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Das Pop-Tagebuch

Das Pop-Tagebuch

Popmusik, so ist verstärkt zu hören, ist ein von der totalen Entwertung bedrohtes Kulturgut. Und wie fast alles, was keinen Wert mehr hat, ist auch

Feels like 1987 oder Blixa-Bargeld-Ehrerbietungshaare unter dem Mofahelm

| 26 Lesermeinungen

Thema diesmal: In seinem vorletzten Blogeintrag widmet sich der Autor einem Krisenjahr der Popmusik. Außerdem: Dr. Dieter Dehm, BuViSoCo und noch ein paar Worte zu "Tempest".

„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!”, ließ sich vor kurzem ein Freund vernehmen. „Gibt es denn nicht eine einzige gute Platte von 1987?!”.
Folgendes war geschehen: Der unglückliche Mensch hatte in der Grabbelkiste unseres angestammten Plattenhändlers eine Triffids-Platte gefunden. „The Triffids – die waren doch nicht verkehrt”, hatte er sich wohl gedacht und die Platte mit nach Hause genommen. Dort aber entpuppte sich das Werk als verhallter, synthetisierter Spät-Achtziger-Pomp und zog bei unserer nächsten Wiederbegegnung obigen Ausruf nach sich.
Ich will die möglicherweise nicht ganz unpolemische (aber auch nicht ganz unberechtigte) Frage des Freundes zum Anlass nehmen, das Jahr 1987 hier kurz zu verteidigen. Es erschienen nämlich sehr wohl gute Platten: „Strangeways Here We Come”, das letzte Werk von The Smiths etwa. Oder „Steve McQueen”, die schönste Platte von Prefab Sprout. Allerdings gerät man doch ins Grübeln, was aus diesen Platten hätte werden können, wenn sie zu einem anderen Zeitpunkt aufgenommen worden wären, als noch nicht (bzw. nicht mehr) verhallte Matschschlagzeuge, klebrige Synthie-Teppiche und Turbodigitalität die Musikproduktion dominierten. „So ein Blödsinn!”, mag nun manch kluger Leser einwenden, „besagte Platten wären zu gar keinem anderen Zeitpunkt möglich gewesen, außerdem liegt gerade in ihrer aus einem Achtziger-Perfektionsdrang resultierenden Unperfektheit ein Teil ihres Charmes begründet.”
Ja ja, kluges Leserlein, hast ja Recht. Und trotzdem: Ich würde mir gerne manch ein 1987 produziertes Lieblingsalbum – als weiteres Beispiel sei John Hiatts „Bring The Family” genannt – in einer 2009er- oder 1972er-Fassung anhören.
1987 war aber tatsächlich alles mehr als schwierig im Pop. Selten sahen die Menschen komischer aus. Das gilt auch für mich selbst. Wenn ich manchmal versonnen Fotos betrachte, auf denen mein 1987er Selbst abgebildet ist, stelle ich fest, dass ich ausschaue wie ein eklektizistischer Unfall. So kombinierte ich damals etwa Paisley-Hemden und tüchtig durchschlunzte Hosen mit einer Haartracht, die an den jungen Blixa Bargeld nach einem Treppensturz denken ließen. Ach, süße Jugend.

* * *

Vorschlag: Man sollte keine Texte mehr über Veranstaltungen wie den sogenannten Bundesvision Song Contest schreiben. Man sollte es einfach geschehen lassen. Die häufig geäußerte Meinung, der zufolge die Veranstaltung, etwas über den „Zustand der Nation” oder sonst irgendetwas aussage und von daher Relevanz besitze, kann man ebenfalls getrost ignorieren. Wer etwas über den „Zustand der Nation” erfahren will, der möge einfach mal die Straße auf- und abgehen.
Eins nur: Beim Betrachten des alles in seine bescheidene Welt einebnenden Stefan Raab fällt mir ein, dass ein guter Freund mal im besoffenen Kopf ein altes Stück Käse bei Ebay eingestellt hat. Die Beschreibung lautete: „Käse mit dem Antlitz von Stefan Raab. Sofortkauf: 100 Euro”.
Als der Freund nach dieser nächtens durchgeführten Aktion tags drauf erwachte, überkam ihn kurz Panik, fürchtete er doch der Moderator könnte ihm seine gefürchteten Medienanwälte auf den Hals hetzen. Dann beruhigte er sich aber bald wieder. Erstens war’s ja Kunst und zweitens war auf dem Käse ja tatsächlich das Antlitz des Moderators zu sehen. Es hat übrigens niemand versucht, den Käse zu erwerben. Allerdings wurde die Auktion von zahlreichen Interessierten beobachtet.

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Was ich oben über das Jahr 1987 geschrieben habe, gilt übrigens fast genauso für das Jahr 1986. Fast.

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Doch noch etwas zum BuViSoCo.
Dinge, die ohnehin schon doof heißen, werden abgekürzt noch blöder. Vgl. auch: NKOTB oder TAFKAP.

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Ich interviewe in Berlin den streitbaren Musiker, Produzent, Verleger, Strippenzieher und PDS-Politiker Dr. Dieter Dehm. Abends fällt mir zufällig in einer Spelunke ein Magazin in die Hände, in dem die CD von Dehms lustig betiteltem neuen Projekt Diadem (so klingt es wohl, wenn man den Namen Dieter Dehm in trunkenem Zustand ausspricht) rezensiert wird. Die Coverversionen diverser Beatles-Songs auf dem Album werden vom Autor als „innovativer Kniefall vor den Beatles” bezeichnet. Den Rest des Abends verbringe ich damit, mir vorzustellen, wie wohl ein „innovativer Kniefall” aussieht. Das macht Spaß und mag als neuerlicher Beweis der These gelten, dass die wirklich schönen Dinge im Leben nicht mit Geld zu bezahlen sind.

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Weitere gute Platten von 1987:
Hüsker Dü – „Warehouse Songs & Stories”
Bevis Frond – „Inner Marshland” (die klingt nun wirklich nicht nach 1987, eher nach, äh, 1967)
Dinosaur Jr. – „You’re Living All Over Me”

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Mein Lieblingssong auf Dylans sehr vergnüglichem Album „Tempest” ist „Long And Wasted Years”. Dylan, der im sehr lustigen Rolling-Stone-Interview von seiner „Transfiguration” berichtet (und dabei eine Skimütze und eine rotblonde Perücke trägt!), erzählt hier aufs Schönste von zwischenmenschlicher Zerrüttung: „Last night I heard you talking in your sleep / saying things you shouldn’t say / Oh baby, you just might have to go to jail someday”. Das Genie liegt freilich im Vortrag dieser Zeilen. Meine liebste Stelle aber kommt einige Strophen später: „If I ever hurt your feelings – I apologize”. Alleine dafür, zu hören, wie Dylan dieses „I apologize” säuselt, lohnt sich der Kauf dieser Platte. Da ist selbst das „Antlitz Stefan Raabs” nichts gegen.

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Vision:
Ich werde einen DJ-Abend veranstalten, bei dem ich ausschließlich misslungene Altstar-Platten des Jahres 1987 (Dylan, Lou Reed, Neil Young) spielen werde.

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Vision gescheitert.
Die wirklich schlimmen Achtziger-Platten von Dylan und Reed, den beiden Gentlemen, die wohl am eklatantesten darin gescheitert sind, Achtziger-Klänge in ihren stagnierenden Klangkosmos zu integrieren, haben ihre schlechtesten Platten in den Jahren davor und danach veröffentlicht. Neil Young hat 1987 immerhin die Platte „Life” herausgebracht.

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Ein schöner Satz:
Ein Freund legt das letzte, von uns beiden sehr geschätzte Ja, Panik-Album auf. Nach einigen Minuten ergriffenen Zuhörens spricht er die Worte: „Als wir so alt waren wie die, sind wir noch Mofa gefahren”. Der Satz gewinnt meines Erachtens noch dadurch an Schönheit, dass seine Aussage natürlich nicht stimmt.

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Noch ein schöner Satz, der noch des Augenblicks harrt, da er platziert werden könnte: „Da hört der Punk ja wohl auf!”.

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Bin ich im musikalischen Krisenjahr 1987 noch Mofa gefahren?
Man vergisst soviel.
Denkbar wäre es.
Es würde jedenfalls bedeuten, dass ich meine oben erwähnte Blixa-Bargeld-Ehrerbietungsfrisur unter einen Mofahelm zu zwängen hatte. Es ist doch manchmal eine Gnade, nicht mehr jung zu sein.

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Vielleicht war meine Frisur ja ein „innovativer Kniefall” vor Blixa Bargeld? Empörter Einwurf eines Frisörs: „Eine Frisur darf nie ein Kniefall sein, da hört der Punk ja wohl auf!”.

PLAYLIST
Bob Dylan –  „Tempest” (s.o.)
Lucio Battisti – „Il Mio Canto Libero” und „Il Nostro Caro Angelo” (Kaufen, hören, ein glücklicherer Mensch werden.)
The Faces – Ooh La La (Wie sagte es Ekimas kürzlich? The Faces sind der Höhepunkt der Rockmusik. Stimmt vermutlich.)
Jason Collett – „Reckon” (Noch nicht veröffentlicht. Neues Album des Liedermacher-Dandys. Wieder von erlesener Unangestrengtheit.)
Dead Fingers – „Dead Fingers” (Boy/Girl-Duo aus dem Conor-Oberst-Umfeld. Gute Songs, schön gesungen.)
Ton, Steine Scherben – IV („Die Schwarze”, wie der Fan die Platte zu nennen pflegt. Genialischer Hippie-Wave, Tarot-Geschwurbel und Stones-Rotzigkeit. Die bizarrste Deutschrock-Platte aller Zeiten.)

 

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26 Lesermeinungen

  1. Meine Platte des Jahres 1987...
    Meine Platte des Jahres 1987 war der Psonic Psunspot von den Dukes of Stratosphear (d.h. eigentlich beide Alben dieser XTC-Maske – also die “Chips From The Chocolate Fireball”). Ich gebe aber sofort zu, dass diese Platte viel mehr 1967 zu tun hat als mit 1987.
    Ansonsten datieren in meiner eigenen Musikdatenbank nur 20 von ca. 2300 aus dem Jahr 1987. War also kein wirklich guter Jahrgang.

  2. Wie fuerchterlich!

    Tutu?...
    Wie fuerchterlich!
    Tutu?

  3. Freunde von mir würden jetzt...
    Freunde von mir würden jetzt darauf bestehen, dringend noch “Floodland” von den Sisters Of Mercy in die Liste der missratenen Alben von 1987 aufzunehmen (Jim Steinman !). Aber ich mag die ja…

  4. GREEN ON RED "The Killer...
    GREEN ON RED “The Killer Inside Me” (1987)

  5. Franks Wild Years - Tom...
    Franks Wild Years – Tom Waits
    Sister – Sonic Youth

  6. @Mad Hatter:

    Ich kann mit dem...
    @Mad Hatter:
    Ich kann mit dem Album auch einigermaßen gut leben, obwohl der Steinman-Bombast nervt und die Produktion auch für damalige Verhältnisse arg matschig ausgefallen ist. Ich weigere mich aber, das Album und auch das danach, als The Sisters Of Mercy Alben zu bezeichnen – auch wenn es draufsteht.
    Ende der 80er Jahre sind genügend gute Platten herausgekommen. Der damalige Sound ist eben ein Abbild der Zeit. Man sollte allerdings nicht nur immer bei Pop und Rock suchen, sondern mal in die Ecken gucken.
    Dass kein Musikartikel in größeren Mainstream-Publikationen ohne Dylan, Young, Beatles und ähnlichem Kram auszukommen scheint, nährt bei mir allerdings ohnehin den Verdacht, dass man sich mit Musik nicht wirklich beschäftigen will. Gibt es da so eine Art Erwähnungsprämie?

  7. 1987: Wedding Present - George...
    1987: Wedding Present – George Best

  8. Replacements - Pleased To Meet...
    Replacements – Pleased To Meet Me
    Prince – Sign ‘O’ The Times
    Opal – Happy Nightmare Baby
    Spacemen 3 – The Perfect Prescription
    Tav Falco’s panther Burns – The World We Knew

  9. Tja, wenn man HipHop...
    Tja, wenn man HipHop ignoriert, kann einem 1987 schon trist vorkommen. Aber die erste Public Enemy, Boogie Down, Eric B & Rakim, dazu “Sign o the times” von Prince hört man die schlimme Midi-Scheisse nicht an.

  10. °Ja, Herr Fleck sucht das...
    °Ja, Herr Fleck sucht das Glück°
    Mein lieber maestro di musica Pfeil,
    vergangenen Sommer fragte ich einen Freund aus Köln, welche Musik er derzeit höre. Er antwortete begeistert: „Ich höre eigentlich den ganzen Tag nur noch Lucio Battisti “.
    “Pofferbacco„ entgegnete ich überrascht und bekam wohl auch deshalb zum besseren Verständnis eine Best-of CD „Ancora tu“ zugesteckt, die mir wirklich gut gefiel. Das hatte ich nach all meine Vorurteilen bez. italienischer Musik wirklich nicht erwartet.
    Den Sommer verbrachte ich trotzdem mit Edward Sharpe & The Magnetic Zeros.
    Nachdem Sie nun zum zweiten Male die Alben von Lucio Battisti in Ihrer Playlist lobend erwähnt haben, legte ich eben in der Mittagspause noch einmal das Best-Of-Album auf und stellte fest. daß sie zu dreiviertel mit Titeln der beiden Alben besteht. „pofferbacco, das ist wirklich toll“ sagte ich zu mir und so schließt sich nun der Kreis mit einem Versprechen an Sie:
    Ich werde kaufen, ich werde hören, ich werde ein glücklicher Mensch!
    Grazie für Ihre Playlist. Immer wieder wichtig!
    P.S. Ich finde das Cover von “Il Nostro Caro Angelo” könnte auch ein Edward Sharpe Cover sein.

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