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The Last Waltz

15.10.2012, 14:36 Uhr  ·  Im letzten Eintrag macht der Autor eine Entdeckung, nach der die Geschichte des deutschen Benefiz-Wesens umgeschrieben werden muss.

Von

Bemerkenswert:
Eben habe ich die am Sonntag auf dem Flohmarkt erstandene Single „Grüne Mauer” aufgelegt, eine typische Achtziger-Benefiz-Platte, für die sich im Jahr 1985 Hans Hartz, Heinz-Rudolf Kunze, Udo Lindenberg und Rolf Zuckowski zusammentaten, um Geld für die „Gemeinschaftsaktion Afrika” zu sammeln. Auf der A-Seite befindet sich das Lied „Grüne Mauer” (Textprobe: „Wir bauen eine grüne Mauer / und die muß viel mehr sein / als nur ein Tropfen Wasser / auf den heißen Stein”). Während sich mancher noch fragen mag, ob eine Mauer, zumal eine grüne, ein Wassertropfen sein kann, sei gesagt, dass sich auf der B-Seite der Single ein Interview mit Willy Brandt (ausgewiesen als „Vorsitzender der Nord-Süd-Kommission”) befindet. Ich glaube, der Song ist nur in wenigen Diskotheken zum Einsatz gekommen, wer aber schon immer mal sehen wollte, wie es aussieht, wenn sich Rolf Zuckowski die Hose in die Stiefel steckt, dem sei zumindest das mußevolle Betrachten des Covers ans Herz gelegt.

Doch wie billig ist es, über ästhetische Entgleisungen vergangener Dekaden zu lachen: Ich bin mir sicher, dass die an der Single beteiligten Musiker nur das Beste im Sinn hatten. Eben nun wollte ich mich also an der A-Seite der Platte laben und legte diese auf den Plattenteller. Allerdings stellte ich die falsche Geschwindigkeit ein. Und was fand ich dabei heraus? Hört man sich Heinz-Rudolf Kunze, der das Lied eröffnet, in falscher Geschwindigkeit (also statt auf 45 auf 33) an, klingt er exakt wie Udo Lindenberg in richtiger Geschwindigkeit!!! Und da behaupte noch einer, Vinyl habe gegenüber anderen Formaten keinen Vorteil.

Womöglich hätte man aus dem Umstand, dass Kunze verlangsamt wie Lindenberg klingt, ja irgendetwas machen können. Womöglich etwas, was die Musikindustrie vor dem Untergang rettet o.ä., aber ich habe leider keine Gelegenheit mehr, diesen Gedanken zu verfolgen, denn dies hier ist nun tatsächlich das letzte Pop-Tagebuch auf www.faz.de. Ich hätte gerne noch etwas über Devendra Banharts neue Frisur geschrieben oder darüber, warum Mumford & Sons unnötig sind. Aber zumindest hier wird das leider nicht mehr möglich sein.

Ich bedanke mich bei allen Lesern und hoffe, dass man sich an anderer Stelle wieder begegnet. Vielleicht ist ja auch Crowdfunding die Lösung! Ein Bekannter von mir behauptet, via Crowdfunding endlich eine Frau kennengelernt zu haben; ein Allheilmittel indes stellt es wohl nicht dar.

Immerhin habe ich nun viel Zeit:
Ich werde endlich mein lang geplantes Duett-Album aufnehmen und darüber hinaus versuchen, mir von sämtlichen ausgefadeten Songs der Musikgeschichte das Originalband ohne Fade-Out zu besorgen und die wirklichen Enden all der großen Hits zu hören. Es geht voran …

 

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Eric Pfeil wurde 1969 in Bergisch Gladbach geboren. Von 1999 bis 2003 war er Produzent der bekannten Musik-Sendung Fast Forward. In den Folgejahren konzipierte er immer wieder popkulturell geprägte TV-Formate ("Sarah Kuttner - die Show" oder "Charlotte Roche unter... für 3sat), sammelte psychedelische Erfahrungen als Gala-Autor, Gag-Schreiber und Ghostwriter und schrieb für Magazine wie Spex, Musik Express und diverse Tageszeitungen.

Seit 2006 ist Pfeil als freier Autor für die FAZ tätig und schreibt hier über Film, Literatur - vor allem aber immer wieder über Popmusik und ihre Folgen. Am 22. Februar erscheint sein Buch "Komm, wir werfen ein Schlagzeug in den Schnee" beim Verlag Kiepenheuer & Witsch.

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