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Feels like 1987 oder Blixa-Bargeld-Ehrerbietungshaare unter dem Mofahelm

07.10.2012, 20:34 Uhr  ·  Thema diesmal: In seinem vorletzten Blogeintrag widmet sich der Autor einem Krisenjahr der Popmusik. Außerdem: Dr. Dieter Dehm, BuViSoCo und noch ein paar Worte zu "Tempest".

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„AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAH!”, ließ sich vor kurzem ein Freund vernehmen. „Gibt es denn nicht eine einzige gute Platte von 1987?!”.
Folgendes war geschehen: Der unglückliche Mensch hatte in der Grabbelkiste unseres angestammten Plattenhändlers eine Triffids-Platte gefunden. „The Triffids – die waren doch nicht verkehrt”, hatte er sich wohl gedacht und die Platte mit nach Hause genommen. Dort aber entpuppte sich das Werk als verhallter, synthetisierter Spät-Achtziger-Pomp und zog bei unserer nächsten Wiederbegegnung obigen Ausruf nach sich.
Ich will die möglicherweise nicht ganz unpolemische (aber auch nicht ganz unberechtigte) Frage des Freundes zum Anlass nehmen, das Jahr 1987 hier kurz zu verteidigen. Es erschienen nämlich sehr wohl gute Platten: „Strangeways Here We Come”, das letzte Werk von The Smiths etwa. Oder „Steve McQueen”, die schönste Platte von Prefab Sprout. Allerdings gerät man doch ins Grübeln, was aus diesen Platten hätte werden können, wenn sie zu einem anderen Zeitpunkt aufgenommen worden wären, als noch nicht (bzw. nicht mehr) verhallte Matschschlagzeuge, klebrige Synthie-Teppiche und Turbodigitalität die Musikproduktion dominierten. „So ein Blödsinn!”, mag nun manch kluger Leser einwenden, „besagte Platten wären zu gar keinem anderen Zeitpunkt möglich gewesen, außerdem liegt gerade in ihrer aus einem Achtziger-Perfektionsdrang resultierenden Unperfektheit ein Teil ihres Charmes begründet.”
Ja ja, kluges Leserlein, hast ja Recht. Und trotzdem: Ich würde mir gerne manch ein 1987 produziertes Lieblingsalbum – als weiteres Beispiel sei John Hiatts „Bring The Family” genannt – in einer 2009er- oder 1972er-Fassung anhören.
1987 war aber tatsächlich alles mehr als schwierig im Pop. Selten sahen die Menschen komischer aus. Das gilt auch für mich selbst. Wenn ich manchmal versonnen Fotos betrachte, auf denen mein 1987er Selbst abgebildet ist, stelle ich fest, dass ich ausschaue wie ein eklektizistischer Unfall. So kombinierte ich damals etwa Paisley-Hemden und tüchtig durchschlunzte Hosen mit einer Haartracht, die an den jungen Blixa Bargeld nach einem Treppensturz denken ließen. Ach, süße Jugend.

* * *

Vorschlag: Man sollte keine Texte mehr über Veranstaltungen wie den sogenannten Bundesvision Song Contest schreiben. Man sollte es einfach geschehen lassen. Die häufig geäußerte Meinung, der zufolge die Veranstaltung, etwas über den „Zustand der Nation” oder sonst irgendetwas aussage und von daher Relevanz besitze, kann man ebenfalls getrost ignorieren. Wer etwas über den „Zustand der Nation” erfahren will, der möge einfach mal die Straße auf- und abgehen.
Eins nur: Beim Betrachten des alles in seine bescheidene Welt einebnenden Stefan Raab fällt mir ein, dass ein guter Freund mal im besoffenen Kopf ein altes Stück Käse bei Ebay eingestellt hat. Die Beschreibung lautete: „Käse mit dem Antlitz von Stefan Raab. Sofortkauf: 100 Euro”.
Als der Freund nach dieser nächtens durchgeführten Aktion tags drauf erwachte, überkam ihn kurz Panik, fürchtete er doch der Moderator könnte ihm seine gefürchteten Medienanwälte auf den Hals hetzen. Dann beruhigte er sich aber bald wieder. Erstens war’s ja Kunst und zweitens war auf dem Käse ja tatsächlich das Antlitz des Moderators zu sehen. Es hat übrigens niemand versucht, den Käse zu erwerben. Allerdings wurde die Auktion von zahlreichen Interessierten beobachtet.

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Was ich oben über das Jahr 1987 geschrieben habe, gilt übrigens fast genauso für das Jahr 1986. Fast.

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Doch noch etwas zum BuViSoCo.
Dinge, die ohnehin schon doof heißen, werden abgekürzt noch blöder. Vgl. auch: NKOTB oder TAFKAP.

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Ich interviewe in Berlin den streitbaren Musiker, Produzent, Verleger, Strippenzieher und PDS-Politiker Dr. Dieter Dehm. Abends fällt mir zufällig in einer Spelunke ein Magazin in die Hände, in dem die CD von Dehms lustig betiteltem neuen Projekt Diadem (so klingt es wohl, wenn man den Namen Dieter Dehm in trunkenem Zustand ausspricht) rezensiert wird. Die Coverversionen diverser Beatles-Songs auf dem Album werden vom Autor als „innovativer Kniefall vor den Beatles” bezeichnet. Den Rest des Abends verbringe ich damit, mir vorzustellen, wie wohl ein „innovativer Kniefall” aussieht. Das macht Spaß und mag als neuerlicher Beweis der These gelten, dass die wirklich schönen Dinge im Leben nicht mit Geld zu bezahlen sind.

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Weitere gute Platten von 1987:
Hüsker Dü – „Warehouse Songs & Stories”
Bevis Frond – „Inner Marshland” (die klingt nun wirklich nicht nach 1987, eher nach, äh, 1967)
Dinosaur Jr. – „You’re Living All Over Me”

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Mein Lieblingssong auf Dylans sehr vergnüglichem Album „Tempest” ist „Long And Wasted Years”. Dylan, der im sehr lustigen Rolling-Stone-Interview von seiner „Transfiguration” berichtet (und dabei eine Skimütze und eine rotblonde Perücke trägt!), erzählt hier aufs Schönste von zwischenmenschlicher Zerrüttung: „Last night I heard you talking in your sleep / saying things you shouldn’t say / Oh baby, you just might have to go to jail someday”. Das Genie liegt freilich im Vortrag dieser Zeilen. Meine liebste Stelle aber kommt einige Strophen später: „If I ever hurt your feelings – I apologize”. Alleine dafür, zu hören, wie Dylan dieses „I apologize” säuselt, lohnt sich der Kauf dieser Platte. Da ist selbst das „Antlitz Stefan Raabs” nichts gegen.

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Vision:
Ich werde einen DJ-Abend veranstalten, bei dem ich ausschließlich misslungene Altstar-Platten des Jahres 1987 (Dylan, Lou Reed, Neil Young) spielen werde.

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Vision gescheitert.
Die wirklich schlimmen Achtziger-Platten von Dylan und Reed, den beiden Gentlemen, die wohl am eklatantesten darin gescheitert sind, Achtziger-Klänge in ihren stagnierenden Klangkosmos zu integrieren, haben ihre schlechtesten Platten in den Jahren davor und danach veröffentlicht. Neil Young hat 1987 immerhin die Platte „Life” herausgebracht.

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Ein schöner Satz:
Ein Freund legt das letzte, von uns beiden sehr geschätzte Ja, Panik-Album auf. Nach einigen Minuten ergriffenen Zuhörens spricht er die Worte: „Als wir so alt waren wie die, sind wir noch Mofa gefahren”. Der Satz gewinnt meines Erachtens noch dadurch an Schönheit, dass seine Aussage natürlich nicht stimmt.

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Noch ein schöner Satz, der noch des Augenblicks harrt, da er platziert werden könnte: „Da hört der Punk ja wohl auf!”.

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Bin ich im musikalischen Krisenjahr 1987 noch Mofa gefahren?
Man vergisst soviel.
Denkbar wäre es.
Es würde jedenfalls bedeuten, dass ich meine oben erwähnte Blixa-Bargeld-Ehrerbietungsfrisur unter einen Mofahelm zu zwängen hatte. Es ist doch manchmal eine Gnade, nicht mehr jung zu sein.

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Vielleicht war meine Frisur ja ein „innovativer Kniefall” vor Blixa Bargeld? Empörter Einwurf eines Frisörs: „Eine Frisur darf nie ein Kniefall sein, da hört der Punk ja wohl auf!”.

PLAYLIST
Bob Dylan –  „Tempest” (s.o.)
Lucio Battisti – „Il Mio Canto Libero” und „Il Nostro Caro Angelo” (Kaufen, hören, ein glücklicherer Mensch werden.)
The Faces – Ooh La La (Wie sagte es Ekimas kürzlich? The Faces sind der Höhepunkt der Rockmusik. Stimmt vermutlich.)
Jason Collett – „Reckon” (Noch nicht veröffentlicht. Neues Album des Liedermacher-Dandys. Wieder von erlesener Unangestrengtheit.)
Dead Fingers – „Dead Fingers” (Boy/Girl-Duo aus dem Conor-Oberst-Umfeld. Gute Songs, schön gesungen.)
Ton, Steine Scherben – IV („Die Schwarze”, wie der Fan die Platte zu nennen pflegt. Genialischer Hippie-Wave, Tarot-Geschwurbel und Stones-Rotzigkeit. Die bizarrste Deutschrock-Platte aller Zeiten.)

 

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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