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Ü-40-Damen auf Kamelen oder Erstaunlicher Fund: Teufelshörner in Popmusik entdeckt!

02.04.2012, 15:21 Uhr  ·  Diesmal mit: Lambchop. Tindersticks. Thomas Belhom. Chuck Prophet. Peter Hein und dem Echo.

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Der heutige Eintrag kann unmöglich starten, ohne dass ich erwähne, wie gut das aktuelle Chuck-Prophet-Album ist! Wäre der Mann dieser Tage bei uns auf Tournee, ich reiste ihm wohl hinterher.

29.02.
Gespräch zweier Ü-40-Damen in der Zuschauerschlange beim Lambchop-Konzert:
Dame 1: „Oh, guck mal da auf dem Plakat: Tinariwen spielen, da war ich vor zwei Jahren auf dem Konzert: Nach ner halben Stunde denkst du, du sitzt auf nem Kamel.”
Dame 2: „Ah ja, über die hab ich letztens was bei 3sat-Kulturzeit gesehen.”
Das Vorprogramm bei Lambchop wird von Cortney Tidwell bestritten, die auch später bei der gewohnt hyper-gravitätisch aufspielenden Hauptband mitsingt und mit Kurt Wagner unter dem Tarnnamen Kort vor ein paar Jahren ein schönes Country-Coveralbum aufnahm. Ihr kurzes Set voller wunder, windiger – und manchmal wahnsinniger – Lieder ist hinreißend, allerdings muss gesagt sein, dass sich die Tidwell auf Bühnen in etwa so wohlzufühlen scheint, wie Hugh Hefner bei den Taliban. Gegen Cortney Tidwell muss die junge Chan Marshall geradezu wie eine Ulknudel erscheinen. Kaufe ihr Album, das leider ganz anders klingt als ihr Auftritt. Warte auf Weiteres.

12.03.
Fast so gut wie der Auftritt von Lambchop in der Kulturkirche gerät der Gig der Tindersticks im Gloria. Zuvor aber sitzt der Franzose Thomas Belhom auf der Bühne. „Oje, noch ein Singer/Songwriter”, denkt man zunächst noch, doch das, was Belhom in den folgenden gut dreißig Minuten veranstaltet, hat man so noch nicht gehört: Belhom sampelt sein eigenes Akustikgitarrenspiel und spielt dazu auf einem kleinen Drum-Set tastende, getupfte Rhythmen, die an Robert Wyatt oder Helge Schneider erinnern. Gleichzeitig wispert er in ein Mikrofon, lässt Samples ablaufen und drückt mit der Hand, die er nicht zwingend zum Schlagzeugspielen benötigt, auf kleinen Örgelchen herum. Wenn die beliebte Feuilletonisten-Formulierung „atmosphärisch dicht” je gepasst hat, dann zu diesen schlurfenden, sommermüden Liedern, in denen es knarzt, zischt und schrummt wie in einem baufälligen Sommerhaus kurz vorm Hereinbrechen eines Gewitters.
Die Tindersticks wiederum kommen zur Titelmusik der britischen Serie „The Adventures of Robinson Crusoe” auf die Bühne. Eine famose Komposition, die ein bisschen an François de Roubaix oder italienische Filmmusikkomponisten gemahnt und wohl auch mal von Art Of Noise gecovert wurde. In der ursprünglichen Fassung der Serie, die so in Deutschland und Frankreich ausgestrahlt wurde, taucht diese Musik interessanterweise nicht auf, sie wurde erst ein Jahr später für die britische Fassung hinzugefügt. Die Komponisten sind der Brite Robert Mellin und der Italiener Gian Piero Reverberi. Letzterer sollte anderthalb Jahrzehnte später dem Begriff „Muzak” gänzlich neue Bedeutungsebenen hinzufügen, zeichnete er doch verantwortlich für das Projekt „Rondò Veneziano”, das regelmäßigen Zuschauern von Samstagabendshows der frühen Achtziger oder der Musiksendung „Bananas” noch in schlechter Erinnerung sein dürfte. Für Ahnungslose: Rondò Veneziano waren ein in Rokoko-Kostüme verpacktes neunköpfiges Streicherensemble, das zu Früh-Achtziger-Beats süßliches Gegeige darbot und wohl die zu jener Zeit grassierende Italien-Sehnsucht auf unterstem Niveau zu bedienen trachtete. Totaler Müll! Ich habe alle Alben.

18.03.
Ich muss etwas klarstellen. Etliche Leser hatten wohl den Eindruck, keine der im März erschienenen Neuveröffentlichungen sei bei mir auf echten Zuspruch gestoßen. Das stimmt so nicht: Die erwähnten Platten von Willis Earl Beal und Audra Mae gefallen mir sehr wohl! Hinzu kommt: Manchmal liegt es ja auch nicht an der Musik, sondern an der akuten Verfassung. Erwähnte ich im Übrigen schon, wie gut das aktuelle Chuck-Prophet-Album ist?

24.03.
Habe mir soeben alle Songs, die eben bei der Echo-Verleihung aufgeführt wurden, illegal heruntergeladen. Am besten gefallen hat mir eigentlich der Auftritt von Rammstein mit Barry Manilow, pardon, Marilyn Manson. Marilyn Manson, so war zu sehen, sieht jetzt aus wie eine aufgeplatzte Ledercouch. Gemeinsam bot man einen Song aus jenen Tagen dar, da Manson aus unerfindlichen Gründen noch wirklich erfolgreich war, was dem umlederten Irren-Darsteller Gelegenheit gab, während seiner Performanz im Vorbeihüpfen das Mikrofon am Rednerpult umzuknicken. Das hätte man während mancher Rede besser auch getan. Vielleicht wäre es zur Begruselung des Auditoriums tatsächlich sinnvoller gewesen, Manilow hätte mit Rammstein gesungen, war dessen kurzer Auftritt doch deutlich angsteinflößender als das Gesamtwerk sämtlicher Mansons dieser Erde.
Enervierend auch, was die Moderatorinnen ablieferten: Ina Müllers und Barbara Dingsbums’ Bühnengebaren legte unlustiges Zeugnis davon ab, wie man sich wohl bei öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten „freche Frauen” vorstellt. Irgendwann spielten auch Kraftklub. Da ich nicht weiß, wie ich bei meinem Fernsehgerät die blöde Untertitelungsfunktion für Hörgeschädigte ausgeblendet bekomme (Schauen Hörgeschädigte den Echo?), wird der gesamte Liedtext eingeblendet. Beim Gekeife von Gast-Rapper Casper aber streikt der Untertiteler. „Casper rappt” heißt es nur knapp. Während des gesamten Abends wird immer wieder der im Saal sitzende Dieter Gorny dazwischengeschnitten, was viele Fernsehzuschauer vermutlich veranlasst, sich zu fragen, wer der unbeteiligt wirkende Mann denn bloß ist. Wolfgang Niedeckens Auftritt anlässlich des Lebenswerk-Echos am Ende der Veranstaltung ist tatsächlich rührend und die Playback-Nummer am Schluss zigfach würdevoller als fast alles vorher Gebotene.

29.03.
Gespräche mit der singenden Fehlfarbe Peter Hein sind immer gut. Meist wird in seinem Fall reflexartig der aufrechte Zorn und die von ihm beherrschte Kunst der gehobenen Schimpfe gerühmt. Dabei ist das Beste ja sein Humor. Ich frage, wie denn ausgerechnet er, der stilvolle Düsseldorfer Rüpel, im Sommer 1985 anlässlich des Band-für-Afrika-Auftritts zwischen all den ernsten Deutschrockern auf der Kölner Domplatte landen konnte.
Heins knappe Antwort: „Telefon”.

02.04.
Bekanntlich steckt der Teufel im Detail. Nun, er steckt auch in der Musik. Ganz sicher wohnt er in der bösartigen kleinen Melodie, die irgendein hemmungsloser Funktionsmusik-Komponist für die Supermärkte der Rewe-Kette zusammengerechnert hat. Glauben Sie mir: Dieses scheingutmütig dahertrudelnde Melodielein enthält alles Böse dieser Welt. Ich werde mein Musikwissenschaftssudium wieder aufnehmen, nur um dieser These einen Beweis folgen zu lassen. Sie hören in dieser Sache von mir!

Am Schluss aber noch etwas Anderes: Erwähnte ich bereits, wie gut das aktuelle Chuck-Prophet-Album ist?

PLAYLIST
Jack White – Blunderbuss (Klingt so, wie man sich ein Jack-White-Album vorstellt. Braucht die Welt)
Stephen Stills – Manassas (Erst jetzt entdeckt: das beste Album des Angebers)
J.J. Cale – Troubadour und Naturally (Lehrstücke in Musik. Die Platten des schwer ergründbaren Hängemattenmusikanten lassen die meiste andere Musik wie hektischen Angeberquatsch klingen)
Django Django – Django Django (Die beste neue Band seit Langem. Exotica trifft Elektronik trifft Kiffermelodien. Wirklich erstaunlich aber ist, wie jung, frisch und zwingend sich das alles anhört)
Fehlfarben – „Hygieneporzellan” (Mein Lieblingslied vom neuen Album, beinahe New-Order-esk)
Chuck Prophet – Temple Beautiful

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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