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Keine Kompromisse: Die Juliette Binoche des Prog-Rock pusht sich ins Unendliche

11.04.2012, 09:41 Uhr  ·  Thema diesmal: Popmusik als Kompromiss. Ace Frehley. Zeitgenössische französische Filme. Und Fips Asmussen.

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29.03.
„Keine Kompromisse”: So lautet der Titel der Autobiografie des Kiss-Gitarristen Ace Frehley. Ich weiß ja nicht, was diese Rockmusiker immer mit der Kompromisslosigkeit haben. Wenn ihnen nicht unentwegt hinterhergeschrieben wird, sie seien zeit ihrer Karriere stets kompromisslos gewesen, dann schreiben die Musiker es eben selbst. Dabei sind Kompromisse ein nicht nur häufig beschrittener, sondern auch guter Weg, gerade in der Popmusik. Aber nein, Musiker, vor allem solche, die ihr langhaariges Treiben in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrzehnts begonnen haben, müssen immerzu den Eindruck erwecken, ihr Leben sei eine einzige brüllende Kompromisslosigkeit gewesen. Ein Leben auf der Überholspur. Eine Kerze mit zwei brennenden Enden. Eine Achterbahnfahrt mit einem Zwölf-Kugel-Eis in der Hand. Dabei ist Musikmachen ja meistens schon von vornherein ein Kompromiss: Man einigt sich auf bestimmte Töne und ergänzt einander im gemeinsamen Spiel. Wenn man keine Kompromisse macht, entsteht dabei vermutlich automatisch Prog-Rock.
Sollte ich je eine Autobiografie schreiben, werde ich sie „Kompromisse all night long” oder so ähnlich nennen.

01.04.
Ein belauschtes Gespräch:
Person 1: „Was ist eigentlich Prog-Rock?”
Person 2: „Prog-Rock, das ist, wenn hässliche Männer, die zwar eine Glatze, aber an der Seite lange Haare haben, Phantasiekostüme anziehen und überlange Lieder über Schwäne aufnehmen.”

04.04.
Zum zweiten Mal während der letzten zwölf Monate habe ich mir im Kino einen Juliette-Binoche-Film angesehen. Ich weiß nicht, warum. Der erste Juliette-Binoche-Film war schon schlimm. Den zweiten hätte ich mir also wirklich schenken können. Ich weiß nicht, was das soll mit diesen Juliette-Binoche-Filmen. Ich habe nach Juliette-Binoche-Filmen immer das Bedürfnis, mir alles von Insterburg und Co. anhören zu wollen. Ich besitze aber nur eine Insterburg-und-Co-Platte. Jetzt sitze ich also hier und höre immer wieder Insterburg und Co.  Gleich lege ich auch noch Fips Asmussen auf. Alles nur wegen dieser Juliette Binoche.

06.04.
Ein guter Freund wirkt nebenberuflich als Discjokey. Für die Jüngeren unter uns: Ein Discjokey ist ein Mensch, der zur Erbauung anderer Menschen öffentlich Musik auflegt und damit in unterbeleuchteten Schankbetrieben den Getränkeumsatz ankurbelt. Neulich stand ich mit diesem Freund in einem nikotinvernebelten Laden, als sich dem ebendort auflegenden Kollege plötzlich die Technik widersetzte: Kein Ton war mehr zu vernehmen, und ganz gleich, an welchem Regler geruckelt wurde – es geschah nichts. Mein Freund nickte nur teilnahmsvoll und sprach: „Das hatte ich auch schon des Öfteren. In solchen Fällen hilft nur eins …”. Wann immer während seiner Darbietung die Technik ihre Dienste versage, so ließ er mich wissen, halte er einfach nur das Singles-Cover von Cameos „Word Up!” mit ausgestrecktem Arm in die Höhe. Daraufhin fingen die Leute meist wild zu schreien und zu jubeln an. Wenn dann alles wieder in Ordnung sei, spiele er den zur Hülle gehörigen Song und der Raum gleiche einer hysterischen Abrissparty. Er habe es auch schon mit anderen Singles-Hüllen versucht, doch nur „Word Up!” sei in der Lage, für einen derartigen Tumult zu sorgen.

08.04.
Was wäre die Welt ohne schlechte Ideen? Hier ein Auszug aus dem Plattenfirmeninfo zur drohenden Solo-Platte des Revolverheld-Gitarristen, Kris geheißen:

KRIS ist nicht nur Gitarrist und Songwriter bei Revolverheld, sondern auch ein äußerst entspannter Typ. Kein klassischer Mucker – sein erster großer Traum war es, Tennisprofi zu werden. Er war Hamburger Meister, Deutscher Vizemeister und Doppelpartner von Tommy Haas, bevor ihn sein Handgelenk zwang sich auf seinen zweiten Traum zu konzentrieren: die Musik. Revolverheld bestehen seit 2004 – alle Alben gingen Top Ten, es gab Goldawards und ausverkaufte Konzerte. Nach der Nominierung für „Spinner” 2011 ist „Halt dich an mir fest” als ‚Bester Radiosong’ auch in diesem Jahr für einen ECHO im Gespräch.
Die Pause, die Revolverheld sich für 2012 selbst verordnet haben, nutzt Kristoffer Hünecke alias KRIS, um sein Solodebüt zu veröffentlichen. (…) Es wurden 12 Tracks, die unbeschwert durch die Genres rocken; Geschichten, die ihn durchsichtig werden lassen und Grooves, die auf den Punkt kommen. KRIS schreibt Musik, die das Licht ausmacht, die Chips holt und auf Play drückt. Patrick von Strenge, Director Marketing Columbia Four Music, freut sich auf die Veröffentlichung: „Für uns ist ein Soloalbum eines Revolverhelden Ehrensache. KRIS, sowie die ganze Band, sind Stammspieler unseres Columbia Four Music Rosters”.

Toll, endlich wieder Musik, die die Chips holt!

09.04.
Die Egal-Band Europe hat ein neues Album aufgenommen. Gemeinsam mit dem Produzenten Kevin Shirley. Offenbar verlief die Zusammenarbeit mit eben jenem Gentleman ausnehmend zufriedenstellend, denn Europe-Sänger Joey Tempest weiß nur Gutes zu berichten und verwendet hierbei so ziemlich jede Hohlphrase aus dem Katalog der Rockmusiker-Sprüche: „Kevin Shirley hat es geschafft, uns als Band zu verstehen. Er hat uns einfach unser Ding machen lassen und dabei uns und unsere Songs ins Unendliche gepusht. Endlich konnten wir uns vollkommen öffnen und fallen lassen, ganz ohne Fesseln. Direkt aus unseren Herzen und Seelen. Es hat eine Weile gedauert, aber wir sind endlich angekommen.”

10.04.
Ich habe übrigens nichts gegen Prog-Rock. Während ich diese Zeilen schreibe, sehe ich selbst aus wie ein Prog-Rocker.

11.04.
Der Juliette-Binoche-Film erreicht übrigens seinen flach gelegenen Höhepunkt in jener Szene, da ein nackter Mann Akustikgitarre spielt und dazu sentimentales Zeug singt. Ich weiß seither nicht recht, ob es eine besondere Anmut oder eine besondere Lächerlichkeit hat, wenn nackte Männer Gitarre spielen. Und nein, es hat nichts damit zu tun, welcher nackte Mann – ein Revolverheld, Ace Frehley oder mein Nachbar – zur Gitarre greift.

Ich halte jetzt die „Word Up”-Single in die Luft und gehe nach draußen. Tennisspielen mit Tommy Haas und Ace Frehley. Ich werde mich ins Unendliche pushen. Keine Kompromisse!

PLAYLIST
Michael Hurley – Snockgrass, Long Journey, Armchair Boogie (Ähnlich wie J.J. Cale ist Hurleys schrullige Hängemattenmusik in der Lage, dem Hörer vorzuführen, mit wie viel Mist er seine Ohren doch tagtäglich beschäftigt)
SJ Andrej presents: Lift It Up – Sampler des Gutfeeling-Labels. Die Platte versammelt alte Folk-Shellacs aus aller Welt. Passt gut zu Hurley.
Wolfram Wire – Strom – Freunden seltsamen Heimgefrickels sei diese stark limitierte Vinyl-only-Veröffentlichung wärmstens ans Herz gedrückt: Wolfram Wire denkt auf diesem Freistil-Werk Sinus-Gezirpe, Robert Wyatt und die Residents zusammen. Für diese Musik wurde dereinst das schöne deutsche Wort „verschroben” erfunden.
Prince Jammy – Kamikazi Dub – Eine meiner liebsten Dub-Platten überhaupt. Ein überstrahltes, wuseliges Werk in King-Tubby-Tradition. Essentiell!

 

 

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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