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Die Bücher unseres Lebens (1) : Geschichte eines Menschenexperiments

02.07.2009, 16:20 Uhr  ·  Der Sommer kommt. Stellen wir uns eine Aufgabe. Sie besteht darin, uns mit Büchern zu versorgen, mit denen wir uns weder langweilen noch ärgern.

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Der Sommer kommt. Stellen wir uns eine Aufgabe. Sie besteht darin, uns mit Büchern zu versorgen, mit denen wir uns weder langweilen noch ärgern. Sagen wir, Bücher, an die wir uns auch in sechs Monaten noch erinnern. Zu denen wir vielleicht in drei oder fünf Jahren zurückkehren wollen. An die wir denken, wenn wir im Café einer fremden Stadt sitzen und gerade kein neues Buch zur Hand haben. Dann, besonders dann denken wir möglicherweise an die Bücher, die es wirklich wert waren, gelesen zu werden, und spielen so in ihnen, wie der Pianist imaginär in der Partitur spielt, auf die er nicht mehr angewiesen ist, weil er sie im Kopf trägt.

Die Bücher könnten Romane oder anderes sein und aus den letzten gut hundert Jahren stammen. Es gibt Menschen, die dem neunzehnten Jahrhundert mehr vertrauen als dem zwanzigsten, die haben sowieso ihre großen Lieblinge: Oblomow, Der Grüne Heinrich, Anna Karenina, Madame Bovary, Der Nachsommer, David Copperfield, Der Idiot, Middlemarch, die Romane Jane Austens. Viele tausend Seiten. Das machen wir ein andermal. Hier und heute wählen wir als ältestes Buch das eines Autors, der erst im zwanzigsten Jahrhundert starb, also ein Bindeglied zwischen der großen Epoche des psychologischen Realismus und der Moderne darstellt:

Henry James: A Portrait of a Lady (Bildnis einer Dame)

Alle Bücher, die ich im Folgenden erwähne, haben eine besondere stilistische Qualität, etwas Atmosphärisches, manchmal eine einzelne Szene, die sie heraushebt. Doch dieser Roman… er besteht nur aus exquisit geschriebenen Seiten. Er ist Weltliteratur von der ersten bis zur letzten Zeile. Das Bildnis einer Dame ist der Roman, an dem sich verwandte Seelen erkennen könnten, wenn sich das heutzutage nicht leichter durch E-Mail regeln ließe.

Um die Handlung anzudeuten. Einer jungen, mittellosen Amerikanerin, Isabel Archer, fällt in England das Vermögen ihrer Verwandten in den Schoß. Diese Verwandten – Onkel und Neffe, beide krank und zur Reflexion verurteilt statt zur Tat – meinen es gut mit Isabel. Sie wollen sehen, was diese zauberhafte, heftig umworbene Frau mit ihrer neugewonnenen Freiheit und dem vielen Geld macht. Es ist ein Menschenexperiment mit fürchterlichen Folgen. Henry James zeigt nicht nur, wie es dazu kommt, sondern – was viel schwieriger ist -, wie ein Mensch mit seinem schlimmen Fehler weiterlebt.

Ich habe das Bildnis einer Dame schon viermal gelesen und hoffe, es noch mindestens drei weitere Male lesen zu können. Selbst wenn die Lektüre des Romans viele Monate zurückliegt, betreten seine Figuren wieder mein Gedächtnis, als seien sie von einer Reise zurückgekehrt und wollten nach mir schauen. „Ihr schon wieder”, denke ich dann. „Wie geht es euch denn so?” Es gibt Figuren in diesem Buch, die ich damals nicht verstanden habe, und ich bin mir nicht sicher, ob ich sie heute durch und durch verstehe. Was ich allerdings sicher weiß, ist, dass ich weiterhin über sie nachdenken werde, weil sie dem, was ich meine moralische Phantasie nennen könnte, unendliche Fragen aufgeben, die zum Wichtigsten gehören, was ich im Lauf der Jahre gedacht habe. Mit manchen Menschen ergeht es einem auch so. Bevor es jetzt wolkig wird, halte ich den Mund.

Es liegt auf der Hand, dass ich statt dieses James-Romans auch andere James-Romane hätte nennen können; doch dieser, aus der sogenannten mittleren Phase, hat einen besonderen Zauber, den vielleicht nur noch sein späterer Roman „Die Gesandten” erreicht. So empfinde ich das. Sie mögen es anders empfinden. Klar ist ferner, dass man statt Henry James auch den Roman aller Romane nennen könnte, Prousts Suche nach der verlorenen Zeit. Er ist allerdings achtmal so lang. Glücklich jene, die noch nicht jeden der sieben Bände gelesen haben. Glücklich jene, die Zeit finden, die sieben Bände Proust wiederzulesen. Aber das am Rande.

Meine Liste unten enthält Romane, Autobiographien, ein paar Erzählungen und Mini-Essays, an die ich immer wieder gern denke, weil sie weniger Lektüren als Erlebnisse sind. Es gibt ja gar keinen Grund, die imaginär begangenen Taten – Reisen, Abenteuer, Gedankenflüge, gelesene Romane – nicht unter die wirklich geschehenen Dinge zu rechnen. Unsere Phantasie hat sich mit ihnen beschäftigt. Sie haben uns Zeit und seelische Energie gekostet. Sie haben uns möglicherweise Vergnügen geschenkt oder auch Leid bereitet. Besonders Menschen! Um das zu verstehen, braucht man nur an den ersten verpassten Kuss seines Lebens zu denken, der ja auch nicht geschehen ist. Das heißt, selbst das Ungeschehene hat Bedeutung, weil es jenseits seines ontologischen Status (geschehen / nicht geschehen) eben doch Wirklichkeit besitzen kann. Zum Beispiel das Mädchen, das damals unerreichbar war. Der Junge, der nichts von Ihnen wissen wollte und an dessen Nase Sie manchmal noch heute denken müssen. Es gibt so etwas. Jede(r) erinnert sich an Erlebnisse, die eigentlich Nicht-Erlebnisse sind. Die, um einen Ausdruck von Javier Marías zu verwenden, auf dem schwarzen Rücken der Zeit stattgefunden haben. Gut. Sie sehen ungefähr, worauf ich hinauswill. Was nur im Kopf geschieht, kann äußert hohe Aktivität entfalten und noch nach vielen Jahren wie eine Wunde schmerzen.

Hier sind Bücher versammelt, ohne die ich mir mein Leseleben nicht vorstellen will. Keine Greatest Hits. Nein. Hier steht das Berühmte neben dem Unauffälligeren. Kreuz und quer. Unser Innenleben sortiert nicht nach Rankings oder Verkaufsziffern.

Ich gebe jeweils spanische Originaltitel, aber keinen spanischen Verlag an, weil es sich doch um eher verbreitete Bücher handelt. Wohl aber nenne ich den deutschen Verlag. In Madrid bekommt man deutschsprachige Bücher bei Pasajes oder Auryn, englischsprachige bei Pasajes, Fnac und der Casa del Libro auf der Gran Vía. Auch die Internetbestellung ist bekanntlich leicht. Für rein Spanisches empfehle ich in Madrid die Librería Méndez (C/ Mayor, 18), einen echten literarischen Buchhändler, mit dem man auch gut plaudern kann. Einmal traf ich dort einen Leser, der viele hundert Tage lang jeden Tag ein Drama von Lope de Vega gelesen hatte. Nur, damit Sie wissen, was für ein Ort die Librería Méndez ist. Un sitio para lectores serios.

Und um auch das noch zu sagen: Der neue Roman von Carlos Ruiz Zafón ist öde. Ja. Aber man soll den Autor nicht überfordern. Er wollte eben noch einmal liefern, was er in dem Vorgängerbuch La sombra del viento schon einmal geliefert hatte, welches ja seinerseits eine schlechte Dickens-Kopie war. Er ist damit Millionär geworden. Mehr müssen wir nicht dazu sagen.

Und jetzt zu unseren zwanzig Titeln:

 

* Henry James: A Portrait of a Lady (Bildnis einer Dame, dtv)

* Joseph Conrad: Nostromo (Fischer)

* Leopoldo Alas, Clarín: La Regenta (Die Präsidentin, Insel)

* Evelyn Waugh: A Handful of Dust (Eine Handvoll Staub, Diogenes)

* Jorge Luis Borges: Von Büchern und Autoren (Fischer)

* Giorgio Bassani. Die Gärten der Finzi-Contini (Piper)

* Juan Rulfo: Pedro Páramo (Suhrkamp)

* Corpus Barga: Los pasos contados (Visor)

* Walker Percy: The Moviegoer (Der Kinogeher, Suhrkamp)

* Richard Yates: Revolutionary Road (Zeit des Aufruhrs, Manesse)

* Graham Greene: Monsignor Quixote (nur englisch)

* Olof Lagercrantz: Vom Glück des Lesens (Suhrkamp)

* Julio Cortázar: Todos los fuegos el fuego (Das Feuer aller Feuer, Suhrkamp)

* Ignacio Aldecoa: Gran Sol (Gran Sol, marebuchverlag)

* Reinaldo Arenas: Antes que anochezca (Bevor es Nacht wird, dtv)

* Javier Marías: El hombre sentimental (Der Gefühlsmensch, dtv)

* Richard Ford: Independence Day (Unabhängigkeitstag, Berlin Verlag)

* Rafael Chirbes: La larga marcha (Der lange Marsch, Verlag Antje Kunstmann)

* Antonio Muñoz Molina: Plenilunio (Die Augen eines Mörders, Rowohlt)

* Guillermo Rosales: Boarding Home (Boarding Home, Suhrkamp)

 

Ein paar abschließende Worte zu meiner Auswahl, die willkürlich, löcherig und eben deshalb unfehlbar ist, weil sie keinerlei Maßstab besitzt außer meinem Verlangen nach fesselnder Literatur in unterschiedlichen Lebensaltern und variabler Dosierung. Joseph Conrad sollte man einfach immer wieder lesen. Dann spürt man, dass die heutigen Erzähler kaum über ihn hinausgekommen sind. Eine Erkenntnis, die mehr als nur technischer Art ist. Corpus Barga ist einer der großen spanischen Prosaisten des letzten Jahrhunderts, und seine Schilderungen einer versunkenen Welt in Los pasos contados vermitteln einem das tröstende Gefühl, es habe auch in den düsteren Jahren ein schlagendes Herz und ein registrierendes Gedächtnis gegeben. Auf deutsch existiert er meines Wissens nicht. Bassani ist der einzige Italiener hier; es hätte auch der wunderbare Lampedusa mit seinem Gattopardo sein können; am besten liest man beide. Sie sind ja eng miteinander verbunden. Juan Rulfo bleibt einer der Granitblöcke der lateinamerikanischen Literatur. Daneben sehe ich – por capricho mío - die Biogramme und Mini-Essays von Borges und eine der besten Erzählsammlungen aller Zeiten, Todos los fuegos el fuego von Julio Cortázar. Und einen weithin unbekannten Kubaner namens Guillermo Rosales, der noch von seinem traurigen Exil in Florida erzählen konnte und sich dann das Leben nahm. Eben deshalb musste ich auch die Autobiographie von Reinaldo Arenas dazustellen. Ein unvergessliches Buch.

Wir sprachen von Proust, den wir uns für eine andere Ewigkeit reservieren. Vielleicht richten wir ja später einen Lesezirkel ein. Bis es soweit ist, gibt es mit dem Buch des Schweden Olof Lagercrantz einen Führer durch Prousts unerschöpflichen Roman; für mich eines der schönsten Bücher, die je über ein anderes geschrieben wurden. Sie können es auch genießen, wenn Sie keine Zeile Proust kennen noch jemals eine zu lesen gedenken. Wenngleich das Letztere unwahrscheinlich wäre, wenn Sie Lagercrantz kennengelernt hätten.

Was sonst noch? Claríns Regenta… mir fehlen die Worte. Lesen! Sofort! Die Wahrheit über die Provinzhauptstädte dieser Erde. Es sind allerdings 900 Seiten, also schaffen Sie in Ihrem Leben etwas Platz dafür. Evelyn Waugh ist knapp, boshaft und voller meisterhafter Dialoge aus dem Herzen der englischen Klassengesellschaft. Parallel dazu müßte man natürlich Fitzgeralds Großen Gatsby lesen, das amerikanische Pendant, aber das wissen Sie vermutlich selbst, so dass ich es nicht hinzuschreiben brauche. Walker Percy, Richard Yates, Richard Ford: Diese drei Amerikaner haben hinreißende, weiterwirkende Bücher geschrieben. (Nur Ford lebt noch.) Verpassen Sie keines von ihnen.

Von Aldecoa nehme ich Gran Sol, das Fischfang-Epos. Ganz sicher eine Welt, mit der Don Jorge nicht so vertraut ist. Wenn ich ihn richtig einschätze. Von Javier Marías wähle ich den sehr kurzen, meisterhaften Gefühlsmenschen. Und von Rafael Chirbes die bewegende Geschichte einer ganzen spanischen Generation, nämlich über die Kinder der Verlierer des Bürgerkriegs. Zum Schluss einen exzellenten literarischen Thriller, Plenilunio von Antonio Muñoz Molina. Was Graham Greene betrifft, seinen Monsignor Quixote… es ist ein Spanienbuch. Für Spanienliebhaber. Für die Verehrer von manchego und Marqués de Murrieta. Sie wissen schon. Es war ein persönlicher Wunsch von Sanchos Esel.

Ich hatte das hier etwas kürzer halten wollen. Nun gut. Es sind zwanzig Bücher. Vielleicht ist etwas dabei, was Sie interessiert.

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Madrid, Proust, Dickens, Rulfo, Bücher, Clarín, Corpus Barga

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).