollte. Bohlen liefert nicht nur den Soundtrack (der aus einer unfassbar sämigen Neonpfützen-Ballade besteht, die er bestimmt auch mal versucht hat, Chris Norman anzudrehen), er spielt sogar kurz mit – als eifersüchtiger Golf GTI-Fahrer mit Pilotenbrille und flatternder Matte, dessen Ehemalige nun mit Thanner aktiv ist. Er sagt auch einen preisverdächtigen Satz: „Schwein du, wir wollten heiraten!”, prollt er den konsternierten Thanner an und schlägt ihm dann in die Magengrube. Ziemlich grandios. Ein perfekter Feiertagsfilm mit viel deutschem Achtziger-Augenpop. Essential viewing!

Für heute muss ich nun leider schließen, denn ich werde beim großen Weihnachtssingen des Musikkritikerchores erwartet. Mitsingen kann ich in diesem Jahr leider nicht, weniger der Stimmbänder wegen, als vielmehr aufgrund der Unmengen von Eierlikör, derentwegen ich mich ganz seltsam fühle. Morgen aber, so Gott will, werde ich schon den nächsten Eintrag einstellen. Dann gibt es hier meine Lieblingsalben des Jahres 2011.

 

 

 

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

Themen dieses Blogs