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Der Boss war kein Wilbury!

30.04.2012, 11:14 Uhr  ·  Thema diesmal: Michael Hurley, Locas In Love, The Travelling Wilburys, Funny van Dannen, The Monochrome Set, Django Django – und Wohnzimmerkonzerte!

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12.04.
Es ist, als säße man auf Michael Hurleys Terrasse. Der 71-Jährige hockt auf der kleinen Bühne von Kölns schönstem Club und spielt Gitarre und singt wie kein Zweiter – immer noch. Von seinem Songwriting ganz zu schweigen. Nach dem Konzert bekommt er von Bewunderern ein Bier nach dem nächsten hingestellt, er rührt jedoch keines an. Ich frage ihn, ob er wir uns anlässlich unseres morgigen Interviews zum Frühstück treffen wollen. Darauf Hurley: „Wenn Du morgen frühstückst, werde ich schon lange gegessen haben.” Und fügt nach kurzer Pause hinzu: „Besides, I don’t like talking while I’m eating.” Er hat ja Recht.

15.04.
Um auf ihre Künstler aufmerksam zu machen, lassen sich Plattenfirmen oft die dollsten Sachen einfallen. Um etwa die amerikanische Band Fun auch hierzulande erfolgreich dorthin zu schubsen, wo sie nach Label-Meinung hingehört, schickte die Warner kürzlich an zahlreiche deutsche Journalisten ein Promo-Päckchen. Dieses Päckchen enthielt neben einem Tonträger, einem Aufkleber („Fun”) und dem üblichen Anschreiben jede Menge Konfetti, das bei Öffnen des Umschlags den Boden berieselte. Hätte ich die Band Fun nicht schon alleine wegen ihres Namens doof gefunden, wäre mir eben diese unverhoffte und unverlangte Stanzpapierbesprenkelung meines Wohnzimmerbodens Grund genug, das Schaffen des Trios ungehört zu missbilligen. Immerhin kommen Fun aber nicht zu mir nach hause. Popmusikalische Hausbesuche nämlich sind offenbar derzeit das Ding. Die Künstlervertretung des durchaus achtbaren Musikers Florian Horwath etwa verschickte jüngst eine Mail. Darin hieß es:

„Florian Horwath will in eure Wohnzimmer! Der gebürtige Innsbrucker macht New-Folk und ist normalerweise in Hallen zu finden, zum Beispiel als Unterstützung von den Cardigans oder Element of Crime. Für seine neue Solo-Tour will er jetzt aber in die heimelige Atmosphäre eurer Wohnzimmer abtauchen. Falls ihr ihn auch in eurem Zuhause haben wollt, dann schreibt an …”

 Ich glaube, ich halte nichts von Wohnzimmerkonzerten. Musste man früher noch nur darum besorgt sein, irgendwann mal die Toten Hosen, ihres Zeichens Pioniere der Wohnzimmer-Bespielung, in der Bude herumstehen zu haben, kann es heute praktisch jede Band sein, die Einlass in die privaten Gemächer begehrt.  Ich möchte hier ganz klar sagen: In mein Wohnzimmer kommen mir keine Rockbands! Ich glaube, ich fände es anstrengend, Bob Dylan, Kiss oder auch nur die Spider Murphy Gang in der Wohnung sitzen zu haben. Ich wüsste auch gar nicht, was ich dann zu essen anbieten sollte; die meisten Popmusiker sind ja heute Veganer oder trinken nur laktosefreies Bier. Auch sind meine Räume gar nicht geeignet, die Entourage dieser Musiker zu beherbergen. Da kommen ja dann meistens auch noch Manager, Anwälte, Roadies und Stylisten mit, letztere vor allem bei Kiss. Bei der Spider Murphy Gang vielleicht nicht unbedingt. Oder gerade?! Irrsinnig schwer einzuschätzen. Meine größte Sorge aber wäre es, die Musiker bei Laune halten zu müssen. Popmusiker sind ja oft ziemliche Primadonnas und wollen alle paar Sekunden etwas geboten bekommen. Ich hätte gar keine Lust, ständig eine neue Aussicht aus dem Fenster präsentieren zu müssen oder Fotos komisch aussehender Familienmitglieder zu zeigen, die dann doch nicht mit angemessenem Interesse quittiert würden.
Aber ich glaube, ich muss mir da keine Sorgen machen. Ich wohne im vierten Stock. Kein Musiker steigt in den vierten Stock! Selbst meine besten Freunde beklagen sich ja darüber, dass sie, wenn sie mich besuchen wollen, in den vierten Stock müssen. Was würden da erst Kiss sagen, wenn sie mit ihren Monsterstiefeln zu mir rauf müssten. Vielleicht würden Kiss sich aber auch von ihren Roadies tragen lassen; Kiss ist das zuzutrauen. Dann könnten die Leute, die im ersten Stock meines Hauses wohnen durch das Guckloch ihrer Tür schauen und sagen: „Schatz, ich glaube, da werden grad Kiss von ihren Roadies zum Pfeil in den vierten Stock getragen.”

16:04.
Mein Wohnzimmer ist ja ohnehin längst das enge Kölner King Georg, wo man, wenn der Laden gut gefüllt ist, mehr oder minder zwischen den Musikern steht und aufpassen muss, keine Gitarre vor den Kopf zu bekommen oder aus Versehen auf ein Effektpedal zu latschen.
Hier beglückt mich heute mal wieder meine alte Lieblingsband The Monochrome Set. Deren neues Album (das erste seit siebzehn Jahren) heißt „Platinum Coils”, thematisiert auf äußerst lakonische Weise Sänger Bids Schlaganfall vor zwei Jahren und perlt dennoch dahin wie die besten Achtziger-Arbeiten dieser stilsicheren Band. Trotz Vergrippung kreische ich mir die Seele aus dem Leib. Am nächsten Tag klinge ich wie Hans Hartz. Wie sang Mike Krüger vor ein paar Jahren: „Die weißen Tauben sind Möwen”.

20.04.
Vor einiger Zeit saß ich beim Mittagessen mit dem von mir hochgeschätzten Björn Sonnenberg, seines Zeichens Sänger der Locas in Love, in der Bar Celentano beisammen. Die Themen purzelten nur so durcheinander. Irgendwann kamen wir auf Tom Petty und Bruce Springsteen und verfransten uns in einem Direktvergleich der beiden Musiker (Sonnenberg ist Petty-Mann, während ich in Brucens Fanclub wirke). Bald landeten wir bei den Traveling Wilburys, was dazu führte, dass Sonnenberg der schöne Satz „Der Boss war kein Wilbury” aus dem Munde glitt. Ich gab meiner Begeisterung sofort Ausdruck und Sonnenberg bemerkte, dass „Der Boss war kein Wilbury” sich doch wunderbar als Überschrift für einen Eintrag in meinem Pop-Tagebuch eigne. „Könnte es nicht auch ein früher Locas-in-Love-Songtitel sein?”, wandte ich ein. Er wolle doch wohl hoffen, es sei eher eine Pop-Tagebuch-Überschrift, gab Sonnenberg zur Antwort.
Eben nun bat ich ihn um Erlaubnis, die just geschilderte Begebenheit an dieser Stelle ausplaudern zu dürfen. „Nur zu”, antwortete der Musiker. Prompt gerieten wir in eine Diskussion darüber, wer wohl in eine deutsche Indierock-Version der Traveling Wilburys verstrickt sein könnte. Die Ergebnisse dieses Gesprächs werde ich ein anderes Mal dokumentieren. Festgehalten sei heute lediglich, dass Sonnenberg darüber nachdenkt, das „Monsters Of Boredom”-Festival zu organisieren. Headliner: Paul Weller. „Am besten unplugged.”
Die Locas In Love veröffentlichen in diesem Monat übrigens ein drängendes neues Album mit dem Titel „Nein!”. Den Text des Titelsongs würde ich hier am liebsten komplett abschreiben. Das lasse ich aber lieber und rate stattdessen dringend zum Erwerb der Platte.
Übrigens ist natürlich der von Bob Dylan und Tom Petty verfasste Traveling-Wilburys-Song „Tweeter and the Monkey Man” eine offene Springsteen-Hommage, die im Text die Titel von acht Springsteen-Stücken aufführt. Der Song gehört zum Besten, was Dylan in den Achtzigern zuwege gebracht hat, kann man ruhig mal wieder hören.

25.04.
Da ich nicht weiß, wozu ich in den nächsten zwei Wochen noch komme, sei an dieser Stelle „Default”, das Debütalbum der Band Django Django, zur Erleuchtung des Monats ausgerufen! Lange habe ich keine so frische neue Musik mehr gehört. Aufmerksam wurde ich auf die Band bereits vor knapp zwei Jahren, anlässlich ihrer Single „Wor / Skies Over Cairo”. Die beiden Songs sind auch auf dem Album vertreten, aber das nutzt hier dem Ganzen nur. Als ich die Stücke damals hörte, vermutete ich hinter Django Django eine Horde Fez-tragender und Meerschaumpfeife-rauchender Exzentriker, tatsächlich handelt es sich um vier bleiche Schotten. Die Musik ist ein blubbernder Eintopf aus Achtziger-Indie, Psychedelia, Elektronik und Exotica. Vieles tönt, als hätte die Band versucht, nicht-existente B-Movie-Trailer voller überdimensionaler Monsterspinnen, tanzender Tigerbikini-Schönheiten, tanzender Tigerbikini-Monsterspinnen und überdimensionaler Schönheiten zu untermalen. Das wahrhaft Grandiose an Django Django aber ist, dass es ihnen gelingt, eine Musik, die eigentlich dazu verdammt ist, far out und skurril zu klingen, äußerst zwingend darbietet. Tun Sie sich etwas Gutes und kaufen Sie diese Platte!
Ebenfalls beglücken konnte mich im April das jüngste Werk von Dr. John. Zwar war ich einigermaßen skeptisch, als ich hörte, der Black-Keys-Gitarrist Dan Auerbach habe das Album produziert, ließ mich das letzte Black-Keys-Album doch äußerst unterbegeistert zurück. Aber auf „Locked Dowen” lässt der Mann, der eigentlich Malcolm Rebennack heißt, tatsächlich ordentlich die Skelettknochen klappern.

26.04.
Die Auftritte Funny van Dannens sind ja im Grunde Punk-Konzerte: Immer wieder die gleichen drei Akkorde, einfache Melodien, dazu zupackende Lyrik, die selbst Menschen, die nicht zum Johlen neigen dann und wann ein solches zu entlocken wissen. Man jubelt auch genau so viel wie auf Punk-Konzerten, denn die Stücke sind denkbar kurz. Im Kölner Gloria ist Deutschlands bester Alltagslyriker mal wieder groß in Form. Immer wenn er sein Publikum gerade mit Liedern über die Ergo-Versicherungsgruppe, Korkenzieherlocken, seltsame Tiere oder passive Arbeitsplatzvernichtung in wohlige Schön-dass-es-mal-einer-so-sagt-Stimmung gedudelt hat, verpasst er ihm einen seiner bösen Watschen-Songs wie „Saharasand” oder „Was Krieg ist”. Dazwischen trinkt der Künstler Wein – erst aus dem Glas, später setzt er gleich die Flasche an – und plaudert: Er habe nach dem Rückzug Gerhard Schröders aus der Politik ja gedacht, dass es das dann wohl gewesen sei mit den Schröders. Aber die Schröders würden ja immer schlimmer. Und überhaupt: „Es tauchen ja immer mehr Leute auf, von denen man dachte, sie wären ausgestorben.”

So, für heute muss ich schließen. Gleich kommt Deutschlands Antwort auf die Traveling Wilburys zum unverlangten Wohnzimmer-Konzert und ich muss noch die Sitzkissen aufpumpen. Bis zum nächsten Mal und denken Sie daran, nicht soviel beim Essen zu reden!

PLAYLIST
The Band – die ersten beiden Alben (Levon Helm R.I.P.)
Monochrome Set – Eligible Bachelors und The Lost Weekend  (Zwei wunderbar distinguiert-spleenige Indiepop-Alben. Wer wissen will, wo The Smiths, Franz Ferdinand und Belle & Sebastian die Hälfte ihrer Ideen herhaben, der greife hier zu. Auch das brandneue Werk „Platinum Coils” ist famos!)
Dr. John – Locked Down (s.o.)
Django Django – Default (s.o.)
Hans-Eckart Wenzel – Himmelfahrt und Kamille oder Mohn (Zwei schöne Alben meines derzeitigen deutschen Lieblingstexters. Seine Beste allerdings bleibt „Glaubt nie, was ich singe” )
Michael Hurley – „Slurf Song” (Derzeit mein liebstes Stück über Lebensmittel)
Wolf Maahn – Ich wart auf dich (Ein Höhepunkt des übelbeleumundeten Genres Achtziger-Deutschrock mit viel „I’m On Fire”-Brodeln)
Chuck Prophet – Temple Beautiful (Immer noch mein bisheriges Lieblingsalbum 2012)
Friends – „Friend Crush”, „Sorry” und „Home” (Modemusik, aber für den Moment funktioniert sie, ist ja Sommer gerade)
Justin Townes Earle – Nothing’s Gonna Change The Way You Feel About Me Now (Vaters Sohn ist ein weiterer Liedermann, der über das übliche derzeit inflationär verbreitete Bart-Geklampfe hinausgeht. Sehr gute Platte, die nicht untergehen sollte)

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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