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Die Alben des Jahres 2011

23.12.2011, 07:55 Uhr  ·  Ein Rückblick in Musik

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Nun, da ich wieder an langen Abenden, die Meerschaumpfeife im Anschlag, vor der knisternden Stereoanlage sitze, drängt es sich auf, die letzten zwölf Monate Revue passieren zu lassen.
2011 war nicht nur das Jahr, in dem ich erstmals eine Krankenhausambulanz besuchte, um mir eine Gräte aus dem Hals holen zu lassen, es war auch das Jahr, in dem ich endlich die wunderbare Musik von Little Feat und J.J. Cale für mich entdeckt habe. Auch durfte ich 2011 erfahren, dass Rick Rubin vor seinem Haus im Laurel Canyon einen beleuchteten Wasserfall stehen hat. Ich habe 2011 also nicht umsonst gelebt.
Es gab aber auch wieder viel neue Musik, die mein müdes Herz am Pochen hielt. Und für alle, die dem oder der Liebsten noch Musik unter den Baum zu legen trachten, möchte ich heute an dieser Stelle eine kommentierte Liste mit Lieblingsmusik des Jahres 2011 einstellen. Ich habe nur meine absoluten Lieblingsalben herausgegriffen, einzelne Spitzensongs (etwa von den Indie-Rockern Girls, der Westcoast-Band Dawes, den Pomp-Poppern Dead Trees o.ä.) habe ich nicht einbezogen. Auch Wiederveröffentlichungen (Paul McCartney, das „Smile”-Album” usw.) müssen draußen bleiben. Jedes Album wird kurz kommentiert, wobei ich mich bei Platten, die hier bereits eine Erwähnung fanden, zurückgehalten habe. Eine Reihenfolge gibt es nicht, denn Kunst kennt keine Ranglisten. Andiamo …

John Wesley Harding – The Sound Of His Own Voice
Als der Brite John Wesley Harding (der unter seinem bürgerlichen Namen Wesley Stace recht erfolgreich Romane verfertigt) in den späten Achtzigern auftauchte, fanden viele seine Idee, sich nach einem Bob Dylan-Album zu benennen, gar nicht witzig. Immerhin hat er sich nicht Nashville Skyline genannt! Auf seinem jüngsten Werk spielt Harding begleitet von Mitgliedern der Decemberists und The Minus Five sanften Gentleman-Pop zwischen spätem Andy Partridge und mittlerem Elvis Costello. Die Kompositionen sind elegant, die Texte sind sardonisch: „There’s A Starbuck’s where the Starbuck’s used to be”. Gediegen.

Gillian Welch – The Harrow & The Harvest
Wenn es 2011 einen klassischen Kritikerliebling gab, dann wohl Gillian Welchs jüngste Zusammenarbeit mit ihrem musikalischen Gefährten David Rawlings. Erlesenes Akustikgitarrenspiel, ein ebenso traditionelles wie abenteuerliches Songwriting und Welchs Stimme machen diese Platte zu etwas ganz Feinem, Edlem. Eines dieser seltenen Alben, die klingen, als hätte es sie schon immer gegeben. Man hört das blaue Gras wachsen, wenn diese Platte läuft.

Sampler: Tucson Songs
Ein schöner Sampler des verdienten Labels Le Pop. War man dort bislang vorrangig auf die Pflege französischen Gegenwartpops spezialisiert, hat man zuletzt die Aufmerksamkeit in Richtung der Wüstenstadt im Süden Arizonas gelenkt. Ich selbst war leider noch nie in Tucson, aber die Legenden, die sich um die Musikerstadt ranken, drängen einen baldigen Aufenthalt ebendort geradezu auf (Falls mir jemand ein Stipendiat verpassen möchte, sei er herzlich dazu eingeladen). Der vorliegende Sampler versammelt die ganze bunte Szene der Stadt: Von Veteranen wie Howe Gelbs glorreichen Giant Sand bis hin zu französischen Exilanten (Marianne Dissard) und Youngstern (Andrew Colberg) reicht die Palette. Schön auch, wie im Auftaktsong die Perspektive des Italo-Westerns auf die amerikanisch-mexikanische Border-Kultur angewandt wird. Tolle, bunte Platte. Vamos Companeros!

Destroyer – Kaputt
Die watteweiche Nachstellung feuchter Achtziger-Pop-Träume. Prefab Sprout und Hall & Oates im Sinn, kleidet Dan Bejar, der Mann, der auch für die New Pornographers stets große Lieder lieferte, seine mitunter exzentrischen Texte hier in so einlullende Arrangements, daß man die Fallen im Soundschnee allzu leicht übersieht.

A. A. Bondy – Believers
Wurde kürzlich hier schon belobhudelt. Da ich aber Lust habe, ein ekliges Wort zu benutzen, sei wenigstens gesagt: eine der besten Liedermacherscheiben des Jahres.

Jonathan Wilson – Gentle Spirit
Das Cover lässt grandios ekligen Tropfkerzen-Prog Rock vermuten, tatsächlich spielt Wilson elegante kalifornische Songschreiber-Psychedelia. Als ich ihn vor einigen Jahren als Backingmusiker für Jenny Lewis und Benji Hughes erlebte, sah er aus, als käme er gerade frisch vom Set des leider nie gedrehten Films „Boys of Joni – The Real Laurel Canyon Story”. Nun hat er endlich ein Soloalbum gemacht – und klingt darauf exakt so, wie er aussieht. Freundliche Langhaarigkeit in Songs gegossen. Klingt oft als wäre Graham Nash David Crosby.  Für Fans der letzten drei Devendra Banhart-Platten.

Brian Lopez – Ultra
Nochmal Le Pop. Und noch mal Tucson. Brian Lopez klingt wie einer dieser übertalentierten Irren, die schon als Kind erst in einen Topf Talent und dann in den Bottich mit den Hasch-mich-Pilzen gefallen sind. Wenn Love-Fronthirn Arthur Lee seinen psychedelischen Kammerpop statt in Kalifornien in der Wüste Arizonas eingespielt hätte, das Ergebnis hätte womöglich ähnlich geklungen. Lopez’ Duett mit Salvador Duran,  „El Pajaro y el Ciervo”, ist berückender als alles, was ich 2011 gehört habe.

The Stepkids – same
Eine Band, die da weitermacht wo sich die Flaming Lips und Animal Collective „Guten Tag” sagen. Nein, falsch: Sly Stone und irgendwelche Westcoast-Heinis scheinen in diesen irren, mit glanzlichterartigen Harmoniegesängen verzierten Psychedelic-Funk-Stücken die Klingen zu kreuzen. Arbeiten auf der Bühne sicher mit Visuals. Sollen sie ruhig machen.

Nick Lowe – The Old Magic
Eine der tollsten Platten 2011 vom Gewährsmann des Schönen. Eigentlich dürfte diese Musik, so handwerklich perfekt wie sie ist, nur schwerlich berühren. Aber der große alte Traditionalist Lowe kann mit seinem zwar ironischen, aber immer auch sehr intensiven Blauaugensoul und London-Country immer wieder umgarnen. Wie schreibt man bloß solche Songs? Ich will mit Nick Lowe Whiskey trinken!

Ja, Panik – DMD KIU LIDT
Diese Zigarettenjungs aus dem Burgenland rühren zutiefst mich mit ihrer aufgekratzten, wütenden, attitüdenprallen und ungemein stilvollen Musik . Auch live großartig.

Okkervil River – I Am Very Far
Als ich die einstigen Amerikanisten um den aufgekratzten Brillenverlierer Will Sheff im März in ihrer Heimatstadt Austin/Texas gesehen habe, war ich mir sicher: Dies ist die Band, die auf meiner Hochzeit spielen muss. Ich bin es immer noch.

Boy – Mutual Friends
Das Lieblingsalbum meiner Tochter. Sehr guter Pop, der bei aller Eingängigkeit von seiner Zurückhaltung lebt.

Ezra Furman & The Harpoons – Mysterious Power
Auch diese Platte wurde im vorletzten Eintrag schon empfohlen. Allerdings schrieb ich damals Unfug. Mit den Pixies hat das hier nur wenig zu tun. „Mysterious Power” klingt vielmehr wie das Album, das Ben Lee seit Jahren nicht hinbekommt.

Eastern Conference Champions – Speak-Aah
Indierock, du alte Schachtel! Verernstete Gitarrenrockalben, die nach schweißtreibender Verausgabung klingen, können mein Herz nur noch selten erreichen. Sich aber der Dringlichkeit dieses Trios zu widersetzen, fällt dann doch schwer, zumal es der Band gelingt, ihre Songs originell und atmosphärisch zu arrangieren. „I pulled myself into the rain and I washed off every sin I made” wird gleich im ersten Song verkündet, „I cut my teeth on Rock and Roll” singt Joshua Ostrander waidwund im zweiten. Ist so etwas „Album des Jahres” in der Visions?

War On Drugs – Slave Ambient
Die Amerikaner um Chef Adam Granduciel sind bei uns im Gegensatz zum Vereinten Königreich noch keine Underground-Darlings. Sollen, wie die vorangegangene Band, eine ziemliche Live-Sensation sein. Auf Platte ist’s allemal famos: Der verpennte Gitarrenrock passt perfekt neben andere Halbeingeschlafene wie A. A. Bondy oder Kurt Vile (der früher bei War On Drugs spielte) und klingt oft, als ob der 1966er-Dylan im Jahr 2011 narkotisierte Autofahrmusik spielte. Oder wie Tom Petty in Dreampop-Laune. Die Songs daddeln ein ums andere Mal in Gegenden, wo keine Straße hinführt.

Andreas Dorau – Todesmelodien
Dorau hat in diesem Jahr die einzige tanzbare Platte gemacht, auf der ein fistelstimmiger deutscher Discoboy zu in Phil Spector-Arrangements gekleideten Schlagermelodien über Neid, Größenwahn, Tod und Edelsteine singt

Lucas Santtana – Sem Nostalgia
Leider völlig untergegangen. Santtana spielt Neo-Tropicalismo im Lo Fi-Gewand. Sehr freie, kiffige Platte, die immer wieder verwirrt und bewegt. One to play when the sun is out.

Wooden Shjips – West
Auch diese Herren sind hierzulande trotz einiger Alben noch kein allzu heiß gehandeltes Thema. Dabei spielen Wooden Shjips den besten Acid-Rock seit der Entdeckung des sechsfüßigen Grünknollenwurz. Sollte man wohl laut hören. Wenn ich dies tue, muss ich immer an das 1988er Konzert der Paisley-Underground-Band Opal im Kölner Rose Club denken, auf dem weite Teile meiner Zurechnungsfähigkeit dahingegangen sein müssen. Mindbogglin’.

John Hiatt – Dirty Jeans and Mudslide Hymns
Wie Nick Lowe trägt auch John Hiatt längst Knitterlook. Doch noch etwas eint die beiden Männer: Wie Lowe (mit dem Hiatt vor etwa zwanzig Jahren kurz in der Supergroup Little Village spielte) wird auch der Amerikaner mit zunehmendem Alter immer besser. Hier haut der Mann mit dem Autoverkäuferlook einen grandiosen Americana-Song nach dem nächsten raus. Wer Musik sucht, die klingt wie die Schnittmenge von Sam Cooke und Bob Dylan, sollte hier zugreifen.

The Vaccines – What Did You Expect From The Vaccines?
Mein Vorhaben, junge britische Indie-Bands mit einer Vorliebe für Musik der Jahre 1978 bis 82 künftig ruhigen Gewissens zu ignorieren, wurde von dieser Band zunichte gemacht. The Vaccines, vier britische Burschen ohne blöde Frisuren, dafür aber mit Fieber im Blick, spielen auf ihrem Debütalbum ausschließlich kurze knackige Bubblegum-Punk-Hits. Besser als alles, was sonst zuletzt aus dem Vereinten Königreich kam. Do you remember Rock’n’Roll Radio?

The Head And The Heart – same
Von allen Americana-Bands mit Harmoniegesang 2011 die beste. Sorry, Low Anthem.

Locas in Love – Lemming
Ich habe vielerorts über diese Platte geschrieben. Ich mache es darum heute kurz: Ich würde diese Band jederzeit auf meine Seele aufpassen lassen.

Nathaniel Rateliff – In Memory Of Loss
Sehr eigenes Songwriting. Und wie diese Platte klingt! Rateliffs wackelige und windschiefe Lieder gemahnten etwas ans erste Bon Iver-Album oder die Old Canes-Platte von 2010. Das liegt auch an der Produktion, die nach Lo Fi und Holzhütte tönt, bei der aber nichts dem Zufall überlassen ist.

Other Lives – Tamer Animals
Sehr ernste, irre und schöne Kathedralen- und Feenland-Psychedelia. Songschreiber und Sänger Jesse Tabish wirkt wie ein Mann, der endweder vollkommen überernstet ist oder aber den ganzen Tag lang mit Plastiksauriern Kampfszenen aus alten japanischen Filmen nachstellt. Oder beides. Für Fans von Mercury Revs „Deserter’s Songs”.

Alex Ebert – Alexander
Hippieske Liedermachermusik zum Soundsovielsten, aber der hauptberufliche Vortänzer von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros ist leichter und lustiger als die meisten Kollegen – ohne aber dabei auf Tiefe und Seele zu verzichten. Man hört vieles auf dieser Platte, von Kevin Ayers über Dylan und Simon bis hin zu Morricone.

So, das sollte reichen, um über die Feiertage zu kommen. Ich wünsche besinnliche Tage im Schatten der Tanne.

 

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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