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Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Sehnsuchtstorten für die Fratzen des Pop

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Die Themen diesmal: Baku. Kim Fowley. Jim Rakete. Degenhardt und Wader und ein paar schöne neue Alben.

Die Dinge: immer machen sie Scherereien. Ursprünglich war es mein Ansinnen, im folgenden Text die Design-affine Beleidigung “Der sieht doch aus wie von Colani rundgelutscht” unterzubringen. Hat leider nicht geklappt. Auch wollte es mir nicht gelingen, einen Text zu verfassen, in dem der fiktive Blödelbarden-Albumtitel “Castagnetten und Pastinaken” vorkommt. Vielleicht ja beim nächsten Mal. Fürs Erste gilt es, mit dem Folgenden vorlieb zu nehmen …

19.04.
Ich pflege dieser Tage mal wieder ausgiebig meine Franz-Josef-Degenhardt-Obsession.
Welch’ wendungsreiche, wortpralle Lieder! Und was für wilde Geschichten der Mann um welche entlegenen Ecken herumspinnen konnte! Und wie die Leute in dieser Liedern heißen: Horsti Schmandhof, Tonio Schiavo, Joß Fritz …
Beeindruckend, wie Degenhardt immer wieder eine Ahnung von Bedrohung durch diese typischen Dur-Moll-Wechsel und die krummen Takte spürbar werden lässt und wie hier alles Blei dieser Zeit hörbar wird. Ahnungslosen als Einstieg empfehle ich „Santacher”, mein ewiges Lieblingslied von dem Mann und ein zeitlos gutes Stück über Sehnsuchtsorte und Traumverbuddelungen.
Von Degenhardt gelange ich während meiner abendlichen Lauschsitzung zum nicht minder interessanten Hannes Wader, der im Vergleich dann doch deutlich mehr an Mädchen und Selbsterforschung seines langhaarigen Mannseins interessiert war. Darin jedoch – und nicht nur darin – gibt es keinen Besseren. Und was für Wörter in Waders Liedern fallen: „Nagelbett” etwa. Habe ich auch noch in keinem Song gehört.

21.04.
Der gestrige Freitag war mit Sicherheit einer der seltsamsten Tage meines an seltsamen Tagen nicht eben armen Lebens. Das hat nicht unwesentlich damit zu tun, dass ich das Vergnügen hatte, einige Stunden mit Kim Fowley zu verbringen, der zwei Monate nach seiner letzten Krebs-OP im Zuge seiner Europatour in der Stadt weilte. Fowley ist auch mit 72 Jahren immer noch eine Herausforderung für jeden halbwegs sittsamen Menschen: Man stelle sich eine manipulationsbegabte Mischung aus Klaus Kinski und Helmut Berger vor, einen wandelnden Widerspruch mit Gehstock, eine überzogene Figur aus einem noch zu drehenden Grusel-Trashfilm, eine Legende mit großem Talent zur tollen Kurzantwort. Auf die Frage, worin er als Vielbegabter am besten sei, antwortet Fowley: „Im Unsichtbarsein”. Beste Legende über ihn: „Dass ich eine schwarze Frau bin”. Größte Fehleinschätzung seiner Person: „Dass ich ein Mensch bin”. Ist er das gute oder das schlechte Gewissen des Rock’n’Roll? Fowley: „Ich bin ein Zuhälter.” Wie sang Bruce Springsteen auf seinem ersten Album: „Don’t trust men, who walk with canes.” Kim Fowley würde dem unumwunden zustimmen.
Auf der Straße treffen wir später zufällig meine Tochter, die des Weges kommt. Ob sie Englisch spreche, fragt Fowley und beugt sich, nachdem sie bejaht hat, aus zwei Metern Höhe zu ihr hinunter. Das kurze Gespräch zwischen den beiden werde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen.

23.05.
Treffe Jim Rakete in seinem Büro in Kreuzberg, um mit ihm für einen Artikel über den Deutschrock-Boom der Achtziger zu sprechen. Ob er rauchen dürfe, fragt Rakete, ein jungenhafter, energetischer Typ, zu Beginn des Gesprächs, stopft sich eine Pfeife und rührt diese dann für zweieinhalb Stunden nicht mehr an.
Rakete ist ein extrem intelligenter und reflektierter Gesprächspartner, der sein Gegenüber und sich selbst immer wieder hinterfragt. Mir fällt die Vorstellung schwer, es könnte ein Thema geben, zu dem dieser Mann nichts Brauchbares zu sagen hat. Seine Autobiographie mag er trotzdem nicht schreiben, denn auf den allgemeinen Erinnerungswahn hat er – wie seine Freundin Ulla Meinecke, die ich am späten Nachmittag treffe – keine Lust. Heute redeten ja schon Menschen um die Vierzig nur noch von früher, konstatieren beide unabhängig voneinander. Er habe keine Lust, zu „veronkeln”, sagt Rakete. Beinahe habe ich ein schlechtes Gewissen, diese Menschen mit meinen Fragen so in ihre Vergangenheit zurückzuschubsen. Aber zu sehen, wie ihre Augen zu leuchten anfangen, wie sie kopfschüttelnd dasitzen und sich erinnern, ist es allemal wert, ab und an der frühvergreiste Vergangenheitsonkel zu sein.

25.05.
Ein paar Spitzenplatten der letzten Wochen im Schnellkochtopf:
„The King Of In Between”, Garland Jeffreys’ erste Platte seit über einem Jahrzehnt (in dem er sich darauf konzentrierte, seine Tochter großzuziehen), ist ein einziger Freudenquell. Zu Boogie, Lou-Reed-Rock, Reggae und Curtis-Mayfield-Funk singt der Endsechziger über spirituelle Unbehaustheit, das Nichtdazugehören, das Älterwerden – und die Freuden des Trotzdem. Sehr abwechslungsreich, aber stets zusammengehalten von dieser großen und dennoch unaufdringlichen Persönlichkeit.
Die begrüßenswertesten Wiederveröffentlichungen der Saison sind „Isn’t Anything” und „Loveless”, die durch Feedback-Nebel eiernden Frühneunziger-Alben der Avant-Psychedeliker My Bloody Valentine. Während andere Platten jener Ära nicht eben vorteilhaft gealtert sind, klingen Kevin Shields’ von bleichen Sirenen durchsäuselte Purpurträume immer noch nach überstrahlten Erinnerungen ans Übermorgen.
Wer noch nie betrunken auf einem Konzert der britischen Band The Wave Pictures herumgestanden hat, sollte diesen Misstand möglichst rasch beheben! Auch ein Albumkauf sollte rasch getätigt werden: Auf dem neuen Werk titels „Long Black Car” demonstrieren die schlecht durchbluteten Briten mal wieder, dass nichts über unverzerrten Modern-Lovers-Schrammelkram und lustig deprimierte Texte über Alltagsseltsamkeiten geht. Wem Herman Düne dann und wann etwas zu sehr wie die Sesamstraßen-Hausband vorkommen, für den müssten die Wave Pictures genau richtig sein.
Auch sehr schön ist das Debütalbum von Cry Baby. Hinter diesem Nomen, das noch ordentlich Omen ist, verbirgt sich Danny Coughlan aus Brighton. Ich war einmal in Brighton. Neulich noch fand ich ein Foto wieder, das mich deprimiert auf dem Rand eines geschlossenen Kinderkarussells sitzend zeigt. Entgegen meiner Gewohnheiten trage ich eine Jeansjacke. Danny Coughlan kann das Foto gerne für sein nächstes Cover benutzen. Dann können die Leute patzig rufen: „So was! Der doofe Pfeil auf dem Cry-Baby-Cover! Passt ja gar nicht. Geschieht ihm ganz recht, dass er so blöd aussieht auf dem Foto. Doofe Jeansjacke auch!” Doch zurück zur Musik: Man stelle sich vor, die Walker Brothers hätten sich ein Vierspurgerät gekauft – schon weiß man im Grunde alles über diese Platte. Ein weiterer Beitrag für das heimische Neo-Crooner-Fach im Plattenregal.
Auch gerade auf ununterbrochener Umdrehung: das neue Album von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, das aber noch seiner Veröffentlichung harrt, und demnächst hier sicher ausführlicher thematisiert werden wird.

27.05.
Oben bei Degenhardt schrieb ich das Wort „Sehnsuchtsorte”. Ich überfliege den Text gerade noch einmal und lese „SehnsuchtsTORTE”. Wie gerne würde ich jetzt ein Stück Sehnsuchtstorte essen! Aber mit wem? Sicher nicht mit dem deutschen Teilnehmer, der beim Eurovision Song Contest unter einer Mütze hervor ein selten banal-blödes Stück Sicherheitsmusik sang. Eher schon mit dem abgeschmierten Engelbert Humperdinck, dessen Beitragslied ich mir noch in derselben Nacht aus Protest gegen die doofen Piraten achtmal gekauft habe.
Die Frage, ob man in einem Land wie Aserbaidschan, wo auf Demonstranten herumgeknüppelt wird, einen europäischen Liederwettbewerb austragen darf, verwundert mich etwas. Schließlich hat man das Land ja in den vergangenen Jahren teilnehmen lassen, da darf man sich nicht wundern, wenn man dort plötzlich sämige Schmierballaden komponiert und damit auch noch gewinnt. Die Frage nun, ob man Aserbaidschan von vornherein nicht hätte teilnehmen lassen dürfen, sei also von dieser Seite mit einem herzlichen „JA!” beantwortet.
Ich sehe den Eurovision Song Contest in einem römischen Hotel. Es bleiben mir also deutsche Kollateralschäden wie Unheilig oder die rappelige Drumherumberichterstattungsmoderatorin, deren Namen ich immer vergesse, erspart. Naturgemäß gebricht es den aufgekratzten Italo-Kommentatoren an der stilvollen Nonchalance eines Peter Urban. Auch wenn mein Italienisch allenfalls dazu geeignet ist, schlichte Schlagertexte zu verstehen und mich bei gutaussehenden Frauen nach dem Weg zu erkundigen, ist doch deutlich zu erahnen, wie sehr sich die beiden Kommentatoren krümmen und winden, sobald dem italienischen Beitrag zu wenig Punkte zugedacht werden („Deutschland! Was soll das!??”). Ich hätte mal besser einen hohen Geldbetrag gesetzt, denn tatsächlich gelingt es mir, die ersten drei Plätze exakt vorauszusagen. Das gibt mir zu denken. Vielleicht sollte ich die baldige Bandauflösung der Prinzen oder ein neues David-Bowie-Album mit düsterem Songwriter-Folk voraussagen. Oder dass demnächst Tim Bendzko das Wort „Nagelbett” (von mir aus auch: „Nagelbrett”) in einem Song verwendet. Ich bleibe dran …

 

 

 

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9 Lesermeinungen

  1. Fiktive Band im...
    Fiktive Band im Film:
    “Autobahn” mit dem Album “Nagelbett”
    schönes Cover auch:
    http://www.datachondria.com/wp-content/uploads/2009/02/autobahn-nagelbett.jpg

  2. Am Wochenende also in Rom...
    Am Wochenende also in Rom gewesen?
    Dann darf ich wohl leider nicht damit rechnen, von Ihnen hier in Kürze ein paar Worte zum Konzert von Springsteen in Köln am Sonntag zu lesen, oder? Hatte während meines Besuches in der Rhein-Energie-Arena (welch bescheuerter Name und doch wie passend am Sonntag!) noch gedacht, dass Sie möglicherweise auch irgendwo herumspringen. Übrigens ein sensationelles Konzert. Selten habe ich so überzeugend beobachten dürfen, wie jemand den negativ belegten Begriff des Stadionrock auf solch formidable Weise ins positive dreht. Und selten habe ich so viele Menschen einträchtig mit einem Lächeln von dannen ziehen sehen. Da wohnen Sie schon in Köln und haben das dann leider verpasst (wobei Rom auch schön ist). Meine Empfehlung, beim nächsten Mal wieder im Lande zu weilen, wenn der Boss zum Tanz auffordert!
    Ansonsten natürlich schön, wieder etwas im Pop-Tagebuch zu lesen!
    gebi_de

  3. Gebi: Ich hatte tatsächlich...
    Gebi: Ich hatte tatsächlich ein Ticket, musste dies aber wegen Doppelbelegung weggeben. Zuletzt sah ich den Mann in der hiesigen Arena, 2009, glaube ich. Schrieb darüber auch im Buch. Schön, daß es offenbar so viele Menschen beglückt hat. Wobei: Wie hätte es auch anders sein sollen?

  4. Danke für die schnelle...
    Danke für die schnelle Rückmeldung.
    Da muss ich doch das Buch glatt mal wieder heraussuchen und mich einlesen. Mich hat das Konzert jedenfalls ähnlich beindruckt wie U2 im Jahr 2001 in der Kölnarena (für mich heisst sie weiterhin so!). Damals hatte man ebenfalls das Gefühl, dass hier ein Funke übergesprungen ist und dann im wahrsten Sinne des Wortes alles entzündet hat.
    Auch von U2 mag man denken was man will, aber große Arenen bespielen können sie (auch wenn der technologische Bühnenoverkill zuletzt etwas extrem war und Springsteen gerade gezeigt hat, dass eine Bühne und ein paar Leinwände völlig ausreichen können).

  5. Wenn Sie mein Album...
    Wenn Sie mein Album http://itunes.apple.com/de/album/lovesongs-for-great-yarmouth/id472323164 gleich 8 x kaufen bin ich ein gemachter Mann und Sie, Herr Pfeil, leisten Ihren Beitrag an der Geschichtsschreibung des Rock’n Roll und der Popmusik.

  6. Sesamstrassenbands aus Joe...
    Sesamstrassenbands aus Joe Raposo-Jahren sind auch gescholten? Auch deren “Rebel L” ist mehr schmissig denn Billy Idols. Knochen/Bones vom Count (Der Graf~) waer mehr Verve für die Reitenden Leichen gewesen.

  7. Hallo Eric!
    Gut 2 Monate nach...

    Hallo Eric!
    Gut 2 Monate nach unserem Gespräch und dem denkwürdigen Abend mit Kim Fowley im King Georg hatte ich gestern endlich die Gelegenheit, Deinen Artikel im Rolling Stone zu lesen.
    Der Text gefällt mir insgesamt gut, ich muß allerdings ein paar Anmerkungen machen:
    – Kims Geburtstag ist der 21.07.1939, er singt darüber auf seinem 1995er Album “Let The Madness In”
    – der kleine Dicke neben Kim auf dem kleinen Photo auf Seite 66 ist nicht Rodney Bingenheimer (der wiederum ist der “Mayor Of The Sunset Strip” und nicht Kim!), sondern der Sänger Andy Williams
    – der Meister ging zumindest 1995, als ich ihn auf der Popkomm sprach, um einen evtl. Produktion der Furthurs in die Wege zu leiten, nicht am Stock, sondern bewegte sich uneingeschränkt. Wir waren die einzigen Leute dort, die einen Anzug trugen.
    – die Begleitband im King Georg war: Felix Hedderich – Keyboard; Ralf Exter – Kontrabaß, Ralf Schneider – Gitarre und am Schlagzeug ich
    Viele Grüße,
    Kurt Kreikenbom
    PS: “Spaghetti” sang Kim mit Screamin’ Cheb Andy, der sonst die eine Hälfte der großartigen Mad Mullahs ist

  8. Lieber Kurt,
    wie schön, von...

    Lieber Kurt,
    wie schön, von Dir zu hören!
    Ihr wart eine grandiose Band an jenem Abend.
    Danke für die Anmerkungen zu Fowley!
    Was den “Mayor”-Titel angeht: Kim behauptet, Bingenheimer habe diesen nur bei ihm geborgt. ER sei immer noch der “real mayor of the Sunset Strip”!
    Hoffe, wir sehen uns bald wieder,
    Eric

  9. Hallo Eric,
    an Rodneys Stelle...

    Hallo Eric,
    an Rodneys Stelle würde ich mit Kim auch nicht um den Bürgermeistertitel streiten, diente Kim doch in Armeen verschiedener Länder und kann mt bloßen Händen (oder einem Trommelstock) töten….
    Danke für das Lob! Das Konzert hat unglaublichen Spaß gemacht! Wann hat man schon mal die Gelegenheit, einem bislang unbekannte Musik eines seiner Helden zu hören und selbst darauf einzuwirken, wie sie wird? Und dann läuft das auch noch so wie an dem Abend!
    Meine liebste Kim-LP ist übrigens “Good Clean Fun”.
    Auf bald!
    Viele Grüße,
    Kurt

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