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Das Ende von ETA oder Vom himmlischen Frieden

25.10.2011, 10:10 Uhr  ·  Natürlich ist es eine gute Nachricht. Die Terrorbande ETA hat angekündigt, auf den „bewaffneten Kampf“ verzichten zu wollen, nicht nur zeitweilig, sondern „definitiv“.

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Natürlich ist es eine gute Nachricht. Die Terrorbande ETA hat angekündigt, auf den „bewaffneten Kampf“ verzichten zu wollen, nicht nur zeitweilig, sondern „definitiv“. Aber schon da beginnen die Schwierigkeiten. Warum sollte man ETA glauben? Dass die Leute finanziell, logistisch und moralisch am Ende sind, hat sich ja herumgesprochen. Die letzten Jahre haben nur noch einen ausgezehrten Rest des einstigen terroristischen Projekts gezeigt, das sich von Erpressungen, Erschießungen und Bombenlegen nährte. Aber inwiefern sind die Terroristen jetzt glaubwürdiger als früher? Zunächst nur deshalb, weil sie den Eindruck zu bestätigen scheinen, den Sicherheitsexperten und die spanische Bevölkerung allgemein schon seit langem hegen: dass die Idee dieses linksrassistischen Terrorismus sich überlebt hat, dass ihm die Gefolgschaft davonläuft, dass er keine Schlupflöcher mehr hat und seinen Pistoleros keine Zukunft bieten kann.

Dennoch soll der Rückzug zu den Bedingungen von ETA erfolgen. Zu diesem Zweck hat der politische Arm des Separatismus, die „Patriotische Linke“ (Izquierda abertzale) letzte Woche in San Sebastián eine „Friedenskonferenz“ organisiert, zu der Kofi Annan, Gerry Adams und andere wohlmeinende Ex-Würdenträger des internationalen Konferenzwesens anreisten. Das Foto, das dabei entstand, stellt einen beträchtlichen Prestigegewinn für das separatistische Projekt dar, denn inzwischen macht der Begriff des „Konflikts“, der im Baskenland existiere, die Runde, und ahnungslose Außenstehende (zu denen man auch Kofi Annan rechnen darf) verbreiten die Hoffnung, dass durch viel guten Willen, ein paar politische Zugeständnisse und „Dialog“ vielleicht bald schon „Frieden“ herrsche.

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Und ich muss zugeben, dass es mich reißt, diese Begriffe zu lesen. Denn „Frieden“ ist nun einmal das Gegenteil von Krieg, und wer sich den Krieg aus dem Baskenland wegwünscht, müsste zuerst erklären, wer ihn geführt hat – wer also auf dieser Seite abgedrückt hat und wer auf der anderen gestorben ist. Soweit ich sehe, hat diesen Krieg ETA geführt, wenn überhaupt jemand, denn natürlich sind Mordanschläge per Genickschuss oder Autobombe keine Mittel der Kriegsführung, sondern blanker Terrorismus. Doch diese bösen Wörter kommen in vielen Presseberichten zu ETA nicht mehr vor. Sie sind tabu.

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Nicht einmal die BBC traut sich, in einem Artikel über die Bewertung des Gewaltverzichts von ETA durch den Sinn-Féin-Vorsitzenden Gerry Adams die Begriffe „Terrorismus“, „Anschlag“ oder „Mord“ zu verwenden: Höflich spricht sie von „mehr als achthundert getöteten Menschen“. Das Problem, wie es sich unbedarften Lesern darstellt, ist eine ominöse „Gewalt“, die vom Himmel fällt und die einen leben, die anderen sterben lässt. Der Verdacht ist unabweisbar: Das, was über die letzten gut vier Jahrzehnte im Baskenland der Fall war und mehr als achthundert Menschen das Leben gekostet hat, was Leute einschüchtert, mundtot macht und aus ihrer Heimat vertreibt, ist so oft durch die rhetorische Heißmangel des von ETA-Sympathisanten gesteuerten Versöhnungspalavers gedreht worden, dass der moralische Skandal aus unseren Benennungen spurlos verschwunden ist.

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So leisten wir uns ein paar hübsche politische Perversionen. Zum Beispiel feiern wir Roberto Saviano und seine todesmutigen Recherchen im Reich der Camorra, ertragen es aber immer noch nicht, von der mafiosen Qualität des ETA-Terrorismus zu lesen. Wir haben Angst, als Scharfmacher verdächtigt zu werden, wir wollen nicht als gestrig, unversöhnlich und intransigent gelten. Hiermit erkläre ich, dass es mir egal ist. Die Terroropfer hat auch niemand gefragt, wo sie „politisch“ standen. Doch das Mindeste, was ich tun kann, ist, der netten, unverbindlichen Winkehand von Kofi Annan die anderen Hände entgegenzusetzen, die wirklich etwas für das Ende der Terrorbande ETA getan haben: die manos blancas, die seit der Ermordung des neunundzwanzigjährigen Gemeinderats Miguel Ángel Blanco im Jahr 1997 zum Symbol des zivilen Widerstands gegen den Terrorismus wurden.

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Am Wochenende habe ich noch einmal die Artikel durchgeblättert, die ich im Lauf der letzten vierzehn Jahre zum Thema ETA geschrieben habe. Schreiben musste. Schreiben wollte. Ich habe sie nicht wiedergelesen, nur am Bildschirm in ihnen geblättert. Über die Buchhandlung Lagun, welch schönes baskisches Wort so viel bedeutet wie „Freund“, und über José Ramón Recalde, dem ETA im Jahr 2000 in den Kiefer schoss. Über den 1980 ermordeten Ramón Baglietto. Über so viele andere Tote, ermordete Politiker, Militärs, Leibwächter, Industrielle, Journalisten und auch einen Koch. 

Ich weiß, dass die Angehörigen der Opfer nicht die schwierige Politik der Versöhnung bestimmen dürfen, sonst blieben wir Gefangene persönlicher Leidenschaften. Man muss, wie es heißt, nach vorn blicken, nicht zurück. Aber eine Anerkennung moralischer Schuld, eine Geste der Entschuldigung seitens der Terroristen wäre fällig. Oft wollen die Opfer nur das. Und wenn es nicht zu bekommen ist – niemand rechnet ernsthaft damit -, dann sollten wir zumindest darauf achten, dass unsere Sprechweise nicht die groteske Verkehrung der Verhältnisse mitbetreibt und jene, die Morde begangen haben, als Friedensbringer preist. Das gilt auch und besonders für die BBC.

                                                                                [ Fotos : dpa, Reuters, AFP ]

 

Veröffentlicht unter: Spanien, ETA, Kofi Annan, Gerry Adams, BBC

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Geboren 1961 in Köln. Studium der Amerikanistik, Anglistik, Hispanistik und Germanistik in Köln, Dublin (Trinity College) und München. Seit 1989 Essays und Rezensionen für die F.A.Z., daneben Lehraufträge an der Universität München. Promotion. Von 1992 bis 1998 Redakteur im Literaturblatt. 1993 erschien die literaturwissenschaftliche Studie „Die Romane von William Gaddis“. Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik 1997. Seit 1998 Feuilletonkorrespondent für Spanien und Portugal mit Sitz in Madrid. Als Buchherausgeber: Javier Marías, „Alle unsere frühen Schlachten“ (Fußballstücke, 2000). Seit 2002, zusammen mit Anna von Planta, Herausgeber der 34-bändigen Werkausgabe von Patricia Highsmith im Diogenes Verlag. Im Jahr 2002 erschien die „Gebrauchsanweisung für Spanien“ (Piper Verlag), die inzwischen in zehnter Auflage vorliegt, 2006 beim Verlag SchirmerGraf der Roman „Warum du mich verlassen hast“, für den der Autor den aspekte-Literaturpreis des ZDF sowie den Niederrheinischen Literaturpreis der Stadt Krefeld erhielt. 2011 erschien der Roman „Die romantischen Jahre“ (Piper Verlag).