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Gerichtet an sich selbst

09.10.2011, 19:50 Uhr  ·  Warum ich ausgerechnet Marc Aurel mitgenommen hatte, um mir den Flug von Madrid nach Zürich zu verkürzen, wusste ich selbst nicht, aber ich erfuhr es im Lauf der Stunden.

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Warum ich ausgerechnet Marc Aurel mitgenommen hatte, um mir den Flug von Madrid nach Zürich zu verkürzen, wusste ich selbst nicht, aber ich erfuhr es im Lauf der Stunden. Der Anlass war die Trauerfeier im Fraumünster für den Diogenes-Verleger Daniel Keel, der seine im September 2010 verstorbene Frau um 364 Tage überlebt hatte, nicht einen Tag mehr. Hin und wieder wird darauf hingewiesen, dass Marc Aurels in griechischer Sprache abgefasste Aufzeichnungen keine „Meditationen” sind. Wörtlich müsste der Titel lauten: „Das an sich selbst Gerichtete”. Das war also das Thema. Was einer sich selbst sagt. Was einer zu sein sich vornimmt. Wie einer sich die Welt erklärt, sie formt, soweit er kann, und dabei möglichst wenig Zeit verliert. Und darin erkenne ich Daniel Keel, der mit seinem Geschäftspartner Rudolf C. Bettschart den Diogenes Verlag rund sechzig Jahre geführt hat. Zwei, drei Devisen reichten ihm, um einer der prägenden, erfolgreichsten Verleger der Nachkriegszeit zu werden: Kein Pathos drucken; nicht zu akademisch sein; und nie vergessen: Was sich erzählen lässt, lässt sich auch unterhaltsam erzählen.

Bild zu: Gerichtet an sich selbst

Die Trauerfeier dauerte fast zwei Stunden, aber sie war kurz. Viele sprachen, auch Keels Sohn Philipp, zwischendurch gab es Musik, und über allem hing ein Gefühl von ehrlich gefühltem Abschied. Mehrere Diogenes-Autoren erzählten von ihren Erfahrungen mit Daniel Keel – Urs Widmer, Doris Dörrie, Leon de Winter. Aus Urs Widmers Rede habe ich es noch einmal ganz frisch: „kein Pathos”. Keine Schlagworte, keine bombastischen Weltentwürfe. Schön war Widmers Erinnerung, dass Keel gern der Jüngere war und sich in solchen Freundschaften – mit Dürrenmatt, mit Fellini – am wohlsten fühlte. Oder dass er die kleine Gruppe suchte und die große Gruppe mied. Er wollte keine Reden schwingen, laut wurde er ja sowieso nicht, im Gegenteil, man musste sich vorbeugen, um seine Flüsterstimme zu verstehen.

Ich weiß den Satz nicht mehr wörtlich, den Widmer von Keel zitierte, doch es gab wohl mal eine Gelegenheit, bei welcher der Verleger seinem Autor sagte, das Leben verfliege wie ein einziger Nachmittag. Als ich das hörte, dieses Bild, mit allem, was es aufruft – einen Tchechow-Nachmittag, einen Chandler-Nachmittag, ein sonnenbeschienenes Zimmer mit Diogenes-Büchern darin -, dachte ich wieder an Marc Aurel, der es ganz ähnlich ausgedrückt hat.

Bild zu: Gerichtet an sich selbst

Und dann kam sie zurück, die Gedankenverbindung zwischen der Trauerfeier und den griechisch geschriebenen Notizen eines römischen Kaisers. Im Jahr 1997 war bei Diogenes ein Band erschienen mit dem Titel: Wie soll man leben? Anton Čechov liest Marc Aurel. Darin erzählt der Übersetzer Peter Urban (der Tschechow immer „Čechov” schreibt und nicht findet, man dürfe es anders tun) von der Bedeutung des Buches für seinen Autor. Offenbar hatte Tschechow den Band der Selbstbetrachtungen immer in seiner Nähe in seinem Arbeitszimmer in Jalta, das Buch überstand alle Umzüge, möglicherweise handelte es sich dabei sogar um die erste – und keineswegs vollständige – Übersetzung ins Russische überhaupt. Urban erläutert all das in seinem erstaunlichen Vorwort. Tschechow jedenfalls hat viele der oft kurzen Einträge rot angestrichen und auf diese Weise rund ein Drittel des ganzen Buches markiert, und die Diogenes-Ausgabe bringt nun diese von Tchechow ausgewählten Marc-Aurel-Sentenzen in alphabetischer Ordnung (allzu weit ist es mit der thematischen Ordnung ja auch in der Originalausgabe nicht her), so dass man gleichsam Tschechows Marc-Aurel-Zitatenschatz in Händen hält, den Extrakt seiner persönlichen Lektüre.

Neben dieser habe ich noch zwei andere (vollständige) Marc-Aurel-Ausgaben: die jüngste Übersetzung ins Englische durch Gregory Hays bei Weidenfeld & Nicolson (2003), die eine lange, nützliche und klar geschriebene Einleitung enthält; und die Kindle-Ausgabe, welche den Übersetzer leider verschweigt, deren Text aber sicherlich bemoost bis steinalt ist, weil ein Satz aus Buch 1 zum Beispiel so klingt: „ Von Alexander, dem Grammatiker, lernte ich, wie man sich jeglicher Scheltworte enthalten und es ohne Vorwurf hinnehmen kann, was einem auf fehlerhafte, rohe oder plumpe Art vorgebracht wird; ebenso aber auch, wie man sich geschickt nur über das, was zu sagen not tut, auszulassen habe, sei’s in Form einer Antwort” usw usw. Ich will es Marc Aurel nachtun und mich hier jeglicher Scheltworte enthalten.

Bild zu: Gerichtet an sich selbst

Der flüchtigste Vergleich zwischen älteren und neuen Editionen zeigt, wie viel Eigenes die jeweiligen Übersetzer oder Herausgeber hinzutun und wie sie versuchen, den Text ihrer jeweiligen Zeit anzupassen. Buch 1 etwa handelt davon, welchen Personen Marc Aurel etwas verdankt und was. Die moderne Ausgabe des amerikanischen Altphilologen Gregory Hays überschreibt das Buch daher mit dem Titel „Debts and Lessons”. Punkt 9 wird unter die Überschrift „Sextus” gestellt, und dann folgt, was der Autor ihm schuldet: „Kindness.” Nur dieses eine Wort. Eines der sieben, acht schönsten Wörter der englischen Sprache. In der deutschen Ausgabe steht das so: „An Sextus konnt’ ich lernen, was Herzensgüte sei.”

Kindness, Herzensgüte, die hatte Daniel Keel für seine Autoren bedingungslos. Er zeigte ihnen, was in ihnen steckte, er zeigte es ihnen oft und immer wieder, und mancher von ihnen erfuhr es von seinem Verleger lange, bevor er selbst daran zu glauben wagte.

                                                                                                                  [ Fotos : Sanchos Esel ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, Kindle, Diogenes Verlag, Marc Aurel, Daniel Keel

 
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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).