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Städte ohne Popmusik oder Wie viele Adapter kann man bei doppelter Lebenszeit kaufen?

17.05.2012, 09:38 Uhr  ·  Die Themen diesmal: Loudon Wainwright III, Bergisch Gladbach, seltsame Interviewräume und alles von Zander bis Zappa

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02.05.
Um ein für sogenanntes Homerecording zwingend notwendiges Adapter zu erstehen, betrete ich nach langer Pause mal wieder ein Instrumenten-Fachgeschäft. Das Instrumenten-Fachgeschäft, dessen Name sich aus den englischen Bezeichnungen für a) Musik und b) Geschäft zusammensetzt, ist sehr groß und gebietet, wie in derlei Riesenkaufhäusern üblich, auch über eine hausinterne Kaffeebar. Während meines Umherstreunens im Laden habe ich lange den alten Tocotronic-Schlager „Gitarrenhändler, ihr seid Schweine” im Kopf. Das Stück mag, wie es so schön heißt, nichts von seiner Aktualität verloren haben. Das kann ich indes nicht beurteilen, da ich nicht gezwungen war, in besagtem Laden unter den Augen womöglich verdrießlich gestimmter Gitarrenhändler Effektpedale testen zu müssen. Beim Verlassen des Ladens habe ich jedenfalls den Refrain für meinen Song „Adapterverkäufer, ihr seid eigentlich ganz in Ordnung” komponiert.

03.05.
„Older Than My Old Man Now” heißt das neue Album des großen Liedautoren Loudon Wainwright III. Der Titel macht gleich unmissverständlich klar, worum es in diesen fünfzehn neuen Songs geht. „The strangest story ever told / Was how I got to be this old” singt der alte Wainwright gleich im ersten Song, derweil seine Kinder Rufus und Martha munter im Chor mitschmettern. Doch wo Dylan, der das Alter auf seinem Album „Time Out Of Mind” überhaupt erst für die Sechziger/Siebziger-Songschreiber-Generation entdeckte, sich überwiegend in Symbolismus erging, nagelt der immer spöttische Loudon das Thema in grausamer Deutlichkeit fest. Das ist oft lustig: In „I Remember Sex” duettiert er mit Dame Edna (!). In „Double Lifetime” wünscht er sich gemeinsam mit Ramblin’ Jack Elliott Nachschlag: „I know it sounds funny, if the truth be told / But 120 don’t seem that old”. In „My Meds” wiederum zählt er alle Medikamente auf, die ihn noch auf den Beinen halten. Höhepunkt der Platte ist die Pianoballade „In C”, die mir immer wieder eine Gänsehaut oberster Kajüte beschert: „… here’s another song in C / With my favorite protagonist – me”. Logisch, dass auch das Thema „Familie” wieder auf den Tisch kommt, ging es bei den Wainwrights doch schlimmer zu als in einem Wes-Anderson-Film. Da ist es nur konsequent, wenn er singt: „And if families didn’t break apart / I suppose there’d be no need for art.”
Eine große Platte. Ich fordere eine „double lifetime” für den Mann!

06.05.
Entsteige der Bahnlinie 18 und laufe durch den schlimmen David-Fincher-Regen über den Ebertplatz, eine jener Kölner Pilgerstätten, die es bei der Wahl der 347 hässlichsten Ecken der Stadt locker unter die ersten Fünf schaffen würde. In der Ecke vor einer orange gekachelten Wand sitzt ein Obdachloser zusammengesunken in seinem Schlafsack. Neben ihm dröhnt es karnevalistisch aus einem kleinen Radio: „Heute fährt die 18 bis nach Istanbul, Istanbul, Istanbul / Wir packen lecker Kölsch ein und den Liegestuhl….”

09.05.
Treffe Tom Jones zum Interview in einem fensterlosen Kellerraum eines Londoner Hotels. Immerhin hat man für jedes nichtvorhandene Fenster zum Ausgleich mindestens vier geschmacklose Obst-Stillleben aufgehängt. Tom Jones schaut sich kurz um und bemerkt nur: „Ein Zimmer, das einzig dazu da zu sein scheint, um das Licht darin auszumachen.”

14.05.
Als ich den Plattenladen ums Eck betrete, nimmt der Besitzer gerade einen Anruf an.
„Ja, wir kaufen auch Sammlungen an. Es kommt allerdings drauf an, was das genau für Platten sind.”

„Ich habe nicht genau verstanden: Frank Zappa oder Frank Zander?”

(mit deutlicher Enttäuschung in der Stimme)
„Ah, Frank Zander …”

16.05.
Auf Deutschlandradio Kultur wird in einem „Kulturtipp” eine Fotoausstellung des Kabarettisten Dieter Nuhr beworben. „Wie um alles in der Welt soll man bloß einen Hinweis auf eine Dieter-Nuhr-Fotoausstellung musikalisch untermalen?”, fragten sich wohl die Macher des kurzen Beitrags. Gottlob wurde man dann aber doch fündig in Form seltsam melancholischen Sopransaxophongenüddels. Passt ja auch: Dieter Nuhr = diffus anspruchsvolles Besserwisserkabarett = Sopransaxophon. Was für Musik die Verantwortlichen wohl ausgesucht hätten, wenn sie mit der Anforderung konfrontiert gewesen wären, eine Atze-Schröder-Vernissage mit Töpferarbeiten zu unterlegen.
Besagter Beitrag drang übrigens an mein Ohr, als ich gerade in meinem Pop-Tagebuch-Cabrio meine Heimatstadt Bergisch Gladbach durchbrauste. Bergisch Gladbach, das muss gesagt sein, sieht aus, als hätte man den Kölner Ebertplatz auf Stadtgröße aufgepumpt. Keine Stadt, in der man eine „double lifetime” verbringen möchte. Man sollte annehmen, dass eine solche Stadt eine gute Brutstätte für ebenso rüde wie aufbegehrende Punkbands ist. Von wegen! Ich glaube, es kommt überhaupt keine Pop- oder Rockmusik aus Bergisch Gladbach. Vielleicht irre ich mich aber auch und die Bergisch Gladbacher Musiker sind schlichtweg nur wahnsinnig ungeschickt, was das Marketing anbelangt. Ich werde dem nachgehen. Soviel jedenfalls lässt sich sagen, ja, gar singen: „Die 18 fährt nicht nach Gladbach.” Istanbul, this ain’t.

 

 

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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