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Londoner Erstausgaben und die Abstammung des Menschen

25.07.2010, 17:30 Uhr  ·  Neulich habe ich in London den Filmregisseur Terence Davies kennengelernt, dessen Filme ich bewundere und immer wieder anschauen kann, und weil einer seiner besten eine Literaturverfilmung ist, The House of Mirth nach dem Roman von Edith Wharton (der deutsche Verleihtitel lautet Haus Bellomont), ging ich nach unserem Gespräch zur Charing Cross Road, um zu sehen, ob die Antiquariate eine schöne alte Ausgabe dieses Romans hätten.

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Neulich habe ich in London den Filmregisseur Terence Davies kennengelernt, dessen Filme ich bewundere und immer wieder anschauen kann, und weil einer seiner besten eine Literaturverfilmung ist, The House of Mirth nach dem Roman von Edith Wharton (der deutsche Verleihtitel lautet Haus Bellomont), ging ich nach unserem Gespräch zur Charing Cross Road, um zu sehen, ob die Antiquariate eine schöne alte Ausgabe dieses Romans hätten. Gleich im ersten hatte ich Glück, zumindest in einer Beziehung. Henry Pordes Books – es war schon vor fünfundzwanzig Jahren das erste Antiquariat, das ich auf der Charing Cross Road anzusteuern pflegte – führte die amerikanische Erstausgabe von Scribner’s, Ledereinband, saubere Typographie, sehr gut erhalten. Nur der Preis machte mich nachdenklich: 299 Pfund. Nicht, dass Edith Wharton oder das ehrwürdige Alter oder die Qualität des Romans es nicht wert wären. Wenn Sie The House of Mirth noch nicht gelesen haben, müssen Sie es unbedingt nachholen. Wer sich jedoch in der Biographie von Edith Wharton ein wenig auskennt, weiß, dass sie mit einigen ihrer Bücher außerordentlich erfolgreich war – das ist oft so bei wohlhabeden Menschen, die es eigentlich nicht mehr nötig hätten -, und The House of Mirth gehört dazu. Die Startauflage betrug seinerzeit 40.000 Exemplare, wenn ich das richtig im Kopf habe, so dass die „First Edition”, die ich bei Henry Pordes in der Hand hielt, durchaus keine Rarität darstellt. Ich habe keine Marktanalyse betrieben, doch ich nehme an, diese Ausgabe wäre in Amerika günstiger zu bekommen. 

All das hätte nicht gegen den Kauf in diesem schönen Londoner Antiquariat gesprochen. Käufe dieser Art sind selten „vernünftig” oder wertorientiert, meistens gehorchen sie einem Instinkt, einem plötzlichen Wunsch, der Sehnsucht nach der Verewigung eines besonderen Augenblicks. Tatsächlich wollte ich wohl an dem Tag, da ich ein langes Gespräch mit Terence Davies geführt hatte, den Roman kaufen, den dieser Meister des britischen Kinos vor zehn Jahren verfilmt hat. So einfach war das; und gegenüber diesem Wunsch verblasste die Tatsache, dass ich den Roman schon in zwei verschiedenen Ausgaben besitze. Nur die dreihundert Pfund waren mir an jenem Nachmittag etwas zu viel. Dreihundert Pfund, das ist mehr, als ich vor fünf Jahren in Seattle, Washington, für meine fünfundzwanzigbändige Encyclopaedia Britannica (neunte Auflage) von 1879 ff. mit Ledereinband bezahlt habe. Plötzlich wurde das schöne Buch doch vergleichbar, nämlich mit anderen schönen Büchern. Also dankte ich und ließ mir weitere alte Edith-Wharton-Ausgaben zeigen, durchaus mit den Worten: „Haben Sie auch etwas Günstigeres?”

Man hatte. Ich sah mir zwei Bände mit Erzählungen an, den einen für vierzig, den anderen für sechzig Pfund. Beide Bände dürften eine kleinere Erstauflage gehabt haben als The House of Mirth, sind allerdings nicht so berühmt. Daher der niedrigere Preis. Zudem waren sie bei Macmillan in London, nicht bei Scribner in New York herausgekommen. Die Ausgaben waren auch nicht annähernd so edel, vielmehr stammten sie aus einer Reihe mit dem Namen „Six-Shilling Novels”. Sechzehn Seiten ganz am Ende führten einige der Autoren auf, die seinerzeit in dieser populären Serie bei Macmillan erschienen sind, und auch wenn man die Namen Kipling, H.G. Wells oder Winston Churchill (seinerzeit ein junger, aufstrebender Autor) natürlich kennt, dürften die meisten der damals in ansehnlichen Auflagen erscheinenden novelists of the day heute restlos vergessen sein. Oder kennen Sie F. Marion Crawford, Cutcliffe Hyne, Florence Montgomery, Beulah Marie Dix oder Rosa Nouchette Carey? Falls ja, bitte klären Sie mich auf. Wenn aber nicht, dann murmeln Sie mir nach: Die Nachwelt kann sehr grausam sein. 

Als ich genauer auf die mit Bleistift in die Innenklappe geschriebenen Angaben schaute, sah ich in Edith Whartons Erzählband The Descent of Man nicht nur „1st ed”, sondern auch einen kleinen Pfeil und dahinter den Namen Karel Reisz. „Wir haben seine Bibliothek gekauft”, sagte der Antiquar auf meine Frage. (Reisz starb 2002. Vielleicht kennt jemand seinen bekanntesten Film, The French Lieutenant’s Woman.) Nun, das fand ich merkwürdig. Ich bin in London, befasse ich mich mit dem Werk eines Filmregisseurs und gerate beim Buchstöbern auf die Spur eines anderen. Und nur, weil die beiden sich mit derselben amerikanischen Autorin beschäftigt haben. Natürlich musste ich das Buch kaufen. Ich las die erste Erzählung, „The Descent of Man”, und empfand sie nicht als Meisterwerk, doch sie schien mir auf merkwürdige Weise zu den beiden Filmregisseuren Terence Davies und Karel Reisz zu passen, die beide nicht gerade ein Massenpublikum anziehen. Erzählt wird die Geschichte eines gelehrten Professors, der in Fachkreisen hohe Anerkennung genießt, sich aber zunehmend über die platte Popularisierung der Naturwissenschaften durch Journalisten und Weltanschauungsprediger ärgert. Von Blogs wusste er noch nichts. Er beschließt also, eine Satire auf solche simplistischen Erklärungsmodelle zu schreiben. Der erste Verleger jedoch, dem er sein Manuskript zeigt, nimmt es als populäres Sachbuch ernst und verhilft ihm zu einem gigantischen Bestsellererfolg. Auch seine Frau empfindet neue Achtung vor dem verblüfften Professor, der plötzlich wohlhabend ist und als guest speaker herumgereicht wird. Ich erspare Ihnen die moralische Schlussfolgerung aus der Geschichte. Wir wissen alle, dass die Welt kein Ort ist, der Subtilität belohnt. 

Und mit dieser Betrachtung verabschiedet sich Sanchos Esel und geht für ein paar Wochen auf die Sommerweide. Lassen Sie es sich gutgehen. Meiden Sie Mücken, starken Alkohol und lärmende Menschenmengen. Demnächst hören wir uns wieder.

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).