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Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Tüten und Eimer: Was Barcelona von Zürich unterscheidet

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Vor vielen Jahren saß ich auf einem Flug nach Zürich neben einem dunkelhaarigen Herrn, der sich im Lauf unserer Plauderei als Geschäftsmann herausstellte und gerade seine Eltern in der Extremadura besucht hatte. Wir sprachen über Spanien, sein Heimatdorf, gutes Essen, die Themen also, auf die man schnell kommt und über die es immer viel zu erzählen gibt. Irgendwann sagte der Mann: „Aber ich könnte dort nicht leben. Die Extremadura besuche ich; in der Schweiz lebe ich." Dann fiel er vom Spanischen in ein Schwyzerdütsch, an dessen Echtheit ich keine Sekunde zweifelte, und behielt die Sprache in der nächsten halben Stunde bei. Genau die Zeit, in welcher wir über Ordnung, Sauberkeit, frühe Bettruhe und die strengen Anstandsregeln einer gutorganisierten Zivilgesellschaft sprachen.

Vor etwa zehn Jahren saß ich auf einem Flug nach Zürich neben einem dunkelhaarigen Herrn, der sich im Lauf unserer Plauderei als Geschäftsmann herausstellte und gerade seine Eltern in der Extremadura besucht hatte. Wir sprachen über Spanien, sein Heimatdorf, gutes Essen, die Themen also, auf die man schnell kommt und über die es immer viel zu erzählen gibt. Irgendwann sagte der Mann: „Aber ich könnte dort nicht leben. Die Extremadura besuche ich; in der Schweiz lebe ich.” Dann fiel er vom Spanischen in ein Schwyzerdütsch, an dessen Echtheit ich keine Sekunde zweifelte, und behielt die Sprache in der nächsten halben Stunde bei. Genau die Zeit, in der wir über Ordnung, Sauberkeit, frühe Bettruhe und die strengen Anstandsregeln einer gutorganisierten Zivilgesellschaft sprachen.

Mein Sitznachbar, so stellte sich heraus, war als Kind von seinen Eltern mit der spanischen Auswanderungswelle in die Schweiz gebracht worden und hatte seine Heimat nur in den Ferien wiedergesehen. Während seine Eltern in die Extremadura zurückkehrten, sobald ihre finanzielle Situation es ihnen erlaubte, blieb der Mann in Zürich, erwarb eine gute Ausbildung und fand mühelos Arbeit. Für ihn hatte immer festgestanden, dass er sich mehr als Schweizer denn als Spanier empfand. Er war, sagen wir, zum Gemütsschweizer geworden und pries die Errungenschaften der schweizerischen Gesellschaft über alles. „Das spanische Chaos”, sagte er. „Der Lärm. Der Dreck. Das würde ich nicht ertragen. Nicht jeden Tag.”

Gemischte Herkunft, Bikulturalität  und Zwei- oder Dreisprachigkeit bringen immer einen interessanten Cocktail hervor, denn die äußeren Faktoren treffen auf einen unvorhersehbaren Charakter und eine bestimmte innere Disposition. Wo das eine Kind sich weigert, eine bestimmte Sprache zu benutzen, erobert sich ein anderes diese Sprache als persönliches Ausdrucksmedium. Extreme Fälle solcher leidenschaftlichen Aneignung liefert die Literatur: Borges empfand sich – dank der englischen Großmutter – tief drinnen als angelsächsisch empfindender Schriftsteller, und Joseph Conrad und Vladimir Nabokov legten zugunsten des Englischen, das sie zu ihrer Literatursprache erhoben, sogar ihre jeweiligen Muttersprachen – Polnisch und Russisch – beiseite.

Mit der Sprache verwoben ist das Affektive. Was mag einer? Was entspricht ihm am meisten, wo fühlt er (sie) sich zu Hause? Zu dem Sohn spanischer Einwanderer, der zum Schweizer geworden war, kenne ich ein Gegenstück, nämlich den literarischen Übersetzer Peter Schwaar, den ich gerade in Barcelona getroffen habe. Peter Schwaar, der die Romane von Eduardo Mendoza, Carlos Ruiz Zafón und anderen ins Deutsche übertragen hat, verbringt nur wenige Wochen im Jahr in seiner Heimat; in der übrigen Zeit, der eigentlichen, zieht er den Süden vor. Als wir über Bürgerbewusstsein und Ökologie sprachen, sagte er, Barcelona sei ziemlich fortschrittlich, es gebe sogar eine aufwendige Mülltrennung und regelrechte Kampagnen, um die Menschen zum Umdenken zu bewegen.
Ich erzählte ihm von den eher schlappen Madrider Versuchen in dieser Richtung; von bolsa caca und den kleinen Umweltdebatten in unserem Blog.
Nein, sagte er, das sei in Barcelona ganz ernstzunehmen. Und als ich ihm sagte, ich würde das Prinzip dieser Mülltrennung gern kennenlernen, am besten mit Fotos, versprach er, mir dazu etwas zu schicken.

Bild zu: Tüten und Eimer: Was Barcelona von Zürich unterscheidet

Schon am nächsten Tag – Peter Schwaar mag im Süden leben, doch er bleibt Schweizer – bekam ich die erste E-Mail mit Erläuterungen. Im Anhang, so schrieb er, sende er zwei Fotos von Barcelona ecologista.

„Auf dem ersten Bild die drei Entsorgungstüten, die das Ayuntamiento an sämtliche Haushalte verteilte (das Material erscheint mir nicht unbedingt umweltfreundlich, dafür ist es höchst solide, ich benutze die Dinger seit über zwei Jahren). Auf dem zweiten Bild dasselbe wie auf dem ersten – plus der neue kleine cubo für die basura orgánica, der samt einer Rolle abbaubarer Tüten ebenfalls gratis zu beziehen war. Auf Barcelonas Straßen nun also alle paar Meter: die grauen Container für den normalen Müll; die braunen für den organischen; die blauen, grünen und gelben (siehe Tüten) für Papier/Karton, Flaschen und Plastik/Metall. Im Hintergrund, orangefarben, die juteähnliche Einkaufstüte, die auf den Märkten verteilt wurde und auf der aufgedruckt ist: porta’m a comprar! (Nimm mich zum Einkaufen mit) und reutilitza’m! (Verwende mich wieder). Dazu kommt, wie gesagt, dass man in den Caprabo-Filialen an der Kasse seit einiger Zeit gefragt wird, ob man eine Tüte brauche – die muss man dann zwar (noch) nicht bezahlen, aber es liegt nicht mehr einfach wie früher ein Stapel auf. Du siehst, Barcelona hat sich der Umwelt verschrieben, weit mehr als beispielsweise Zürich.”

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Als ich mir das so betrachtete, schien alles wieder seine Ordnung zu haben. Barcelona ist weiter als viele andere Teile des Landes und bemüht sich, eine saubere Stadt zu werden. Dann erreichte mich die zweite Mail. Wieder hing ein Foto daran, das ich Ihnen nicht vorenthalten will, dazu Peter Schwaars Kommentar: „Hier kommt noch sozusagen die Außenansicht – die heute vormittag erwähnte Containerschwemme. Nicht immer stehen sie so schön in Reih und Glied.”

Natürlich nicht, denke ich. Aber die Sache kommt dem nordeuropäischen Ideal schon ziemlich nahe.

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130 Lesermeinungen

  1. Ja, wer hat denn da schon...
    Ja, wer hat denn da schon wieder einen Karton so unordentlich neben den grünen Container gelegt? Pappe muß doch neben blau!

  2. Vorsicht, Dulcinea, es könnte...
    Vorsicht, Dulcinea, es könnte ja sein, dass es wieder kein kopfkraulender Ingenieur ist. Einmal kann ich es überwinden. Lassen wir es uns lieber erklären.

  3. mugabarru, Sie sind ein Genie....
    mugabarru, Sie sind ein Genie. Natürlich! Daß ich das nicht gleich gesehen habe! Den hat mein Ingenieur dort hingelegt! Das ist sein Pizzakarton! Und da er ein Mann ist, ist er etwas farbenblind. Oder zerstreut. Oder beides. Aber er hat das Prinzip verstanden!

  4. Gemütsschweizer finde sehr...
    Gemütsschweizer finde sehr schön ausgedrückt. Und Sie, Herr Ingendaay, befinden Sie sich auf dem Weg zum Gemütsspanier? Wäre das ein denkbares Ziel für Sie? Meinen Sie, das wäre, sofern wünschenswert, überhaupt machbar, wenn Sie nicht zweisprachig aufgewachsen wurden? Um einer naheliegenden Frage vorzubeugen: Ich fände Gemütsberliner für mich als Charakterisierung mehr als akzeptabel. Aber zuerst habe ich mich wieder vertippt, und es entstand der Gemützberliner. Gut, dass ich das noch rechtzeitig korrigieren konnte.

  5. Sie erwähnten im letzten...
    Sie erwähnten im letzten Beitrag Miguel Hernández, hier ein Link dazu: http://www.elperiodico.com/default.asp?idpublicacio_PK=46&idioma=CAS&idnoticia_PK=680468&idseccio_PK=1013

  6. Was macht einen Menschen zum...
    Was macht einen Menschen zum Gemütsschweizer, – spanier, usw.? Ist es die Sprache, wie pardel empfindet? Ist es die Kindheit, ich aus pastora-marcelas letztem Beitrag verstanden habe? Ist es der Eifer des Konvertiten?

  7. pardel und mugabarru, eine...
    pardel und mugabarru, eine sehr schöne, tiefe, schwierige Frage. Ich weiß es nicht! Aber ich denke ständig darüber nach. Lassen Sie mich eine Teilantwort probieren. Das, was in der Masse fürchterlich ist (die Liebe der Deutschen zu Italien, um mal ein Beispiel zu nennen, oder die Liebe der Deutschen zu Mallorca), wird im Einzelfall interessant und vielschichtig. Deshalb interessieren mich nur Einzelfälle. Ein paar Andeutungen über den Einzelfall, den ich selbst darstelle, habe ich in meinem Spanienbuch gemacht. Die deutsche Traditionslosigkeit nach der (materiellen und moralischen) Verwüstung durch Diktatur und Krieg hat das traditionsbezogene Spanien sicherlich sehr anziehend für mich gemacht. Dann die landschaftliche Weite, die Leere, die ich als Spiegel des Inneren empfinde – nur, welches Inneren? Auch das weiß ich nicht. Dann die seelische Großzügigkeit, die Gastfreundschaft. Züge, die einen traditionsarmen Menschen begeistern und berühren können. Fast hätte ich das Katholische vergessen, womit ich nicht das Glaubensdogma meine, sondern die katholische Bildlichkeit. Bin ich deshalb Gemütsspanier? Selbst das weiß ich nicht. Sagen wir, ich fühle mich diesem Empfinden immer wieder nahe, fühle mich wohl unter Spaniern und so weiter. Sie sollten Peter Schwaar fragen, er empfindet dasselbe.
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    Danke, pardel, auch für den Serrat-Link. Ein anderes Medium macht mit der Aussage auf, es sei typisch, dass der hundertste Geburtstag von Miguel Hernández genau in die Krise falle, der Bursche habe schon im Leben kein Glück gehabt und nach seinem Tod eben auch nicht.

  8. Das mit dem "Eifer des...
    Das mit dem “Eifer des Konvertiten”, mugabarru, das haben Sie schön gesagt. Das gibt es. Ich habe das an einzelnen Deutschen beobachten können, die mit dem ausländischen Ort, an dem sie leben, derart fusionieren, daß eine Identifizierung als Deutscher unmöglich werden soll. Natürlich verstehe ich den Impuls, der dahinter steckt! Das muß jeder für sich entscheiden. Doch die Sprache, die man tief in sich trägt… Ich bewundere Menschen, die diese Sprache wechseln mußten oder gewechselt haben, wirklich uneingeschränkt. Ich finde das tapfer. Die innere Sprache für eine andere aufzugeben, ist, wie eine imaginäre Heimat, auch, wenn man sie nie hatte, ein zweites Mal zu verlassen. Das könnte ich sicher nicht.

  9. Ach, Serrat mögen Sie auch?...
    Ach, Serrat mögen Sie auch? Das lese ich gerne! Der Schulfreund, mit dem ich vor Eweigkeiten im Nordwesten Spaniens herumfuhr ist von Beruf Lehrer. Er erzählte mir einst kopfschüttelnd, dass die Kinder seiner Provinzschule “¡jo, que carca!” gerufen haben sollen, als er über Serrat anhob zu berichten. “Unseren” Serrat! Unerhört! Er sei sich alt vorgekommen. Da musste ich grinsen. Sich bei dem Job alt fühlen, wem wundert es?
    Ich bin mir nicht sicher, ob es die Sprache ist, mugabarru, Herr Ingendaay schrieb zuerst über zwei- und dreisprachige Kinder, ich habe das in meiner Frage nur aufgenommen. Es ist eher etwas weniger greifbares, denke ich. Aber was es letztendlich ist, weiss ich auch nicht. Deswegen bin ich neugierig auf andere Sichtweisen. Berlinern tue ich jedenfalls auch als Gemütsberliner nicht und mein Deutsch ist (schriftlich jedenfalls) manchmal unfreiwillig originell. Vielleicht können wir dabei auch über die Grenzen der Zwei- oder Mehrsprachigkeit überlegen, evtl. aus der Perspektive des (vermeintlich) Mehrsprachigen und aus der Perspektive der Eltern, welche die Entwicklung dieser Fähigkeit bei ihren Kindern mit und aus dem Bewußtsein des Erwachsenen erleben. Mal sehen, wo die Kommentare diesmal hinmäandern.

  10. <p>Das Sprachthema ist...
    Das Sprachthema ist unendlich, Dulcinea und pardel. Ich habe festgestellt, dass mein geliebtes Englisch andere seelische Territorien abdeckt als das nicht minder geliebte Spanische. Das heißt, die Fremdsprachen ergänzen sich. Das hängt zum Teil, aber nicht nur mit der Zeit zusammen, die man im jeweiligen Land (oder den jeweiligen Ländern) gelebt hat. Ein anderer, sehr wesentlicher Teil, zumindest für mich, ist das Reich der Gedanken. Der Bücher. All dessen, was in einer Sprache gedacht und geschrieben wurde. Oft stehen diese Gedanken in scharfem Kontrast zur Realität, wodurch diese zur Karikatur des Geschriebenen wird. Dumme Menschen glauben ja, die Literatur sei die Karikatur. Ich glaube eher: die Wirklichkeit.

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