Home
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Weitersagen Kommentieren (7)
 

Mail aus Havanna (2): Die Erotisierung der Gerontokratie

01.04.2011, 07:15 Uhr  ·  Zu meinen kleinen Schwächen gehört, bei jedem Aufenthalt in Kuba täglich die Zeitung "Granma" zu kaufen, benannt nach dem Schiff, mit dem Fidel Castro und sein Häuflein Revolutionäre vor mehr als einem halben Jahrhundert an der kubanischen Küste landeten, um den Diktator Batista zu vertreiben.

Von

Zu meinen kleinen Schwächen gehört, bei jedem Aufenthalt in Kuba täglich die Zeitung Granma zu kaufen, benannt nach dem Schiff, mit dem Fidel Castro und sein Häuflein Revolutionäre vor mehr als einem halben Jahrhundert an der kubanischen Küste landeten, um den Diktator Batista zu vertreiben. Das Schiff selbst kann man aufgebockt in Havannas Innenstadt bewundern, eine Reliquie unter einem Schutzdach, das langsam verwitternde Monument eines heroischen Augenblicks, wie es unzählige gibt in der jüngeren kubanischen Geschichte. Der Schriftzug des Blattes Granma ist alt, unzeitgemäß, ein hässlicher roter Frosch in unserer von coolen Desgins durchsetzten Welt. Auch der Zeitungskopf will nicht mehr in unsere Epoche passen. „Jahr 53 der Revolution”, liest man links oben in der Ecke, und unter dem Namen steht der strenge Zusatz: „Offizielles Organ des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei Kubas”.

Granma hat täglich acht Seiten und keinen einzigen Schnipsel Anzeigen, sofern man das Blatt nicht selbst als Großanzeige für ein politisch-historisches Markenprodukt verstehen will. Granma druckt jeden Tag dasselbe. „Niemand glaubt, dass die Nachrichten, die dort stehen, irgendetwas mit der Realität unseres Landes zu tun haben”, erzählte mir heute eine kubanische Kuratorin. „Die Menschen sind ja nicht blöd.”

Bild zu: Mail aus Havanna (2): Die Erotisierung der Gerontokratie

Eine Kleinigkeit war gestern und heute allerdings anders. Jimmy Carter hat Havanna besucht. Der ehemalige Präsident der Vereinigten Staaten sprach sechs Stunden mit Raúl Castro und eine Stunde mit Fidel, und Granma druckte nicht nur einen überaus höflichen Bericht der Begegnung, sondern auch Carters komplette Preseekonferenz einschließlich der Fragen durch die Journalisten sowie Carters Antworten darauf. Lustig bei alldem ist, dass Granma ihn hartnäckig „James” Carter nennt, so wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung viele Jahre hindurch von einem deutschen Außenminister namens „Joseph” Fischer berichtete. Hier enden die Parallelen. 

An James Carter musste ich abermals denken, als ich am Donnertagnachmittag, nachdem er längst wieder abgereist war, die Calle Obispo entlangspazierte und kurz vor dem Hotel Santa Isabel auf die Bouquinisten stieß, die ihre Stände um den Park herum aufstellen. Tags zuvor hatte ich an derselben Stelle keinen einzigen Bücherhändler gesehen, jetzt waren sie wieder da. Sie seien wegen Jimmy Carter aufgrund behördlicher Weisung drei Tage lang von ihrem angestammten Platz verbannt gewesen, erzählte mir einer (er sagte „Jimmy”, nicht „James”), denn Jimmy Carter sei im Hotel Santa Isabel untergebracht gewesen. Das freute mich für Jimmy Carter. Ich kenne dieses alte, stimmungsvolle Hotel, auch wenn ich dort nie übernachtet habe. Jimmy Carter wird zufrieden gewesen sein.

Dann fragte ich, ob sie für drei Tage Arbeitsausfall entschädigt worden seien? Das trug mir ein ziemlich müdes Lächeln ein. Nun, dachte ich bei mir. Sie werden daran gewöhnt sein. Sie leben schon so lange mit Castro, dass ihre kritischen Reflexe längst der Gewöhnung, der Dauerberieselung oder Abstumpfung anheimgefallen sein müssen. Doch kaum hatte ich das gedacht, überraschte mich der dritte Buchhändler, mit dem ich sprach, durch eine radikal frische Perspektive. Er schleppte ein paar alte Bände an, damit ich sie mir in Ruhe ansehen konnte, und als ich einen Stapel von zwölf Büchern vor mir hatte, begann Eladio, so sein Name, die Bücherschätze zu kommentieren. „Hier, John Stuart Mill, On Liberty. Das größte Buch des neunzehnten Jahrhunderts. Wichtiger als das Kommunistische Manifest.”

Bild zu: Mail aus Havanna (2): Die Erotisierung der Gerontokratie

Ich sah mir den Band an. Gedruckt im Jahr 1909, das gefiel mir schon mal. Stabiler Einband, der ein Jahrhundert karibische Luft überstanden hatte. Und dann sah ich, dass die ersten 200 Seiten John Stuart Mills Autobiographie enthielten, die ich nicht kenne. Ich habe solche Augenblicke: Sehe etwas irgendwo und muss es kaufen. So ging es mir mit dem Band John Stuart Mill. Ich dachte: Wenn ich in diesen Tagen auch nur die ersten zehn dieser eng bedruckten Seiten lese, werde ich dieses Buch auf immer und ewig mit Kuba verbinden. Während ich noch überlegte, ob ich das Geld ausgeben sollte, sprach Eladio schon weiter. Ob ich eine spanische Ausgabe von Camus’ Der Mensch in der Revolte haben wolle? Fundamentales Buch. Dann schilderte er mir Camus’ Entgegennahme des Nobelpreises und seinen frühen Tod. Und dann schleppte er Aristoteles, einen vierbändigen Plutarch und den letzten Band einer vierbändigen Don-Quijote Ausgabe in deutscher Sprache an, Vorwort von Heinrich Heine. Am Ende dankte ich höflich und blieb bei John Stuart Mill. Wir schüttelten uns die Hand. Sahen uns fest in die Augen. Und ich meinte in den seinen zu lesen, dass er die kubanische Revolution zu überleben gedenke.

Wenn das so einfach wäre! Die kubanische Revolution ist ein rätselhaftes Wesen, deren ewige Jugend auf Plakaten, in Büchern, Zeitschriften und Postkartenmotiven unablässig beschworen wird. Nicht nur, dass ich in Kuba seit mehr als zehn Jahren immer dieselbe einseitige geistige Nahrung antreffe. Das gezielte Verjüngungsgeschäft durch die staatliche Propaganda wird mit Ernst und Engagement erledigt, und selbst wenn ein Mann hundert Jahre alt würde, wäre es zweifelhaft, ob er gegen die künstlich aufgehübschte Jugend der Revolution eine Chance hätte.

Man muss sogar von einer gezielten Erotisierung der Politik sprechen. Natürlich nicht durch ihre heutigen, eher verschrumpelten oder schwer erkrankten Protagonisten, sondern durch das von Meisterfotografen konservierte – besser: geschaffene – öffentliche Bild Ernesto „Che” Guevaras. Ich schaue auf dieses Gesicht, durchblättere einen Band, in dem der „Che” in seiner Frühzeit zu verschiedenen Gelegenheiten und in allen möglichen Posen abgebildet ist, und ich sage mir: Müsste die Menschheit den schönsten Mann des zwanzigsten Jahrhunderts wählen, könnte es durchaus dieser sein. Auch Brad Pitt kommt nicht an ihn heran. Am vergangenen Mittwoch übrigens druckte Granma auf der Titelseite den Auszug aus einer Rede Fidel Castros. Ich las, summte und brummte so vor mich hin, da fiel mein Blick auf den Fuß des Artikels. Die Rede stammte vom 13. März 1979. Der Mann ist sich selbst längst zur Geschichte geworden. Er schwebt irgendwo dort oben und wird die Vision der kubanischen Revolution verwalten, so lange es geht. Zweiunddreißig Jahre sind dabei gar nichts.

Bild zu: Mail aus Havanna (2): Die Erotisierung der Gerontokratie 

Nachdem ich alle meine Bücher fortgeschleppt hatte, erholte ich mich in einer Bar von der Arbeit und trank einen Mojito, der abermals enttäuschend war. Trost fand ich nur in der Autobiographie von John Stuart Mill. Wenn Sie älteres literarisches Englisch mit seiner sophisticated structure mögen, sollten Sie diesen herrlichen Satz lesen: “It has also seemed to me that in an age of transition in opinions, there may be somewhat both of interest and of benefit in noting the successive phases of a mind which was always pressing forward, equally ready to learn and to unlearn either from its own thoughts or from those of others.”

Equally ready to learn and to unlearn: Ich glaube, das würde Fidel Castro nicht so gefallen. Aber Eladio ganz sicher.  

                                                         [ Fotos : AP, DPA, Reuters ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Kuba, Havanna, Mojito, John Stuart Mill, Fidel Castro

  Weitersagen Kommentieren Empfehlen Drucken
 
Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden

Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).