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Sanchos Esel

Sanchos Esel

Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Londoner Erstausgaben und die Abstammung des Menschen

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Neulich habe ich in London den Filmregisseur Terence Davies kennengelernt, dessen Filme ich bewundere und immer wieder anschauen kann, und weil einer seiner besten eine Literaturverfilmung ist, The House of Mirth nach dem Roman von Edith Wharton (der deutsche Verleihtitel lautet Haus Bellomont), ging ich nach unserem Gespräch zur Charing Cross Road, um zu sehen, ob die Antiquariate eine schöne alte Ausgabe dieses Romans hätten.

Neulich habe ich in London den Filmregisseur Terence Davies kennengelernt, dessen Filme ich bewundere und immer wieder anschauen kann, und weil einer seiner besten eine Literaturverfilmung ist, The House of Mirth nach dem Roman von Edith Wharton (der deutsche Verleihtitel lautet Haus Bellomont), ging ich nach unserem Gespräch zur Charing Cross Road, um zu sehen, ob die Antiquariate eine schöne alte Ausgabe dieses Romans hätten. Gleich im ersten hatte ich Glück, zumindest in einer Beziehung. Henry Pordes Books – es war schon vor fünfundzwanzig Jahren das erste Antiquariat, das ich auf der Charing Cross Road anzusteuern pflegte – führte die amerikanische Erstausgabe von Scribner’s, Ledereinband, saubere Typographie, sehr gut erhalten. Nur der Preis machte mich nachdenklich: 299 Pfund. Nicht, dass Edith Wharton oder das ehrwürdige Alter oder die Qualität des Romans es nicht wert wären. Wenn Sie The House of Mirth noch nicht gelesen haben, müssen Sie es unbedingt nachholen. Wer sich jedoch in der Biographie von Edith Wharton ein wenig auskennt, weiß, dass sie mit einigen ihrer Bücher außerordentlich erfolgreich war – das ist oft so bei wohlhabeden Menschen, die es eigentlich nicht mehr nötig hätten -, und The House of Mirth gehört dazu. Die Startauflage betrug seinerzeit 40.000 Exemplare, wenn ich das richtig im Kopf habe, so dass die „First Edition“, die ich bei Henry Pordes in der Hand hielt, durchaus keine Rarität darstellt. Ich habe keine Marktanalyse betrieben, doch ich nehme an, diese Ausgabe wäre in Amerika günstiger zu bekommen. 

All das hätte nicht gegen den Kauf in diesem schönen Londoner Antiquariat gesprochen. Käufe dieser Art sind selten „vernünftig“ oder wertorientiert, meistens gehorchen sie einem Instinkt, einem plötzlichen Wunsch, der Sehnsucht nach der Verewigung eines besonderen Augenblicks. Tatsächlich wollte ich wohl an dem Tag, da ich ein langes Gespräch mit Terence Davies geführt hatte, den Roman kaufen, den dieser Meister des britischen Kinos vor zehn Jahren verfilmt hat. So einfach war das; und gegenüber diesem Wunsch verblasste die Tatsache, dass ich den Roman schon in zwei verschiedenen Ausgaben besitze. Nur die dreihundert Pfund waren mir an jenem Nachmittag etwas zu viel. Dreihundert Pfund, das ist mehr, als ich vor fünf Jahren in Seattle, Washington, für meine fünfundzwanzigbändige Encyclopaedia Britannica (neunte Auflage) von 1879 ff. mit Ledereinband bezahlt habe. Plötzlich wurde das schöne Buch doch vergleichbar, nämlich mit anderen schönen Büchern. Also dankte ich und ließ mir weitere alte Edith-Wharton-Ausgaben zeigen, durchaus mit den Worten: „Haben Sie auch etwas Günstigeres?“

Man hatte. Ich sah mir zwei Bände mit Erzählungen an, den einen für vierzig, den anderen für sechzig Pfund. Beide Bände dürften eine kleinere Erstauflage gehabt haben als The House of Mirth, sind allerdings nicht so berühmt. Daher der niedrigere Preis. Zudem waren sie bei Macmillan in London, nicht bei Scribner in New York herausgekommen. Die Ausgaben waren auch nicht annähernd so edel, vielmehr stammten sie aus einer Reihe mit dem Namen „Six-Shilling Novels“. Sechzehn Seiten ganz am Ende führten einige der Autoren auf, die seinerzeit in dieser populären Serie bei Macmillan erschienen sind, und auch wenn man die Namen Kipling, H.G. Wells oder Winston Churchill (seinerzeit ein junger, aufstrebender Autor) natürlich kennt, dürften die meisten der damals in ansehnlichen Auflagen erscheinenden novelists of the day heute restlos vergessen sein. Oder kennen Sie F. Marion Crawford, Cutcliffe Hyne, Florence Montgomery, Beulah Marie Dix oder Rosa Nouchette Carey? Falls ja, bitte klären Sie mich auf. Wenn aber nicht, dann murmeln Sie mir nach: Die Nachwelt kann sehr grausam sein. 

Als ich genauer auf die mit Bleistift in die Innenklappe geschriebenen Angaben schaute, sah ich in Edith Whartons Erzählband The Descent of Man nicht nur „1st ed“, sondern auch einen kleinen Pfeil und dahinter den Namen Karel Reisz. „Wir haben seine Bibliothek gekauft“, sagte der Antiquar auf meine Frage. (Reisz starb 2002. Vielleicht kennt jemand seinen bekanntesten Film, The French Lieutenant’s Woman.) Nun, das fand ich merkwürdig. Ich bin in London, befasse ich mich mit dem Werk eines Filmregisseurs und gerate beim Buchstöbern auf die Spur eines anderen. Und nur, weil die beiden sich mit derselben amerikanischen Autorin beschäftigt haben. Natürlich musste ich das Buch kaufen. Ich las die erste Erzählung, „The Descent of Man“, und empfand sie nicht als Meisterwerk, doch sie schien mir auf merkwürdige Weise zu den beiden Filmregisseuren Terence Davies und Karel Reisz zu passen, die beide nicht gerade ein Massenpublikum anziehen. Erzählt wird die Geschichte eines gelehrten Professors, der in Fachkreisen hohe Anerkennung genießt, sich aber zunehmend über die platte Popularisierung der Naturwissenschaften durch Journalisten und Weltanschauungsprediger ärgert. Von Blogs wusste er noch nichts. Er beschließt also, eine Satire auf solche simplistischen Erklärungsmodelle zu schreiben. Der erste Verleger jedoch, dem er sein Manuskript zeigt, nimmt es als populäres Sachbuch ernst und verhilft ihm zu einem gigantischen Bestsellererfolg. Auch seine Frau empfindet neue Achtung vor dem verblüfften Professor, der plötzlich wohlhabend ist und als guest speaker herumgereicht wird. Ich erspare Ihnen die moralische Schlussfolgerung aus der Geschichte. Wir wissen alle, dass die Welt kein Ort ist, der Subtilität belohnt. 

Und mit dieser Betrachtung verabschiedet sich Sanchos Esel und geht für ein paar Wochen auf die Sommerweide. Lassen Sie es sich gutgehen. Meiden Sie Mücken, starken Alkohol und lärmende Menschenmengen. Demnächst hören wir uns wieder.

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5 Lesermeinungen

  1. Unvorsichtigerweise habe ich...
    Unvorsichtigerweise habe ich meiner jazzistischen Leidenschaft in der Nachbarprovinz gefrönt, Jazzaldia. Schöne musikalische Erlebnisse gemischt mit Alkohol ergaben kompromittierende Erlebnisse. Pardel, du gratuliertest kürzlich der Nachbarprovinz zum Aufstieg in die Primera Division und ich, nun, ich muss ganz beschämt gestehen, dass ich heute den „txuri-urdin, txuri-urdin-urdinak“ mitgesummt habe. Aber es waren nur die drei Gin-tonics zu viel. Ganz klar ist meine Provinz, Bizkaia überlegen, wir sind besser, klüger, lustiger und überhaupt…… Doch will ich dies nicht auf meiner, vielleicht subjetktiven Sicht beruhen lassen. Anschliessend habe ich die verschiedenen Hymnen und Versionen verlinkt, damit du dir beim Punting in Cambridge einen ruhigen und objektiven Einblick machen kannst. Als erstes die Hymne der Real Sociedad, also das was die Konkurrenz-Provinz singt:
    http://www.youtube.com/watch?v=KKEk6HfyJFo. Danach kommen verschiedene Versionen der Löwenhymne. Die zweite Version gilt als Baskenwitz, aber die andalusich-baskische aflamencado Version ist köstlich. Die nächste Liga kommt ja bestimmt, und wie ich immer wieder andeute; Spanien ist mehr als Madrid und Barcelona. Viel Vergnügen.
    http://www.youtube.com/watch?v=17iAvDJ7gKw&feature=related,
    http://www.youtube.com/watch?v=OxWG4LenXm4,
    http://www.youtube.com/watch?v=abJLL-4zIgU&feature=related, http://www.youtube.com/watch?v=5oWbCQQz5FA&feature=related,
    http://www.youtube.com/watch?v=ZFh3tUiY4q8&NR=1

  2. Lieber Gastgeber, viel...
    Lieber Gastgeber, viel Vergnügen auf der Sommerweide, trinken sie viel Wasser, halten sie siestas, allein oder in guter Begleitung, und von mir aus dürfen sie Alkohol geniessen, so lange sie nicht Auto fahren.
    Übrigens habe ich den Film „The French Lieutenant’s Woman“ in bester Erinnerung. Wie recht sie haben mit der Feststellung, dass Subtilität nicht belohnt wird. Seien sie fleissig oder faul, je nach Lust und Laune. Viel Vergnügen! Und bis bald.

  3. Jetzt, da ich gerade aus dem...
    Jetzt, da ich gerade aus dem Urlaub zurueck bin, verabschieden Sie sich auf die Sommerweide, Don Paul. Es sei Ihnen gegoennt. Erholen Sie sich gut, lesen Sie viel und erzaehlen Sie uns weiterhin so schoene Geschichten. Schreiben Sie weiter an Ihrem Roman?
    Leider konnte ich am Ende nicht mehr an den vielen freudigen Diskussionen zur Weltmeisterschaft teilnehmen. Aber natuerlich ich bin froh ueber den spanischen Sieg, nachdem mein Frust ueber die Halbfinalniederlage abgeklungen war. Ausserdem haben meine beiden Tipp-Favoriten das Finale erreicht und keiner aus der Verlierer-Porra hat den Titel geholt.
    Allen zusammen einen wunderschoenen, erholsamen Urlaub.

  4. Danke für die guten Wünsche,...
    Danke für die guten Wünsche, mugabarru und HenryCharms. Ja, ich schreibe wieder am Roman. Haben Sie alle einen schönen Sommer, ohne Urlaub oder mit.

  5. Guten Tag, liebe WG! Gerade...
    Guten Tag, liebe WG! Gerade neigen sich die letzten Stunden meines Urlaubs (I), in Kürze werde ich am Flughafen die Ardbeg-Lage sichten. Ich denke daher an Sie alle. Die Bücher im Koffer sind auch immer ein Problem, Sie wissen, aber ich darf sagen, daß ich „To the Lighthouse“ äußerst gewinnbringend lese. In Kantabrien bin ich bald, mugabarru, bald, und ich freue mich darauf.
    pardel, auf diesem Weg an Sie: ich habe Sie nicht vergessen, und ich weiß, ich schulde Ihnen noch eine Antwort. Sie wird kommen!
    Und an alle, die (weiter-)schreiben: viel Glück! Und viel Zeit! Die könnte ich – bei aller Bescheidenheit – auch gut gebrauchen, findet, mit den besten Sommergrüßen: Dulcinea.

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