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Wie Sanchos Esel einmal über sich selbst nachdachte

04.06.2009, 14:40 Uhr  ·  Es ist höchste Zeit, dass wir einmal von ernsthaften Dingen sprechen, bevor der Sommer kommt und uns das Hirn zerfließen lässt. Es ist überhaupt höchste Zeit, wieder von etwas zu sprechen!

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Es ist höchste Zeit, dass wir einmal von ernsthaften Dingen sprechen, bevor der Sommer kommt und uns das Hirn zerfließen lässt. Es ist überhaupt höchste Zeit, wieder von etwas zu sprechen! Susanne Lange, die Übersetzerin des neuen deutschen Don Quijote im Hanser Verlag, hat neulich den Voss-Preis für Ihre Arbeit in Empfang genommen und mir zwei Reden geschickt. Einmal die Laudatio auf sie von Martin von Koppenfels (sollte Ihnen der Name nichts sagen, lesen Sie seine Lorca-Übertragungen), und dann ihre eigene Dankesrede über den Beginn ihres Übersetzerinnendaseins, die lateinamerikanische Verbindung und vieles mehr. Eine Schlussfolgerung aus ihrer Rede muss wohl lauten: Übersetzer(innen) wählen ihren Beruf nicht, sondern werden vom ihm gewählt. Es verschlägt sie dort hinein. Höhere Mächte konspirieren, damit ein bestimmter Mensch zum Übersetzer und nicht etwa Naturforscher, Frisör oder Zahntechniker wird. Ich kenne einige Übersetzer, und alle sagen irgendwie dasselbe, nur mit anderen Worten. Wofür wären sie sonst Übersetzer?

Für den heutigen Tag wollte ich aber etwas von Susanne Lange, was diesem Blog zugute kommt. Ich fragte sie, was sie von Sanchos Esel halte. Einfach so. Eine Meinung über eines der Tiere, mit denen sie so viele Übersetzungskilometer durch die spanische Landschaft gezogen ist. Weil die Leute immer von Don Quijote und Sancho Panza sprechen, aber selten von Rocinante und Sanchos Esel. Vielleicht wissen ja einige von Ihnen, dass das Grautier plötzlich verschwindet und dann wieder auftaucht. Es ist eines der sonderbarsten Wesen der Weltliteratur. Neulich las ich bei einem spanischen Anhänger des Romans, die beiden Männer und die beiden Tiere hätten nach Cervantes’ Angaben in zwei Tagen fünfhundert Kilometer zurückgelegt. Wie denn das sein könne? Nun. Ich müsste es nachrechnen. Oder die Strecke mal auf einem Esel zurücklegen. Sie sehen, der Roman steckt voller schwieriger Fragen. Hier folgen jetzt die Sätze, die mir Susanne Lange am 2. Juni geschickt hat:

„Was ich an Sanchos Grauohr am liebsten mag? Ich bewundere seine stoische Gelassenheit in allen Lebenslagen. Und seine bedingungslose Treue zu Sancho. Er ist ja eigentlich der Knappe des Knappen (und ein besserer, als sich ein Ritter je wünschen könnte). Ein ruhender Pol der Vernunft im Hintergrund, der es immer wieder nicht nur schafft, am wenigsten Dresche einzustecken, sondern es auch versteht, sich von allen am ausgiebigsten umhegen zu lassen. Vielleicht sogar ein ganz gewieftes Bürschchen, das die anderen sich verausgaben läßt und nur kopfschüttelnd zuschaut. Und wer weiß, wo er sich herumgetrieben hat, als er vorübergehend in den Falten des Romans untergetaucht ist (und die Schuld nachher dem Drucker in die Schuhe schiebt…) Nach seiner kurzzeitigen Abwesenheit kehrt er jedoch als ein geläuterter Philosoph in den Roman zurück und ist fortan nicht mehr aus ihm fortzudenken.”

Sie werden vertehen, dass mir diese Charakterisierung gefällt. „Ein ganz gewieftes Bürschchen, das die anderen sich verausgaben läßt und nur kopfschüttelnd zuschaut…” Ja, das klingt attraktiv. Ich werde darüber nachdenken und meine Schlüsse daraus ziehen.

 

 
 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).