Home
Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Ich wollte über Carla Bruni schreiben. Aber jetzt zählen nur noch die Beine von Xavi und Messi

| 33 Lesermeinungen

Ich habe mir vor ein paar Tagen ¡Hola! gekauft, Sie wissen schon, dieses unvergleichliche spanische Klatschmagazin, das uns immer ein ganz anderes Universum vorspiegelt als das, in dem wir nun einmal leben, und gerade deswegen musste ich nach Carla Brunis Besuch in Madrid die volle Bilderstrecke haben, dreißig Seiten voller Fotos von Sarko und Carla im Prado, Carla und Prado im Sarko und so weiter, dann natürlich auch den Krieg der Sterne zwischen Carla Bruni und Doña Letizia sowie den unvergleichlichen Anblick des kleinen Sarkozy neben dem sehr großen Kronprinzen Don Felipe.

Ich habe mir vor ein paar Tagen ¡Hola! gekauft, Sie wissen schon, dieses unvergleichliche spanische Klatschmagazin, das uns immer ein ganz anderes Universum vorspiegelt als das, in dem wir nun einmal leben, und gerade deswegen musste ich nach Carla Brunis Besuch in Madrid die volle Bilderstrecke haben, dreißig Seiten voller Fotos von Sarko und Carla im Prado, Carla und Prado im Sarko und so weiter, dann natürlich auch den Krieg der Sterne zwischen Carla Bruni und Doña Letizia sowie den unvergleichlichen Anblick des kleinen Sarkozy neben dem sehr großen Kronprinzen Don Felipe. „Hast du El Mundo gesehen?“ fragte mich mein Freund José. „Das nenne ich subversiv.“ Die Zeitung El Mundo brachte doch tatsächlich Großaufnahmen nur von den Schuhen – hier die fetten, überdimensionierten, aber letztlich nutzlosen Absätze des französischen Regierungschefs, dort die flachen, letztlich ebenso nutzlosen Absätze des baumlangen spanischen Thronfolgers.

All das: verblasst. ¡Hola! liegt in der Ecke. Denn der FC Barcelona ist so gut wie spanischer Meister. So etwas wie dieses 2:6 habe ich auch in den wüstesten Zeiten des 1. FC Köln (damals, als ich noch ins Müngersdorfer Stadion ging) noch nicht gesehen. Es war, als hätte Real Madrid im Bernabéu-Stadion Einladungskärtchen zum Toreschießen verteilt. Hätte ich damit nicht die hart arbeitenden Kollegen auf der Pressetribüne gestört, wäre ich aufgestanden und gegangen wie all die Fans, die es nach dem Tor zum 2:5 taten. Manchmal ist unser Beruf eine Geißel. Man darf nicht Fan, man muss Zeuge sein.

Eine Stunde nach dem Debakel saß ich mit Walter Haubrich beim Brasilianer, wo es uns fast so vorkam, als befänden wir in einem Land, in dem niemand weiß, wer Real Madrid ist. Eine Erleichterung. Nach dem ersten Schluck Bier hatten wir fünf Madrider Spieler beieinander, die sofort aus der Mannschaft fliegen sollten. Es reicht vielleicht, stellvertretend den Zerstörer Gabriel Heinze zu nennen.

„In Argentinien nennen sie ihn ‚den Deutschen'“, sagt Walter Haubrich.
„Das hat mir noch gefehlt“, sage ich.
„Bei Valladolid ist er damals rausgeflogen, weil er ständig gesperrt war“, sagt Walter Haubrich. „So einer ist das.“
„Na ja, das kann unserem Metzelder nicht passieren“, sage ich. „Er spielt ja nie.“
„Heute war Metzelder aber ganz gut“, sagt Walter Haubrich.
„Ja“, sage ich. „Heute war er ganz gut.“
Und ich frage mich, ob man über einen Verteidiger, dessen Mannschaft zu Hause 2:6 verloren hat, wirklich sagen kann, er habe „ganz gut“ gespielt.
Noch zwei Schluck Bier, und wir wissen, dass Real Madrid nicht nur die halbe Mannschaft austauschen, sondern im Sommer auch einen neuen Präsidenten wählen und sich am besten gleich noch ein neues Konzept besorgen muss. O je! Wo soll das alles denn so schnell herkommen?

Javier Cáceres, unser Kollege von der Süddeutschen Zeitung, hat mir in der Halbzeit auch etwas zu Metzelder gesagt. „Hast du gesehen?“ sagte er. „Metzelder hat keinen Fehler gemacht.“
Javier Cáceres vertritt die Theorie, Metzelder mache nie Fehler. Er sei langsam und manches andere, doch Fehler mache er nicht. Es sei praktisch ausgeschlossen, Metzelder bei einem Fehler zu ertappen.
„Na ja“, sage ich. „Er hat sich von Messi überrennen lassen.“
„Ja, aber den Fehler machen alle.“
Da sagte ich nichts mehr.

Zu Barcelona wiederum… muss man auch nicht mehr viel sagen. Es sind eben Künstler, die auf dem Rasen irgendetwas zwischen Schach und Billard praktizieren, nur fünfzigmal so schnell. Besonders dieser kleine Xavi, der mit einer einzigen Drehung um die eigene Achse drei gegnerische Hemden ins Leere laufen lassen kann.

Was mich besonders stört an dieser Niederlage, die in den nächsten zehn Jahren zu den unpassendsten Gelegenheiten genüsslich beschworen werden wird, ist die Lehre, die der FC Chelsea daraus ziehen wird. „Denen [nämlich Barcelona] müssen wir richtig eins auf die Socken geben“, werden Ballack und seine Kollegen sich jetzt sagen, „damit die im Rückspiel gar nicht erst glauben, sie könnten dasselbe mit uns machen.“

Und das Schlimme ist, dass es nächste Woche in der Champions League so kommen könnte. Ich will es nicht hoffen, aber möglich wäre es. Wie gut, dass Ballack keine Endspiele gewinnt. Der Zweckfußball wird also an seine natürliche Grenze stoßen.

 

0

33 Lesermeinungen

  1. Endlich ein Schreiber (und...
    Endlich ein Schreiber (und dazu aus Köln!), der zu unterscheiden weiß – zwischen der schamlosen Nutzlosigkeit von Fußball und der Eleganz von Schach oder der Bescheidenheit von Billard!
    Eine vergoldete Spielregel, die niemand auf Schach übertragen kann:
    „Wie gut, dass Ballack keine Endspiele gewinnt“. – Danke!
    P.S.:
    Ich war mal, um mit Etymologien und Namenwörtern dribbeln zu lernen, auf der Suche nach dem Nomen proprium „Ballack“. Zu „Ball“ fand ich im Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Leipzig: S. Hirzel 1854-1960):
    „Als ich, in Gesellschaft von Titanen mit Pelion und Ossa als mit Ballen schlug. (Goethe 41, 137).
    http://germazope.uni-trier.de/Projects/WBB/woerterbuecher/dwb/wbgui?lemmode=lemmasearch&mode=hierarchy&textsize=600&onlist=&word=Ball&lemid=GB00407&query_start=1&totalhits=0&textword=&locpattern=&textpattern=&lemmapattern=&verspattern=#GB00407L0

  2. <p>Zum Fussball fallen mir...
    Zum Fussball fallen mir zwei Dinge ein:
    1) Fussball ist das Opium des Volkes.
    2) Die US-Amerikaner sind die einzigen Menschen in der Welt, die den Fussball richtig verstanden haben: Fussball ist ein Sport für Mädchen.

  3. Danke, StephanieRe, das ist...
    Danke, StephanieRe, das ist sehr erhellend. Ihre Kölner Erfahrungen klingen aber leicht traumatisch. Das täte mir leid.
    Und, Don Jorge, sicherlich ist Dulcinea Ihrer Meinung, dass Fußball ein Sport für Mädchen ist. Für einfache Landmädchen sogar!

  4. <p>Na, wenn Fußball ein Sport...
    Na, wenn Fußball ein Sport für Mädchen wäre, würde ich jedenfalls nur in einem Verein mitspielen, der von Frank Raijkaard traniert würde – hatte der Mann nicht immer tolle Sakkos an, kombiniert mit genau den richtigen Hemden! Sowas zwischen leger und edel, ein echter Augenschmaus, das war optisch im Grunde genau die richtige Ergänzung zum geschmeidigen Barca-Fußball.
    Darf man fragen, warum Sie eigentlich Real-Fan sind, Herr Ingendaay? Mir fällt ja zu der Mannschaft immer der Weihnachtskrippenwitz ein: Lauter große Figuren und keine bewegt sich : )

  5. Erstens eine Entschuldigung,...
    Erstens eine Entschuldigung, Falina: Natürlich schreibt sich der Name „Rijkaard“ – ich wollte Ihr -ei korrigieren und habe aus Versehen ein -ai daraus gemacht. Gut, wir wissen, wer gemeint ist: Der bestangezoge Mann auf der Trainerbank (dicht gefolgt von dem unangenehmen Mourinho).
    Das andere ist etwas komplizierter. Köln-Fan ist man, wenn man in Köln aufgewachsen ist. Madrid-Fan könnte man werden, wenn Raúl in seinen besten Tagen (zusammen mit Hierro, Redondo, später auch mit Figo und Zidane) gegen den FC Bayern gewinnt, den wiederum wir Kölner mehrheitlich…, nun, nicht so gern mögen. Damit fing es vor zehn Jahren an. Dann atmet die ganze Stadt natürlich Real Madrid. Und dann war es irgendwann auch der Geist dieser Mannschaft, der so gar nicht wie Millionentruppe wirkt. Dass die Vereinsführung seit Jahren versagt, ist wirklich eine Qual, hat aber mit dem Geist nichts zu tun. Oh, noch etwas, eine Koinzidenz. Als Real Madrid gegen Juve die „Séptima“ holte, hatte ich drei Stunden zuvor die spanisch-französische Grenze überquert, um hier zu leben. Ich fand, das war ein Omen, dieser Sieg von 1998. Nicht, dass er irgendetwas mit mir zu tun gehabt hätte, aber ich dachte, das geht jetzt so weiter. Und zunächst tat es das auch. In den geraden Jahren seit meiner Ankunft – 1998, 2000, 2002 – holte Real Madrid die Champions League. Fußball ist irrational, ich weiß. Jetzt wissen Sie es auch.

  6. Guten Abend. Das mit den...
    Guten Abend. Das mit den Ballen von StephanieRe habe ich nicht verstanden, aber ich bin nur ein einfaches Landmädchen. Ich habe gestern meine Partei angefeuert und sechsmal gejubelt. Mein Karl (merengue) dagegen nur zweimal. Tja. Natürlich haben wir verdient gewonnen. Nun hoffe ich auf Mittwoch, wenngleich es kein Endspiel ist. Ach so, unser Trainer, Pep Guardiola… ist auch immer sehr schön angezogen. Fußball, so sehe ich das, ist ein Sport für Landmädchen und Stadtjungs. Oder?

  7. Sie sind sehr großzügig,...
    Sie sind sehr großzügig, Dulcinea. Guardiola ist oft schön angezogen. Gelegentlich aber hat er solche Stricksachen unter dem Sakko an, die hätte Rijkaard nie angezogen. Aber nun, was soll man sich über Stricksachen beklagen, wenn der Mann die beste Mannschaft der Welt geformt hat. Und wir wissen ja, was wir mit „beste“ meinen.
    Ich finde übrigens, dass Fußball auch etwas für Landburschen und Stadtmädchen ist. Ich kenne ein paar – Stadtmädchen jetzt -, die Fußball sehr gern mögen. Mein Freund José sagte heute wieder: „Machen wir uns nichts vor, eigentlich ist Fußball für Proleten. Was sich da so unter den Fans herumtreibt…“ Womit er natürlich recht hat. Gestern im Bernabéu-Stadion habe ich nicht den erfreulichsten Querschnitt durch die Madrider Gesellschaft gesehen. Und das sage ich nicht, weil Esperanza Aguirre im Stadion gewesen wäre. Ich meine die anderen, auf den billigeren Plätzen.

  8. Vielen Dank für die...
    Vielen Dank für die Ausführungen zu Ihrem Werdegang als Madrid-Fan, Herr Ingendaay. Ganz ähnlich war es bei mir auch – nur, dass ich ein paar Jahre später nach Spanien zog und zu dieser Zeit der FC Barcelona den mitreißendsten Fußball spielte, was mich spontan zum Barca-Fan werden ließ (was ich in meiner Umgebung allerdings nicht laut sagen darf).
    Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass ich ganz schnell die Seiten wechsle, sobald eine andere Mannschaft mit ähnlichem Fußballzauber aufwarten kann …

  9. Das Problem von Esperanza...
    Das Problem von Esperanza Aguirre ist ja, daß sie eigentlich auch zu den einfachen Landmädchen zählt; sie hat es aber vergessen oder will es nicht wahr haben, mit ihrem Grafen und all ihren Gütern und Kleidern und ihrem Golfsport. Nun ja. Landmädchen wie ich kommen nicht oft ins Stadion. Ich höre mir die Torrufe, die mir der Wind zuträgt, lieber auf meiner Terrasse an und weiß auch Bescheid. Leider sind die Zeiten vorbei, in denen die Herren (nicht nur die Trainer) im Anzug hingingen, um balonpie zu schauen. Außerdem gibt es vor dem Stadion in Chamartín sehr häßliche Fahnen und andere Artikel zu kaufen, zumindest empfindet man das so, wenn man ein culé ist.

  10. Falina, mit allem Respekt: Fan...
    Falina, mit allem Respekt: Fan wird man doch nicht „spontan“, sondern durch langes Leiden! Und dass Sie heute schon ankündigen, möglicherweise demnächst die Fahne zu wechseln, sollte Valencia mal wieder schön spielen oder Sevilla oder sogar Real Madrid… Also, da verstehen Sie und ich unter Anhängerschaft wohl nicht ganz dasselbe. Und was wäre, wenn Betis demnächst einen jungen Trainer hätte, der sich so gut anzieht wie damals Rijkaard? Oder wenn Rijkaard gleich zu Deportivo ginge? Dann müssten Sie die anfeuern! Sie sehen, so geht das nicht, Ihr Leben als Fan wäre ein einziges Durcheinander. Nein, ich bezahle jetzt (übrigens schon seit 2003, seit nämlich Makelele von uns wegging und Vicente del Bosque gefeuert wurde) für all die Freude, die Real Madrid mir in den Jahren zuvor bereitet hat, und wenn ich Pech habe, bezahle ich dafür noch lange, mit Zins und Zinseszins. Ich tröste mich mit dem Gedanken, dass man als Fan vielleicht manches erwartet, nur keine Gerechtigkeit.

Kommentare sind deaktiviert.