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"Best wishes, Agrippina"

05.08.2011, 16:02 Uhr  ·  Zu früherer Gelegenheit habe ich einmal geschrieben, Buchhändler seien die besten Menschen der Welt, und obwohl ich weiß, dass solche Pauschalurteile nicht zutreffen können, dass es sicherlich einige schauerliche Gegenbeispiele gibt und in diesem Zusammenhang viel zu wenig über Sportlehrerinnen, Änderungsschneiderinnen oder Obstverkäufer gesprochen wird, von Zeitungsjournalisten ganz zu schweigen, wiederhole ich hier und jetzt: Buchhändlerinnen sind die besten Menschen der Welt.

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Zu früherer Gelegenheit habe ich einmal geschrieben, Buchhändler seien die besten Menschen der Welt, und obwohl ich weiß, dass solche Pauschalurteile nicht zutreffen können, dass es sicherlich einige schauerliche Gegenbeispiele gibt und in diesem Zusammenhang viel zu wenig über Sportlehrerinnen, Änderungsschneiderinnen oder Obstverkäufer gesprochen wird, von Zeitungsjournalisten ganz zu schweigen, wiederhole ich hier und jetzt: Buchhändlerinnen sind die besten Menschen der Welt. Besonders jene, die in Antiquariaten arbeiten. Hören Sie von meiner kleinen Begegnung mit … Nennen wir sie Agrippina. 

Im Urlaub habe ich mich aus Gründen, die ich selbst nicht ganz durchschaue, mit den Kreuzzügen beschäftigt. Nach der Lektüre des ersten Bandes von Steven Runcimans legendärem Werk wollte ich etwas mehr über den Historiker selbst erfahren (er starb 2000 im Alter von siebenundneunzig Jahren) und bestellte bei einem englischen Antiquariat sein Buch A Traveller’s Alphabet: Partial Memoirs. Die Beschreibung des 1991 erschienenen Bandes im Internet lautete: „First edition, unclipped dust jacket lightly creased and worn along top and bottom edges, front cover bottom corner worn, original price label on back cover. Book and pages as new. Book dispatched within two working days by first class post.” 

Das alles traf zu. Das praktisch neuwertige Buch traf kurz darauf in Madrid ein, ich blätterte es durch, las mich fest, riss mich los und blätterte weiter … Da sah ich es. Ich traute meinen Augen nicht, blätterte zurück und wieder nach vorn. Aber es stimmte. Die Seiten 65 bis 80 waren zweimal gedruckt worden. Sie folgten unmittelbar aufeinander. Dafür fehlten die Seiten 81 bis 96. So etwas kommt vor. Nicht oft, aber manchmal. Ich habe in meiner Bibliothek einen weiteren Fall. Wie viele Bücher einer Auflage von so einem Fehldruck jeweils betroffen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls schrieb ich dem Buchhändler eine E-Mail. Ich schilderte den Makel und fragte, ob es das Buch in seinen Beständen vielleicht noch einmal gebe, damit man es umtauschen könne? Die Antwort von „Agrippina” ließ nicht lange auf sich warten.

„Thank you very much for your email. This is the first time that such an issue has ever happened and we are so sincerely sorry. Albeit we do check each book, clearly we missed that production fault, which has rendered the book nearly useless. How frustrating and disappointing for you.

I have already refunded your entire order including postage. This refund should already be showing on your Amazon account. Please keep the book – it may be of some use to you. Sadly we do not have another copy, however I have checked the book listing on Amazon and there are other very good copies at competitive prices so hopefully you will be able to obtain another, perfect copy. It is unlikely that this same production fault is repeated in other copies in the same batch, however to avoid further disappointment and wasted effort on your part, it may be wise to get the chosen seller to check their edition to make sure all is in order!

I sincerely hope that refunding your costs in some way compensates you for your disappointment and subsequent efforts, meets with your approval and expectations and hope this does not put you off buying from us again in the future. Best wishes, Agrippina.”

Sie werden ahnen, was mir durch den Kopf ging, als ich diese Zeilen gelesen hatte. Ich musste sie gleich noch einmal lesen. Ich dachte an Telefónica, an meine französische Klimaanlagenfirma, an alle Dachdecker dieser Welt und den Sinn des Lebens. Als ich wieder zu mir kam, schrieb ich Agrippina, immer noch leicht benommen, einige Dankeszeilen und versicherte ihr, gern ihr treuer Kunde bleiben zu wollen. Darauf schrieb sie das Folgende:

“Thank you for such a charming and kind email and your great feedback – very appreciated. Sincerely hope you get a replacement book soon. Looking forward to hearing from you again in the future – we’ll check the pages next time! Very best wishes, Agrippina.”

Haben Sie das gelesen? Agrippina will die Seiten aller eingehenden Bücher prüfen! Sie will untersuchen, ob irgendwelche Seiten doppelt gedruckt wurden! Ich fasse es nicht. Es geht nicht darum, dass sie das am Ende kaum schaffen wird, weil so eine Kontrolle, bei Licht betrachtet, die Möglichkeiten jedes Antiquars überstiege. Es geht darum, dass sie schreibt, es tun zu wollen. Damit sagt Agrippina soviel wie: Ich werde mich um Ihr Problem kümmern. Ich werde alles unterrnehmen, um Schaden von Ihnen und anderen Buchkäufern abzuwenden. Nicht die reale Möglichkeit ist das Thema, sondern die Geste des Kundendienstes.

Ich schrieb noch einmal zurück, ob sie etwas dagegen habe, wenn ich in meinem Blog von unserem Fall berichtete, er komme mir bemerkenswert vor. Doch Agrippina meldete sich nicht mehr. So, denke ich, muss es sein. Denn würde Agrippina sich bei mir melden, könnte sie nicht mehr ihrer buchhändlerischen Arbeit nachgehen – das Prüfen der Seiten neu eingegangener Titel nicht zu vergessen! -, und außerdem bin ich mir fast sicher, dass andere, frisch hinzugekommene Buchkäufer ihres Trostes jetzt dringender bedürfen als ich. Wir Leser, wir Kunden sind ja sehr viele; doch es gibt nur eine Agrippina.

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Steven Runciman, Agrippina

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).