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Rio de Janeiro bricht Madrid das Herz

04.10.2009, 23:53 Uhr  ·  Madrid hat es wieder nicht geschafft. Das Jahr 2016 wird die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro erleben. Die große Frage nach dem zweiten Scheitern in Folge wird sein, ob Madrid die Möglichkeit eines dritten Scheiterns in Kauf nehmen will, indem es sich abermals für die Spiele des Jahres 2020 bewirbt. Es gibt Beispiele für solche Zähigkeit. Leider wäre der Ausgang der abermaligen Bewerbung unvorhersehbar, denn manchmal wird Penetranz belohnt, manchmal nicht.

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Madrid hat es wieder nicht geschafft. Das Jahr 2016 wird die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro erleben. Die große Frage nach dem zweiten Scheitern in Folge wird sein, ob Madrid die Möglichkeit eines dritten Scheiterns in Kauf nehmen will, indem es sich abermals für die Spiele des Jahres 2020 bewirbt. Es gibt Beispiele für solche Zähigkeit. Leider wäre der Ausgang der abermaligen Bewerbung unvorhersehbar, denn manchmal wird Penetranz belohnt, manchmal nicht. Und wenn sich Paris ebenfalls bewerben sollte, von Berlin einmal zu schweigen, würden sich allein die europäischen Hauptstädte gegenseitig das Wasser abgraben. Und vielleicht wäre ja auch schon Afrika soweit? Und was ist mit Asien? Dass Tokio nicht auf den Rückhalt seiner Bevölkerung bauen konnte, war ein Nachteil, aber wer sagt denn, dass nicht China seine Bewerbung einreicht?

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Gerade habe ich noch einmal den Leitartikel der Zeitung ABC gelesen, der Rio mit sportlicher Geste gratuliert und alle an der Olympiabewerbung beteiligten Spanier lobt. „Dieses Mal”, so heißt es, sei Ministerpräsident Zapatero den Anforderungen gerechtgeworden. Selbst Zapatero, ergänze ich im Inneren. Eine gewisse Größe in der Niederlage war zu verspüren, Zeile für Zeile, Satz für Satz. Und dieser Geist, er beherrschte fast alle Kommentare nach der 32:66-Schlappe in der letzten und entscheidenden Abstimmung von Kopenhagen. Ja, einige unter den Spaniern fühlten sich verschaukelt. Der Madrider Bewerbung sei suggeriert worden, hieß es, sie habe trotz des traditionellen Abwechselns unter den Kontinenten eine Chance. Ja, wahrscheinlich hatte sie die sogar. Es hat eben nur nicht gereicht. Eine Garantie konnte niemand geben. Pech! Soviel Arbeit für nichts. Der König war da. Der Regierungschef. Die Sportler. Alle haben sich hereingehängt und sicherlich an Barcelona 1992 gedacht. Was soll ich sagen? Es hat nicht gereicht. Man darf sich auch für Rio freuen. Dennoch haben sie mir gefallen, die Spanier, im Optimismus wie in der Niederlage.

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Lustig war, dass drei von vier spanischen Tageszeitungen das Herz Madrids in der Schlagzeile hatten. Ein gebrochenes Herz sahen El País und ABC.  Ein gestohlenes Herz diognostizierte La Razón. Natürlich kommt das von der Werbekampagne mit der corazonada, die den verbindlichen Olympia-Optimismus wie ein großes weiches Tuch über alle verfügbaren Prominenten legte. Tengo una corazonada, sprachen sie brav in die Kamera, einer nach dem anderen. Olympiabewerbungen sind nichts für Zwischentöne, nichts für Nörgler und Skeptiker. Man strahlt wie ein Affe und gibt sein Bestes. Das haben die Leute getan. Und es hat meine volle Bewunderung.

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Was ich gern wüsste: Sollte Madrid den Kampf abermals aufnehmen und sich für das Jahr 2020 noch einmal bewerben: Ab wann bekäme ich wieder diese E-Mails mit der Betreffzeile: „Madrid 2020 informa”? Vor Monaten sagte ich einmal, sie gingen mir auf die Nerven. Aber wenn ich genauer darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ich mich an diese Mails gewöhnt habe. Sie kommen schon so lange. Erst 2012. Dann 2016. Jetzt wäre 2020 an der Reihe. Diese Mails, sie würden mir zeigen, dass Madrid weiterkämpft. Wie sagte es unser Bürgermeister so treffend? „Die Niederlage besteht nicht darin, zu verlieren: Sie besteht darin, aufzugeben.” Deswegen wird es auch niemanden überraschen, dass sich eine Zeitung, El Mundo, schon wieder ganz nach vorn wagt. Richtig so. Wir wissen noch nicht, wer dann Bürgermeister von Madrid ist, welche Konkurrenz es gäbe, wer sportlich vorzeigbar wäre und all das. Aber wir zeigen schon mal prophylaktisch Haltung, damit die Welt weiß, mit wem sie es zu tun bekommt.

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).