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Bayern, Preußen, Italien und der Rest oder Weltmusik fürs Zelt

25.07.2012, 08:38 Uhr  ·  Thema diesmal: Musik im Urlaub. Kofelgschroa. Jens-Lekman-Texte. Straßenmusiker. Und: Warum tragen alle jungen Bands plötzlich Tiermasken?

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Urlaub. Fahre durch mein Lieblingsland und höre ausschließlich alte Adriano-Platten, italienische Schlager-Compilations aus den frühen Achtzigern und Dylans „Desire” (die Herzensdame kann sich grad an „One More Cup Of Coffee” nicht satthören).
In Supermärkten und an Strandbars lässt sich mal wieder feststellen, dass die neuen Italo-Songs prinzipiell genau so klingen wie die alten. Ich schrieb es schon einmal hier: Es gibt nichts Konservativeres als italienische Popmusik (was die Celentanos und Battistis umso ohrfälliger macht).
So sehr ich seichten Italo-Pop schätze (Ich erwäge gerade eine buchdicke Analyse von Ricchi e Poveris „Made In Italy”): Wenig ist so gut wie Umberto Tozzis „Gloria”. Was für ein perfekter Pop-Song! Auch von arger Strahlkraft sind die Hits von Alice, vor allem „Per Elisa” und „Messaggio”. Als kürzlich liebe Freunde einen ihrer rituellen sogenannten „Plattenabende” veranstalteten, bei denen man in Runden von vier bis sechs Mitwirkenden einander Lieder vorspielt, Geschichten dazu erzählt und nach jedem Durchgang Punkte vergibt, konnte ich für Alice ganze zwei Punkte einstreichen! Für Konstantin Weckers „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist” hingegen bekam ich gar keinen Punkt. Das Lied sei eklig, so der kollektive Befund, vor allem die Zeile, derzufolge man „sein Fleisch nicht mehr versteckt” wurde scharf kritisiert. Das sei doch gerade das Schlimme am deutschen Sommer! Dieses unverlangte Gezeige käsigen Beins. Ja ja, sage ich, schon richtig, aber irgendwie sei das doch auch ein total preußischer Gedanke.
Kein Wunder, dass Konstantin Wecker irgendwann in die Toskana ausgewandert ist.

Wo ich schon grad über einen Bayern schreibe:
Obzwar ich ja durch und durch Rheinländer bin und ich mir mein Flickenclown-Kostüm selbst außerhalb des Session immer wieder überstülpe und bepappnast meine Mitmenschen erfreue, hege ich starke Sympathien für die Bayern. Viel trennt den Rheinländer und den Bayern ja ohnehin nicht, auch wenn beide das vermutlich nicht wahrhaben wollen.
Nicht zuletzt deshalb habe ich gerade große Freude an drei Veröffentlichungen des nicht genug zu bejubelnden Trikont-Labels, namentlich der Reihe „Stimmen Bayerns”. Hierzu haben die Labelmacher aus ihren Beständen Lieder und Texte zusammengesucht, die sie thematisch geordnet auf den CDs „Die Liebe”, „Der Tod” und „Der Rausch” versammelt haben. Zu hören sind so unterschiedliche Künstler wie Karl Valentin und Liesl Karlstadt, Horst Tomayer, Georg Ringswandl (Dylan auf Bayrisch), Cleo Kretschmer, Gerhard Polt, Gustl Bayrhammer, Wolf Wondratschek, Walter Sedlmayr, Franz Dobler oder Helmut Fischer (letzterer mit dem Monaco-Franze-Kracher „Spatzl, schau wie I schau”). Den Anspruch, „die Seele Bayerns” einzufangen, haben die Labelmacher locker eingehalten. Auch taugen alle drei CDs gut zum Erschrecken von Indierock-Langweilern. Allerdings ist es eine andere Trikont-Veröffentlichung, die dieser Tage bei mir rauf und runter läuft.

Das Eigensinnigste, Beste, Schönste, Roheste, was ich seit Langem gehört habe, ist die Band Kofelgschroa aus Oberammergau.
Kofelgschroa sind vier junge Herren, die eine Art Bajuwarana-Trance-Punk machen. Punk wegen des rohen, unprofessionellen Gestus, Trance wegen der Sogkraft ihrer langen, repetitiven Stücke – und Bajuwarana wegen des Rests. Man ahnt, dass diese vier jungen Burschen Zeit ihres Lebens von bayrischer Volksmusik umgeben gewesen sein müssen, so selbstverständlich wird das musikalische Idiom hier genutzt: Zu pumpender Ziehharmonika, stampfender Helikontuba und ein bisschen Nylonsaitengitarre singen sie ihre Lieder, die, gleichwohl oft mollen und voller Daseinsskepsis, tüchtig zu euphorisieren verstehen.
Aufgenommen hat diesen wie selbstverständlich aus Stuben- und Wirtshaus-Musik zusammengeflossenen Folk der Notwist-Bassist Micha Acher. Das ist wichtig: Acher hat die Band „aufgenommen”, nicht „produziert”, denn mehr als „aufnehmen” muss man diese Musik nicht. Allerdings bedurfte schon allein die Produktion eines Tonträgers, wie man hört, einer gewissen Überredungskunst.
Kofelgschroa singen, das sollte man hier bereits ahnen, kein Spider-Murphy-Gang-Bayrisch, statt dessen purzeln ihnen harte, kantige Brocken aus dem Mund, die zur rumpelnden, aber immer gelassenen Musik passen. Man könnte auch sagen, die Band klinge so, wie die Mitglieder heißen: Maximilian Paul Pongratz, Michael von Mücke, Martin von Mücke und Matthias Meichelböck.
Wunderbar rohe Musik voller Lakonie, Sehnsucht, Humor und jetzt-mal-halblang-Attitüde. Interessierten seien als „Anspieltipps” die Stücke „Sog ned” und „Wäsche” empfohlen. Amazon führt das Album unter „Weltmusik”, nun ja.

* * *

Wenn der Straßenmusikus drunten auf dem Platz noch einmal „My Way” auf seiner Geige ermordet, werde ich hinuntergehen und ihm ganz my way darum bitten, sein Instrument auf der Stelle zu verspeisen.
Doch, Halt: Was sind das für Gewaltphantasien? Wo kommen derlei Gedanken her, gut zweiundzwanzig Jahre nachdem die Mitarbeiter des Evangelischen Krankenhauses Bergisch Gladbach freudig in meiner Abwesenheit das Ende meiner Zivildienstlaufbahn feierten?
Soll der Mann doch weiter dem Piazza-Publikum sein schmales Repertoire vorzwirbeln (neben „My Way” kann er noch „Buonasera, Signorina”) . Schlimmer als die meiste andere öffentlich zu Gehör gebrachte Musik, etwa im Radio oder auf Popmusik-Festivals, ist das im Grunde auch nicht.

* * *

Eine Freundin fragt, ob ich auch zur MTV-Unplugged-Aufzeichnung eines Konzerts der Fantastischen Vier in eine Sauerländische Tropfsteinhöhle („DRESS CODE BLACK!”) fahre.
Ich glaub, ich kann mich gerade noch beherrschen. 

* * *

Die neue Jens-Lekman-Platte rotiert. Ein in dandyesken Crooner-Pop gegossenes Schmerzenswerk über eine in die Brüche geratene Hose, äh, Beziehung. Es ist wohl dem Umstand zu verdanken, dass Lekman zwar hörbar kein Angelsachse, gleichwohl aber ein ambitionierter Texter ist, dass ihm immer wieder wunderbar geschraubte Knirsch-Zeilen wie diese gelingen: „Watch the possums and listen to their growling banter / There was one I liked especially; I named her Sam as in Samtha”. Oder diese: „The bats are sucking on cherries, dangling from the trees / Hasn’t anyone told you what fangs are for, little buddies?”.

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Freunde, die kürzlich mitsamt einer zünftigen Grippe vom Melt-Festival heimkehrten, wussten zu berichten, dass es unter Newcomer-Bands derzeit offenbar Mode sei, Tiermasken zu tragen. Was es damit auf sich habe?
Ich wisse es auch nicht, gab ich zur Antwort, nachdem ich mir umständlich meine Pop-Expertenjacke angezogen hatte. Allerdings bin ich nun, da mir die Schilderung der Freunde eben wieder in den Sinn kommt, stark daran interessiert, dass die Tiermaskentragerei auch unter Mainstreamkünstlern zur Gewohnheit wird. Der unheilige Graf beispielsweise mit Tiermaske, das wär’s. Oder Udo Jürgens. Oder unten die Straßenmusiker: Was da eine Eidechsenmaske alles ausrichten könnte!
Andererseits: Die blöden Tiermasken nerven ja jetzt schon. Eine weitaus längere Halbwertszeit hätten meiner Meinung nach Kaftane. Zumindest eine Saison lang könnte das Umherlaufen im Kaftan – gerade in Kaftan-unaffinen Zirkeln, also unter Asi-Rappern, Schlagersängern, Metalmuckern, Melt-Mädchen, Maskenmännern – manch tristes Treiben kurz transzendieren.
Leserzuschrift: „Soweit, so uninteressant, Pfeil. Was aber wäre davon zu halten, wenn Musiker Kaftane und Tiermasken kombinierten?”
Nun, gar nichts wäre davon zu halten. Was für eine abwegige und alberne Idee!

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Ein Einfall am Abend: Ich fahre in einem schwarzen Kaftan zum Fanta-Vier-Konzert. Während der Aufzeichnung springe ich immer wieder auf und spiele auf einer gläsernen, von innen fahlblau beleuchteten Violine „Buonasera Signorina”. Dem Weltruhm steht nichts mehr im Wege …

PLAYLIST

Kofelgschroa – „Wäsche” (Album: Kofelgschroa)
Umberto Tozzi – „Gloria”, „Stella Stai”, „Eva” und „Roma Nord” (finden sich auf den meisten Best-Of-Zusammenstellungen)
Bob Dylan – „Desire” (s.o.)
Lucio Battisti – „Il Mio Canto Libero” und „Il Nostro Caro Angelo” (seine beiden besten Alben aus den frühen Siebzigern; Battisti hören befreit das Ohr!)
Die Heiterkeit – „Alles ist so neu und aufregend” (Album: Herz aus Gold; die Band, von der viele vermutlich gar nicht wussten, wie sehr sie auf sie gewartet haben)
Jens Lekman – „I Know What Love Isn’t”
Mary Epworth – „Dream Life” (sehr abenteuerliches, weil angenehm wild produziertes Album der Songschreiberin; „Black Doe” hat die böseste Fuzz-Gitarre, die ich seit Langem gehört habe)
The Vaccines – „Come Of Age” (Das neue Album. Weniger Ramones, mehr sonst was. Die einzige britische Gitarrenband, die mir derzeit ins Haus kommt.)
Ben Kweller „Out The Door” und „Jealous Girl” (beide vom neuen Album „Go Fly A Kite”. Powerpop, gekonnt wie immer)
The Kings of Dub Rock – „Fettucini” (s. letzter Blog-Eintrag)

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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