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Anmerkungen zum Geld

07.01.2010, 19:40 Uhr  ·  Heute bei der Zeitungslektüre habe ich mich wieder gewundert. „Was für eine hässliche Nummer, wer die wohl gekauft hat?" So lautete der Kommentar einer Frau, als sie im Fernsehen sah, auf welches Los der gordo der Dreikönigslotterie El Niño gefallen war. Erst später begriff die Frau, dass sie die hässliche Nummer selbst hatte: 58588.

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Heute bei der Zeitungslektüre habe ich mich wieder gewundert. „Was für eine hässliche Nummer, wer die wohl gekauft hat?” So lautete der Kommentar einer Frau, als sie im Fernsehen sah, auf welches Los der gordo der Dreikönigslotterie El Niño gefallen war. Erst später begriff die Frau, dass sie die hässliche Nummer selbst hatte: 58588. Da aber offenbar auch andere Menschen in Castelldefels dachten, mit dieser Losnummer sei kein gordo zu gewinnen, wurden nur sieben von sechzig Serien dieses Loses verkauft. Mit anderen Worten: 84 Personen teilen sich vierzehn Millionen Euro, die restlichen 106 Millionen gehen an den Staat.

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Ich habe El Niño nicht gespielt. Ich glaube, mein Glück winkt an irgendeinem 22. Dezember. Und da 2010 eine schöne Zahl ist, rechne ich mir für die diesjährige Weihnachtslotterie gute Chancen aus. Vielleicht sollten wir aber auch eine gemeinsame Nummer für die ganze Blog-WG kaufen. Ich weiß es nicht. Wir sind so verschieden, decken so viele geographische Regionen, Mentalitäten, Lebensalter und Professionen ab – wir haben sogar einen Luftzufächler -, dass ich mir einiges davon verspreche. Wir könnten ab Oktober einmal darüber beraten.

Was den Dreikönigstag und die Geschenke betrifft, von denen am traditionellen Termin der Reyes magos immer die Rede ist, habe ich im Radio viel darüber gehört. Dieses Jahr sagten die meisten, die auf der Straße gefragt wurden, sie wünschten sich „Gesundheit und Arbeit”. Auch die Politiker ersehnten sich für das Jahr 2010 „vor allem Arbeit”. Dann kam der Vorsitzende des Verbands der Spielzeughersteller zu Wort und sagte, der Spielzeugsektor habe die Krise nicht so stark zu spüren bekommen wie andere. Die Moderatorin fragte ihn, ob die Spielzeuge dieses Jahr ein bisschen den gesellschaftlichen Kampf um die Gleichstellung der Geschlechter widerspiegelten.
„Bitte?”
Die Moderatorin wiederholte ihre Frage und erläuterte, es gebe doch stark rollenbezogenes Spielzeug, hier für Mädchen, dort für Jungen. Ob das immer noch so sei oder ob sich die Rollenstereotypen in Spanien allmählich auflösten?
Da sagte der Vorsitzende des Verbands der Spielzeughersteller etwas Kluges. Er sagte, Spielzeuge seien ein Abbild der Gesellschaft. Die Spielzeugindustrie habe keinen ideologischen Auftrag. (Er sagte es mindestens so deutlich und wahrscheinlich schöner.) Was auch meine Antwort ist, wenn ich nach Spielzeugpistolen gefragt werde. Ich denke dann: Wir hatten Spielzeugpistolen und waren mit ihnen glücklich. Warum sollen unsere Kinder keine haben? Ich weiß, dass man diese Formel nicht auf alle Lebensbereiche übertragen kann. Aber doch auf einige.

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Noch etwas zu echten Waffen, zu denen ich eine viel kritischere Einstellung habe. Heute morgen hörte ich ein Interview mit Mikel Buesa, der sich als Wirtschaftswissenschaftler an der Universität Complutense auf die Wirtschaft des Terrorismus spezialisiert hat. Vor Jahren hatte ich einmal das Vergnügen, mich mit ihm zu unterhalten, damals war er Vorsitzender des Foro Ermua, und begreiflicherweise (sein Bruder Fernando wurde vor zehn Jahren von ETA ermordet) war er mit Zapateros Annäherungskurs an den militanten Nationalismus im Baskenland nicht einverstanden. Heute morgen gab er das Ergebnis seiner neuen Studie bekannt: Der ETA-Terrorismus kostet Spanien jährlich 680 Millionen Euro. Darin sind materielle Schäden durch Anschläge ebenso enthalten wie die Kosten für Sicherheitsbeamte, polizeiliche Untersuchungen und Personenschutz. Eine Menge Geld, ohne jeden Zweifel. Aber immer noch dreißig Millionen Euro weniger, als die Spanier dieses Jahr für die Dreikönigslotterie ausgegeben haben. Der große Unterschied: Die 680 Millionen müssen ausgegeben werden. Die 710 Millionen Euro sind eine freiwillige finanzielle Leistung, mit der sich die Menschen die Anwartschaft auf den gordo kaufen, wichtiger: die sie mit der Familie, mit Freunden, Arbeitskollegen oder Geschäftspartnern teilen. In Deutschland habe ich nie Lotterie gespielt. Aber in Spanien muss es sein, zumindest zu Weihnachten. Ich überlege schon, in welchem Winkel des Landes ich mein nächstes Los kaufen soll. Den kommenden gordo

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Das letzte Foto in diesem Blog habe ich vor einem Jahr gemacht. Der Herr darauf ist Inhaber einer Schreibwarenhandlung und erzählte mir, in den Dezemberwochen dürften die Leute bei ihm wieder mit ihren alten Pesetas bezahlen. Es sei unglaublich, was die Menschen so unter der Matratze hätten. Da ging ich in mich und musste mir eingestehen, dass ich nichts unter der Matratze habe. Keine Pesetas, keine D-Mark. Andererseits brauche ich das auch nicht. Ich rüste mich ja für den gordo.

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).