Rückwärts

Rückwärts

Kiwis, Schafe und ein paar Menschen: Neuseeland, das andere Ende der Welt, ist schon beeindruckend, wenn man es auf normalem Wege bereist. Noch

Zurück nach Aotearoa

Reise rückwärts - in eine wechselvolle Geschichte.

Furchteinflößend: die Kriegsmimik der MaoriRückwärts durch Neuseeland – dieses Motto ist nicht nur wortwörtlich zu verstehen, sondern auch im übertragenen Sinn. Wer nach Aotearoa reist, in das „Land der langen weißen Wolke“ der Maori, der blickt unweigerlich zurück – in eine wechselvolle Geschichte. 

Es ist früher Morgen, als Piriniha Tewhenua Rewiti hoch auf dem Hügel mit der Zeremonie beginnt. Uralte polynesische Silben, immer wieder unterbrochen von einem geheimnisvollen Singsang, fremd und anziehend zugleich. Die Vorfahren werden begrüßt, dann die Besucher und deren Ahnen, die bei allem mit dabei sind und auch diese Szenerie beobachten. Die Stimme hebt sich abermals, um den Zauber des Moments zu beschwören, in dem beide, Gastgeber und Gäste, dasselbe teilen, bis hin zur zentralen Frage: „Was ist das Wichtigste?“ Und die Gäste antworten: „Die Menschen. Die Menschen. Die Menschen.“ Willkommen auf dem heiligen Berg der Maori – dem Mount Eden in Auckland. 

Prince Davis, wie Piriniha Tewhenua Rewiti für die ungeübten Zungen der Nicht-Maori heißt, hat nicht viel Zeit an diesem Vormittag, und umso unerfüllbarer ist seine Aufgabe: den Besuchern die Geschichte seines Volkes zu erzählen. Eine Geschichte, die hier auf diesem Hügel beginnt, an einer der heiligsten Stätten in Auckland. Fantastisch der Blick auf die Millionen-Metropole Auckland, die sich wie ein Krake auf dem schmalen Isthmus ausgebreitet hat – doch Prince Davis ist zu tief in längst vergangenen Zeiten versunken, um die Aussicht zu genießen. „Schaut mal, hier drüben…“, er deutet auf den Vulkankegel, „das ist der heiligste Ort des Berges. Hier haben meine Vorfahren ihre Opfergaben dargebracht.“ Ein paar Schritte weiter dann eine weitere Kuhle – ein einfacher, aber umso wirkungsvollerer „Kühlschrank“ der frühen Maori, die diesen Berg einst bevölkerten. Heute ist der heilige Ort ein Joggerparadies und Naherholungsgebiet – nirgendwo in Auckland liegen Moderne und Vergangenheit, Kiwi- und Maori-Kultur so eng und friedlich zusammen wie hier. Bis ins 17. Jahrhundert stand eine mächtige Festung an diesem Ort, und neben diesem Berg waren auch die anderen Vulkankegel im Stadtgebiet von Maori bewohnt, die die heiligen Stätten ihrer Vorfahren seit Generationen bewachten. 6000 Maori lebten in den besten Zeiten auf Mount Eden, bis nach der Besiedelung Neuseelands durch die Weißen tausende allein durch eingeschleppte Krankheiten dahingerafft wurden. Und auch wenn der Vertrag von Waitangi den Maori ab 1840 zumindest offiziell die Privilegien britischer Bürger zugestand, ist die Ankunft der Kolonialmächte am Mount Eden für die „normalen Menschen“, wie „Maori“ übersetzt werden kann, vor allem eine leidvolle. Denn die Landrechte, die den Maori in dem Vertrag eigentlich zugesichert wurden, existierten höchstens auf dem Papier. Und statt Verständigung und freundschaftlichem Miteinander regierten über lange Zeit Ausgrenzung und Rassenhass.

Auch Piriniha Tewhenua Rewiti hat am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie das „friedliche Miteinander“ von Maori und Kiwis in Neuseeland über lange Jahre aussah. „Eigentlich hätte man doch aus den Erfahrungen mit den Indianern in den Vereinigten Staaten oder den Ureinwohnern in Südamerika lernen sollen.“ Und dann beginnt er zu erzählen, von dem weißen Polizisten, der die Großmutter vor seinen eigenen Augen misshandelte und demütigte, als er noch ein Teenager war; von dem Hass auf die Weißen, der darauf folgte und so verzehrend war, dass nichts ihn im Zaum halten konnte. Und von der Wut, dieser grenzenlosen Wut auf ein Land, das alles so viel besser machen wollte und die Maori trotzdem übervorteilte, ausbeutete und enteignete. „Wenn ich Euch vor ein paar Jahren auf der Straße begegnet wäre, wäret Ihr schlecht dran gewesen“, sagt Prince Davis – und er muss nicht auf Maori-Art mit den Augen rollen, um einen spüren zu lassen, was das hätte bedeuten können. Davis, direkter Nachfahre eines bedeutenden Maori-Anführers und damals mitten in der Pubertät, wird militant: Wie viele andere in seinem Alter schlägt er um sich, wo er nur kann, prügelt und wird verhaftet, kommt frei und beginnt wieder von neuem, immer auf der Suche nach einem Ventil für seine unermessliche Wut. Bis die Behörden reagieren und ihn ausweisen: Strafversetzung. Mehrere Jahre verbringt Prince als Seemann auf einem Handelsschiff, das durch den Pazifik kreuzt. Erst jetzt, tausende Meilen entfernt von Neuseeland, wacht er auf, auch weil der Skipper, ein bulliger Nordire, ihm von den Zuständen in Belfast erzählt und der dortigen Variante von Hass und Gegenhass, Ausgrenzung und Kampf. „Erst dort, auf diesem Schiff“, sagt Prince heute, „habe ich erkannt, dass unser Konflikt in Neuseeland nicht einzigartig ist.  Überall auf der Welt läuft es so.“

Heilig; der Mount Eden in Auckland

Heute ist Prince 46 – und um einiges weiser, wie er sagt. Seit etlichen Jahren schon steht er im Dienst des Tourismus und führt Besucher zu den Maori-Stätten in Auckland und Umgebung, vor allem aber auf den Mount Eden. Restlos verschwunden sind die Konflikte aus seiner Jugend nicht, auf einem guten Weg ist Neuseeland trotzdem – und das nicht erst, seit die Regierung die Belange der Maori in den letzten Jahren deutlich stärkte und beispielsweise diverse Landenteignungen rückgängig machte.  Seit ein paar Jahren steht die Maori-Kultur gar auf dem Lehrplan aller neuseeländischen Kinder – inklusive Sprachunterricht und   Geschichtsschreibung. Ein symbolischer Akt, mag man sagen, aber ein ungemein wichtiger, wie Prince findet. „Das sagt viel über die Wertschätzung der Maori-Kultur aus und über die Bedeutung, die man ihr im Land mittlerweile zumisst“, sagt er. In der Tat: Denkt man daran, dass es den Maori bis vor wenigen Jahrzehnten sogar verboten war, ihre eigene Sprache zu sprechen, kann die Entwicklung seither gar nicht hoch genug geschätzt werden. Trotzdem dauerte es bis 2007, dass die heiligen Berge in Auckland, allen voran der Mount Eden, an die Maori zurückgegeben wurden.

Kiwis und Maori wachsen zusammen – langsam zwar, aber doch unaufhaltsam. Auch wenn unlängst ausgerechnet ein Maori-Minister im neuseeländischen Kabinett für einen Skandal  sorgte, weil er heimlich eine internationale Konferenz in London schwänzte und stattdessen lieber Urlaub in Frankreich machte. Was an und für sich noch nicht für einen Skandal taugte, wären nicht „heimliche“ Mails aufgetaucht, in denen der Minister einem Freund schrieb, er werde sich niemals mit den weißen Schweinehunden an einen Tisch setzen und irgendeine Art von Vertrag aushandeln.

Mancherorts sind die Gräben zwischen Maoris und Kiwis eben doch noch tiefer, als es den Ansc Gelebte Verständigung: Prince Davis mit seiner Frauhein hat. Und auch wenn der offene Rassismus der früheren Jahre mittlerweile qua Gesetz offiziell verbannt ist, hat er sich bisweilen nur knapp unter die Oberfläche verzogen und dabei verwandelt: in eine nicht nur latente soziale Benachteiligung. Wie bei den Eskimos oder den Indianern in den Vereinigten Staaten sind es überdurchschnittlich viele Maori, die unter Armut, Alkoholismus oder Drogenproblemen leiden – eine Folge der lange währenden sozialen Ächtung und der schwierigen Anpassung an neue Lebensgewohnheiten. Unter diesen Umständen das Erbe der Vorfahren lebendig zu halten, fällt schwer. Und so sieht es auch Prince durchaus mit Sorge, dass sich seine Kinder und Enkel mitunter eher für die Playstation als für ihre Ahnen interessieren und das grelle Leben der Stadt den uralten Traditionen vorziehen.

Dennoch: Dass die Maori-Geschichte in Vergessenheit geraten könnte, glaubt Prince nicht. Dazu gibt es genügend Maori wie ihn, die ihre Stammesbrüder eindringlich an ihre Wurzeln erinnern. „Unsere Kultur wird weiterbestehen, da bin ich mir sicher“, sagt er denn auch, als die Maori-Abschiedszeremonie vorbei und der British Tea getrunken ist. „Und trotzdem werden unsere Völker weiter zusammenwachsen.“

Seine Frau, mit der Piriniha Tewhenua Rewiti seit Jahrzehnten verheiratet ist, hat das alte Maori-Zeremoniell mitgetanzt. Sie ist eine Weiße.

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