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Sanchos Esel

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Spät essen, laut reden, wenig schlafen, kein Fahrrad haben, die Mülltrennung vergessen, dem berühmtesten Fußballverein der Welt zugucken, bei Rot

Mail aus Havanna (2): Die Erotisierung der Gerontokratie

| 7 Lesermeinungen

Zu meinen kleinen Schwächen gehört, bei jedem Aufenthalt in Kuba täglich die Zeitung "Granma" zu kaufen, benannt nach dem Schiff, mit dem Fidel Castro und sein Häuflein Revolutionäre vor mehr als einem halben Jahrhundert an der kubanischen Küste landeten, um den Diktator Batista zu vertreiben.

Zu meinen kleinen Schwächen gehört, bei jedem Aufenthalt in Kuba täglich die Zeitung Granma zu kaufen, benannt nach dem Schiff, mit dem Fidel Castro und sein Häuflein Revolutionäre vor mehr als einem halben Jahrhundert an der kubanischen Küste landeten, um den Diktator Batista zu vertreiben. Das Schiff selbst kann man aufgebockt in Havannas Innenstadt bewundern, eine Reliquie unter einem Schutzdach, das langsam verwitternde Monument eines heroischen Augenblicks, wie es unzählige gibt in der jüngeren kubanischen Geschichte. Der Schriftzug des Blattes Granma ist alt, unzeitgemäß, ein hässlicher roter Frosch in unserer von coolen Desgins durchsetzten Welt. Auch der Zeitungskopf will nicht mehr in unsere Epoche passen. „Jahr 53 der Revolution”, liest man links oben in der Ecke, und unter dem Namen steht der strenge Zusatz: „Offizielles Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas”.

Granma hat täglich acht Seiten und keinen einzigen Schnipsel Anzeigen, sofern man das Blatt nicht selbst als Großanzeige für ein politisch-historisches Markenprodukt verstehen will. Granma druckt jeden Tag dasselbe. „Niemand glaubt, dass die Nachrichten, die dort stehen, irgendetwas mit der Realität unseres Landes zu tun haben”, erzählte mir heute eine kubanische Kuratorin. „Die Menschen sind ja nicht blöd.”

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Eine Kleinigkeit war gestern und heute allerdings anders. Jimmy Carter hat Havanna besucht. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten sprach sechs Stunden mit Raúl Castro und eine Stunde mit Fidel, und Granma druckte nicht nur einen überaus höflichen Bericht der Begegnung, sondern auch Carters komplette Preseekonferenz einschließlich der Fragen durch die Journalisten sowie Carters Antworten darauf. Lustig bei alldem ist, dass Granma ihn hartnäckig „James” Carter nennt, so wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung viele Jahre hindurch von einem deutschen Außenminister namens „Joseph” Fischer berichtete. Hier enden die Parallelen. 

An James Carter musste ich abermals denken, als ich am Donnertagnachmittag, nachdem er längst wieder abgereist war, die Calle Obispo entlangspazierte und kurz vor dem Hotel Santa Isabel auf die Bouquinisten stieß, die ihre Stände um den Park herum aufstellen. Tags zuvor hatte ich an derselben Stelle keinen einzigen Bücherhändler gesehen, jetzt waren sie wieder da. Sie seien wegen Jimmy Carter aufgrund behördlicher Weisung drei Tage lang von ihrem angestammten Platz verbannt gewesen, erzählte mir einer (er sagte „Jimmy”, nicht „James”), denn Jimmy Carter sei im Hotel Santa Isabel untergebracht gewesen. Das freute mich für Jimmy Carter. Ich kenne dieses alte, stimmungsvolle Hotel, auch wenn ich dort nie übernachtet habe. Jimmy Carter wird zufrieden gewesen sein.

Dann fragte ich, ob sie für drei Tage Arbeitsausfall entschädigt worden seien? Das trug mir ein ziemlich müdes Lächeln ein. Nun, dachte ich bei mir. Sie werden daran gewöhnt sein. Sie leben schon so lange mit Castro, dass ihre kritischen Reflexe längst der Gewöhnung, der Dauerberieselung oder Abstumpfung anheimgefallen sein müssen. Doch kaum hatte ich das gedacht, überraschte mich der dritte Buchhändler, mit dem ich sprach, durch eine radikal frische Perspektive. Er schleppte ein paar alte Bände an, damit ich sie mir in Ruhe ansehen konnte, und als ich einen Stapel von zwölf Büchern vor mir hatte, begann Eladio, so sein Name, die Bücherschätze zu kommentieren. „Hier, John Stuart Mill, On Liberty. Das größte Buch des neunzehnten Jahrhunderts. Wichtiger als das Kommunistische Manifest.”

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Ich sah mir den Band an. Gedruckt im Jahr 1909, das gefiel mir schon mal. Stabiler Einband, der ein Jahrhundert karibische Luft überstanden hatte. Und dann sah ich, dass die ersten 200 Seiten John Stuart Mills Autobiographie enthielten, die ich nicht kenne. Ich habe solche Augenblicke: Sehe etwas irgendwo und muss es kaufen. So ging es mir mit dem Band John Stuart Mill. Ich dachte: Wenn ich in diesen Tagen auch nur die ersten zehn dieser eng bedruckten Seiten lese, werde ich dieses Buch auf immer und ewig mit Kuba verbinden. Während ich noch überlegte, ob ich das Geld ausgeben sollte, sprach Eladio schon weiter. Ob ich eine spanische Ausgabe von Camus’ Der Mensch in der Revolte haben wolle? Fundamentales Buch. Dann schilderte er mir Camus’ Entgegennahme des Nobelpreises und seinen frühen Tod. Und dann schleppte er Aristoteles, einen vierbändigen Plutarch und den letzten Band einer vierbändigen Don-Quijote Ausgabe in deutscher Sprache an, Vorwort von Heinrich Heine. Am Ende dankte ich höflich und blieb bei John Stuart Mill. Wir schüttelten uns die Hand. Sahen uns fest in die Augen. Und ich meinte in den seinen zu lesen, dass er die kubanische Revolution zu überleben gedenke.

Wenn das so einfach wäre! Die kubanische Revolution ist ein rätselhaftes Wesen, deren ewige Jugend auf Plakaten, in Büchern, Zeitschriften und Postkartenmotiven unablässig beschworen wird. Nicht nur, dass ich in Kuba seit mehr als zehn Jahren immer dieselbe einseitige geistige Nahrung antreffe. Das gezielte Verjüngungsgeschäft durch die staatliche Propaganda wird mit Ernst und Engagement erledigt, und selbst wenn ein Mann hundert Jahre alt würde, wäre es zweifelhaft, ob er gegen die künstlich aufgehübschte Jugend der Revolution eine Chance hätte.

Man muss sogar von einer gezielten Erotisierung der Politik sprechen. Natürlich nicht durch ihre heutigen, eher verschrumpelten oder schwer erkrankten Protagonisten, sondern durch das von Meisterfotografen konservierte – besser: geschaffene – öffentliche Bild Ernesto „Che” Guevaras. Ich schaue auf dieses Gesicht, durchblättere einen Band, in dem der „Che” in seiner Frühzeit zu verschiedenen Gelegenheiten und in allen möglichen Posen abgebildet ist, und ich sage mir: Müsste die Menschheit den schönsten Mann des zwanzigsten Jahrhunderts wählen, könnte es durchaus dieser sein. Auch Brad Pitt kommt nicht an ihn heran. Am vergangenen Mittwoch übrigens druckte Granma auf der Titelseite den Auszug aus einer Rede Fidel Castros. Ich las, summte und brummte so vor mich hin, da fiel mein Blick auf den Fuß des Artikels. Die Rede stammte vom 13. März 1979. Der Mann ist sich selbst längst zur Geschichte geworden. Er schwebt irgendwo dort oben und wird die Vision der kubanischen Revolution verwalten, so lange es geht. Zweiunddreißig Jahre sind dabei gar nichts.

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Nachdem ich alle meine Bücher fortgeschleppt hatte, erholte ich mich in einer Bar von der Arbeit und trank einen Mojito, der abermals enttäuschend war. Trost fand ich nur in der Autobiographie von John Stuart Mill. Wenn Sie älteres literarisches Englisch mit seiner sophisticated structure mögen, sollten Sie diesen herrlichen Satz lesen: “It has also seemed to me that in an age of transition in opinions, there may be somewhat both of interest and of benefit in noting the successive phases of a mind which was always pressing forward, equally ready to learn and to unlearn either from its own thoughts or from those of others.”

Equally ready to learn and to unlearn: Ich glaube, das würde Fidel Castro nicht so gefallen. Aber Eladio ganz sicher.  

                                                         [ Fotos : AP, DPA, Reuters ]

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7 Lesermeinungen

  1. Übrigens, mugabarru, Lezama...
    Übrigens, mugabarru, Lezama Limas und der Literatur wegen. Schauen Sie doch noch einmal rein in die Tres tristes tigres. Da finden Sie herrliche Parodien auf all die großen Kubaner, Kapitel “La muerte de Trotsky”. Sehr empfehlenswert, auch bei Sprudelwasser.

  2. <p>Ein solches Volk steht...
    Ein solches Volk steht über der Kritik.
    Ein wundervoller Satz, und wie es scheint, ein immer aktueller. Für Zeiten, die wir als revolutionäre Umbrüche verstehen. Frei nach Heraklit: Alles fließt. Der Fluss ist nicht mehr derselbe, wenn wir ein zweites Mal in ihn hinein steigen. Der Gedanke (der eigene wie der fremde) ist nicht mehr der gleiche, wenn wir ihn ein zweites zu formulieren/zu antizipieren suchen. Kuba wäre das beste Beispiel für. Die kubanische Revolution ist und ist keine. Sehen wir uns an, worin Kuba sich unterscheidet, nicht nur vom restlichen Kontinent unterhalb der USA. Mit seiner Gesundheitsvorsorge und Bildung gilt dieses Land als geradezu uneinholbares revolutionäres Beispiel. (Stellen Sie sich diesen Handel mit den Büchern in irgendeinem einem anderen süd- oder mittelamerikanischen Land vor – Sie werden es kaum können!)
    Aber sehen wir uns auch an, worin es sich gleicht, nämlich mit den übrigen Vergleichbaren. Vorneweg in der Korruption, in der Misswirtschaft, oder gar in seiner politischen Struktur, als quasi Militärdiktatur. Dann ist Kuba ein Beispiel für Konterrevolution schlechthin. Aber denken wir diesen Satz noch einmal, dann fällt uns bestimmt ein, dass kein Volk in der Karibik mit solch beispiellosem Charme sowohl der Revolution wie auch der Konterrevolution begegnet. Es ist das kubanische Volk selber, welches da, und solchermaßen unter dieser Gerontokratie so leidend, diese doch immer wieder so verjüngt. Sich von dieser gar missbrauchen lässt. (Ich meine jetzt nicht vordergründig den „Missbrauch der Frauen“, die Prostitution, obwohl das einen passenden Metapher für eben diesen „Missbrauch“ gäbe!) Und dabei sie doch verändert. Aus Kuba das macht, was Fidel und auch Che nie geschafft haben. Das Geschick des Volkes, sein Charme, wie auch seine Renitenz, machen die eigentliche „Revolution“ dieses Volkes aus. Machen dieses Volk zu einem revolutionären. Seine Fähigkeit zu Leben, sein Wille zum Überleben, sein immer umtriebiger Sinn, seine wohl spanisch inspirierte, dennoch habituell nicht gleichermaßen streng geformte Bildung, halten diese Insel, trotz deren politischen Versteinerung, im Fluss. Machen immer wieder Hoffnung.
    Vielleicht ist das die eigentliche Wahrheit bezüglich dieser so schönen wie auch gequälten Karibikinsel. – Die immer revolutionär anmutende Bildung des Volkes und dessen tapferer Charme. Und der Grund vielleicht auch dafür, dass selbst die radikalste Kritik an diesem „Pseudosozialismus“, diesem Fidelismus, wie ich das nenne, eine immer etwas verschämte, eine zurück gehaltene, bleiben muss. Ein solches Volk steht über der Kritik.

  3. Devin08, es ist wahr, dass die...
    Devin08, es ist wahr, dass die Bücher in Kuba unendlich zirkulieren und dass die Kubaner ein großes Lesevolk sind. (Man darf allerdings die lesenden Mexikaner und Argentinier nicht vergessen!) Die Alphabetisierungskampagne in den frühen Castro-Jahren behält ihr Vedienst. Von meinem Buchhändler habe ich nur einen Bruchteil seiner schönen Sätze und außergewöhnlichen Urteile mitgeteilt. Aber ebendeshalb ist es auch deprimierend zu sehen, wie dieses gebildete Volk für dumm verkauft wird. In diesem Sinne ist “Granma” ein ideologisches Mantra oder politische Fahrstuhlmusik, ganz wie Sie wollen. Nur keine Tageszeitung.

  4. Vielen Dank für die Notizen...
    Vielen Dank für die Notizen und nicht zuletzt auch für die Fotos. Ich hoffe, Sie finden noch ein paar Perlen und auch einen guten Mojito.

  5. derast, ich hatte einen sehr...
    derast, ich hatte einen sehr guten, einen mittelguten und mehrere mäßige bis lausige Mojitos. Kuba ist in der Krise, scheint mir. Danke für Ihre guten Wünsche. Demnächst kommen neue Nachrichten.

  6. Herr Ingendaay, entweder war...
    Herr Ingendaay, entweder war ihr Doppelklick zu langsam, oder die Internetverbunding zu schlecht. Auf jeden Fall ist der mojito nicht angekommen. Erst habe ich ja unsere dulce Dulcinea verdächtigt, dachte sie hätte schneller als ich zu gegriffen. Doch nun gestehen sie ja selbst den einen, sehr guten mojito selbst getrunken zu haben.
    Übrigens, was findet zu dem? Alte Bücher zu reifen Herren, oder reife Herren zu alten Büchern. Ich sehe sie können es nicht lassen. Aber vergessen sie bitte nicht Dulcineas Anfrage nach einem frischen Bonsaibäumchen der kubanischen Literatur. Ich bin auch gespannt.

  7. Dulcinea, unsere primarias...
    Dulcinea, unsere primarias sind ja nicht gerade auf Interesse gestossen. Deshalb habe ich mich dieses Wochenende, 1. April Wochenende – Fiesta de la ostra, nach Arcade in Galicien verschleppen lassen, um Austern zu essen. Und da ZP darauf bestanden hat, nur knapp zwei Tage später, die primarias für den nächsten PSOE-Kandidaten zu starten, war es eine kluge Enscheidung.
    Pardel, ich habe auch lamprea gegessen. Ich glaube es war das erste Mal, dass ich das gegessen habe. Und es hat wirklich geschmeckt. Ich habe für die ganze WG gegessen und getrunken.

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