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Zweite Postkarte aus der Sahara: Von sich selbst erzählen

31.05.2010, 00:30 Uhr  ·  Es ist immer schön, wenn sich ein ganzes Volk einmütig über etwas freut. So war es, als die Deutschen vor vier Jahren keinen besonders schönen, dafür aber einen „frischen" Fußball spielten und viele Leute Fernseher in den Hof stellten und Fahnen an ihre Autos steckten. Und so scheint es auch jetzt zu sein, da ein neunzehnjähriges Mädchen den europäischen Schlagerwettbewerb gewonnen hat. Es tut gut, so etwas zu sehen. Wir haben ja nicht so viel, worüber wir uns freuen können. Gemeinsam, meine ich.

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Es ist immer schön, wenn sich ein ganzes Volk einmütig über etwas freut. So war es, als die Deutschen vor vier Jahren keinen besonders schönen, dafür aber einen „frischen” Fußball spielten und viele Leute Fernseher in den Hof stellten und Fahnen an ihre Autos steckten. Und so scheint es auch jetzt zu sein, da ein neunzehnjähriges Mädchen den europäischen Schlagerwettbewerb gewonnen hat. Es tut gut, so etwas zu sehen. Wir haben ja nicht so viel, worüber wir uns freuen können. Gemeinsam, meine ich.

Die soziologischen Deutungen dessen, was da geschehen ist, lese ich mit dem größten Interesse. Dass etwa die Briten auch gern wieder den europäischen Schlagerwettbewerb gewinnen würden, weil sie das lange nicht mehr geschafft haben. Und wie sich jedes einzelne Land so damit fühlt, seine Erwartungen und Hoffnungen enttäuscht zu sehen. Gern denke ich auch an Nicole und „Ein bisschen Frieden” zurück, unseren letzten Sieg im europäischen Schlagerwettbewerb. Damals, 1982, fuhr ich nach Griechenland, und ein spanischer Freund, der Nicoles Lied auf einer Cassette hatte, auf der sonst nur englischsprachige Lieder waren, drehte Nicole auf, als wir uns Delphi näherten, und wenn ich mich richtig erinnere, sang er sogar mit. Oder wir sangen beide mit. Ich weiß es nicht mehr. Wir waren beide in einem Alter, in dem man sich für kaum etwas schämt.

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Neulich in der Sahara, bei den Saharauis im Flüchtlingslager Dakhla, freuten sich die Menschen auch. Sie freuten sich, weil ein paarhundert Leute aus Spanien kamen, um vier Tage bei ihnen zu sein und an ihrem Leben teilzuhaben. Wovon ich hier noch gar nicht erzählt habe, ist, dass die Saharauis der Lager von diesem Jahr an eine eigene Filmschule haben werden. Sie befindet sich im Lager „27. Februar” – der Name erinnert an die Gründung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara vor vierunddreißig Jahren – und wurde am letzten Tag unseres Aufenthalts eingeweiht. Ich sprach mit Mario Crespo, einem Venezolaner, der die Schule im ersten Jahr leiten wird. Die Idee ist, den Menschen den Umgang mit der Kamera beizubringen, damit sie von sich selbst berichten können. 

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Die Aufnahmeprüfung für das erste Jahr bestand in einem fünfminütigen Kurzfilm. Die besten Arbeiten wurden auf dem Sahara-Filmfestival gezeigt. Die Nachwuchsregisseurin, die bei der Eröffnung der Schule alle Blicke auf sich zog, war schön, jung und trug ein rotes Gewand. Während sie mit der Filmkamera durch das Treiben ging und unentwegt Bilder drehte, wurde sie ihrerseits unablässig fotografiert. Ich wiederum stand dabei und fotografierte sowohl die Filmende als auch die sie Fotografierenden. Natürlich kam mir die Situation reichlich absurd vor, aber an diesem Nachmittag, an diesem Ort hatte sie eine gewisse Poesie. Auf dem Bild unten sehen Sie meinen geschätzten Kollegen Manuel Meyer, der keinen sportlichen Einsatz scheut, um schöne Fotos zu machen. 

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Mario Crespo erzählte mir, wo und wie er früher Regie gelehrt hat. „Wir gehen zu den Ärmsten, den am Rand Lebenden, wir geben ihnen eine Kamera in die Hand und schauen, was passiert.” Im Jahr 1997 zum Beispiel hatte er die Genehmigung erhalten, in einem venezolanischen Gefängnis mit Häftlingen zu arbeiten. Man konnte den Häftlingen die Geräte nicht dalassen, der Unterricht beschränkte sich darauf, sie ein oder zwei Stunden täglich mit der Kamera hantieren zu lassen, in den Fluren, beim Hofgang, in der engsten Umgebung, die sie jeden Tag sahen. „Diese Leute”, sagte Crespo, „galten als gefährliche Verbrecher. Gewalttaten unter den Häftlingen gehörten zum Alltag. Aber sobald sie anfingen, mit der Kamera über sich selbst nachzudenken, nahm ihre Gewaltneigung schlagartig ab. Sie steckten sich keine Messer mehr in den Leib, sondern begannen, eine Perspektive zu entwickeln und sich für ihre Geschichte zu interessieren.”

Das Projekt war ein großer Erfolg. Und eigentlich sind solche Unternehmen – mit den Benachteiligten und Ausgestoßenen zu arbeiten – das Einzige, was Mario Crespo interessiert. Er wird die Schule in der algerischen Wüste mit seinem spanischen Kollegen ein Jahr lang leiten, wird fünfzehn Schüler und Schülerinnen (darunter auch die Schöne in ihrem roten Gewand) zehn Monate betreuen, so dass sie etwas vorweisen können, und dann wohl weiterziehen. Niemand bleibt lange in den Lagern. Es sind Orte ohne Zukunft, und die Jungen versuchen, in Algerien oder Kuba zu studieren. Manche schaffen es auch nach Spanien. Irgendwann werden nur noch jene da sein, die nicht wegkönnen, die Frauen, die Kriegsveteranen, die Alten, und vielleicht werden sie nicht einmal mehr von der Hoffnung auf Besserung sprechen. In den ersten Jahren des Sahara-Filmfestivals hieß es immer, das Festival arbeite daran, endlich überflüssig zu werden, es werde es nur solange geben, bis die Saharauis in einem eigenen Staat leben. Aber einerseits lässt der eigene Staat so lange auf sich warten, dass man gut daran tut, irgendwann zu akzeptieren, welche Richtung das reale Leben nimmt, und andererseits hat sich die Absicht verfestigt, das Filmfestival auch dann auszurichten, wenn es nicht mehr notwendig sein sollte – dann eben in einem eigenen Staat der Westsahara. Ein paar Utopien wird man sich noch leisten dürfen.

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Sagen wir also, von diesen fünfzehn Filmschülern gelänge es zweien oder dreien – vielleicht ja auch der Schönen in ihrem roten Gewand -, mit Hilfe von Filmen etwas über sich mitzuteilen. Auf eine Weise, die man in anderen Ländern versteht. In einer Sprache, die nicht an Kontinente, Dritte Welten oder Klimazonen gebunden ist: Das wäre alles, was man sich erhoffen dürfte. Hören wir nicht seit Samstagabend, dass diese Neunzehnjährige, die den europäischen Schlagerwettbewerb gewonnen hat, so unverkrampft und natürlich rüberkommt, dass man sie einfach mögen muss? Dass sich sonderbarerweise viele Millionen Menschen für sie interessieren, die vorher nicht einmal ahnten, dass so eine junge Frau ihnen etwas zu sagen haben könnte? Dass diese deutsche Siegerin frisch, unverdorben, dabei unbefangen und „ganz sie selbst” sei? Eben. Darum geht es. In den kälteren und den heißeren Zonen.

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                                                      [ Fotos: Ulrich Korn (1,2,5), Sanchos Esel (3,4) ]

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).