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Yoga und Pop oder Orgelspielen unter der Dusche

14.09.2012, 13:23 Uhr  ·  Die Themen: Die Rock-Welt im Yoga-Sitz. Singen unter der Dusche. Bob Dylan, The Flaming Lips und aufregende Abende im Youtube-Land.

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Aufgrund eines entsetzlichen Missverständnisses empfiehlt mir ein großes Internetkaufhaus heute morgen alle Ursula-Karven-Yoga-CDs. Abgesehen davon, dass – wie ich zu betonen nicht müde werde – ein entsetzliches Missverständnis vorliegt: Muss man gleich alle besitzen? Ist es bei den Karven-Werken gar wie bei Neil-Young-Alben, die verschiedene Phasen des Künstlers dokumentieren, welche allesamt beleuchtet werden wollen? Auf jeden Fall kann es die Karven auf einen einigermaßen beträchtlichen Katalog bringen: „Power Yoga”, „Yoga Everyday”, „Yoga Del Mar” usw. usf.  Ist womöglich „Yoga Del Mar” ihr „On The Beach”? Vermutlich eher ihr „Harvest”. Oder gibt es – analog zu doofen Indie-Bands – so etwas wie „die schwierige dritte Yoga-DVD”, auf der es auf den ersten beiden DVDs Versprochenes zu halten, gleichzeitig aber auch tollkühn neues Terrain zu begehen gilt?
Yoga-DVDs scheinen mir im Übrigen noch lukrativer zu sein, als zotige Selbstentblößungs-Romane: Nahezu jede Frau, über deren Karriereverlauf zuletzt Ratlosigkeit herrschte, hat eine Yoga-DVD herausgebracht. Neben der Karven, sind auch Susanne Fröhlich („Yoga macht Fröhlich”), Barbara Becker („Pilates und Yoga”) und Ralf Bauer („Yoga mit Ralf Bauer”) aktiv. Auch im Musikgeschäft wird viel yogaisiert: Wayne Coyne etwa, der Vorsitzende der Power-Psychedeliker The Flaming Lips, betreibt laut eigenem Bekunden Yoga. Madonna soll ja gar Yoga-Parties veranstalten. Ich möchte da bitte ganz ausdrücklich gerne nicht eingeladen werden. Ich bin erst dabei, wenn Neil Young seine Pilates-DVD auf den Markt bringt: „Crazy-Horse-Pilates mit Master Neil” oder so. Auch könnte die Ankündigung der DVD „Nordic Walking mit Lemmy Kilmister” bei mir für Aufmerksamkeit sorgen.

***

Erstaunlich, dass das Thema „Singen unter der Dusche” filmisch erst von Woody Allen in seinem neuen Film „To Rome With Love” (sein bester seit „Matchpoint”) so konsequent thematisiert wurde.
Die prächtige Musikzeitschrift Mojo befragt schon seit vielen Jahren in jeder Ausgabe drei Prominente hinsichtlich ihrer Hörgewohnheiten: Was man Sonntagmorgens bevorzuge, was des Samstags kurz vorm Ausgehen usw. Auch nach dem Singverhalten der Prominenten unter der Dusche wird sich dort allmonatlich erkundigt. Auf die Frage „What do you sing in the shower?” gab es also schon allerhand erhellende Antworten. Hier eine kleine Auswahl:
Die Sängerin Martha Wainwright etwa informierte, dass sie bevorzugt „Don’t Get Me Wrong” von den Pretenders singe, „because it has a lot of movement. I sing in the shower because it’s quite a good time to see how good a singer you are because you have all the good acoustics and no instrumentation”.
Florence Welch von Florence & The Machine wiederum verkündete, gerne Eurythmics- und Annie-Lennox-Stücke zu schmettern, während der Schauspieler Mark Ruffalo im eingeseiften Zustand am liebsten Elliott-Smith-Lieder säuselt.
Tracey Thorn (Everything But The Girl) singt laut eigenem Bekunden Rufus-Wainright-Songs, Mary J. Blige wiederum Gospel-Material von Karen Clark-Sheard oder Kim Burrell und der Worldmusic-Sänger Khaled gibt gar an, in der Dusche zu komponieren (sofern nicht gerade ein Haman in Reichweite sei).
Überhaupt ist aus der Kolumne Aufschlussreiches über das Duschverhalten von Musikern zu erfahren: James Blunt hat es angeblich immer so eilig, dass er gar nicht zum Singen komme. Wäre er doch auch sonst öfter in Eile! Ganz anders dagegen Emir Kusturica: Dieser zieht, wie er der MOJO mitteilt, dem Singen das Pfeifen vor. Der Sänger von Killing Joke wiederum behauptet, daheim nur kaltes Wasser zu haben (was dazu führe, dass er unter der Dusche nicht singe, sondern schreie), und Can-Keyboarder Irmin Schmidt gibt zu bedenken, dass er nun mal Keyboarder und kein Sänger sei, und Keyboards unter der Dusche …
Ich singe im Übrigen auch nicht unter der Dusche. Ich singe beim Autofahren oder beim Kochen. Keinesfalls jedoch beim Essen oder beim Yoga. Doch das ist wieder eine andere Geschichte …

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Nicht, dass Sie danach gefragt hätten, aber: Meine Harry-Potter-Lieblingsszene ist jene, in der Harry, Hermione (so heißt Hermine im Original) und Ron sich durch irgendeinen Zaubertrick in die Lage bringen, ihr eigenes Treiben von vor einer Stunde beobachten zu können (Wenn ich mich recht entsinne, kommt die Szene in Teil 3). Hermione sagt hier den schönen Satz: „Is that really what my hair looks like from the back?”. Ich hatte neulich auch so einen Is-that-really-what-my-hair-looks-like-from-the-back-Moment. Ich muss ein wenig ausholen …
Es gibt in meinem Leben etwa zehn Konzerte, die ich niemals vergessen werde. Dazu gehört sicher der Auftritt der Band The La’s, die sich an jenem Abend praktisch auf offener Bühne auflöste. Oder die Prince-Show in der Köln-Arena, die der ob des Hallensounds erzürnte Künstler nach nur einem Song zunächst abbrach, um etwa fünfundvierzig Minuten später zurückzukommen und zu einem funkigen Gejamme unentwegt „Soundcheck, Soundcheck” zu krächzen. Später hetzte er noch das Publikum gegen seinen Mischer auf, es war herrlich. Auch Auftritte von Pavement, Guided By Voices und natürlich die ein oder andere Dylan-Show haben sich mir unauslöschlich eingebrannt. Das Konzert meines Lebens aber war der Auftritt meiner Lieblingsband The Flaming Lips im Luxor zu Köln. Es war im Jahr 1996, die Band hatte eben ihr Wunderalbum „Clouds Taste Metallic” veröffentlicht, das sich anhört, als spielten Sonic Youth und My Bloody Valentine auf schlimmen Drogen die schönsten unveröffentlichten Beach-Boys-Songs nach.
Ewig in die Erinnerung gestempelt ist mir vor allem der damalige Schlagzeuger (und heutige Allesspieler) Steven Drozd. Die Band hatte sein Schlagzeug vorne an den Bühnenrand gestellt. Warum – das stellte sich heraus, nachdem der Musiker seinen ersten Drum-Break gespielt hatte: Drozd, damals ein harter Junkie, war, obwohl ans Schlagzeug gebunden, für die Bühnenshow zuständig. Der Mann spielte nicht nur auf eine Weise, die John Bonham wie einen Dixielandtrommler wirken ließ, er sah auch noch so aus. Nie wieder habe ich einen solchen Zustand der Entfesselung beobachten dürfen.
Und nun kommt’s. Vor einigen Wochen stellte ich fest, dass die gesamte Köln-Show von 1996 auf Youtube zu finden ist. Die Mischpult-Perspektive, sowie der Name des Einstellers lassen vermuten, dass der Mitschnitt auf ausdrücklichen Wunsch der Band seinen Weg ins Netz fand. Weiteres Indiz: Neben dem Köln-Konzert sind zahlreiche weitere Komplett-Auftritte der Band zu finden. Man scheint hier ein umfangreiches Archiv geplündert zu haben.
Nach anfänglicher Sorge, die Betrachtung des Konzerts mit 16 Jahren Abstand könnte demystifizierend wirken, war ich bald beruhigt, ja, geradezu euphorisiert: Der Auftritt wirkt auch heute noch phantastisch, die Band dröhnt schöner als eine ganze Armee an eine Lautsprecheranlage angeschlossener Delfine, und Steven Drozd spielt genau so irre, wie ich es an vielen Lagerfeuern breitgetreten habe. Nur eins irritiert mich: Ich sehe die ganze Zeit mein 1996er-Selbst unverkennbar vor der Bühne stehen. In der zweiten oder dritten Reihe. Mit enorm groß aussehenden Ohren!! Und so kam es, dass mein treuer alter Butler Paddington beim Reinigen des güldenen Treppengeländerknaufs in der Eingangshalle besorgt den folgenden hysterischen Ausruf aus meinem Arbeitszimmer vernehmen musste: „WAAAAS!?? SO SEHEN MEINE OHREN VON HINTEN AUS????!!!”.

***

Dialog auf meiner Terrasse:
„Hm. Ich geh mal gucken, ich glaub, die CD ist kaputt, das klingt so komisch.”
„Nee, das ist Bob Dylan, das soll so sein.”

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PLAYLIST

Bob Dylan – „Tempest”

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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