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Anwohner, Straßenmusikanten und Westernhagen: Drei Randgruppen im Großstadtclinch

14.08.2012, 18:28 Uhr  ·  Thema diesmal: Wutbürger alter Schule, kryptische Statements deutscher Altrocker und neue Platten im Sommer

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Man muss wissen, wo man steht.
Nachdem ich im letzten Pop-Tagebuch-Eintrag eine zugegebenermaßen billige, wenngleich aufrecht empfundene Schmähung ungebremsten Straßenmusikantentums vom Stapel gelassen habe, muss ich nun zurückrudern. Eben nämlich trug sich Folgendes zu: Es hatte gerade zur Mittagszeit geläutet, da wurde mein gerechter Schlaf jäh durch zorniges Gebrüll gestört. Als ich das Fenster öffnete, um zu schauen, wer denn da so unverlangt durch die Gegend blökte, stellte ich fest, dass ein Bewohner des ersten Stockwerks sich soeben lautstark – und zur Erheiterung des flanierenden Publikums – einen arglosen Geiger vorgeknöpft hatte, der offenkundig gerade im Begriff war, dem Mittagspublikum des Trash-Italieners unten am Platz eine Melodei zusammenzugeigen. Das könnte interessant werden, dachte ich mir, entledigte mich rasch meiner Schlafbrille, warf den Morgenmantel über und rannte vier Stockwerke hinunter auf die Straße. Als ich ins gleißende Mittagslicht trat, war der Wutbürger bereits ganz außer sich: Er sei hier Anwohner und könne jederzeit das Ordnungsamt rufen. Verdammtes Gegeige und Getröte, da könne ja kein anständiger Anwohner mehr und überhaupt! Inzwischen hatte sich unten eine beträchtliche Menschenmenge versammelt, die sich das zornige Gezeter anhörte. Der Geiger war längst weiter gezogen, dafür waren die Spielsüchtler aus dem sich im Erdgeschoss des Hauses befindlichen Wettbüros auf die Straße getreten und hatten begonnen, mit dem Mann zu diskutieren. Diese, so der Wutaugust schäumend, seien vom selben Schlag wie die Nervmusikanten: Gesindel, Strolche und Halunken. ER, so der Mann abermals, sei hier Anwohner (noch nie zuvor hatte ich das alberne Wort so oft gehört) und könne ihre lasterhafte Wettscheune jederzeit schließen lassen. Da kam ein Mann mit einem Wettschein in der Hand aus dem Etablissement, blinzelte zu dem geifernden Oberanwohner empor und bemerkte nur: „Tschuldigung, kannst bisschen leiser schrei’n, ich kann misch nischt konzentrier’n beim Wettschein-Ausfüll’n.”
Da konnte sich der Aufgebrachte kaum noch halten: „LERN ERST MAL RICHTIG DEUTSCH!”, krakeelte er hinunter, wies abermals darauf hin, hier alles schließen lassen zu können und knallte das Fenster zu.”
Ich wartete noch kurz mit den anderen Umherstehenden auf eine Zugabe. Aber es war wie bei Bob Dylan nach „Blowin’ In The Wind”: Man spürte recht schnell, dass da nichts mehr kam. Beim Hochgehen dachte ich mir, dass man sich letztlich doch immer wieder entscheiden muss, auf welcher Seite man steht. Kiss oder AC/DC, Sex Pistols oder Clash, Tänzer oder Herumsteher, Geiger oder Anwohner. Ich stehe dann doch lieber auf der Seite der Straßenmusikanten. Zur Not gar geigend.

* * *

Der Mann, den sie Westernhagen nennen, ist der einzige Deutschprominente, der sich im Rahmen der BILD-Kampagne „Ihre Meinung zu Bild” bereits zwei Mal äußern durfte. Warum auch immer. Seltsam ist nur, dass seine Äußerungen in beiden Fällen ausgesprochen rätselhaft sind, vermutlich weil der selbsternannte Hottentottenmusikant es offenbar mal wieder besonders falsch machen wollte und in seinen Verlautbarungen BILD-Kumpanei und BILD-Kritik unter einen Hut zu bringen trachtete. Einen sehr seltsamen Hut, wie ich hinzuzufügen nicht umhin kann.
Fragte er beim ersten Mal noch: „Bild, kritikfähig? Oder ist das hier nur Werbung?”, eine Äußerung, die sich nur kopfschüttelnd beseufzen ließ, lautet seine Antwort auf die Frage „Ihre Meinung zu BILD” diesmal: „Als die Anfrage an mich herangetragen wurde, meine Meinung über die Bild kundzutun, wissen Sie, was mein junger, dynamischer Manager zu mir gesagt hat? MARIUS, ERZÄHL KEINE SCHEISSE!”.
Ich habe Westernhagen in jungen Jahren für manch launigen Text mal sehr geschätzt. Was der Dichter aber hier sagen will, dünkt mir rätselhaft. Mehr noch: Es düngt geradezu. So sehr, dass mich die Werbung, wann immer ich ihrer ansichtig werde, jedes Mal einigermaßen verstört. Hat er nun „Scheiße” erzählt oder wurde die Sorge seines Managers durch das vermutlich dekonstruktivistisch gemeinte Statement genial umschifft? Warum überhaupt dieses Statement? Um irgendetwas offenzulegen? Wenn ja – was?? Warum nicht „nein” sagen? Ist der Text in einem langen Meeting mit mehreren Beraterteams entstanden oder wurde er nächstens auf einen Zettel gekritzelt, der aus dem Mülleimer direkt ins Büro der zuständigen Werbeagentur geweht ist? Hat man es bei Westernhagen am Ende gar mit dem letzten wirklich rätselhaften deutschen Rockmusiker geradezu Dylan’schen Ausmaßes zu tun? Ist der Künstler am Ende gar „far out”?
Ich bin ratlos. Meine Interpretationsmöglichkeiten versagen vor dem Satz. Womöglich handelt sich ja sogar um eine Kunstaktion oder jemand hat das Westernhagen-Plakat nur vor meiner Haustüre aufgehängt, um mich in den Wahnsinn zu treiben (Doch nein, es handelt sich um keinen Scherz, es hängt, so habe ich herausgefunden, auch noch an anderen Stellen in der Stadt).
Wie auch immer: Falls Herr Westernhagen daran interessiert sein sollte, noch ein drittes Mal an der Kampagne mitzuwirken, schlage ich ihm einen der folgenden Sätze vor:
„Bild, hallo?! Geht’s noch?? Wissen Sie, was mein Gärtner gerade zu mir gesagt hat? Tag, Herr Westernhagen, hat der gesagt. Ganz schön scheiße, wie hoch die Hecke wieder gewachsen ist.”
Auch das folgende Zitat darf Herr Westernhagen gerne für eine weitere Bild-Kampagne verwenden:
„G$%%&!!??nnnnnAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAARGH&§$!!!”
Andererseits: Ein drittes Mal wird Herr Westernhagen sicher nicht gefragt werden. Eher, so könnte man meinen, dreht Nicole Kidman einen Sex-Film in Köln, als dass Westernhagen ein drittes Mal für die Bild kampagnierte.

Doch Halt! Derlei Sachen sollte man nicht so einfach lautstark dahinmeinen. Manches geschieht einfach. Eben nämlich schlurfte ich trüben Gedanken nachhängend die Straße hinunter, da riss mich eine Meldung des Kölner Express aus meiner finsteren Meditation und versorgte mich durch nur einem Satz mit mehr seelisch-moralischer Labsal als ein ganzer Spiegel-Artikel über Herman Hesse: „Hollywood-Star Nicole Kidman dreht Sex-Film in Köln!”, wusste der Express zu vermelden. Das Leben hat doch einen Sinn.

* * *

Ein paar Platten der letzten Wochen, die dazu angetan waren, die Gleichgültigkeit zu überwinden:
JOHN DEE GRAHAM hat bislang sieben Alben veröffentlicht. Hört man sein jüngstes Werk, könnte man auf die Idee kommen, es wären schon achtundvierzig Platten gewesen. Der Mann aus Austin, Texas spielt lädierten Folk-Blues mit gewinnender Melodik, und es ist diesen Stücken deutlich anzuhören, dass ihr Schöpfer schon ein ums andere Mal mit dem Schicksal Traktor fahren durfte. Ich empfehle den rührenden Auftaktsong von GARAGE SALE, der im Grunde alles sagt: „I pulled the thorn / From the paw of the lion / I snatched the fang / From the jaw of the snake / I stole the coins / From the eyes of my enemy / And now I / I am unafraid”.
Hinter dem Namen BIG HARP verbirgt sich das Ehepaar Chris Senseney (Gitarre, Gesang) und Stefanie Drootin-Senseney (Bass, backing vocals). Nachdem die beiden Musiker bereits längere Zeit in der Omaha-Szene aktiv waren, haben sie nun mit WHITE HAT ihr Debütalbum veröffentlicht. Countryfizierter Rock’n’Roll, Folk-Rock und Artverwandtes werden geboten, aber mit einem absolut eigenen Gestus: Chris Senseney scheint seine müden Vocals überwiegend im Sitzen aufgenommen zu haben, während der Bass seiner Gattin aus dem Tänzeln und Federn gar nicht mehr rauskommt. Ganz tolle Platte, die Band ist im September live auf Deutschlandtour zu bewundern.
Erinnern Sie sich noch an die britischen Psych-Popper The Electric Soft Parade? Deren Sänger THOMAS WHITE hat nun sein drittes Solo-Werk titels YALLA! veröffentlicht. Waren die bisherigen Alben mehr oder minder rauschige Veranstaltungen, die der Künstler auf 4-Spur-Geräten produziert hatte, tönt das neue Werk, nun ja: minimal besser budgetiert. YALLA! hört sich über weite Strecken an wie eine verschollene britische Folk-Platte, die irgendein Schlabberhosenträger 1973 im indischen Exil aufgenommen hat, also ganz wunderbar! Wer den spleenigeren Donovan oder Nick Drake schätzt (und welcher empfindsame Mensch täte dies nicht?!) wird diese eigensinnigen Lieder lieben. Hippie-Folk ohne Duftkerze.
Wir schreiben das Jahr 1979. In Fruitland, Washington setzt Donald Emerson Sr. seinen musikversessenen Söhnen Donnie und Joe ein Aufnahmestudio in den heimischen Keller. Die beiden Teenager haben fortan nichts Besseres zu tun, als hier jeden Abend Musik aufzunehmen. Musik, die ganz großer Rock sein will, der es aber, um, sagen wir: Cheap Trick zu sein, an der nötigen Professionalität gebricht. Zum Glück! Bald haben die beiden Jungs so viele Songs aufgenommen, dass der Vater eine private Pressung anfertigen lässt. Jahrelang verschollen, sind diese Aufnahmen nun wiederveröffentlicht worden. Auf DREAMING WILD präsentieren DONNIE & JOE EMERSON eine großäugige Variante von Power-Pop, rauem Stadion-Rock, selbstgebasteltem Funk und Pop, die auch ohne Kuriositätsbonus berührt.
Im Rahmen seiner „Rockpalast Collection” bringt das Label Mig-Music dieser Tage zwei Schätze heraus. Die Spätsiebziger-Rockpalast-Shows von Mitch Ryder und Graham Parker & The Rumour gehören zum Besten, was im Rahmen der verdienstvollen TV-Sendung zu bewundern war. Als Ryder in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober 1979 in der Essener Grugahalle auftrat, war der Mann aus Detroit zugeklatscht wie nichts Gutes. Als Bonus ist das legendäre Backstage-Interview zu sehen, bei dem der gute Alan Bangs (dem noch seine Begegnung mit Patti Smith in den Knochen steckte) arg ins Rudern gerät: Ryder erscheint hier beinahe wie ein Bluesrock-Helmut-Berger, der unentwegt aus dem Bild rennt, den Moderator als „boring” bezeichnet, das TV-Publikum beleidigt und ausgiebig mit umherstehenden Damen flirtet. Das Konzert aber zeigt einen Meister der Bühnen- und Materialbeherrschung. Ryder, immer mehr Interpret als klassischer Songwriter, singt Songs von Dylan, den Doors, Lou Reed (und natürlich von Mitch Ryder) – und zwar so, dass man anzunehmen geneigt ist, sie gehörten ihm. Das Schlagzeug wackelt bedenklich auf dem Podest, der Gitarrist hat einen Friseur mit seltsamem Humor, der Bildschirm knistert. Gibt’s als DVD und CD.
GRAHAM PARKER ist mit seiner Mischung aus funkensprühendem Rock’n’Roll, Soul und R’n’B schon seit Langem einer meiner Liebsten. Dass der Pubrock-Gott nie so erfolgreich wurde wie etwa Elvis Costello oder auch Nick Lowe lässt sich erklären, ist aber dadurch nicht weniger bedauerlich. Die hier vorliegenden Rockpalast-Auftritte von 1978 bzw. 1980 zeigen den seltsamen Vogel mit der großen Sonnenbrille auf seinem Zenit. Begleitet von u.a. Brinsley Schwarz, Martin Belmont und Nicky Hopkins (!) spielt Parker große Schweißtreiber wie „Heat Treatment” und „Howlin’ Wind”. Bald fiel seine großartige Begleitband The Rumour auseinander. Infektiöse Melodien und mitreißendes Spiel galore! Ein weiterer Act an jenem Abend im Herbst 1980 war übrigens eine Band namens The Police.

* * *

Was beim Betrachten alter Rockpalast-Aufnahmen amüsiert, ist der Umstand, dass zu jener Zeit viele Besucher überdimensionale Stofftransparente mit sich führten. Darauf standen meist Sachen wie „Die Tischtennisfreunde Hammelröde grüßen Graham Parker and The Rumour” o.ä. Mit diesen Transparenten verharrte man jedoch keinesfalls in sicherem Bühnenabstand auf den Rängen oder im hinteren Hallenbereich. Nein, es wurde fröhlich vorne vor der Bühne herumgestanden, Selbstgedrehtes geraucht, herumgetanzt („legging it around”, wie Parker es formuliert) und dabei fröhlich über mehrere Stunden das Transparent geschwenkt. Man war früher eben noch nicht so zimperlich.
Wenn ich heute ein Transparent mit mir führte, wäre darauf wohl Folgendes zu lesen: „Wissen Sie, was? Es kommt der Tag, da muss man sich entscheiden, was man sein will: Anwohner, BILD-Leser oder Straßenmusikant!”

PLAYLIST
Tom Liwa – Goldrausch (Die beste Platte, die je mit einer Ukulele aufgenommen wurde. Sorry, Dent May! Es gibt nur wenige Texter, die so berühren können wie der Duisburger).
Big Harp – White Hat (s.o.)
Dexys – One Day I’m Going To Soar (Spät, doch nur zu gerne reihe ich mich ein ins Heer der Applaudeure. Sehr ergreifende Lieder, tolle Darbietungen. Zudem begeistert der unerwartete Live-im-Proberaum-Sound)
Graham Parker and The Rumour – Live At The Rockpalast (s.o.)
Mitch Ryder – Live At The Rockpalast (s.o.)
The Rolling Stones – Beggars Banquet (Eine Platte, für die es immer mal wieder Zeit wird)
Ariel Pink’s Haunted Graffiti – Mature Themes (Die Nervensäge mit einer weiteren Wundertüte voll Psych-Prog-Disco-Pop)
Thomas White – Yalla! (s.o.)
J.J. Cale – Okie (Audie Ashfords Produktion und das Schlagzeugspiel von Kenny Malone sind unfassbar!)
John Dee Graham – Garage Sale (s.o.)
Nite Jewel – One Second Of Love (Mein Lieblingsstück vom neuen Album der Synthie-Königin. Tausendmal besser als die anderen Achtziger-Mädchen. Wo ist eigentlich La Roux?)
Various Artists – Italian Folk Songs And Dances (Sehr gute Compilation mit traditioneller italienischer Volksmusik. Enthält u.a. das unverzichtbare „Ninna Nanna”, das man von den „Sopranos” kennen könnte …)

 

 
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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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