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Dieser Husten will uns etwas sagen

02.03.2009, 23:11 Uhr  ·  Vor mehr als zehn Jahren sagte mir ein Mann von der Deutschen Botschaft in Madrid (ich weiß nicht mehr, wie er hieß, dort ist ein Kommen und Gehen, dass man den Überblick verliert), ich müsste unbedingt etwas über das Husten des Publikums im Konzertsaal schreiben. Gemeint war natürlich das spanische Husten in spanischen Konzertsälen bei gelegentlich deutscher Musik, was aus einem ärgerlichen einen schwerwiegenden Fall zu machen schien.

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Vor mehr als zehn Jahren sagte mir ein Mann von der Deutschen Botschaft in Madrid (ich weiß nicht mehr, wie er hieß, dort ist ein Kommen und Gehen, dass man den Überblick verliert), ich müsste unbedingt etwas über das Husten des Publikums im Konzertsaal schreiben. Gemeint war natürlich das spanische Husten in spanischen Konzertsälen bei gelegentlich deutscher Musik, was aus einem ärgerlichen einen schwerwiegenden Fall zu machen schien.
“Ich bin nicht sicher”, sagte ich, „ob das Thema so viel hergibt.”
“O doch”, sagte der Mann, „das Thema gibt sehr viel her! Warten Sie nur ab!”
“Das will ich tun”, sagte ich.

Und ich wartete ab. In den ersten Jahren passierte noch nichts oder kaum etwas. Offenbar gibt es im Konzertsaal oder in der Oper eine spezifische Hustenwahrnehmungsschwelle, die erst überschritten werden muss, einen Sättigungspunkt, eine individuelle Leidensgrenze, die in, sagen wir, den ersten beiden Jahren noch nicht in Sichtweite war. Doch im dritten oder vierten Jahr fing es an. Ein Publikum, das vorher nicht gehustet hatten, wie mir schien, zerbellte plötzlich das schönste Pianissimo. Nicht nur in Madrid, sondern auch in Barcelona, Salamanca oder La Coruña. Dann attackierten die Hustenden auch das Forte. Ein Klavierabend in San Sebastián: zerhustet und vernichtet. Auftritte von Marc Minkowski, Barbara Bonney oder Rinaldo Alessandrini: zerschnüffelt, verräuspert, zerstört. Ich rede jetzt nicht von jener beleibten Dame im Palau de les Arts von Valencia, die vor einigen Jahren, während einer besonders sublimen Opernarie, ungerührt den Anruf von Nacho entgegennahm und neun bis elf laut herausgezischte Sätze brauchte, um dem penetranten Nacho zu erklären, dass sie jetzt nicht mit ihm telefonieren könne, sie sei in der Oper. Ich spreche von unkontrolliertem Abhusten, de profundis, ohne Rücksicht auf Verluste.

Seit ich die Hustenwahrnehmungsschwelle erreicht und überschritten habe, kann ich eigentlich nur noch Sitze in den ersten fünf Reihen nehmen. Am Samstagabend, beim War Requiem mit Paul McCreesh und Dietrich Henschel, saß ich in Reihe vier. Das war in Ordnung, wenn ich von der Dame drei Sitze weiter absehe, die bei Henschels innigem „One by one” (gemeint waren die jungen Soldaten, die im Ersten Weltkrieg gefällt wurden wie Bäume) plötzlich ekstatisch aufschnüffelte, als hätte sie eine Vision gehabt, in den unterirdischen Zonen ihrer Handtasche nach dem Taschentuch kramte und jedes weitere „One by one” mit desto tieferem Schnaufen, Schniefen und endlich auch einem erlösenden finalen Schneuzen beantwortete.

Nach dem Konzert, das mich dennoch sehr aufgewühlt hatte, rief ich eine musikbegeisterte Freundin an und sagte ihr, sie müsse unbedingt Brittens War Requiem hören, es gebe am Sonntag eine Matinee.
„Wir haben schon Tickets”, sagte die Freundin.
„Gut”, sagte ich, „ihr werdet begeistert sein.”
Aber sie und ihr musikalischer Freund waren nicht begeistert. Sie saßen im zweiten Rang und konnten vor lauter Husten kaum ein Wort verstehen.
„Hattest Du bei Henschels ‚One by one’ denn keine Gänsehaut?” fragte ich.
„Welchem ‚One by one’”? fragte meine Freundin.

Ich konnte keinen weiteren Trost spenden, also konsultierte ich mein unerschöpfliches Land und Leute in Spanien von 1912, um mir auf die spanische Husterei einen Reim zu machen. Und dort fand ich sie, gewissermaßen die kulturhistorische Totalerklärung. „In Spanien raucht alles”, hieß es dort: „der Bettler auf der Straße, der Meßner in der Sakristei, der Straßenbahnschaffner im Tramwagen, der Polizist im Dienst. Ein richtiger Spanier läßt seine Zigarette den ganzen Tag nicht ausgehen; selbst an der Table d’hôte raucht er zwischen den einzelnen Gängen zum Entsetzen der Engländerinnen ruhig weiter.”

Dann kam, was ich gesucht hatte: „In den Wandelgängen der Theater wird während der Pausen – trotz des Verbotes – so stark geraucht, daß oft der ganze Zuschauerraum von dem eingedrungenen Rauch angefüllt ist. Doch empfinden die Damen dies in der Regel als keine Belästigung, nicht etwa, weil sie selbst rauchen – dies tun gewöhnlich nur Halbweltlerinnen und hier und da Feldarbeiterinnen in Aragonien und Asturien – sondern weil sie daran gewöhnt sind.”

Der Mann aus der Deutschen Botschaft damals, er hatte natürlich recht, das Thema Husten gibt wirklich eine Menge her. Schade, dass ich seinen Namen vergessen habe; ich wüsste zu gern, auf welchem Kontinent er heute seinen Opern- und Konzerthusten hört.

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).