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Eine Legende spricht!

31.01.2012, 08:43 Uhr  ·  Das letzte Interview – eine seltsame Begegnung am Rande der popmusikalischen Evolution

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Legenden und mythische Gestalten hält die Popgeschichte bekanntlich haufenweise bereit. Niemand jedoch verkörpert das Image des „lost genius”, des „eccentric maverick” so sehr wie Kevin Toolhurst-McFay. Im Folgenden sei allen Lesern, die über ausreichend sittliche Reife verfügen, gestattet, mein ungekürztes Interview mit diesem seit Jahren verschollenen Enigma lesen zu dürfen.

Mit seiner Celtic-Ska-Band The Flamingoes (sic!) mischte Kevin Toolhurst-McFay in den frühen Siebzigern den Londoner Underground auf. Die Band, darin sind sich heute zahlreiche Kritiker einig, nahm schon damals Elemente von Glamrock, Punk, Speedmetal und Eurovisions-Schlager vorweg, mehr noch: Sie vermählte all diese Stile zu einem bis heute beispiellosen Gebräu. Berühmt wurde sie jedoch vor allem durch das erratische Wesen und Bühnengebaren ihres Frontmanns Kevin Toolhurst-McFay, einem gutaussehenden Draufgänger mit Zwirbelschnauz und feurigem Blick, dessen feinsinnige Texte in totalem Kontrast zu seinem Ruf als egomanischem Einzelgänger und Raufbold zu stehen schienen.

Mitte der Siebziger trennte sich die Band, nachdem Toolhurst-McFay den Proberaum im Süden Londons abgefackelt und seine Bandkollegen in einem vielbeachteten Interview mit dem Daily Mirror als „komplette Hirnis und Wurstgesichter” bezeichnet hatte. Es folgten zahlreiche Solo-Alben, die zwar weiterhin vom Genie ihres Schöpfers kündeten, jedoch in keinem Moment kommerziell an die Erfolge der Flamingoes anknüpfen konnten. Schlagzeilen machte Toolhurst-McFay in jener Zeit vor allem durch eine Vorliebe für immer jüngere Rechtsreferendarinnen und selbst hergestellten Aufgesetzten.

Nach seinem letzten Album, dem 1979 erschienenen in Andorra aufgenommenen Spätwerk „Puzzled and Bedazzled” (auf dessen Cover er mit zahlreichen entblößten jungen Frauen einen, wie er es nannte, „Fleischpanzer” darstellte, als dessen weit ausgefahrenes Kanonenrohr er selbst fungierte) verschwand dieses große Genie der britischen Popmusik spurlos. Gelegentlich tauchten unscharfe Fotos auf, die ihn in Begleitung eines Kamels zeigten, doch vermochte sich bis heute niemand mehr dem „Enigma von York” zu nähern.
Mir gelang es im letzten Jahr, Toolhurst-McFay exklusiv für das Pop-Tagebuch im Haus seiner Großtante Valdemar aufzustöbern. Nach anfänglichem Zögern gewährte der inzwischen 62-Jährige mir ein exklusives Interview auf seinem Anwesen in der Grafschaft Kent. Während des Gesprächs, das sich mehr als schwierig gestaltete, trank Toolhurst-McFay große Mengen seines geliebten Bananen-Daiquiri – jenem Getränk, mit dem er schon in den frühen Siebzigern seine enorme Tobsucht zu dämpfen versuchte.

ERIC PFEIL: Mr Toolhurst-McFay, Sie …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: Kevin. Sagen Sie bitte Kevin. So nennen mich Freunde. Oder Kevvi, das geht auch. Kevvi wäre eigentlich ganz schön. Mich hat lange niemand mehr Kevvi genannt.
ERIC PFEIL: Ok, Kevvi, Sie haben …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: Oder, warten Sie … würden Sie mich bitte Eleonor nennen?
ERIC PFEIL: Was?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Egal. Fahren Sie fort.

ERIC PFEIL: Sie haben sich nach ihrem letzten Album „Puzzled and Bedazzled” 1979 völlig zurückgezogen. Hat es Sie gekränkt, dass nach Ihrer Trennung von den Flamingoes der Erfolg mit ihren Solo-Platten ausblieb?
KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Ach, Unfug! Ich habe bei meiner Arbeit nie in irgendwelchen Erfolgskategorien gedacht. Darum ging es mir nie. (steht ruckartig auf, setzt sich dann aber sofort wieder hin) Wie schon mein Großvater sagte: „Verlierer sind doch nur Gewinner mit zu kleinen Schuhen”.
ERIC PFEIL: Was soll das heißen?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Weiß auch nicht. Komisch. Mein Großvater war ein stolzer Mann. Er hat mir auch Geigenunterricht erteilt.
ERIC PFEIL: Sie haben aber auf keiner Ihrer Platten je Geige gespielt, oder?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Nein. Ich sagte ja auch nur, dass er mich unterrichtet hat. Ich war aber mit den Gedanken stets woanders. Bei den Jungs (lacht schäbig).
ERIC PFEIL: Wie meinen Sie das?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Wie? Wie? Wie? Wie meinen SIE das?
ERIC PFEIL: Sie sagten „bei den Jungs”. Ich meinte, was Sie „mit den Jungs” meinten. Meinten Sie bei Ihren Freunden?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Nein, Jungs.

ERIC PFEIL: Haben Sie noch Kontakt zu den anderen Mitgliedern der Flamingoes, zu Bernie Turnstall etwa oder zu Ivanhoe McDonahue, Ihren Co-Songschreibern in der Band?
KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Hören Sie, ich kenne diese Männer nicht.
ERIC PFEIL: Aber …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY: (schreit)
Sind Sie taub? Ich kenne sie nicht! (Pause, er stürzt seinen Bananen-Daiquiri herunter). Nein, gehen Sie nicht weg. (Pause) Ja, gut … ich kenne die beiden.
ERIC PFEIL
: Vergleicht man das Solo-Album mit früheren Platten mit den Flamingoes fällt auf, wie halsbrecherisch schnell Sie damals alle gespielt haben. Können Sie sich noch an die Aufnahmen zur ersten legendären Flamingoes-Platte „It Will Be Written” erinnern?
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: (lacht) Ja, das war ein aufregendes Album. Wir nahmen es bei Ivanhoes altem Vater im Keller auf. Er war ein unglaublich schwerer Mann, wir mussten ihn ständig umhertragen. (Beugt sich vor) Wissen Sie, wie lange wir nur gebraucht haben, um das ganze Album aufzunehmen? 45 Minuten!
ERIC PFEIL
: Aber die Platte ist 53 Minuten lang …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: (grinst verschwörerisch) Ja. (Pause) Irre, oder?
ERIC PFEIL
: Kevin, ich verstehe nicht …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: Nicht verstehen, Steve: Freuen!

ERIC PFEIL: Von all Ihren Platten – welche gefällt Ihnen heute am besten?
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: Ach, man fragt doch auch eine Mutter nicht, welches ihrer Kinder sie am liebsten … Wissen Sie was? Das ist totaler Mumpitz. Ich glaube, jede Mutter hat insgeheim ein Lieblingskind. So ist das eben, die Welt ist grausam. Meine Lieblingsplatte von mir selbst ist mein erstes Soloalbum „The Adventures of Kevin Toolhurst-McFay”. Wissen Sie warum?
ERIC PFEIL: Nein.
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: Weil mir keiner reingequatscht hat. Vor allem nicht die anderen Flamingoes. Ich habe darauf meine gescheiterte Ehe mit … wie hieß sie noch gleich … Dingsbumms … jedenfalls habe ich darauf meine gescheiterte Ehe mit jemandem verarbeitet. Die Trennung war sehr schmerzhaft, ich werde diese Frau niemals vergessen. Sie war schlecht und böse.
ERIC PFEIL
: Wenn Sie heute Ihre Platten von damals …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY:
Pssst … Hören Sie das?
ERIC PFEIL: (Pause)
Was meinen Sie?
KEVIN TOOLHURST-MCFAY
: Nichts. Was wollten Sie fragen?

ERIC PFEIL: Zurück zu Ihrer alten Band. The Flamingoes – das ist ja ein, na ja, nicht eben besonders toller Bandname. Glauben Sie, dass zu Beginn Ihrer Karriere viele in der Londoner Szene über den Namen …
KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Haben Sie Hunger?
ERIC PFEIL: Wie bitte?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Ich habe wahnsinnig gute Soleier im Kühlschrank.
ERIC PFEIL: Nein danke. Mr. Toolhurst-Fay … Kevvi … Eleonor.

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Nennen Sie mich Kev.
ERIC PFEIL: Kev, Sie haben soeben das Remastering all Ihrer Platten mit den Flamingoes sowie Ihres Solo-Werks höchstselbst überwacht. Glauben Sie, auch jüngere Fans könnten Sie nun ganz neu entdecken?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: (kichert) Jünger wär schon gut. (Pause) Mir ist ein bisschen schlecht. Wie, sagten Sie, heißen Sie?
ERIC PFEIL: Eric.

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Wissen Sie, Steve, mit Platten ist das so wie mit alten nassen Zeitungen im Winter.

ERIC PFEIL: Kev, Sie werden häufig als das letzte große Enigma der Rockmusik bezeichnet. Was sagen Sie zu so einem Titel?
KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Ich liebe es, Steve!
ERIC PFEIL: Ich möchte noch einmal auf Ihre Solo-Platten zu sprechen kommen. Sie haben einmal gesagt …

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Gehen Sie jetzt bitte!
ERIC PFEIL: Kev?

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Gehen Sie, mir ist komisch.
ERIC PFEIL: Aber ich …

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: (schreit) Ich flehe Sie an – Gehen Sie!
ERIC PFEIL: Ok, Kev.

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Danke, Kirk, Sie sind ein guter Junge. Sie erinnern mich ein bisschen an mich selbst, als ich schon älter war.
ERIC PFEIL: Danke für das Gespräch, Kev.

KEVIN TOOLHURST-MCFAY: Keine Ursache, Jane.

Der gesamte Backkatalog von Kevin Toolhurst-McFay liegt nun in remasterter Form wieder vor. Im Sommer kuratiert Toolhurst-McFay zudem das „All Yesterday’s Men”-Festival in Bath. Etwa zur gleichen Zeit wird seine Autobiografie „Just Regrets – Diaries Of A Selfobsessed Wanker” erwartet. 

 

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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