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Azzurro!

29.06.2012, 11:54 Uhr  ·  Thema diesmal: Celentano. Palminger. Muse. Waderwecker und Frank Schulz.

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Nach dem Spiel Italien – Deutschland läuft im Stadion wie immer nach einem Sieg von Buffon und seinen Freunden Celentanos „Azzurro”. Meine Tochter kann den Song eigentlich in schönstem Para-Italienisch mitlautmalen, so oft hat sie dieses Wunder von einem Lied schon hören müssen (und später sogar freiwillig gehört). Heute aber mag sie nicht, zu sehr schmerzt die Niederlage.
Geschrieben wurde „Azzurro” ja bekanntlich von Paolo Conte. Allerdings von vornherein mit Celentanos Stimme im Sinn – einer Stimme, die wie keine zweite Lässigkeit und Melancholie verbindet und die mir in meinem Leben mehr Momente des Glücks beschert hat als fast alle meine anderen Lieblingssängerstimmen zusammen. Am schönsten kann man Celentanos Kunst, gleichzeitig erzcool und anrührend singen zu können, in diversen Signatursongs seiner Spät-Sechziger-Phase nachhören. Etwa im Schunkler „Il Ragazzo Della Via Gluck” (über seinen Geburtsort in Mailand) oder dem Liebeslied „Il Carezza In Un Pugno”, aber auch in „Uomo Macchina” vom „Svalutation”-Album, seinem besten Werk der Siebziger. Das melancholische Liebeslied „Azzurro” ist vor allem darum ein Wunder von einem Schlager, weil es in C-Moll beginnt, einen Klimmzug zu F-Moll unternimmt und im Refrain dann schließlich in den Himmel fliegt (in C Dur!). Im von Vito Pallavicini verfassten Text, der von einer Sommerbeziehung mit Hindernissen erzählt, hat der in der Stadt festsitzende Erzähler, der nicht zur Liebsten an den Strand kann, noch nicht einmal einen Priester zum schwätzen („…neanche un prete per chiacchierar”). Womöglich hat das Stück, kompositorisch und interpretatorisch gesehen, exakt den Mumm und Witz, der auch das Spiel der Italiener prägte und das blaue Team über den achtbaren deutschen Ordnungsfußball siegen ließ. Oder anders: Das Spiel der italienischen Mannschaft verhielt sich heute zur deutschen wie Celentanos “Azzurro”-Fassung zur hiesigen Version von Peter Rubin.
Auch Jacques Palminger und seine Kings Of Dub Rock beziehen sich auf ihrem wunderbaren neuen Album “Fettucini” neben Fela Kuti und King Tubby, der menschlichen Echokammer, ausdrücklich auf Celentano (ebenso wie auf die Gebrüder De Angelis, besser bekannt als Oliver Onions, auf Pino D’Angiò und manch anderen Recken des italienischen Pop). Wie der Infoschreiber auf die Idee kommt, Celentano sei bereits verstorben, ist mir indes schleierhaft. Trotzdem: Was für eine Platte!

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In meinem Spam-Ordner verkündet soeben irgendeine Plattenfirma in dröhnenden Großbuchstaben: „MUSE: VERÖFFENTLICHEN HEUTE MIT „SURVIVAL” DEN OFFIZIELLEN SONG DER OLYMPISCHEN SPIELE 2012″.
Das passt zu dieser durch und durch öden Angeberband. Muse haben ja schon immer hochtrainierte Olympiadenmusik gemacht. Dröge Hansel, die sich dröhnend zur Decke strecken und anstatt echten Wahnsinn zu verströmen, einen auf Hochleistungsrock machen. Ich werde aus Protest dieses Jahr beim Diskuswerfen fehlen.

* * *

Ich reise nach Bremen, um dort ein Interview für ein Buch-Projekt zu führen. Im Zug komme ich endlich dazu, mir die Dokumentation „Wader Wecker Vaterland” anzusehen, die ich schon länger auf dem Zettel hatte. Der Film begleitet eine Tournee der ungleichen Barden Konstantin Wecker und Hannes Wader im Jahr 2010, zeigt die Musiker bei Proben und hinter der Bühne, aber auch daheim im Kreis ihrer Familien. Etliche Szenen beobachten die Musiker dabei, wie sie im Zug sitzen miteinander über die verändernde Kraft von Musik und die Irrungen  – Drogen (Wecker) und DDR-Begeisterung (Wader) – ihrer beider Lebenswege sprechen. Es sei hier kurz festgehalten, dass es irritierend ist, im Zug sitzend, einen Film mit im Zug sitzenden Menschen zu sehen. Allerdings: Wader und Wecker reisen deutlich kommoder als ich. Um mich herum platziert sich nämlich schon bald eine Truppe aufgekratzter Ü-40-Mädchen mit Reiseziel Norderney, die unter regelmäßiger Betankung ihrer Proseccogläschen dem Krawallaffen ordentlich Zucker geben.
Waderwecker sind da ein recht treffliches Gegengift: Lustig, wie die freundliche Rampensau Wecker versucht, den eher reservierten, skeptischen Wader zu etwas mehr Show-Bereitschaft zu bewegen (Wader soll, „Sag mir quando, sag mir wann” singend die Bühne betreten – ein Gag, der nicht nur bei den Proben ein ums andere Mal scheitert). Rührend, wie die beiden dann doch noch zueinander finden, ihre Lebenswege diskutieren und dem für Nachgeborene immer etwas beklemmenden Thema „Weltveränderei durch Musik” nachtasten. Ich mag sie ja beide – und zwar jeweils für genau das, was viele meiner Freunde an ihnen so problematisch finden.
Wader hat übrigens vor einigen Tagen seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert (kurz nach Brian Wilson, Paul McCartney und Gilberto Gil). Lustigerweise ist ja gerade von ihm, dem vermeintlich Spröden, Ernsten, der Satz überliefert, Zweck seiner Bühnenkarriere sei ursprünglich gewesen, Mädchen kennenzulernen! Ich ehrte ihn daher an seinem Jubeltag, indem ich mehrfach die Wohnung mit „Eine Frau, die ich kannte” beschalle. Wader hat angekündigt, künftig noch mehr touren zu wollen, was ich hiermit dringend unterstützen möchte. Ein neues Album kommt demnächst.

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Lese gerade Frank Schulz’ „Onno Viets und der Irre vom Kiez”, ein wildes Buch mit einem äußerst unwilden Helden: „… Onnos Laufbahn war so voller Stolpersteine, Schlaglöcher und Erdrutsche nicht wegen Faulheit. Nicht, daß er nicht faul wäre. Onno war faul. Verglichen mit Onno war Aas emsig. Doch war das nicht die Ursache für seine illustre Erwerbsbiographie. Er kämpfte ja stets gegen seine Trägheit an. Ausdauernd war er. Ausdauer hatte er wie eine Frau.”
Erzählt wird die Geschichte eines bräsigen Hartz-IV-Empfängers, der in seinen mittleren Fünfzigern beschließt, als Privatdetektiv zu dilettieren. So lustig und wendungsreich die Geschichte von Onno, der für einen Dieter Bohlen nachempfundenen Trash-Prominenten dessen Geliebte bespitzelt und dabei Bekanntschaft mit der Hamburger Unterwelt macht, auch ist – bei Schulz ist die überbordende Sprache natürlich alles. Der Mann schreibt ein anbetungswürdig arabeskes Deutsch, das keine Scheu kennt vor Dialekten, Mode- und Ekelsprache, Medienjargon, Werbephrasen, www-Geschwätz und idiosynkratischem Kauderwelsch.>
Wie gut Schulze in der Nachstellung verschiedener Idiome ist, sei an einem im Buch zitierten Proll-Rap-Text des fiktiven Rappers Bimbo Beelzebub demonstriert: „Was ist für Pussys das absolut Krasseste? / Was aber bleibt im Blutrausch das Blasseste? / Liiibööö – der Same des Hasses / Liiibööö – der Same des Hasses”.

In diesem Sinne:
Tun Sie sich etwas Gutes. Hören Sie Celentano und Palminger, schauen Sie Wecker und Wader, lesen Sie Frank Schulz. Sie können natürlich auch Muse hören und dazu in Weltraumkostümen daheim Eierlaufen gegen Ihren Schachcomputer spielen, mir ist das im Grunde wurscht. Ich jedenfalls gehe jetzt in die Bar Celentano und reserviere mir einen Stehplatz für Sonntag!

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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