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Kiwis, Schafe und ein paar Menschen: Neuseeland, das andere Ende der Welt, ist schon beeindruckend, wenn man es auf normalem Wege bereist. Noch

Such den Kiwi! Wo ist der Kiwi?

Scheu, flugunfähig und pummelig - und trotzdem ein Nationalheld!

Bild zu: Such den Kiwi! Wo ist der Kiwi?Vorsichtig schlägt sich die kleine Gruppe durchs dichte Unterholz. Die Sonne ist längst untergegangen und einer diffusen Dunkelheit gewichen, irgendwo schreit ein Vogel, unheimlich und schrill. Niemand  spricht ein Wort, auch nicht der Anführer, und wenn einer doch einmal unachtsam mit seiner Kleidung raschelt, erntet er böse Blicke von den anderen. Blicke, die töten könnten. Schweigend marschiert die Truppe weiter durch den Regenwald, bis der Anführer ein Zeichen gibt: Stehenbleiben, und bloß still jetzt! Er leuchtet mit einer Taschenlampe ins Gebüsch, ein fahler Lichtkegel fällt auf einen dichten Busch. Die Gruppe harrt aus, minutenlang. Die Nerven sind zum Zerreißen gespannt. Bis der Anführer kaum vernehmbar seufzt, abermals ein Handzeichen gibt und weitermarschiert. Die anderen folgen ihm, möglichst unauffällig.

Nein, bei dieser wahrhaft obskuren Veranstaltung handelt es sich nicht um eine südpolynesische Sekte, die sich bei Okarita an der Westküste Neuseelands durchs Unterholz schlägt, um auf einer mondbeschienenen Lichtung Menschenopfer darzubringen. Die seltsame Truppe befindet sich vielmehr auf der Jagd, der Jagd auf ein nationales Heiligtum. Auch wenn sie keine Speere, Äxte oder Bogen mit sich führt. Heute wird der Beute mit anderen Waffen zuleibe gerückt: mit Fotoapparaten. Denn derjenige, der hier gejagt wird, macht sich so rar wie nur eben möglich und ist so kamerascheu, dass jede Begegnung mit ihm schon eine glückliche Fügung ist. Gestatten: das Nationalidol und Maskottchen, nein: der einzige echte Rockstar Neuseelands. Der Kiwi.  

Keine Frage: Dieses Tier hat es den Neuseeländern angetan – so sehr, dass sie ihre eigene Nation nach ihm benannt haben und sich stolz als „Kiwi“ bezeichnen. Das ganze Land ist in ständiger kollektiver Sorge um den halb blinden, flugunfähigen und struppigen, dafür aber umso sympathischeren Vogel, von dem es dank eifriger Bemühungen mittlerweile wieder etliche zehntausend gibt. Das war nicht immer so. Denn mit der Besiedelung Neuseelands durch die Briten und dem regen Schiffsverkehr kamen auch die Possums auf die Inseln, auf deren Speisekarte Kiwis nun mal ganz oben stehen. Die Possums vermehrten sich deshalb prächtig, bis sie zur Plage wurden und heute von jedem Neuseeländer mit Vorliebe platt gefahren werden, wenn er ihnen des Nachts auf der Straße begegnet. Die ebenfalls nachtaktiven Kiwis hingegen hatten eindeutig das Nachsehen – wer nicht wegfliegen kann, hat bei einem Possum schlechte Karten. Erst als die Kiwi-Population auf wenige Dutzend geschrumpft und der liebenswerte Vogel fast ausgelöscht war, wachten die Neuseeländer auf – und setzten fortan alles daran, den Nationalvogel in Neuseeland zu halten.

An vielen Stellen des Landes gibt es deshalb schon seit einigen Jahren regelrechte Kiwi-Aufzuchtstationen, in denen die vor dem Aussterben zwar vorerst geretteten, aber weiterhin stark gefährdeten Federknäuel liebevoll hochgepäppelt werden. Eine tierische Begeisterung für einen nur auf den ersten Blick unscheinbaren Vogel, die vielleicht auch daher rührt, dass sich die Neuseeländer so gut mit ihm identifizieren können. Der Kiwi ist drollig, putzig und liebenswert, sicher, zugleich aber auch Sinnbild für die Einzigartigkeit und Verletzlichkeit der neuseeländischen Natur. Umso mehr setzt das kleine Land daran, diese Einzigartigkeit zu bewahren – deshalb ist Neuseeland in Sachen Nachhaltigkeit und sanfter Tourismus schon lange vorbildlich. Und weil die Neuseeländer längst auch den Rest der Welt mit ihrer Kiwi-Begeisterung angesteckt haben, ist ausgerechnet ein halb blinder, flugunfähiger und äußerst struppiger Vogel mittlerweile zum kultigen Marketingobjekt geworden, das in Form von Stofftieren, Aufkleber und Verkehrsschildern einen Millionenumsatz macht.

Auf einmal Rascheln im Gebüsch: Der ganzen Gruppe stockt der Atem, und der Anführer, der im normalen Leben Ian heißt und in Okarito, an der Westküste der Südinsel, Kiwi-Nachtsafaris anbietet, legt vorsichtshalber den Finger vor den Mund. Jetzt nur kein falsches Rascheln. Oder Kameraklicken. Da, dort drüben: ein Schnabel ragt plötzlich schemenhaft hervor, und ein besonders langer dazu. Gefolgt von einem struppigen Etwas mit ziemlich großen Füßen und kleinen Knopfaugen. Tatsache, es ist einer: Seelenruhig und völlig unbeeindruckt von seinen Fans stakst ein Kiwi vor der versammelten Mannschaft vorbei, piekst da und dort im Boden, hält inne, pfeift sein typisches Kiwi-Pfeifen und verschwindet wieder im Unterholz. Er hinterlässt verzauberte Fans, die zwar ein wenig enttäuscht sind ob der Kürze der Begegnung, aber zugleich hingerissen von der Grazie und natürlichen Eleganz ihres Idols. Dieser geschmeidige Gang! Dieser Körper! Dieser fein modellierte Schnabel! Und trotzdem noch so uneitel und unaufgeregt, fantastisch.

Wenige prägnante Sekunden nur, die gleichwohl Exstase für Stunden garantieren – ein starker Auftritt. So etwas kann nur ein Nationalheld.

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