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Der Februar – Ein Monat tanzt den Klammerblues

08.02.2012, 13:02 Uhr  ·  Neue Alben im Monat Februar.

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Wie zu jedem Monatsbeginn gibt es heute an dieser Stelle wieder eine kommentierte Auswahl der bemerkenswertesten musikalischen Neuerscheinungen. Manche dieser Klangkunstwerke mögen geeignet sein, um labilen Zeitgenossen ein anti-karnevalistisches Trostpflaster auf die Seele zu pappen. Manche womöglich nicht …

Soko – I Thought I Was An Alien (Warner, 24.02.)
Mit dieser Frau wird man Sie bei Arte-Tracks noch ordentlich belämmern. Soko ist 25, französische Schauspielerin und Sängerin – und Daniel Johnston-Fan. Entsprechend wird sie von der Plattenfirma Warner als zerbrechliches Lo-Fi-Seelchen vermarktet, wenngleich ältere Aufnahmen auf eine durchaus robuste Natur schließen lassen. „I Thought I Was An Alien” aber drückt mächtig auf die Entfremdungstube. Gleich zum Auftakt hört man einen altertümlichen Drumcomputer, dazu einen dilettantisch gespielten Bass und dann diese bleiche, coole Zigarettenstimme: „You will discover me through my songs / They’re my heartbreak, my fears and depression”. Im Grunde, so die Sängerin im beigefügten Info, heule sie sich bloß auf ihrer Gitarre aus. Das ist manchmal durchaus berückend, oft tritt dieses viel zu lange Album aber auch nur auf der Stelle und tönt wie ein Designer-Burn-Out. Bedauerlich, denn die Masse erschlägt die erhabenen Momente: „You didn’t treat your woman right” singt sie einmal mit brüchiger Stimme, bevor ein wie aus dem Jenseits hallender Italowestern-Chor einsetzt. Auch das besonders leise „For Marlon”, ein Lied über Liebe und Abhängigkeit, ist rührend. Man merkt womöglich: Ich bin noch nicht ganz fertig mit dieser Platte. Vielleicht ein gutes Zeichen.

Robert Ellis – Photographs (New West, 17.02.)
Mein Album des Monats und die schönste Country-Veröffentlichung seit Langem. Es fällt schwer zu sagen, was hier am meisten begeistert: Das hochklassige Songwriting, die musikalische Könnerschaft oder der honigsüße Gesang, der manches Mal tatsächlich an Genre-Großmeister wie George Jones (und natürlich immer wieder an Gram Parsons) denken lässt. Ellis ist übrigens angeblich erst Anfang Zwanzig, das verwirrt umso mehr, als die Platte stellenweise enorm lebensweise tönt. Allen Menschen dringend empfohlen, die keine Angst vor langhaarigen Texanern mit Hüten haben.

Band Of Skulls – Sweet Sour (Pias, 17.02.)
Die Band, gegen die man schon immer mal beim Flipperspielen verlieren wollte. Live haben mich die drei Briten mit ihrer Mischung aus Kings-of-Leon-Rockpop und Indie-Blues auf ihrer ersten Tour durchaus gepackt. Um mir allzu häufig ihre Alben anzuhören, fehlen mir in meinem Alltag ein wenig die Schlangenlederstiefelmomente. Trotzdem gut.

Of Montreal – Paralytic Stalks (Polyvinyl, 10.02.)
Heiliger Bimbam! Die Bekloppten aus Athens, Georgia schmeißen für eine neuerliche Aufführung auf ihrer karnevalistisch geschmückten Rockmusicalbühne mal wieder Queen, die Beatles, Psych-Pop, die Sparks und ELO zusammen. Das Ergebnis ist ebenso campe wie funkensprühende Aufmerksamkeitsdefizit-Musik, zu der man wohl besser nicht Autofahren sollte. Kaum eine Melodie, die einigermaßen gerade verläuft, kaum eine Liedstruktur, die nicht zersplittert. Es monstert und zirzensiert, es klimpert, gongt und paukt: Manchmal bekommt man das Gefühl, irgendjemand hätte Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band mit Amphetaminen gefüttert und mit Samplern ausgestattet.
Ein umwerfendes Album für alle Kopfschmerzfans, denen das gleichzeitige Abspielen von Super-Furry-Animals-Alben und Dr.-Dog-Platten immer schon zu gediegen war. Des Wahnsinns fette Beute!

Kettcar – Zwischen den Runden (Grand Hotel van Cleef, 10.02.)
Die Hamburger Kapuzenpullimänner waren mir bislang zwar immer sympathisch, allerdings, trotz aller Sensibilität, musikalisch bisweilen zu jugendgruppenpunkig. So war ich einigermaßen verblüfft, als diese Platte voller schön betexteter und bunt arrangierter Lieder eintrudelte. Die ewigen Kettcar-Themen – das Monster namens Alltag, der Zermürbungskrieg namens Leben – werden hier so subtil und anrührend behandelt wie nie zuvor. Ob nun in Liedern über die Liebe („Rettung”, „Weil ich es niemals so oft sagen werde”), im bitteren Heimatlied „Schrilles buntes Hamburg” oder in der Antiheldenbeschwörung „Im Club”. In den schnellen Songs ist man mitunter näher an Superpunk als an Tomte; bei den Balladen wiederum lassen die harmonischen Wendungen und Arrangement-Einfälle den Griff zum Feuerzeug erst gar nicht zu. Doch Sänger Wiebusch hält das immer im Hintergrund schwelende Pathos mit seiner gelassenen Stimme ohnehin in Schach wie kein Zweiter. Tröstlich ist: Der Alltag kennt in seinen Liedern immer ein Du, auch wenn am Ende der Platte, im berührenden „Zurück aus Ohlsdorf”, der Tod steht.

Tindersticks – The Something Rain (City Slang, 17.02.)
Es ist nie zu spät, Tindersticks-Fan zu werden. Mit diesem Album sollte es fast jedem gelingen: Der stets vom Daseinsgraupel umtoste Stuart Staples lebt seine innere Graumeliertheit hier mal wieder besonders schön aus: waidwundes Sehnen in eleganten Arrangements. Man sollte sich zum Hören dieser Platte eine Krawatte umbinden!

Lana Del Rey – Born To Die (Universal, bereits veröffentlicht)
Wenn jedes vielummurmelte Hysteriethema so gut wäre wie das, was Frau Del Ray und ihr Beraterstab hier veranstalten, wäre mein Mittagsschlaf ruhiger. Demnächst kommt sicher der Gastauftritt bei „The Simpsons”.

James Levy and the Blood Red Nose – Pray To Be Free (Coop, 03.02.)
Dieses schöne Pop-Album (das irritierenderweise vom Coldplay-Bassisten produziert wurde) klingt, als hätten James Levy & The Blood Red Nose in dem Schuppen, den The Divine Comedy und Richard Hawley dereinst als Tanzteekapelle bespielten, die Nachfolge als Hausband angetreten. Graumelierten Plattensammlern werden bei den pompös anschwellenden Duetts, die der weitgereiste Vermonter Levy mit seiner Duett-Partnerin Allison Pierce inszeniert, natürlich auch Gainsbourg, Scott Walker und Lee Hazlewood einfallen. Gut, chinesische Reissäcke fallen von dieser Musik gewiß nicht interessanter um, aber ich kann von diesem schwelgerischen Zeug ja nicht genug bekommen und wünsche der Band hiermit ganz dringend, dass sie erfolgreicher werde als Ugg-Boots und Balsamico-Reduktion zusammen. Wie croont Levy so schön: „I love you more than music / Let it come”.

Leonard Cohen – Old Ideas (Sony, bereits erschienen)
Dass diese faszinierende Platte kein grandioses, alles erklärendes Alterswerk der Sorte “Time Out Of Mind” hoch 77 ist, sondern „nur” eine famose, atmosphärisch stimmige Song-Sammlung, liegt nicht nur daran, dass Cohen hier etliche alte Ideen verwertet, wie er im Titel kokett bekennt. Es wäre bei dem musikalisch spätberufenen Cohen auch seltsam, da er ja von vornherein durchdüstert von den letzten Dingen sang und das, was man in Spätwerken anzurichten pflegt, im Grunde schon immer kultivierte. „Old Ideas” ist aber Cohens bestes, weil musikalisch stimmigstes Album seit langer Zeit, und alleine dem erhabenen Eröffnungssong sollte man täglich Denkmäler errichten.

Beth Jeans Houghton & The Hooves Of Destiny – Yours Truly, Cellophane Nose (Mute, 24.02.)
Noch ein Highlight des Monats: Beth Jeans Houghton aus Newcastle upon Tyne hat zwei Dinge mit dem oben bereits bejubelten Robert Ellis gemeinsam: Sie ist gerade erst Anfang Zwanzig. Und sie klingt viel älter, rein stimmlich wohlgemerkt. Ansonsten ist dies hier alterslos irre Musik, zu der man sein Polyphonic Spree-Gewand mal wieder so richtig schön flattern lassen kann. Die quirlige Houghton und ihre drei Begleiter spielen rappelnden und polternden Kammerpop, paukende Gesangsvereins-Psychedelia und jubilierenden Zeichentrick-Folk mit Feengesang. Glockenspiele, Banjos und Streicher kommen zum Einsatz, die Stimmung ist entschieden sommerwiesenwuselig. Man könnte auch sagen: Klingt wie Bandname und Albumtitel zusammen. Für alle, denen Florence & The Machine nicht waldfeenhaft genug sind. Bestes Zitat aus dem Label-Info: „I’m a complete realist. I don’t like unicorns”.

Ich mag auch keine Einhörner. Hörner hingegen sehr wohl. Komisch eigentlich

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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