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Die Heiterkeit ist effing rad!

17.06.2012, 14:34 Uhr  ·  Thema diesmal: Zähne. Kimbra. Die Heiterkeit. Rumer. Das Millowitsch-Theater und das leid des Leihwagenfahrens.

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Blut tropft auf die Tastatur.
Zugegeben: ein reißerischer Einstieg. Allerdings kein unsinniger. Da sich nämlich eine Zahnextraktion nicht länger vermeiden ließ, suchte ich vor einer Stunde meinen Dentisten auf – und nun sitze ich mit watteverstopftem Mund und ausgestülpter Wange hier und tippe. Aber ein bisschen authentisches Leid kann dem Pop-Tagebuch Ihres Vertrauens, wie ich meine, nicht schaden. Ein Blick in den Spiegel verdeutlichte mir zudem eben in aller Unsanftheit, dass ich mich dringend für einen Shane-McGowan-Ähnlichkeitswettbewerb anmelden sollte. Ich könnte allerdings auch den David-Bowie-Weg gehen und die Sache ein für allemal in Ordnung bringen lassen. Die Frage lautet derzeit also quasi: Shane McGowan oder David Bowie?
Während der Zahnarzt munter extrahierte, versuchte ich mich abzulenken, indem ich nachsann, welche berühmten Pop- und Rocksongs sich so alles um Zähne ranken oder doch zumindest Zähne im Titel führen. Viel kam mir nicht in den Sinn. Eigentlich nur der AC/DC-Song „Kicked In The Teeth” vom „Powerage”-Album. Dann fiel mir auf, dass ich bis heute gottlob noch keinen Zahnverlust durch entweder Klopperei oder Unfall zu beklagen habe. Ganz im Gegensatz zu Liam Gallagher, dem einst im Münchener Hotel Bayrischer Hof zwei Zähne ausgeschlagen wurden. Der andere Rockstar, dessen prominenter Zahnverlust, mir in den Sinn kam, war der Aerosmith-Sänger Steve Tyler, der in einer paraguayischen Dusche unglücklich ausrutschte (Kann man glücklich ausrutschen?). Es sollte aus diesen beiden Episoden jedoch keinesfalls schlecht auf die Umgangsformen im Hotel Bayrischer Hof oder die Sicherheit von paraguayischen Duschen geschlossen, sondern vielmehr ein kritisches Verhältnis zu den beiden genannten Rockmusikern gefördert werden. Angus Young von AC/DC wiederum trägt ja bereits seit jungen Jahren, nachdem er sich im Tourbus dereinst beim Hineinbeißen in eine gefrorene Tafel Schokolade die vorderen Schneidezähne herausbrach, eine Zahnprothese. Keine Ahnung, warum ich mir diese vermutlich einer BRAVO der frühen Achtziger entstammende Information gemerkt habe. „Egal”, mag nun mancher einwenden, „viel interessanter ist doch ohnehin, warum AC/DC im Tourbus gefrorene Schokolade mitführten”. Nun, das ist leicht erklärt: Schokolade pflegt – ob nun im Tourbus oder sonst wo abgelegt – bei Erwärmung weich zu werden. Um dem vorzubeugen, legten die cleveren Hardrock-Gesellen ihre Schokolade eben ins Tourbus-eigene Gefrierfach. Was lehrt diese Anekdote? Wenig bis nichts. Allenfalls, dass die Gesundheit von Rockmusikern eben nicht nur durch Rauschmittel oder ungeschützten Verkehr bedroht ist, sondern auch durch unsachgemäßen Umgang mit Süßwaren.
Ein guter Freund erwähnte übrigens noch einen schönen Songtitel mit Zähnen: „Teeth Are The Only Bones That Show” von Baby Dee. In der Tat …

In Köln werden derzeit offenbar neue Örtlichkeiten für Pop-Konzerte erschlossen: Wie ich eben las, spielt im Rahmen der c/o-Pop die herbe Sängerin Joan Wasser alias Joan As A Police Woman demnächst im hiesigen Millowitsch-Theater. Das Millowitsch-Theater, neben Kölns bestem Plattenladen in der Nähe des Rudolfplatzes gelegen, ist ein für meine popkulturelle Ursozialisation nicht eben unbedeutender Ort. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in meiner Kindheit mit meinen Eltern vorm Fernseher saß und man gemeinsam die Schwänke des großen Willy Millowitsch bestaunte. Am besten war dabei stets jener Moment, da Millowitsch erstmals auftrat. Dies geschah in der Regel etwa fünf Minuten nach Beginn (hierin ähnelte die Dramaturgie eines typischen Millowitsch-Stücks einem Rockkonzert, wo der Sänger auch häufig erst auf die Bühne kommt, nachdem seine wackere Band bereits einige Zeit die Instrumente bearbeitet): Millowitsch kam durch eine knirschende Kulissentür, sah oft – zumindest erinnere ich dies so – arg derangiert aus (Bademantel, aufgemaltes blaues Auge o.ä.) und wurde stets vom Publikum so euphorisch bejubelt, dass er längere Zeit einfach nur herumstand, weil er für seinen weiteren Text das Abebben des Applauses abwarten musste. Nach seinem Tod übernahm bekanntlich sein Sohn Peter die Geschicke des Theaters, was mit den üblichen Fußstapfen-Problemen einherging, die bei Vater-Sohn-Nachfolgereien unvermeidlich sind.
Ich weiß, es zeugt von völliger geistiger Unreife, aber seit ich die Kunde vom Auftritt von Joan As A Police Woman in dieser Hochburg der volkstümlichen Heiterkeit vernommen habe, muss ich mir die ganze Zeit vorstellen, wie mitten im Auftritt von Joan Wasser eine hölzerne Seitentür aufgeht und Peter Millowitsch im Bademantel mit aufgemaltem blauen Auge die Szenerie betritt, was mit einem frenetischen Applaus begrüßt wird.
Falls die Stadt weiter auf der Suche nach neuen Auftrittsorten sein sollte: Meine Wohnung steht nach wie vor leider nicht zur Verfügung (s. hierzu auch ein Text des letzten  Monats). Wobei mir die Vorstellung reizvoll erscheint, inmitten eines Wohnzimmer-Konzerts von, sagen wir, Philip Poisel unter lautem Knirschen die Türe zu öffnen und mit aufgemaltem Veilchen und im Bademantel das Zimmer zu betreten. Auf den frenetischen Applaus würde ich zur Not sogar verzichten.

Das Plattenfirmenschreiben, das dem ersten Album der Sängerin Kimbra beigefügt ist, beginnt mit folgendem Zitat: „Her name is KIMBRA, she’s from New Zealand. And she’s effing rad!!! If you like Nina Simone, Florence & The Machine and/or Björk, then we think you will enjoy KIMBRA. Her music reminds us of all those fierce ladies! (Perez Hilton)”
Ich habe die CD aufgrund dieses Zitats sofort weggeworfen und Nina Simone aufgelegt. Ich glaube, ich finde andere Sachen „effing rad”.

„Effing” bedeutet übrigens nichts anderes als „fucking” und wird meist dann zum Einsatz gebracht, wenn der Schreiber entweder a) ein „fucking” verwenden, aber in verhohnepipelnder Absicht das zensierende „f***ing” karikieren oder b) total „rad” wirken will.
„Rad” wiederum wird hauptsächlich von aufgekratzten Kaliforniern verwendet, leitet sich ursprünglich von „radical” ab, heißt aber soviel wie famos, toll, spitze, cool. Beispielsätze aus dem Internet: „Those are some rad shoes”, „Sex and Pizza are rad”, „Our trip to the strip club was rad!”. Auf dem Cover des Pavement-Albums „Wowee Zowee” prangte schon Mitte der Neunziger der Satz: „Pavement IST Rad!”.

Absolut nicht „effing rad”, sondern von köstlicher Gediegenheit ist „Boys Don’t Cry”, das neue Album von Rumer, auf dem sich die Sängerin durch zwölf (mit Bonustracks: sechzehn) klassische Songs männlicher Autoren carpentert. Hier wird in keinem Versuch das effing Rad neu erfunden. Mitnichten: Dies ist Dienst am Altar des Songs. Neben Rumers schönem Gesang und ihren zwar respektvollen, aber auch charmant besitzergreiferischen Interpretationen ist auch manch anderes zu beklatschen: beispielsweise die Produktion, die trotz aller Sonntagmorgenfrühstücks-Kompatibilität nie nach Kulturabonnement klingt. Vor allem aber die originelle Songauswahl. Kein Dylan, kein Cohen. Stattdessen werden Stücke von Leon Russell, Tim Hardin, Clifford T. Ward (das prächtige „Home Thoughts From Abroad”), Terry Reid, Stephen Bishop, Townes Van Zandt, Hall & Oates, Richie Havens, Jimmy Webb oder Paul Williams zur Aufführung gebracht. Auch je ein Stück von Isaac Hayes und Neil Young sind dabei. Oh, und von Gilbert O’ Sullivan, warum auch nicht. Sympathischerweise ist im Booklet zu jedem Song das Cover des Originalalbums abgedruckt, was zu Käufen der Originalwerke anregen möge.

Da mir ein böser LKW-Fahrer die komplette linke Seite meines Maserati aufgeratscht hat, durfte ich in den vergangenen Tagen mit einem Leihwagen der reparierenden Werkstatt durch die Gegend gurken. Die Autoreparateure gaben sich Mühe, mir ein denkbar demütigendes Gefährt zur Verfügung zu stellen und wählten zu meiner Erniedrigung einen im Graffiti-Look gehaltenen Smart. Als ich das Autoradio anwarf, musste ich zunächst feststellen, dass der Sender auf „Radio Erft”, einen der unzähligen hier in der Gegend aktiven Die-größten-Kulthits-der-Achtziger-und-das-Beste-von-heute-Sender, eingestellt war. Mit einiger Faszination hörte ich eine Weile zu: Phil Collins, Tanita Tikaram, Alphaville … Kultmusik eben. Was man halt in ländlich gelegenen Autowerkstätten so hört.
Dann lege ich die CD der derzeit vielerorts gepriesenen Mädchenband Die Heiterkeit ein. Leicht verpennter, attitüdenstarker Proberaum-Trio-Pop mit mehr Aura als üblicherweise in Trios passt. „Suche Feinde, biete Gegner” wird da etwa zu stilsicherem Slacker-Geschrammel gesungen. Demnächst sicher mehr dazu.
Doch oh Weh! Als ich die CD wieder herausnehmen will, gibt sich der Player erst irritiert und dann abweisend. Das Ding bleibt einfach stecken. Ich stelle das Radio aus und wieder an. Sofort springt die Heiterkeit-CD an. Nachdem ich eine Weile ebenso panisch wie unsachgemäß an dem Radio herumfummelt habe, gebe ich auf. Inzwischen tröstet mich der Gedanke, dass die wackeren Automechaniker als zusätzlichen Lohn für ihre Tätigkeit nun statt des ewigen Radio-Erft-Genüddels Die Heiterkeit hören dürfen.
Womöglich werden sie ja, wenn sie des Abends müde von der Arbeit nach hause kommen, noch vor dem rituellen Verzehr ihrer gefrorenen Lieblingsschokolade zu ihren Ehefrauen sagen: „Die Heiterkeit ist effing rad!”.

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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