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Ich wollte über Carla Bruni schreiben. Aber jetzt zählen nur noch die Beine von Xavi und Messi

03.05.2009, 01:50 Uhr  ·  Ich habe mir vor ein paar Tagen ¡Hola! gekauft, Sie wissen schon, dieses unvergleichliche spanische Klatschmagazin, das uns immer ein ganz anderes Universum vorspiegelt als das, in dem wir nun einmal leben, und gerade deswegen musste ich nach Carla Brunis Besuch in Madrid die volle Bilderstrecke haben, dreißig Seiten voller Fotos von Sarko und Carla im Prado, Carla und Prado im Sarko und so weiter, dann natürlich auch den Krieg der Sterne zwischen Carla Bruni und Doña Letizia sowie den unvergleichlichen Anblick des kleinen Sarkozy neben dem sehr großen Kronprinzen Don Felipe.

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Ich habe mir vor ein paar Tagen ¡Hola! gekauft, Sie wissen schon, dieses unvergleichliche spanische Klatschmagazin, das uns immer ein ganz anderes Universum vorspiegelt als das, in dem wir nun einmal leben, und gerade deswegen musste ich nach Carla Brunis Besuch in Madrid die volle Bilderstrecke haben, dreißig Seiten voller Fotos von Sarko und Carla im Prado, Carla und Prado im Sarko und so weiter, dann natürlich auch den Krieg der Sterne zwischen Carla Bruni und Doña Letizia sowie den unvergleichlichen Anblick des kleinen Sarkozy neben dem sehr großen Kronprinzen Don Felipe. „Hast du El Mundo gesehen?” fragte mich mein Freund José. „Das nenne ich subversiv.” Die Zeitung El Mundo brachte doch tatsächlich Großaufnahmen nur von den Schuhen – hier die fetten, überdimensionierten, aber letztlich nutzlosen Absätze des französischen Regierungschefs, dort die flachen, letztlich ebenso nutzlosen Absätze des baumlangen spanischen Thronfolgers.

All das: verblasst. ¡Hola! liegt in der Ecke. Denn der FC Barcelona ist so gut wie spanischer Meister. So etwas wie dieses 2:6 habe ich auch in den wüstesten Zeiten des 1. FC Köln (damals, als ich noch ins Müngersdorfer Stadion ging) noch nicht gesehen. Es war, als hätte Real Madrid im Bernabéu-Stadion Einladungskärtchen zum Toreschießen verteilt. Hätte ich damit nicht die hart arbeitenden Kollegen auf der Pressetribüne gestört, wäre ich aufgestanden und gegangen wie all die Fans, die es nach dem Tor zum 2:5 taten. Manchmal ist unser Beruf eine Geißel. Man darf nicht Fan, man muss Zeuge sein.

Eine Stunde nach dem Debakel saß ich mit Walter Haubrich beim Brasilianer, wo es uns fast so vorkam, als befänden wir in einem Land, in dem niemand weiß, wer Real Madrid ist. Eine Erleichterung. Nach dem ersten Schluck Bier hatten wir fünf Madrider Spieler beieinander, die sofort aus der Mannschaft fliegen sollten. Es reicht vielleicht, stellvertretend den Zerstörer Gabriel Heinze zu nennen.

„In Argentinien nennen sie ihn ‚den Deutschen'”, sagt Walter Haubrich.
„Das hat mir noch gefehlt”, sage ich.
„Bei Valladolid ist er damals rausgeflogen, weil er ständig gesperrt war”, sagt Walter Haubrich. “So einer ist das.”
„Na ja, das kann unserem Metzelder nicht passieren”, sage ich. „Er spielt ja nie.”
„Heute war Metzelder aber ganz gut”, sagt Walter Haubrich.
„Ja”, sage ich. „Heute war er ganz gut.”
Und ich frage mich, ob man über einen Verteidiger, dessen Mannschaft zu Hause 2:6 verloren hat, wirklich sagen kann, er habe “ganz gut” gespielt.
Noch zwei Schluck Bier, und wir wissen, dass Real Madrid nicht nur die halbe Mannschaft austauschen, sondern im Sommer auch einen neuen Präsidenten wählen und sich am besten gleich noch ein neues Konzept besorgen muss. O je! Wo soll das alles denn so schnell herkommen?

Javier Cáceres, unser Kollege von der Süddeutschen Zeitung, hat mir in der Halbzeit auch etwas zu Metzelder gesagt. “Hast du gesehen?” sagte er. “Metzelder hat keinen Fehler gemacht.”
Javier Cáceres vertritt die Theorie, Metzelder mache nie Fehler. Er sei langsam und manches andere, doch Fehler mache er nicht. Es sei praktisch ausgeschlossen, Metzelder bei einem Fehler zu ertappen.
„Na ja”, sage ich. “Er hat sich von Messi überrennen lassen.”
„Ja, aber den Fehler machen alle.”
Da sagte ich nichts mehr.

Zu Barcelona wiederum… muss man auch nicht mehr viel sagen. Es sind eben Künstler, die auf dem Rasen irgendetwas zwischen Schach und Billard praktizieren, nur fünfzigmal so schnell. Besonders dieser kleine Xavi, der mit einer einzigen Drehung um die eigene Achse drei gegnerische Hemden ins Leere laufen lassen kann.

Was mich besonders stört an dieser Niederlage, die in den nächsten zehn Jahren zu den unpassendsten Gelegenheiten genüsslich beschworen werden wird, ist die Lehre, die der FC Chelsea daraus ziehen wird. „Denen [nämlich Barcelona] müssen wir richtig eins auf die Socken geben”, werden Ballack und seine Kollegen sich jetzt sagen, „damit die im Rückspiel gar nicht erst glauben, sie könnten dasselbe mit uns machen.”

Und das Schlimme ist, dass es nächste Woche in der Champions League so kommen könnte. Ich will es nicht hoffen, aber möglich wäre es. Wie gut, dass Ballack keine Endspiele gewinnt. Der Zweckfußball wird also an seine natürliche Grenze stoßen.

 

 
 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).