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Sehnsuchtstorten für die Fratzen des Pop

30.05.2012, 09:17 Uhr  ·  Die Themen diesmal: Baku. Kim Fowley. Jim Rakete. Degenhardt und Wader und ein paar schöne neue Alben.

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Die Dinge: immer machen sie Scherereien. Ursprünglich war es mein Ansinnen, im folgenden Text die Design-affine Beleidigung “Der sieht doch aus wie von Colani rundgelutscht” unterzubringen. Hat leider nicht geklappt. Auch wollte es mir nicht gelingen, einen Text zu verfassen, in dem der fiktive Blödelbarden-Albumtitel “Castagnetten und Pastinaken” vorkommt. Vielleicht ja beim nächsten Mal. Fürs Erste gilt es, mit dem Folgenden vorlieb zu nehmen …

19.04.
Ich pflege dieser Tage mal wieder ausgiebig meine Franz-Josef-Degenhardt-Obsession.
Welch’ wendungsreiche, wortpralle Lieder! Und was für wilde Geschichten der Mann um welche entlegenen Ecken herumspinnen konnte! Und wie die Leute in dieser Liedern heißen: Horsti Schmandhof, Tonio Schiavo, Joß Fritz …
Beeindruckend, wie Degenhardt immer wieder eine Ahnung von Bedrohung durch diese typischen Dur-Moll-Wechsel und die krummen Takte spürbar werden lässt und wie hier alles Blei dieser Zeit hörbar wird. Ahnungslosen als Einstieg empfehle ich „Santacher”, mein ewiges Lieblingslied von dem Mann und ein zeitlos gutes Stück über Sehnsuchtsorte und Traumverbuddelungen.
Von Degenhardt gelange ich während meiner abendlichen Lauschsitzung zum nicht minder interessanten Hannes Wader, der im Vergleich dann doch deutlich mehr an Mädchen und Selbsterforschung seines langhaarigen Mannseins interessiert war. Darin jedoch – und nicht nur darin – gibt es keinen Besseren. Und was für Wörter in Waders Liedern fallen: „Nagelbett” etwa. Habe ich auch noch in keinem Song gehört.

21.04.
Der gestrige Freitag war mit Sicherheit einer der seltsamsten Tage meines an seltsamen Tagen nicht eben armen Lebens. Das hat nicht unwesentlich damit zu tun, dass ich das Vergnügen hatte, einige Stunden mit Kim Fowley zu verbringen, der zwei Monate nach seiner letzten Krebs-OP im Zuge seiner Europatour in der Stadt weilte. Fowley ist auch mit 72 Jahren immer noch eine Herausforderung für jeden halbwegs sittsamen Menschen: Man stelle sich eine manipulationsbegabte Mischung aus Klaus Kinski und Helmut Berger vor, einen wandelnden Widerspruch mit Gehstock, eine überzogene Figur aus einem noch zu drehenden Grusel-Trashfilm, eine Legende mit großem Talent zur tollen Kurzantwort. Auf die Frage, worin er als Vielbegabter am besten sei, antwortet Fowley: „Im Unsichtbarsein”. Beste Legende über ihn: „Dass ich eine schwarze Frau bin”. Größte Fehleinschätzung seiner Person: „Dass ich ein Mensch bin”. Ist er das gute oder das schlechte Gewissen des Rock’n’Roll? Fowley: „Ich bin ein Zuhälter.” Wie sang Bruce Springsteen auf seinem ersten Album: „Don’t trust men, who walk with canes.” Kim Fowley würde dem unumwunden zustimmen.
Auf der Straße treffen wir später zufällig meine Tochter, die des Weges kommt. Ob sie Englisch spreche, fragt Fowley und beugt sich, nachdem sie bejaht hat, aus zwei Metern Höhe zu ihr hinunter. Das kurze Gespräch zwischen den beiden werde ich für den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen.

23.05.
Treffe Jim Rakete in seinem Büro in Kreuzberg, um mit ihm für einen Artikel über den Deutschrock-Boom der Achtziger zu sprechen. Ob er rauchen dürfe, fragt Rakete, ein jungenhafter, energetischer Typ, zu Beginn des Gesprächs, stopft sich eine Pfeife und rührt diese dann für zweieinhalb Stunden nicht mehr an.
Rakete ist ein extrem intelligenter und reflektierter Gesprächspartner, der sein Gegenüber und sich selbst immer wieder hinterfragt. Mir fällt die Vorstellung schwer, es könnte ein Thema geben, zu dem dieser Mann nichts Brauchbares zu sagen hat. Seine Autobiographie mag er trotzdem nicht schreiben, denn auf den allgemeinen Erinnerungswahn hat er – wie seine Freundin Ulla Meinecke, die ich am späten Nachmittag treffe – keine Lust. Heute redeten ja schon Menschen um die Vierzig nur noch von früher, konstatieren beide unabhängig voneinander. Er habe keine Lust, zu „veronkeln”, sagt Rakete. Beinahe habe ich ein schlechtes Gewissen, diese Menschen mit meinen Fragen so in ihre Vergangenheit zurückzuschubsen. Aber zu sehen, wie ihre Augen zu leuchten anfangen, wie sie kopfschüttelnd dasitzen und sich erinnern, ist es allemal wert, ab und an der frühvergreiste Vergangenheitsonkel zu sein.

25.05.
Ein paar Spitzenplatten der letzten Wochen im Schnellkochtopf:
„The King Of In Between”, Garland Jeffreys’ erste Platte seit über einem Jahrzehnt (in dem er sich darauf konzentrierte, seine Tochter großzuziehen), ist ein einziger Freudenquell. Zu Boogie, Lou-Reed-Rock, Reggae und Curtis-Mayfield-Funk singt der Endsechziger über spirituelle Unbehaustheit, das Nichtdazugehören, das Älterwerden – und die Freuden des Trotzdem. Sehr abwechslungsreich, aber stets zusammengehalten von dieser großen und dennoch unaufdringlichen Persönlichkeit.
Die begrüßenswertesten Wiederveröffentlichungen der Saison sind „Isn’t Anything” und „Loveless”, die durch Feedback-Nebel eiernden Frühneunziger-Alben der Avant-Psychedeliker My Bloody Valentine. Während andere Platten jener Ära nicht eben vorteilhaft gealtert sind, klingen Kevin Shields’ von bleichen Sirenen durchsäuselte Purpurträume immer noch nach überstrahlten Erinnerungen ans Übermorgen.
Wer noch nie betrunken auf einem Konzert der britischen Band The Wave Pictures herumgestanden hat, sollte diesen Misstand möglichst rasch beheben! Auch ein Albumkauf sollte rasch getätigt werden: Auf dem neuen Werk titels „Long Black Car” demonstrieren die schlecht durchbluteten Briten mal wieder, dass nichts über unverzerrten Modern-Lovers-Schrammelkram und lustig deprimierte Texte über Alltagsseltsamkeiten geht. Wem Herman Düne dann und wann etwas zu sehr wie die Sesamstraßen-Hausband vorkommen, für den müssten die Wave Pictures genau richtig sein.
Auch sehr schön ist das Debütalbum von Cry Baby. Hinter diesem Nomen, das noch ordentlich Omen ist, verbirgt sich Danny Coughlan aus Brighton. Ich war einmal in Brighton. Neulich noch fand ich ein Foto wieder, das mich deprimiert auf dem Rand eines geschlossenen Kinderkarussells sitzend zeigt. Entgegen meiner Gewohnheiten trage ich eine Jeansjacke. Danny Coughlan kann das Foto gerne für sein nächstes Cover benutzen. Dann können die Leute patzig rufen: „So was! Der doofe Pfeil auf dem Cry-Baby-Cover! Passt ja gar nicht. Geschieht ihm ganz recht, dass er so blöd aussieht auf dem Foto. Doofe Jeansjacke auch!” Doch zurück zur Musik: Man stelle sich vor, die Walker Brothers hätten sich ein Vierspurgerät gekauft – schon weiß man im Grunde alles über diese Platte. Ein weiterer Beitrag für das heimische Neo-Crooner-Fach im Plattenregal.
Auch gerade auf ununterbrochener Umdrehung: das neue Album von Edward Sharpe & The Magnetic Zeros, das aber noch seiner Veröffentlichung harrt, und demnächst hier sicher ausführlicher thematisiert werden wird.

27.05.
Oben bei Degenhardt schrieb ich das Wort „Sehnsuchtsorte”. Ich überfliege den Text gerade noch einmal und lese „SehnsuchtsTORTE”. Wie gerne würde ich jetzt ein Stück Sehnsuchtstorte essen! Aber mit wem? Sicher nicht mit dem deutschen Teilnehmer, der beim Eurovision Song Contest unter einer Mütze hervor ein selten banal-blödes Stück Sicherheitsmusik sang. Eher schon mit dem abgeschmierten Engelbert Humperdinck, dessen Beitragslied ich mir noch in derselben Nacht aus Protest gegen die doofen Piraten achtmal gekauft habe.
Die Frage, ob man in einem Land wie Aserbaidschan, wo auf Demonstranten herumgeknüppelt wird, einen europäischen Liederwettbewerb austragen darf, verwundert mich etwas. Schließlich hat man das Land ja in den vergangenen Jahren teilnehmen lassen, da darf man sich nicht wundern, wenn man dort plötzlich sämige Schmierballaden komponiert und damit auch noch gewinnt. Die Frage nun, ob man Aserbaidschan von vornherein nicht hätte teilnehmen lassen dürfen, sei also von dieser Seite mit einem herzlichen „JA!” beantwortet.
Ich sehe den Eurovision Song Contest in einem römischen Hotel. Es bleiben mir also deutsche Kollateralschäden wie Unheilig oder die rappelige Drumherumberichterstattungsmoderatorin, deren Namen ich immer vergesse, erspart. Naturgemäß gebricht es den aufgekratzten Italo-Kommentatoren an der stilvollen Nonchalance eines Peter Urban. Auch wenn mein Italienisch allenfalls dazu geeignet ist, schlichte Schlagertexte zu verstehen und mich bei gutaussehenden Frauen nach dem Weg zu erkundigen, ist doch deutlich zu erahnen, wie sehr sich die beiden Kommentatoren krümmen und winden, sobald dem italienischen Beitrag zu wenig Punkte zugedacht werden („Deutschland! Was soll das!??”). Ich hätte mal besser einen hohen Geldbetrag gesetzt, denn tatsächlich gelingt es mir, die ersten drei Plätze exakt vorauszusagen. Das gibt mir zu denken. Vielleicht sollte ich die baldige Bandauflösung der Prinzen oder ein neues David-Bowie-Album mit düsterem Songwriter-Folk voraussagen. Oder dass demnächst Tim Bendzko das Wort „Nagelbett” (von mir aus auch: „Nagelbrett”) in einem Song verwendet. Ich bleibe dran …

 

 

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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